Diese Arbeit untersucht die Position der modernen Medizin im pluralistischen indischen Gesundheitssystem. Zu Beginn werden grundlegende Begriffe der Medizinethnologie und der medizinischen Heilsysteme sowie das Drei-Sektoren-Modell von Kleinman erläutert, um den medizinischen Pluralismus in Indien darzustellen. Im Hauptteil wird die Entwicklung des indischen Gesundheitssystems nach der Kolonialzeit sowie die Herausforderungen der Dichotomie zwischen moderner und traditioneller Medizin beleuchtet, einschließlich der Marginalisierung des traditionellen Sektors. Es werden auch Strategien zur „Modernisierung der traditionellen Medizin“ und mögliche Kooperationen zwischen Biomedizinern und traditionellen Heilern diskutiert. Abschließend erfolgt eine kritische Betrachtung des Drei-Sektoren-Modells und die Beantwortung der Ausgangsfrage zur Rolle der modernen Medizin in diesem Kontext.
Medizinischer Pluralismus existiert weltweit, wobei er sich in Industrie- und Entwicklungsländern unterschiedlich ausprägt. In Industrieländern dominiert die Biomedizin, während in Entwicklungsländern, wie Indien, mehrere Medizinsysteme nebeneinander bestehen und interagieren. Trotz der hegemonialen Stellung der Biomedizin in Indien nutzt etwa 80% der Bevölkerung weiterhin traditionelle Medizin. Die Arbeit untersucht die Gründe für dieses Phänomen und analysiert die Position der modernen Medizin im pluralistischen Gesundheitssystem Indiens. Dabei werden im ersten Teil der Arbeit die Begriffe der Medizinethnologie, Gesundheit und Krankheit sowie das Drei-Sektoren-Modell von Kleinman als theoretische Grundlage erörtert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen und Forschungsansätze
2.1. Medizinethnologie und medizinische Heilsysteme
2.2. Die drei Gesundheitssektoren nach Kleinman
2.2.1. popular sector
2.2.2. folk sector
2.2.3. professional sector
2.2.4. Zusammenfassung/Fazit
2.3. Medizinischer Pluralismus in Indien
2.3.1. moderne Medizin
2.3.2. traditionelle Medizin
3. Das indische Gesundheitssystem
3.1. Asymmetrie zwischen traditioneller und moderner Medizin
3.2. Monopolstellung der Biomedizin
3.3. Das Ignorieren und die Marginalisierung des traditionellen Sektors
3.4. Staatliche Gesundheitsstrategie für Indien – „Modernisierung der traditionellen Medizin“
3.4.1. Neuorientierung nach der Kolonialzeit
3.4.2. Declaration of Alma-Ata 1978 – „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“
3.4.3. Zusammenarbeit von Biomedizinern und traditionellen Heilern
3.4.3.1. Einstellungen von Biomedizinern gegenüber traditionellen Heilern
3.4.3.2. Einstellung von Heilern gegenüber Biomedizinern
3.4.3.3. ethnologisches Beispiel: Basu (2014): Dava & Dua
3.4.3.4. Resultat für Zusammenführung der beiden Medizinsysteme
3.4.4. Resultat der staatlichen Gesundheitsstrategie
4. Kritik am Drei-Sektoren-Modell
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Gefüge des medizinischen Pluralismus in Indien und analysiert die bestehende Asymmetrie zwischen der dominanten modernen Biomedizin und den traditionellen Medizinsystemen, unter Berücksichtigung sozioökonomischer und historischer Machtstrukturen.
- Analyse der theoretischen Grundlagen medizinischer Heilsysteme nach Arthur Kleinman.
- Untersuchung der historischen Entwicklung des staatlichen indischen Gesundheitssystems und der Modernisierungsstrategien.
- Kritische Reflexion der Machtverhältnisse und Überordnung der Biomedizin gegenüber traditionellen Praktiken.
- Evaluierung der Möglichkeiten und Grenzen einer Integration von verschiedenen Medizinsystemen in einem gemeinsamen Gesundheitskonzept.
Auszug aus dem Buch
3.1. Asymmetrie zwischen traditioneller und moderner Medizin
Nach dem zweiten Weltkrieg und dem Ende der Kolonialzeit wurden die Länder des Südens zu nach Auffassung der Industriestaaten zu sogenannten Entwicklungsländern (Knaut 2003:141). „Entwicklung wurde weitgehend verstanden als ‚Modernisierung‘ von ‚traditionellen Gesellschaften‘ (ebd.). Bereits der Begriff ‚Entwicklung‘ enthält ein westliches Paradigma, dass sich an wirtschaftlichem Wachstum und am Bruttosozialprodukt eines Landes misst (ebd.). Mit der Kategorisierung kam eine einseitige Perspektive vom Eigenen und vom Fremden, die ein statisches Verständnis von Medizin und Pluralismus generiert (Van Eeuwijk 2010:142).
Folglich bedeutet es, dass die gesamte Bandbreite der Heilsysteme in nur zwei Kategorien unterteilt wird: auf der einen Seite die moderne Medizin des westlichen Europas und Nord-Amerikas und auf der anderen Seite die traditionelle Medizin im „außereuropäischen Rest der Welt“ (ebd.:141). Diese Zweiteilung ist sehr wertend und qualifizierend, denn modern wird aus der naturwissenschaftlichen Perspektive positiv dargestellt, da es wissenschaftlich begründet werden kann und somit auch Krankheit dieser Grundlage unterliegt, während traditionell mit Glauben gleich Unglück verbunden wird (ebd.:142). Die Ursache für die negative Konnotation liegt in der westlichen Gesellschaft verankert. Und zwar wird der Begriff rituelle Heilung mit dem Begriff Aberglaube assoziiert, was die Wirksamkeit infrage stellt, da es nicht wissenschaftlich belegbar ist (Sax 2007:213).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des medizinischen Pluralismus in Indien ein, definiert das Forschungsziel und erläutert die geplante Vorgehensweise sowie die zentralen Fragestellungen der Arbeit.
2. Begriffsdefinitionen und Forschungsansätze: Dieses Kapitel liefert die theoretischen Grundlagen, indem es die Konzepte der Medizinethnologie, die Lehre von den drei Gesundheitssektoren nach Kleinman sowie die Definition von medizinischem Pluralismus erläutert.
3. Das indische Gesundheitssystem: Im Hauptteil wird die historische Genese und der Zustand des aktuellen indischen Gesundheitssystems analysiert, insbesondere die Asymmetrie und die Marginalisierung traditioneller Heilverfahren durch die moderne Biomedizin.
4. Kritik am Drei-Sektoren-Modell: Hier erfolgt eine kritische Reflexion des Modells von Kleinman, wobei insbesondere die Vernachlässigung gesamtwirtschaftlicher und machtpolitischer Makrostrukturen problematisiert wird.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und schlussfolgert, dass eine einfache Integration der Medizinsysteme aufgrund der unterschiedlichen Paradigmen fachlich schwierig und politisch kaum sinnvoll umsetzbar ist.
Schlüsselwörter
Medizinischer Pluralismus, Indien, Biomedizin, traditionelle Medizin, Medizinethnologie, Drei-Sektoren-Modell, rituelle Heilung, Gesundheitsstrategie, Postkolonialismus, Machtstrukturen, Gesundheitsversorgung, Marginalisierung, Modernisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem medizinischen Pluralismus in Indien und analysiert das spannungsgeladene Verhältnis zwischen der modernen biomedizinischen Medizin und den vielfältigen traditionellen Heilmethoden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die theoretische Einordnung medizinischer Heilsysteme, die Auswirkungen kolonialer Strukturen auf die aktuelle Gesundheitspolitik Indiens sowie das Verhältnis zwischen Patienten und verschiedenen Heilergruppen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Position des modernen medizinischen Paradigmas im pluralistischen indischen System zu ergründen und die Gründe für die Asymmetrie sowie die Marginalisierung traditioneller Medizin zu hinterfragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit stützt sich auf eine sozialanthropologische Betrachtungsweise, nutzt die theoretischen Konzepte der Medizinethnologie und führt eine diskursive Auseinandersetzung anhand von Fachliteratur und ethnologischen Fallbeispielen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entwicklung des indischen Gesundheitssystems nach der Kolonialzeit, der Rolle des Drei-Sektoren-Modells nach Kleinman und einer kritischen Auseinandersetzung mit der staatlich forcierten „Modernisierung“ traditioneller Heilweisen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Medizinischer Pluralismus, Biomedizin, rituelle Heilung, Postkolonialismus und das Drei-Sektoren-Modell zentral charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin die Zusammenarbeit von Biomedizinern und traditionellen Heilern?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass eine Integration beider Systeme aufgrund fundamental unterschiedlicher Paradigmen und einer bestehenden strukturellen Überordnung der Biomedizin kaum sinnvoll oder zielführend ist.
Was ist das sogenannte „treatment gap“ im indischen Kontext?
Das treatment gap beschreibt die Lücke zwischen dem medizinischen Behandlungsangebot der offiziellen Einrichtungen und dem tatsächlichen, unversorgten Bedarf der Bevölkerung, insbesondere im informellen oder traditionellen Sektor.
- Arbeit zitieren
- Oxana Peters (Autor:in), 2019, Medizinischer Pluralismus in Indien. Asymmetrie zwischen moderner und traditioneller Medizin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1512415