Freiheit als relative Norm in der Architektonik des Politischen Niccolò Machiavellis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

45 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Faszination, Mythos und Machiavelli-Diskurs

2. Stil, Methode, Weltanschauung und die Notwendigkeit eines neuen Politikbegriffs

3. Die Fundierung der politischen Lehre in der pessimistischen Anthropologie

4. ambizione oder das Böse in der menschlichen Natur

5. Die Architektonik des Politischen
5.1. fortuna
5.2. occasione, qualità dei tempi und necessità
5.3. virtù

6. Freiheit
6.1. Freiheit – Paradox und Sinn des Politischen
6.2. Ein kurzer Überblick: Positive, negative und anthropologische Freiheit
6.3 . Die Einrichtung der äußeren Freiheit eines Staates im Principe
6.4 . Republikanische Freiheit in den Discorsi
6.4.1. Freiheit als Essenz der Republik
6.4.2. Mischverfassung und republikanische Gesetzgebung
6.4.3. Gefährdungen der republikanischen Freiheit

7. Konsequenzen und Schlussfolgerungen

8. Literatur

1. Faszination, Mythos und Machiavelli-Diskurs

Vorsicht ist geboten, denn „Machiavelli ist berühmt“[1] und sein Name hat die „Kraft eines Signals.“[2] Jeder will etwas über ihn und seine politischen Ratschläge zu sagen haben und wohin sich der Blick auch richten mag, könnten die Auffassungen über Person und Werk kaum heterogener sein. Über die Jahrhunderte hinweg ist die Auseinandersetzung mit dem politischen Denken des umstrittenen Florentiners, der als Schriftsteller, Geschichtsschreiber und politischer Denker in den Lexika dieser Welt aufgeführt ist, intensiv und wechselhaft verlaufen. Es erscheint offenkundig, warum es nicht anders kommen konnte, denn das Denken Machiavellis erfüllt die wesentlichen Attribute eines Klassikers, da es mehrdeutig und grenzenlos zu sein scheint und die Nachwelt immer wieder herausgefordert hat, die Fragen der Zeit, ihre Probleme und Anschauungen im Licht seiner Annahmen zu reflektieren. Die Mischung aus Faszination, Dämonisierung und Inanspruchnahme wurde mit der Zeit zu einem unabtrennbaren Teil von Denken und Person selbst und „der Umstand, daß Machiavelli seine Leser in solchem Maße dazu veranlasst, sich in Anhänger und Gegner aufzuspalten, und auch noch unter veränderten historischen Bedingungen eine solche Aufspaltung provoziert, beweist doch, daß es schwerfällt, ihn einem Lager zuzuordnen, ihn zu klassifizieren – kurzum, zu sagen, wer er eigentlich ist und was er denkt.“[3]

Jedes einzigartige Gedankengebäude entzieht sich eo ipso einer rationalen Durchdringung und treibt die an ihm vorgenommenen Deutungen in unendliche Metamorphosen und verschiedenartige Diskurse hinein, die in diesem besonderen Fall bis in die Extreme führten und „Machiavellis theoretisches Werk zum Steinbruch für die unterschiedlichsten politischen Bewegungen werden“[4] ließ. Aussagen über Aussagen, Interpretationen über Interpretationen, „Fragen, Antworten, Hypothesen, Zurückweisungen und Widerlegungen“[5] verketteten und multiplizierten sich über die Jahrhunderte und bilden ein mittlerweile unüberschaubares, fast rhizomatisches Gebilde[6], dessen wohl prägnantestes Charakteristikum die Zerstreuung und Zirkulation der Positionen zu sein scheint, auch wenn sich einige Interpretationsachsen quasi stabilisierten und einen unproblematischen oder praktikablen Zugang suggerieren.

Dem Drang der politischen Wissenschaft nach Versachlichung, Wertneutralität und der im Rahmen realer Politik eingeforderten Praktikabilität von theoretischem Gedankengut gerecht werden wollend, steht folglich nicht nur die unüberwindliche Kraft eines generativ gereiften Änigmas gegenüber, sondern auch der unermüdliche Versuch das vermeintliche Wesen des Politischen generell operationalisierbar zu machen, um so bewusst hergestellte Ordnung zu ermöglichen, die, im Sinne Machiavellis, Schutz gegen die irrationale Macht des Schicksals, wie es sich in der Gestalt der fortuna versinnbildlicht, bieten soll.

Verständlicherweise galt Machiavelli lange Zeit als „Prototyp alles Bösen in der Politik“[7] und wurde für die Einführung des „dämonischen Elements in den Begriff des Politischen“[8] verantwortlich gemacht, denn niemals zuvor hatte sich ein Autor offensichtlicher erlaubt, „einen Fürsten von jeglicher moralischer Verantwortung im Konnex mit herrschaftlichem Handeln zu entbinden.“[9] Dieses Motiv erscheint als das perpetuum mobile des gesamten Diskurses, wurde doch die politische Philosophie der Antike und des Mittelalters vorwiegend durch die Idee bestimmt, dass „Macht als ethisch-moralisch gebundene Größe“[10] zu verhandeln sei und ihr Gebrauch der sophrosynetischen Tugend des Herrschers bedarf, damit ihr Einsatz nicht in einem Gewaltexzess endet. Macht hatte sich zu legitimieren und konstruktiv zu sein, denn sie „galt von vornherein als rechtlich normiert [und, A.B.] stand im Dienst der Aufrechterhaltung einer objektiven Ordnung von Gerechtigkeit und Sitte“[11].

Nach dem unmittelbaren Schockerlebnis des enormen Paradigmenwechsels änderten sich die Urteile über die Lehre Machiavellis von Epoche zu Epoche und changierten von einer „Verteufelung“[12] bis zur “Vergottung“[13] und erst jetzt scheint ein eher nüchterner Umgang mit seinem Werk partiell, insbesondere in der Fachwissenschaft möglich[14], auch wenn diese Einschätzung nicht verwechselt werden darf mit einem Abschluss der Diskussionen oder gar einer einheitlichen Auslegung.

Aus heutiger Perspektive erscheint die Minimierung der theoretischen Leistungen Machiavellis auf das Motiv eines gewalttätigen, totalitären Amoralismus als unzureichend und der Vorwurf einer präskriptiv wirkenden Theorie, die zur Eskalation der Gewaltanwendung in der Praxis beiträgt und den Theoretiker gleichzeitig zum Täter macht[15], da dieser lediglich die „nackte Gewalt verherrlichen“[16] würde, wie Bertrand Russell äußerte, erweist sich als fragwürdig. Sicher ist, „dass Machiavelli sich in seinem politischen Werk niemals eindeutig und abschließend für eine bestimmte politische Richtung entschieden hat. So lassen sich in dem Korpus seiner Schriften gleichermaßen Äußerungen finden, die für eine eher konservative, eine reformerische oder auch eine revolutionäre Politik in Beschlag zu nehmen sind.“[17] Der deutsch-griechische Philosoph Panajotis Kondylis sieht ganz zu Recht in Machiavelli und dem Machiavellismus einen „Extremfall der Wissenssoziologie“[18] und Henning Ottmann überträgt diesen Sachverhalt in den Kontext der politikwissenschaftlichen Ideengeschichte und schlussfolgert: „Die Geschichte der Wirkung Machiavellis ist nahezu gleichbedeutend mit der Geschichte des politischen Denkens der Neuzeit.“[19]

Aus dieser Perspektive erweist sich jede Auseinandersetzung mit Machiavelli, seinem Werk, seinen Ideen und seiner Person als ein fruchtbares Unterfangen, bei dem jedoch ein fixierbares Resultat in gewisser Hinsicht ausbleiben kann. Der am Anfang stehende Verweis auf eine zu berücksichtigende Vorsicht kann also nur noch pragmatisch gedeutet werden, da man vermittels der Beschäftigung mit seinem theoretischen Werk wahrscheinlich mehr über die eigenen politischen Anschauungen als über die Ansichten Machiavellis verrät. Michel Foucault befand demgemäß sehr treffend: „Man macht sich seinen Machiavelli zurecht oder baut ihn sich als Gegner auf, wie man ihn im übrigen braucht, um das zu sagen, was man zu sagen hat.“[20] Im Sinne dieser Einschätzung soll im Folgenden überblicksartig in die politische Lehre von Niccolo Machiavelli eingeführt werden und anhand der grundlegenden Struktur seiner politischen Anschauung der Begriff der Freiheit, insbesondere der politischen Freiheit, diskutiert sowie in Beziehung zur Empfehlung der Organisation von Macht, im Sinne der Gründung (Principe) und des Erhalts (Discorsi) eines Staates gesetzt werden.

2. Stil, Methode, Weltanschauung und die Notwendigkeit eines neuen Politikbegriffs

Trotz aller Streitigkeiten bezüglich der Schlussfolgerungen Machiavellis und der von ihm empfohlenen praktisch-politischen Handlungsimperative scheinen sich die Beurteilungen in einigen Punkten anzunähern. Viele Autoren betonen, dass er „wie kein anderer deutlich, geradeheraus und ohne jedes Blatt vor dem Mund gesprochen hat“.[21] Oftmals wird seine zielorientierte, entscheidungsfreudige Absicht betont, denn „seine Gedanken und sein Stil zeigen uns keine Zweideutigkeit; sie sind klar, scharf, unmissverständlich.“[22] Die Wirkung seiner Vorschläge, vor allem in den Hauptwerken, den eher republikanischen Discorsi und dem machttechnologischen Principe, wird demzufolge nicht nur auf der rein inhaltlichen Ebene verstanden, sondern beruht geradezu auf der Effektivität der „Sprache, die von klassischer Klarheit und Bescheidenheit ist und die Merkmale humanistischer Bildung trägt“[23] und so zu einem Eindruck von einer unmittelbaren „Einheit von Denken und Stil“[24] beiträgt.

Dennoch soll diese Wertung nicht über „strukturelle Unklarheiten“[25] und „Defizite hinsichtlich einer [...] multivarianten Anwendbarkeit“[26] hinwegtäuschen, da es Machiavellis Entwurf noch „an der durchgängigen Systematik“[27] mangelt und er nicht versucht den Problemen und Phänomenen „durch den Versuch einer Definition“[28] auf den Grund zu kommen, wie es eher der modernen Wissenschaftsauffassung entsprechen würde. Auch wenn Machiavellis neuartige Methodik aus wissenschaftstheoretischer Sicht als Erprobung neuer theoretischer Verfahrensweisen gelten mag und den Beginn eines neuen Wissenschaftsverständnisses im Kern enthält, erscheint seine Probleme isolierende, kasuistisch-induktive und historisierende Verfahrensweise naiv, weil sie dazu tendiert die „kühnsten Verallgemeinerungen“[29] zu treffen. Der von Karl Vorländer interessanterweise auch als „ Wissenschaft von der Praxis des politischen Handelns“[30] bezeichnete Arbeits- und Theoriestil, „unterscheidet [noch, A.B.] nicht zwischen einer kasuistischen und einer normativistischen Wissenschaft“[31] und lässt, entgegen Machiavellis eigener Überzeugung lediglich die empirische Realität beschrieben zu haben[32], das Sein und das Sollen faktisch zusammenfallen.

Die Entstehung der politischen Schriften wird trotz der heterogenen Deutungen in der Regel mit der beruflichen Tätigkeit Machiavellis begründet und durch den historischen Lebenshintergrund, der vorrangig durch die Erfahrung der ökonomischen und politischen Krise der Republik Florenz geprägt war, belegt. Die Instabilität des pentatonischen italienischen Staatensystems (Florenz, Mailand, Rom, Neapel, Venedig) unter anderem verursacht durch den „Zusammenbruch der universalen Institutionen von Imperium und Sacerdotium[33], und das damit einhergehende Machtvakuum des ungeeinten Italiens, als auch die labile innenpolitische Verfassung der Republik Florenz, verdeutlichen die emotionale Motivation des überzeugten Patrioten und Machtrealisten Machiavelli, wobei „in der Grundstruktur der Machiavellischen Schriften eine durchgängige republikanische Option“[34] zu finden ist, die konsequent am glorifizierten Vorbild der römischen Republik orientiert wird. Machiavellis „Idealisierungen und Stilisierungen der römischen Geschichte“[35] entsprechen nicht nur seiner inneren Überzeugung, sondern sind auch Mittel zum Zweck, um diese als politisch verwertbares Material in seiner pragmatischen Geschichtsschreibung aufzuwerten und als Kontrastfläche zur degenerierten Gegenwart verwenden zu können.[36]

Machiavelli war 14 Jahre für die florentinische Republik tätig und als Diplomat und Staatsdiener von niedrigem Rang mit öffentlichen Angelegenheiten bis zum Jahr 1512 vertraut bis er den wechselhaften politischen Konstellationen in der von inneren und äußeren Krisen durchschüttelten Republik zum Opfer fiel und zu seinem Leidwesen

keinen Posten in der sich erneuernden Medici-Herrschaft zugesprochen bekam und bis zu seinem Lebensende kein politisches Amt mehr bekleiden durfte. Der 1512/13 geschriebene Principe wird demzufolge auch oftmals als Bewerbungsschrift verstanden.[37] In seiner staatsdienlichen Funktion ab dem Jahre 1498 hatte er Einblicke in konkrete politische Notwendigkeiten und ihrer impliziten und expliziten Umstände und Ursachen erhalten und dabei unterschiedliche europäische Akteure und Charaktere der Politik seiner Zeit kennen gelernt. Einerseits lernt er „bei seinen Frankreich-Missionen [...] das machtpolitische Selbstbewusstsein eines zentral regierten, modernen Nationalstaates kennen“[38] und andererseits wurde er „Zeuge eines Prozesses, innerhalb dessen sich die politischen Verhältnisse in ein Feld des bloßen Kampfes um Macht und Privilegien verwandelten: Söldnerführer eroberten Territorien, gründeten selbst Dynastien und wurden wieder verjagt; neue Herrschaften etablierten sich, erlebten vielleicht kurzfristig ihre Blüte, ehe sie wieder zerfielen; Regierungen wurden ernannt und abgesetzt, Gesetze erlassen und übertreten, und der Krieg wurde zum alltäglichen Mittel der Politik. Mehr und mehr wurden rationale Techniken des Machterwerbs und der Machtanwendung zur alleinigen Grundlage des Erfolgs politischer Auseinandersetzungen.“[39] Auf den unterschiedlichsten politischen Ebenen mussten Entscheidungen gefällt werden und dieser Druck ließ im dynamischen Spiel der beständig wechselnden politischen Kräfteverhältnisse nur einen engen Zeithorizont für die Lösung einzelner Probleme zu. Eindeutigkeit und die Präzisierung von Informationen, Empfehlungen und Handlungsanweisungen erscheinen unter diesen krisenhaften politischen Bedingungen als vorteilhaft, zumal der Ethos des frühneuzeitlichen Menschen der Renaissance, der die Ideenwelt des aufstrebenden Bürgertums und der fortschrittlichen Aristokratie zunehmend bestimmte, auf das gesellschaftliche Feld der Politik Einfluss nahm. Die „Paralyse der mittelalterlichen Ordo“[40] und damit die Freisetzung der vormals in die theologisch-metaphysischen Bezugssysteme eingebundenen Individuen führte zur so genannten „Neuentdeckung des Menschen und der Welt“[41], der nun als Schöpfer seiner eigenen Geschichte und Bezwinger seines Schicksals definiert wurde.

Urbanisierung, „Bildungsverbreiterung“[42] seit dem 13.Jh., rationelle Organisation, kalkulierendes und abwägendes Denken, zunehmende Abstraktion und Verwissenschaftlichung, Klassifizierung und Systematisierung der Dinge und der Natur und eine pragmatische, leistungsorientierte „Zeitökonomie“[43] bestimmten immer mehr das neue Selbstverständnis und korrelieren notwendigerweise mit der sich zunehmend autonom herausbildenden Sphäre der Politik und des Staates.[44]

Die vielschichtige gesellschaftliche Transformation machte die Neubestimmung der Funktion des Staates notwendig, da sich „der Schwerpunkt der politischen Welt schon verschoben“[45] hatte und dessen theoretische Ausrichtung am neuen in der Praxis längst etablierten Leitbild einer „machtzentrierten Konzeption politischer Ordnung“[46] dringend notwendig war.

Machiavelli ist gleichzeitig schon die Verkörperung einer neuen Arbeitsweise des Staates und Protagonist dessen neuer politischer und diplomatischer Technologie, „die nach festen Regeln und ausgesuchten Kriterien funktionierte und einen nüchternen Blick lehrte – und gleichzeitig einen subjektiven und patriotischen Blick durch das Prisma der Interessen des eigenen Landes“[47] erforderte. Träger der neuen Staatsidee waren nun nicht mehr nur Soldaten oder das Militär, sondern ein sukzessiv komplex werdender Staatsapparat, der sich aus Beamten, Diplomaten und Sekretären zusammensetzte und von denen ein neuartiger Umgang mit, den Staat betreffenden, Informationen verlangt wurde.[48] Fast die Hälfte der gesamten überlieferten Texte von Machiavelli sind die in den 14 Jahren seiner Berufsausübung geschriebenen Amtsberichte und lassen erahnen, in welchem Umfang diese den Schreib- und Denkstil der späteren Werke prägten. „Brieflehre, Rhetorik und Diplomatie verbinden sich [...] und die humanistische Ausdrucksweise vermischt sich mit der rationalistischen, naturalistischen Beobachtung“[49] Machiavellis. Praktisches, effizientes und die Angriffe politischer Gegner gedanklich vorweggenommenes, schnell vermittelbares Wissen, welches sich auf einen abgesteckten Handlungszeitraum bezieht, aber gleichzeitig wiederverwertbaren Anspruch besitzen soll, wird zu einer strategisch wichtigen Machtressource und bestimmt das Denken, welches vorwiegend auf „Alternativen und Antithesen“[50] zugespitzt wird und „das Gewicht auf das aktive Subjekt legt, das sich an Vorbildern orientiert, um seine eigene Welt zu schaffen“[51]. Die Säkularisierung der Geschichte und damit die Notwendigkeit einer „Historiographie ohne Transzendenz, ohne Wunder und ohne göttliche Vorsehung[52] erhöht die „Verantwortung des Menschen für politische Entwicklungen“[53] und macht den Rückgriff auf eine als Ideal stilisierte Antike notwendig, die als optimistischer Bezugspunkt und „Demonstrationsstoff“[54] für die induktive Methode Machiavellis konstruktiv gedeutet wird und so die metapraktischen Politikempfehlungen mit dem Verweis auf eine „Regelhaftigkeit der Geschichte“[55] und ihrer immanenten Gesetzmäßigkeiten beglaubigt. Die Vorstellung eines einsamen uomo virtuoso, wie er im Principe skizziert wird, ist nicht zuletzt die verherrlichte Inkarnation eines epochemachenden Über-Subjekts, eine Imagination „des politischen Gründungsheros und Ordnungsstifters, der dem Chaos ein Gesetz aufzuzwingen weiß“[56] und am Anfang des immanenten Geschichtskreislaufes steht, der sich durch die „stetig abwechselnden extremen menschlichen Möglichkeiten“[57] in eine Erneuerungs- und eine Zerfallsphase gliedert.

Durch den Abbruch der beruflichen Karriere wurde es Machiavelli möglich seine Erfahrungen systematisierter und analytischer niederzuschreiben, wobei die theoretischen Schriften zutiefst von dem Stil der von ihm verfassten Gesandtschaftsberichte durchdrungen sind oder im Extrem die beruflich geschriebenen Epigramme „im wesentlichen ohne Änderung in die Seiten der Discorsi und insbesondere des Fürsten eingearbeitet worden sind.“[58] Die Mehrdeutigkeit der Schriften Machiavellis erklärt sich demgegenüber nicht zuletzt daraus, dass er an den offerierten Darstellungen keinen Zweifel aufkommen lässt und sie als unumstößliche Wahrheiten präsentiert, wobei „Stringenz ... hinter Suggestivität“[59] zurücktreten muss und Machiavelli nicht an Problemen der philosophischen Begründung interessiert ist und seine Lehre infolgedessen nicht als staatsphilosophisch missverstanden werden sollte.[60]

3. Die Fundierung der politischen Lehre in der pessimistischen Anthropologie

Die Auffassung von der menschlichen Natur und ihrer politischen Formbarkeit ist der Königsweg zum Verständnis oder Missverständnis der politischen Lehre Machiavellis und wird durch die dynamischen Begriffe der ambizione und der virt ù verdeutlicht, welche die maximale Spanne der menschlichen Fähigkeiten vorgeben. Der Mensch ist nach Machiavelli binär strukturiert, wobei erst einmal wertungsfrei Affekte, Leidenschaften und gefühlsbetonte Ausdrucksformen dem Begriff der ambizione zugeordnet werden können, während die virt ù allgemein der Inbegriff der gestaltenden, energetischen, wehrhaften, vernünftigen, rational-tugendhaften Seite des Menschlichen ist und sich primär auf Einzelne, sekundär auf eine kohärente Bürgerschaft oder tertiär auf geschichtliche Nationen und Völker beziehen kann.

Die Reduktion der binären Codierung des Menschlichen auf eine grundlegenden Faustformel lässt offensichtlich werden, dass es in der Politik lediglich um die Zivilisierung, Kontrolle und graduelle Erziehung des janusköpfigen, tendenziell degenerierenden Menschen geht, denn sie „ist bei Machiavelli zu einem Gutteil Management des Bösen, und die Konfrontation mit diesem führt dazu, dass man mit bester Tugend allein nicht weiter kommt.“[61]

[...]


[1] Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den

großen Revolutionen, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2006, S.11

[2] Schmitt, Carl: Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, Berlin: Duncker &

Humblot 1995, S.102

[3] Althusser, Louis: Machiavelli, Montesquieu, Rousseau. Schriften Band 2, Hamburg/Berlin:

Argument Verlag 1987, S.14

[4] Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise

der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1984, S.13

[5] Maschke, Günter: Ein Problem das nie zu lösen ist, in: Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin:

Akademie Verlag, S.I

[6] Vgl. Deleuze, Gilles / Guattari, Felix: Rhizom, Berlin: Merve Verlag 1977

[7] Vorländer, Karl: Von Machiavelli bis Lenin. Neuzeitliche Staats- und Gesellschaftstheorien, Leipzig:

Quelle & Meyer 1926, S.8

[8] Sternberger, Dolf: Drei Wurzeln der Politik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1978, S.265

[9] Stockhammer, Nicolas: Das Prinzip Macht. Die Rationalität politischer Macht bei Thukydides,

Machiavelli und Foucault, Baden-Baden: Nomos Verlag 2009, S.115

[10] Schölderle, Thomas: Das Prinzip der Macht. Neuzeitliches Politik- und Staatsdenken bei Thomas

Hobbes und Niccolo Machiavelli, Berlin/Cambridge: Galda + Williche Verlag 2002, S.15

[11] Ebd., S.16

[12] Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates, Hamburg: Meiner Verlag 2002, S.163

[13] Ebd., S.163

[14] Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, München: C.H. Beck 1988, S.9f.

[15] Vgl. Münkler, Herfried: Im Namen des Staates. Die Begründung der Staatsraison in der

Frühen Neuzeit, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1987, S.68ff.

[16] Russell, Bertrand: Formen der Macht, Köln: Anaconda Verlag 2009, S.256

[17] Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise

der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1984, S.13

[18] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.145

[19] Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den

großen Revolutionen, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2006, S.47

[20] Foucault, Michel: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität I,

Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004, S.139

[21] Kersting, Wolfgang: Niccolo Machiavelli, München: C.H. Beck 1988, S.9

[22] Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates, Hamburg: Meiner Verlag 2002, S.159

[23] Schmitt, Carl: Staat, Großraum, Nomos. Arbeiten aus den Jahren 1916-1969, Berlin: Duncker &

Humblot 1995, S.104

[24] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.61

[25] Stockhammer, Nicolas: Das Prinzip Macht. Die Rationalität politischer Macht bei Thukydides,

Machiavelli und Michel Foucault, Baden-Baden: Nomos Verlag 2009, S.151

[26] Ebd., S.151

[27] Schölderle, Thomas: Das Prinzip der Macht. Neuzeitliches Politik- und Staatsdenken

bei Thomas Hobbes und Niccolò Machiavelli, Berlin/Massachusettes: Galda+Wilch Verlag 2002, S.84

[28] Ebd., S.85

[29] Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates, Hamburg: Meiner Verlag 2002, S.167

[30] Vorländer, Karl: Von Machiavelli bis Lenin. Neuzeitliche Staats- und Gesellschaftstheorien, Leipzig:

Quelle & Meyer 1926, S.9

[31] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.52

[32] Machiavellis Wirklichkeits- und Wahrheitsbegriff; die verità effettuale stellt sich ganz besonders im

XV.Kapitel des Principe dar: „Es ist ein so außerordentlicher Unterschied zwischen der Art, wie man

wirklich lebt und wie man leben sollte, dass alle, welche bloß darauf sehen, was geschehen sollte, und

nicht auf das, was wirklich geschieht, eher ihren Untergang als ihre Erhaltung erleben.“ (Machiavelli,

Niccolò: Politische Schriften (hrsg. von Herfried Münkler), München: Fischer Verlag 2000, S.91)

[33] Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den

großen Revolutionen, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2006, S.13

[34] Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise

der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1984, S.13

[35] Ebd., S.258

[36] „Das Interesse vieler Humanisten an der antiken Kultur und ihren politischen Strukturen war häufig

gerade darin begründet, dass sich insbesondere die Zeit der Römischen Republik so vorzüglich als

ideologisches Kampfmittel gegen den Klerus und den alten Adel eignete. Beriefen diese sich vielfach

auf die Bibel, aus der sie ihren Machtanspruch abzuleiten suchten, so stellte der Humanismus dagegen

die Autorität der Antike, mit der er den überkommenen gesellschaftlichen Eliten die Legitimität ihrer

Herrschaft zu entziehen suchte“ (Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen

Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1984, S.259)

[37] Vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu

den großen Revolutionen, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2006 S.13

[38] Schölderle, Thomas: Das Prinzip der Macht. Neuzeitliches Politik- und Staatsdenken bei Thomas

Hobbes und Niccolo Machiavelli, Berlin/Cambridge: Galda + Williche Verlag 2002 S.81

[39] Ebd., S.80

[40] Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise

der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1984, .S.151

[41] Ebd., S.21

[42] Flasch, Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin bis Machiavelli, Stuttgart:

Reclam Verlag 1986, S.566

[43] Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise

der Republik Florenz, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 198, S.28

[44] Vgl. Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.4ff.

[45] Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates, Hamburg: Meiner Verlag 2002 S.176

[46] Schölderle, Thomas: Das Prinzip der Macht. Neuzeitliches Politik- und Staatsdenken bei Thomas

Hobbes und Niccolo Machiavelli, Berlin/Cambridge: Galda + Williche Verlag 2002, S.24

[47] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.56

[48] Zur Bedeutung der Technologie für den neuen Typus von Staat findet man in der Literatur zu

Machiavelli recht wenig. Interessanterweise denkt Machiavelli im Principe noch an eine stark

personalisierte und auf den Fürsten bezogene Machtstruktur, wobei die Macht als solche schon längst

diffundiert und nicht nur durch Menschen oder Gruppen, sondern vor allem auch durch den effizienten

Einsatz von Technologie (hier meine ich u.a. den Umgang mit Sprache, ihrer Verschriftlichung,

Archivierung, Informationssammlung usw.) bestimmt wird.

[49] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.58

[50] Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. Von Machiavelli bis zu den

großen Revolutionen, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2006, S.17

[51] Kondylis, Panajotis: Machiavelli, Berlin: Akademie Verlag 2007, S.52

[52] Münkler, Herfried: Im Namen des Staates. Die Begründung der Staatsraison in der

Frühen Neuzeit, Frankfurt/M.: Fischer Verlag 1987, S.79

[53] Ebd., S.80

[54] Vorländer, Karl: Von Machiavelli bis Lenin. Neuzeitliche Staats- und Gesellschaftstheorien, Leipzig:

Quelle & Meyer 1926, S.7

[55] Flasch, Kurt: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin bis Machiavelli, Stuttgart:

Reclam Verlag 1986, S.580

[56] Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, München: C.H. Beck 1988, S.66

[57] Ebd., S.62

[58] Skinner, Quentin: Machiavelli, Hamburg: Junius Verlag 1988, S.25

[59] Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, München: C.H. Beck 1988, S.50

[60] Wolfgang Kersting richtet sich somit gegen die These von Herfried Münkler, dieser hatte Machiavelli

als Proto-Hobbes gedeutet, indem er auf die fehlende staatsphilosophische Fundierung aufmerksam

macht. (Vgl. Kersting, Wolfgang: Niccolò Machiavelli, München: C.H. Beck 1988, S.51f.)

[61] Blanke, Tobias: Das Böse in der politischen Theorie. Die Furcht vor der Freiheit bei Kant, Hegel und

vielen anderen, Bielefeld: Transcript Verlag 2006 S.119

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Details

Titel
Freiheit als relative Norm in der Architektonik des Politischen Niccolò Machiavellis
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Das politische Denken Niccolo Machiavellis
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V151246
ISBN (eBook)
9783640628865
ISBN (Buch)
9783640629008
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Republik, Staat, Freiheit, Renaissance
Arbeit zitieren
Alexander Biegler (Autor), 2010, Freiheit als relative Norm in der Architektonik des Politischen Niccolò Machiavellis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151246

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