Thomas Hobbes und John Rawls – Vertragstheorien im Vergleich


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Historisches
2. Der Naturzustand bei Hobbes
3. The original position bei Rawls
4. Primärgüter
5. Konfliktgegenstände und Regelungsansätze
6. Der Hobbes’sche Herrschaftsvertrag
7. Der Urzustand bei Rawls
8. Das Gerechtigkeitsproblem in der McCarthy-Ära
9. Die Vertragsverbindlichkeit
10. Strukturelle Schwächen
11. Ziele

III. Zusammenfassung

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Zwischen den Werken von Thomas Hobbes und John Rawls liegen insgesamt 320 Jahre. In dieser Zeit wurde die flache Welt rund, die Frau mündig, die Sonne hörte auf um die Erde zu kreisen und die Demokratie begann ihren Vormarsch in der westlichen Welt. Dennoch findet man in den Theorien dieser beiden zeitprägenden politischen Philosophen einige Parallelen. Rawls und Hobbes fühlen sich beide demselben Objekt verpflichtet: dem Menschen. Um diesem eine sichere und bessere Zukunft zu ermöglichen, geben sie Handlungsvorschläge. Sie verfassen mehrere Werke, in denen sie versuchen, ihre Gesellschaft zu verstehen und zu verbessern, beide in dem Glauben, die bestmögliche Lösung gefunden zu haben. Hobbes Vorschläge sind in den 320 Jahren verworfen worden. Keiner glaubt mehr an die Notwendigkeit des absoluten Staates. Dennoch gehört er, als der Begründer des Kontraktualismus, zu den Klassikern der politischen Theorie. Rawls, dessen Werk zu seinen Lebzeiten schon den Klassiker-Status bekam, wird immer noch diskutiert, denn seine Schriften hinterfragen Normen, die in manchen westlichen Staaten immer noch gelten.

Ich möchte in meiner Arbeit die Werke Leviathan von Thomas Hobbes und A theory of justice von John Rawls vergleichen und mich dabei besonders auf die Vertragstheorien konzentrieren. Zuerst muss in beide Werke eingeführt werden. Danach möchte ich die Unterschiede untersuchen und zuletzt herausarbeiten, inwiefern die Theorien Kinder ihrer Zeit sind.

II. Hauptteil

1. Historisches

Hobbes und Rawls gehören beide der Traditionslinie der Kontraktualisten an. Ähnliche Formen des Gesellschaftsvertrages sind schon bei Epikur[1] und Platon[2] zu finden. Hobbes gilt als der Erfinder des modernen Kontraktualismus. Am Ende des Mittelalters brachen traditionelle Orientierungs- und Ordnungsinstanzen zusammen. Die Kirche verlor ihre alles vereinigende Funktion und die Idee der gottgewollten Taufgemeinschaft wurde verdrängt durch die Identitätsgemeinschaft, verbunden durch Sprache und Kultur. In dieser Situation wurde das Individuum entdeckt. War man im Mittelalter Teil eines Standes, Teil einer Dorfgemeinschaft oder Teil einer Berufsgruppe, so ist der Übergang vom Mittelalter in die Moderne dadurch geprägt, dass jedem einzelnen Menschen ein Eigenwert zugeschrieben wird.[3] In diesem Umdenken ist auch die ungeheure Modernität der Hobbes'schen Theorie zu finden. Hobbes geht nicht mehr davon aus, dass ein Staat gottgegeben ist, er macht das Individuum zum Urheber des Staates. Der Bürger selbst hat die Herrschaft errichtet, um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Nicht mehr die Interessen des Staatsoberhauptes, sondern die des Bürgers sind wichtig, denn das Oberhaupt ist nur ein Repräsentant des Volkes.

Rawls bezeichnet sich selbst als Kontraktualisten in der Tradition von Hobbes. Er war derjenige, der diese Form der Theorie nach einem Jahrhundert wieder in das Blickfeld der Politikwissenschaft rückte. Sein Anspruch ist es aber nicht, eine neue Form des Gesellschaftsvertrages aufzustellen, sondern die schon ausgeschriebenen Verträge auf eine höhere Abstraktionsebene zu heben.

Hobbes und Rawls versuchen mit ihren Gesellschaftsverträgen, für die Probleme ihrer Zeit Lösungen zu finden. Hobbes lebt in der Zeit des Englischen Bürgerkrieges, in dem der Kampf zwischen Aristokratie und Parlament Chaos in England verursacht.[4] Sein Ziel ist, ein System zu finden, in dem das Risiko eines erneuten Bürgerkrieges auf ein Minimum reduziert wird. Rawls hingegen sieht seine Mitbürger nicht in einer Situation, in der sie um ihr Leben fürchten müssen. Das Problem, das ihn beschäftigt, ist die soziale Ungerechtigkeit, die sich aus dem kapitalistischen Wirtschaftsystem ergibt. Sein Forschungsgegenstand ist, wie die Institutionen geschaffen sein müssen, die die Güterverteilung begründen. Denn ein sozial gerechter Staat ist die einzige Gesellschaftsform, die auf Dauer überleben kann. Er stellt sich die Frage: „Wie kann eine stabile und gerechte Gesellschaft freier und gleicher Bürger, die durch vernünftige und gleichwohl konträre religiöse, philosophische und moralische Lehren einschneidend voneinander getrennt sind, dauerhaft bestehen?“[5]

Beide Theoretiker argumentieren auf der aktuellen wissenschaftlichen Ebene ihrer Zeit. Hobbes geht in seiner Argumentation resolutiv-kompositiv vor. Er teilt den Staat in seine Grundelemente (resolutiv) und baut ihn dann wieder auf (kompositiv). Zu Vertretern dieses Wissenschaftsideals gehören unter anderem Galilei und Harvey.[6] Rawls hingegen bedient sich der Methoden der Wirtschaftswissenschaft, die von Neumann und Morgenstern entwickelt wurden. Die Spieltheorie bietet Begrifflichkeiten, Problemstellungen und Lösungsvorschläge für Entscheidungssituationen, in denen mehrere voneinander unabhängige Entscheidungsträger rational, leidenschaftslos und im eigenen Interesse einen Konsens finden müssen.[7]

2. Der Naturzustand bei Hobbes

Die Gesellschaftsverträge von Rawls und Hobbes sind vor allem von den Situationen abhängig, in denen sie geschlossen werden. Sowohl Rawls wie Hobbes kreieren hierfür theoretische Gebilde. Sie gehen dabei von unterschiedlich konstruierten Konfliktsituationen aus. Bei Hobbes erzeugt die Konfliktsituation selbst die Egalität zwischen den Vertragspartnern. Er behauptet: "Die Natur hat die Menschen in den körperlichen Fähigkeiten so gleich geschaffen, (…) (dass) der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht so beträchtlich (ist), dass ein Mensch daraufhin irgendeinen Vorteil für sich fordern kann, auf den ein anderer nicht so gut wie er Anspruch erheben könnte."[8] Rawls hingegen muss diese egalitäre Situation erst schaffen.[9]

Bei Hobbes wird der Wunsch nach einem Gesellschaftsvertrag aus dem Naturzustand heraus geboren. Der Naturzustand ist ein vorgesellschaftliches Gedankenkonstrukt, in dem Menschen ohne Staat zusammenleben. Damit es in dieser Situation zum Gesellschaftsvertrag kommt, den Hobbes legitimieren will, geht er von folgenden Tatsachen aus: Den Menschen im Naturzustand ist es nicht möglich sich selbst zu organisieren. Anders als bei Aristoteles ist der Mensch bei Hobbes kein politisches Wesen und ist somit auch nicht fähig, sich mit anderen Menschen auf eine gesellschaftliche Ordnung zu einigen. Er ist primär darauf bedacht sein Leben zu erhalten; darauf folgt der Wunsch, ein angenehmes Leben zu führen. Um die Selbsterhaltung zu sichern, ist jedes Mittel gerechtfertigt. Hobbes geht außerdem davon aus, dass im Naturzustand eine Güterknappheit herrscht. Menschen im Naturzustand konkurrieren sowohl um die Güter wie auch um die Macht, diese Güter zu erlangen. Menschen sind vernünftig und können ihre Vernunft anwenden, um Güter und Macht zu erlangen. Sie können sowohl aus ihren vergangenen Handlungen lernen wie auch zukünftige Schritte planen, um Güter und Macht zu erlangen. Diese Übertragungsleistung nennt Hobbes „Klugheit“. Die Unterschiede zwischen den Menschen sind so gering, dass niemand aufgrund körperlicher oder geistiger Differenzen einen Vorteil für sich beanspruchen könnte. Der Stärkste sollte sich auch vor dem Schwächsten fürchten, da dieser ihm durch eine List genauso gefährlich werden könnte. Außerdem glaubt niemand, dass er weniger klug sei als sein Nächster, und somit ist „jedermann mit seinem Anteil (an Klugheit) zufrieden(…)“[10].Es gibt also unter den Menschen keine natürliche Herrschaftsordnung in der die Konfliktregelung von der relativen Stärke der beiden Beteiligten abhängt.[11] Gleiche Menschen haben auch gleiche Ansprüche an die knappen Güter und zwei Menschen, die nach demselben Gegenstand streben, begegnen sich als Feinde. Die Konkurrenz, das Misstrauen und die Ruhmsucht, die die Menschen im Naturzustand antreiben, führen zum Krieg eines jeden gegen jeden. In diesem Kriegszustand befindet sich jeder Mensch, der sich seines Lebens nicht sicher sein kann, da er um die Gewaltbereitschaft des anderen weiß. Durch die beständige Furcht und Gefahr eines „gewaltsamen Todes (ist) - das menschliche Leben (…) einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz.“[12]

[...]


[1] Bichler, Reinhold: Politisches Denken im Hellenismus, in: Fetscher, Iring/ Münkler, Herfried (Hrsg.): Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 1, München 1988, S.463.

[1] Annas, Julia: Platon, in: Fetscher/Münkler, a.a.O., S. 380ff.

[3] Kloock, Daniela/ Spahr, Angela: Medientheorien. Eine Einführung, München 1986, S. 249.

[4] Münkler, Herfried: Thomas Hobbes, Frankfurt am Main 1993, S. 61ff.

[5] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt am Main 1975.

[6] Höffe, Otfried: Ethik und Politik. Grundmodelle und Probleme der praktischen Philosophie, Frankfurt am Main 1992, S. 176.

[7] Stanford Encyclopedia of Philosophy: http://plato.stanford.edu/entries/prisoner-dilemma/. Abgerufen am 11.05.2007.

[8] Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, Frankfurt am Main 1966, S. 94.

[9] Kersting, Wolfgang: Theorien der sozialen Gerechtigkeit, Stuttgart 2000, S.70.

[10] Hobbes: Leviathan, S. 113.

[11] Nida-Rümelin, Julian: Bellum omnium contra omnes. Konflikttheorie und Naturzustandskonzeption im 13. Kapitel, in: Kersting, Wolfgang (Hrsg.): Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates, Berlin 1996, S.112.

[12] Hobbes: Leviathan, S. 96.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Thomas Hobbes und John Rawls – Vertragstheorien im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V151285
ISBN (eBook)
9783640628070
ISBN (Buch)
9783640628292
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Hobbes, John, Rawls, Vertragstheorien, Vergleich
Arbeit zitieren
Verena von Waldow (Autor), 2007, Thomas Hobbes und John Rawls – Vertragstheorien im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151285

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