Intersektionalität meint die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung. Winker und Degele machen es sich zur Aufgabe, eine umfassende und theoretisch begründete Methodologie zu entwickeln. Aus ihr sollen sich konkrete methodische Schritte ableiten lassen, mit denen Forschende intersektionale Dynamiken in ihrer vollen Komplexität forschungspraktisch erfassen können. Der Mehrebenenansatz kann dieser Aufgabe in mehrerlei Hinsicht gerecht werden. Trotz einer zentralen Schwäche stellt er Forschenden fast handbuchartig einen ‚Werkzeugkasten‘ zur Verfügung, mit dem sich Intersektionalität erforschen lässt. Dies wird in vorliegender Rezension ausführlich erläutert.
Inhaltsverzeichnis
Methodologische Defizite in der Intersektionalitätsforschung
Der praxeologische Mehrebenenansatz in Kürze
Eine (zu) starke theoretische Rahmung
Eine ‚einfache‘ Anleitung für eine schwierige Aufgabe
Kritische Würdigung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit rezensiert den von Gabriele Winker und Nina Degele entwickelten Mehrebenenansatz zur Erforschung von Intersektionalität und hinterfragt kritisch dessen methodische Operationalisierung sowie die theoretische Fundierung in der marxistisch-feministischen Tradition.
- Methodologische Herausforderungen in der Intersektionalitätsforschung
- Strukturen des praxeologischen Mehrebenenansatzes
- Verhältnis zwischen theoretischen Vorannahmen und qualitativer Empirie
- Kritische Analyse des Acht-Schritte-Programms zur Interviewauswertung
- Diskussion über die Offenheit und Flexibilität qualitativer Sozialforschung
Auszug aus dem Buch
Methodologische Defizite in der Intersektionalitätsforschung
Während die Debatte theoretischer Intersektionalitätskonzepte in den frühen 2000er Jahren bereits international in vollem Gange ist (hierzu z.B. Lutz et al. 2013), hinkt sie methodologisch etwas hinterher. Noch gibt es wenige konkrete Vorschläge, wie Intersektionalität erforscht werden kann.
Zwar macht beispielsweise Leslie McCall (2005) einen äußert einflussreichen Beitrag zur methodologischen Debatte, indem sie ihren ‚interkategorialen‘ Ansatz vorstellt. Dieser soll die Forschungsarbeit mit Ungleichheitskategorien erlauben, ohne der Intersektionalität ihre empirische Komplexität abzusprechen. Eine mikrosoziologische Perspektive bietet der Doing-Difference Ansatz (West und Fenstermaker 1995), welcher simultane Konstruktionsprozesse von Differenzen in Interaktionen in den Vordergrund rückt.
Die Geschlechterforscherinnen Gabriele Winker und Nina Degele erkennen jedoch weiterhin großen Bedarf an methodologischer Debatte: Denn erstens beziehen Vorschläge wie die oben genannten lediglich eine Untersuchungsebene mit ein, Andere zumindest zwei (Winker und Degele 2009, S. 21–24). Zweitens bleibe es weitestgehend unklar, welche und wie viele Ungleicheitskategorien herangezogen werden sollten (S. 15-18).
Zusammenfassung der Kapitel
Methodologische Defizite in der Intersektionalitätsforschung: Die Einleitung umreißt den methodologischen Nachholbedarf innerhalb der Intersektionalitätsforschung und führt in die Arbeit von Winker und Degele ein.
Der praxeologische Mehrebenenansatz in Kürze: Dieses Kapitel erläutert die theoretische Basis des Modells, das auf einer marxistisch-feministischen Rahmung gründet und drei Untersuchungsebenen kombiniert.
Eine (zu) starke theoretische Rahmung: Hier wird kritisch diskutiert, inwiefern die theoretischen Vorannahmen der Autorinnen, insbesondere der Marxismus, die Offenheit des empirischen Forschungsprozesses einschränken könnten.
Eine ‚einfache‘ Anleitung für eine schwierige Aufgabe: Der Abschnitt würdigt die praktische Anwendbarkeit und Lehrbuch-Qualität des von den Autorinnen vorgeschlagenen Analyse-Programms anhand von Beispielen zur Erwerbslosigkeit.
Kritische Würdigung und Ausblick: Das Fazit fasst die Stärken und Schwächen des Ansatzes zusammen und empfiehlt dessen Anwendung bei gleichzeitiger kritischer Reflexion des theoretischen Einflusses.
Schlüsselwörter
Intersektionalität, Mehrebenenanalyse, Qualitative Sozialforschung, Marxistischer Feminismus, Ungleichheitskategorien, Praxeologie, Methodologie, Identitätskonstruktion, Strukturebene, Repräsentationsebene, Forschungsdesign, Geschlechterforschung, Erwerbslosigkeit, Empirische Analyse, Diskurs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dem rezensierten Werk grundsätzlich?
Es geht um eine methodologische Anleitung zur Erforschung von Intersektionalität, die von den Autorinnen Gabriele Winker und Nina Degele in Form eines Mehrebenenansatzes entwickelt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die Untersuchung von sozialen Ungleichheiten mittels eines praxeologischen Ansatzes, der individuelle Identitätskonstruktionen mit gesellschaftlichen Strukturebenen verknüpft.
Was ist das primäre Ziel der untersuchten Forschung?
Das Ziel ist die multidimensionale Erfassung komplexer Differenzierungsprozesse und die praktische Anleitung für Forschende, um Intersektionalität empirisch greifbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird im Buch verwendet?
Die Autorinnen schlagen ein Acht-Schritte-Programm vor, das qualitative Interviews nutzt und ein iterativ-zyklisches Vorgehen zwischen deduktiven und induktiven Ansätzen vorsieht.
Was wird im Hauptteil der Rezension behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretische Fundierung im marxistischen Feminismus, die Einteilung in drei Untersuchungsebenen sowie die methodische Umsetzung anhand von Beispielen zur Erwerbslosigkeit.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Intersektionalität, Mehrebenenansatz, soziale Ungleichheit, marxistischer Feminismus und qualitative Sozialforschung definiert.
Wo sieht die Rezension die größte Schwäche des Mehrebenenansatzes?
Die größte Schwäche liegt laut Rezension in einem möglichen theoretischen Determinismus, bei dem die Vorannahmen der Autorinnen den unvoreingenommenen Blick auf das empirische Material erschweren könnten.
Wie bewertet die Autorin der Rezension die Praxistauglichkeit des Ansatzes?
Trotz der geäußerten Kritik am theoretischen Gerüst bewertet sie den Ansatz als wertvolle Hilfe und "Werkzeugkasten", der Forschenden klare und konkrete Arbeitsschritte bietet.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der Erwerbslosigkeit in der Studie?
Es dient dazu, das theoretisch abstrakte Acht-Schritte-Programm an einem konkreten Material zu illustrieren und die "Verschränkung" von Herrschaftssystemen empirisch aufzuzeigen.
Kann der Mehrebenenansatz auch quantitativ erweitert werden?
Ja, obgleich das Modell primär qualitativ angelegt ist, erkennt die Rezensentin Potenzial für die Ergänzung statistischer Daten, insbesondere auf der Strukturebene.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2023, Eine ‚einfache‘ Anleitung für eine schwierige Aufgabe. Der Mehrebenenansatz zur Erforschung von Intersektionalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1513268