Diese Arbeit konzentriert sich vor allem auf den sekundären Antisemitismus in Deutschland und sucht nach Gründen, weshalb dieser sich über Generationen gefestigt hat.
Obwohl sich moderne Gesellschaften entschieden gegen jede Form von menschenverachtenden Ansichten positionieren, hat der Antisemitismus ein erschreckend stabiles Fundament in der (deutschen) Bevölkerung. Jüdinnen und Juden scheinen seit jeher mit Argwohn betrachtet zu werden. Trotz der Tatsache, dass die Shoah dem Antisemitismus – zumindest im öffentlichen Raum – jegliche Legitimation entzogen hat, bestehen judenfeindliche Ressentiments fort.
Zunächst wird auf begriffliche Grundlagen eingegangen. Mit Blick auf die christliche Geschichte kann man eine Abgrenzung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus vornehmen. Nach diesen einleitenden Erörterungen wird der Antisemitismus als prototypisches und aktuelles Ressentiment untersucht. Dabei wird geklärt, welchen Zweck Ressentiments generell haben und welche Besonderheiten es bei den judenfeindlichen Vorurteilen gibt. Interessant ist hierbei, dass der Antisemitismus in Deutschland auf Grund der Shoah tabuisiert wird und trotzdem allgegenwärtig ist. Mit diesem Phänomen des sekundären Antisemitismus wird sich daran anschließend befasst. Es folgt eine Analyse der Geschichte der Opfer der Shoah und ihrer Verfolgung, sowie der darauf aufbauende Erinnerungsabwehrmechanismus in Teilen der deutschen Bevölkerung, welcher zu einer erheblichen Identifikationsstörung führt. Die Schuld für diese Störung wird bei den Nachkommen der Opfer gesucht, also bei denjenigen, die die Erinnerung an die Geschichte dauerhaft präsent halten. Dadurch entsteht ein "neuer" Antisemitismus, welcher vor allem im rechtsextremen Milieu auf fruchtbaren Boden fällt. Die rechtsextreme Szene formuliert im Vergleich zu weiten Teilen der deutschen Bevölkerung offen antisemitische Vorurteile und zweifelt an der Echtheit der Shoah und der deutschen Geschichte generell. Im Rahmen dieser Arbeit werden abschließend drei Verfahren herausgearbeitet, welche RechtsextremistInnen nutzen, um judenfeindliche Vorurteile zu kommunizieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche Grundlagen
3. Antisemitismus als prototypisches und aktuelles Ressentiment
4. Sekundärer Antisemitismus in Deutschland
5. Antisemitismus im rechtsextremen Milieu
5.1 Polemik gegen die Erinnerung an die Shoah und Verhöhnung der Opfer
5.2 Falsche historische Vergleiche und Analogien
5.3 Antisemitische Weltformel „ZOG“
6. Schlussbetrachtung
7. Literatur- und Quellenverzeichnis
7.1 Literatur
7.2 Quellen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des sekundären Antisemitismus in Deutschland und analysiert insbesondere dessen Erscheinungsformen innerhalb des rechtsextremistischen Milieus, um zu ergründen, warum sich judenfeindliche Ressentiments über Generationen hinweg gefestigt haben.
- Abgrenzung von Antijudaismus und modernem Antisemitismus
- Die Funktion von Ressentiment und Identitätsabwehr nach 1945
- Relativierung der Shoah und Täter-Opfer-Umkehr
- Einsatz von Codes und Verschwörungsmythen wie „ZOG“
- Instrumentalisierung von Geschichtsbildern zur Identitätsstiftung
Auszug aus dem Buch
Antisemitische Weltformel „ZOG“
Verschlüsselungen und politische Codes dienen den RechtsextremistInnen, um eine Gemeinschaft nach innen und eine Feinderklärung nach außen zu bilden. Dies geschieht über eindeutig als rechts identifizierbare Kleidungsmarken, Zahlenkombinationen, welche als Kürzel für rechtsextremistische Buchstabencodes dienen, oder andere Symbole, die einen eindeutigen Bezug zum Nationalsozialismus darstellen. Zu diesem Symbolen zählt das bereits im vorigen Absatz erwähnte Chiffre „ZOG“, welches als Terminus einen antisemitischen Schlüsselbegriff darstellt. „ZOG“ bezieht sich auf eine angebliche jüdische Weltregierung, welche als geheime Macht im Hintergrund agiert und weltweit Regierungen und Organisationen wie Marionetten dirigiert.
„ZOG“ hat sich vor allem durch rechtsextremistische Songtexte und politische Stellungnahmen zu einem Schlüsselbegriff der antisemitischen Ideologie entwickelt. So singt die Neonaziband Stahlgewitter in ihrem Lied „ZOG“:
„ZOG, die Macht des Antimenschen, die geheime Macht, die die Welt regiert. Bekämpft den ewigen Feind, bevor das letzte freie Volk krepiert. ZOG, die Macht des Antimenschen, Parasiten in Menschengestalt. Raus mit diesen Zionisten, Volksgenossen, es ist soweit.“
Die verschwörungstheoretische Projektion von nahezu allen Repressionen, welche RechtsextremistInnen widerfahren, werden summarisch nicht etwa auf staatliche Institutionen begrenzt, sondern auf Akteure einer jüdischen Weltregierung. „Doch nur jene, die nicht den Manipulationen der ,ZOG' erlägen, seien fähig, diese zu erkennen.“ Vor allem Regierungen und Organisationen, welche stellvertretend für die Globalisierung stehen, werden als Werkzeuge dieser Weltregierung angesehen. Diese Ansicht beinhaltet, dass die lokalen VolksvertreterInnen nicht mehr zum Wohle der eigenen Bevölkerung regieren, sondern den Machtinteressen der Jüdinnen und Juden unterliegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Persistenz des Antisemitismus trotz der Shoah und stellt das Forschungsinteresse am sekundären Antisemitismus als Grundlage für rechtsextreme Ideologien dar.
2. Begriffliche Grundlagen: Dieses Kapitel differenziert historisch und semantisch zwischen Antijudaismus und Antisemitismus, um Klarheit für die weitere Analyse zu schaffen.
3. Antisemitismus als prototypisches und aktuelles Ressentiment: Hier wird untersucht, welche gesellschaftlichen Funktionen antisemitische Vorurteile erfüllen und wie sie zur psychologischen Entlastung und Erklärung von Modernisierungskrisen dienen.
4. Sekundärer Antisemitismus in Deutschland: Das Kapitel analysiert den Erinnerungsabwehrmechanismus der Täter-Opfer-Umkehr und den Wunsch nach einem „Schlussstrich“ als zentrale Triebfedern nach 1945.
5. Antisemitismus im rechtsextremen Milieu: Dieser Abschnitt beschreibt die expliziten Verfahren der NPD und anderer Akteure, darunter die Umdeutung der Shoah, die Diskreditierung historischer Fakten und die Nutzung der „ZOG“-Weltformel.
6. Schlussbetrachtung: Zusammenfassend wird festgestellt, dass Antisemitismus als identitätsstiftendes Ressentiment bei fehlender Logik fungiert und eng mit gesellschaftlichen Zukunftsängsten und der Abwehr von Schuld verbunden ist.
7. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Forschungsliteratur und der für die Analyse herangezogenen Quellen.
Schlüsselwörter
Sekundärer Antisemitismus, Nationalsozialismus, Shoah, Täter-Opfer-Umkehr, Rechtsextremismus, Ressentiment, Schlussstrich, ZOG, Weltverschwörung, Identitätsbildung, Antijudaismus, Ideologie, Moderne, Globalisierung, Konstruktion
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem Fortbestehen von Antisemitismus in Deutschland nach 1945, speziell in der Form des sogenannten sekundären Antisemitismus und dessen Ausprägung im rechtsextremen Milieu.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentral sind die Abgrenzung von historischem Antijudaismus und modernem Antisemitismus, die psychologische Funktion von Ressentiments sowie die Analyse von Relativierungsstrategien innerhalb rechtsextremer Gruppierungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum sich judenfeindliche Ressentiments trotz der historischen Zäsur der Shoah über Generationen in Teilen der Bevölkerung halten konnten und wie sie zur Rekonstruktion nationaler Identität genutzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit erfolgt als theoretische Auseinandersetzung anhand von relevanter Forschungsliteratur, der Analyse von Argumentationsmustern in rechtsextremistischen Publikationen sowie der Auswertung von Quellen zum Themenkomplex.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Erinnerungsabwehrmechanismus, die Täter-Opfer-Umkehr beim „Schlussstrich“-Diskurs sowie spezifische Verfahren wie die Verhöhnung der Shoah-Opfer und die Verwendung verschwörungstheoretischer Codes.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Sekundärer Antisemitismus, Täter-Opfer-Umkehr, Shoah, Rechtsextremismus, Identitätsstiftung, ZOG und gesellschaftliche Ressentiments.
Wie unterscheidet sich der Begriff „ZOG“ von anderen rechtsextremen Codes?
„ZOG“ steht für „Zionist Occupied Government“ und fungiert als eine antisemitische „Weltformel“, die alle komplexen globalen Prozesse auf eine geheime jüdische Steuerung zurückführt und so als universelles Feindbild dient.
Warum spielt die Täter-Opfer-Umkehr eine so große Rolle?
In Deutschland erfüllt sie die Funktion, die moralische Last der nationalsozialistischen Vergangenheit durch Schulddelegation an die Hinterbliebenen der Opfer abzuwehren, um eine ungestörte Identifikation mit der eigenen Nation zu ermöglichen.
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- Oliver Kölbel (Author), 2015, Sekundärer Antisemitismus in Deutschland und Erscheinungsformen im rechtsextremistischen Milieu, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1512162