Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin

Eine qualitative Fallstudie zum Prenzlauer Berg


Bachelorarbeit, 2010

69 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Segregation als theoretischer Ausgangspunkt
2.1 Begriffsklärung
2.2 Ursachen von Segregation
2.3 Folgen von Segregation

3 Gentrification – ein segregationsrelevanter Prozess
3.1 Definition
3.2 Erklärungsansätze
3.3 Phasen des Prozesses
3.4 Probleme bei der Beschreibung des Prozesses

4 Berlin - Prenzlauer Berg: Eine Charakteristik des Untersuchungsfeldes
4.1 Berliner Stadtentwicklung seit
4.2 Geschichte des Prenzlauer Bergs
4.3 Der Kollwitzplatz

5 Methodisches Vorgehen
5.1 Das qualitative Interview entlang eines Leitfadens
5.2 Auswahl der Probanden
5.3 Datenauswertung

6 Zentrale empirische Befunde
6.1 Codes
6.2 Proband Karl
6.2.1 Biographischer Rahmen
6.2.2 Interviewsituation
6.2.3 „Das ganze Publikum wurde ausgetauscht“
6.3 Probandin Ursula
6.3.1 Biographischer Rahmen
6.3.2 Interviewsituation
6.3.3 „Die sehen alle nicht glücklich aus“
6.4 Zusammenfassung

7 Fazit

8 Fremdsprachiges Resümee

9 Bibliographie

10 Anhang
Leitfadeninterview
Transkript des Interviews mit Karl
Transkript des Interviews mit Ursula
Codesystem

1 Einleitung

„Struktur- und Wertewandel sowie deren Wechselwirkung bewirken Tendenzen hin zu mehr Ungleichheit und unterschiedlicher Wertigkeit. Wir werden nicht ‚gleicher‘, sondern ‚ungleicher‘ und ungleichwertiger.“ (Heitmeyer u.a. 1998: 10)

Mit diesen Worten beschreiben Heitmeyer, Dollase und Backes einen zunehmend heterogenen Zustand der Städte infolge der anwachsenden Homogenisierung innerhalb einzelner Quartiere, deren Ursache in einem Struktur- und Wertewandel der städtischen Gesellschaft liegt. Die Auflösung tradierter städtischer Ökonomie durch die Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft in einer informatisierten, globalisierten Welt, stellt Städte vor neue Herausforderungen. Dieser Strukturwandel einhergehend mit dem Wandel von Werten und Lebensstilen führt zunehmend zu Segregation im Stadtraum, das heißt zu einer ungleichen räumlichen Verteilung verschiedener sozialer Gruppen. Solche Segregationsprozesse lassen sich sozioökonomisch, soziodemographisch sowie soziokulturell erklären. In sozioökonomischer Hinsicht tritt eine Polarisierung von einkommensstarken, hoch qualifizierten Beschäftigten des Dienstleistungssektors und einer einkommensschwachen, gering qualifizierten Gruppe auf. Diese Polarisierung lässt sich auch im Stadtbild wiederfinden. Randwanderungen und Suburbanisierung waren vor allem Bewegungen der einkommensstarken Haushalte mit Kindern. Mit Bezug auf soziodemographische Merkmale der Bewohner, zeigt sich ebenfalls eine sozialräumliche Entmischung: Das Abwandern von Familien ins Umland verbunden mit der zunehmenden Tendenz entgegen klassischer Familienmodelle hin zu kinderlosen oder Single-Haushalten, die sich gezielt für ein Leben in der Innenstadt entscheiden, homogenisiert die innerstädtische Bewohnerschaft bestimmter Viertel in soziodemographischer Hinsicht.

Eine soziokulturelle Homogenisierung von Stadtvierteln lässt sich in der Pluralisierung von Lebensstilen und deren „Abgrenzungs- bzw. Distinktionsfunktion“ (Heitmeyer u.a. 1998: 9) finden. Die Wohnung oder das Wohnviertel gelten heutzutage viel mehr als ein Ausdruck der eigenen Wert- und Statusorientierung, die Funktionalität tritt in den Hintergrund. So lässt sich der Stadtraum als Spiegelfläche sozialer Differenzierung anhand einer ungleichen Bau- und Bewohnerstruktur erfahren.

Diese Arbeit widmet sich aktuellen Segregationsprozessen in Berlin, speziell der Gentrification im Stadtteil Prenzlauer Berg. Entgegen der häufig thematisierten Segregationsprozesse durch Abwanderungen sozial starker Gruppen und die daraus resultierende Negativentwicklung von Quartieren und Benachteiligung derer Bewohner, soll der Fokus dieser Arbeit auf einer den Stadtraum aufwertenden Entmischung liegen. Gentrification äußert sich, im Zuge einer baulichen Aufwertung, in dem Austausch einer alteingesessenen, statusniedrigen Bewohnerschaft durch eine zuziehende, statushöhere Gruppe, und muss damit als ein relevanter Segregationsprozess wahrgenommen werden. Gilt der Begriff Gentrification in der aktuellen Diskussion als negativ behafteter Kernbegriff städtischer Entwicklung, so soll jener in dieser Arbeit auf wissenschaftlicher Ebene hinterfragt werden. In Bezug auf Berlin wird insbesondere der Bezirk Prenzlauer Berg als Paradebeispiel von Gentrification benannt. Welche Bedingungen, die für die Einleitung und den Vollzug von Gentrification nötig sind, Berlin und Prenzlauer Berg boten, soll im vierten Kapitel anhand der relevantesten Etappen der Berliner Stadt- und Sanierungsgeschichte seit der Wiedervereinigung erläutert werden. Im Anschluss gilt es den Prozess in seiner Wahrnehmung qualitativ zu untersuchen. Dazu wird zunächst das methodische Vorgehen der qualitativen Interviewführung und -auswertung beschrieben. Eine detaillierte Analyse der durchgeführten Interviews soll Aufschluss über die zentralen empirischen Befunde der Befragungen geben und den Bezug zum Konzept der Gentrification als segregierenden Prozess herstellen. Erleben die Bewohner einen Bevölkerungsaustausch, wie ihn Gentrification beschreibt und wie nehmen sie diesen wahr? Kann laut den Befragten von einer Entmischung ungleicher sozialer Gruppen hin zu einer sozialen Homogenisierung des Viertels gesprochen werden? Lassen sich demnach segregierende Tendenzen erkennen?

2 Segregation als theoretischer Ausgangspunkt

2.1 Begriffsklärung

Die räumliche Struktur einer Stadt kann sowohl in funktionaler als auch sozialer Hinsicht Segregation aufweisen. Als funktioneller Raum, als Arbeits- und Produktionsstätte konzentriert die Stadt in unterschiedlicher Weise die verschiedenen Arbeitsstandorte entsprechend angemessener Infrastruktur, Nutzflächen, Mietpreise und individuellen Standortvorteilen. In diesem Fall handelt es sich um eine funktionelle Segregation, eine Verortung von Funktionen an Standorte entsprechend ihren Rahmenbedingungen (vgl. Häußermann/Siebel 2004: 139).

Ein weitaus bedeutsameres Phänomen jedoch ist die soziale Segregation, die Verteilung verschiedener sozialer Gruppen auf unterschiedliche Orte im Stadtraum. Dabei werden soziale Gruppen entsprechend ihrer ökonomischen, demographischen und ethnischen Merkmalen sowie der für sie spezifischen Lebensführung unterschieden.

Als ökonomische Merkmale gelten die Höhe des Einkommens, der Bildungsstand oder die Berufsqualifikation. Demographische Unterschiede können an der Größe eines Haushaltes oder am Alter der Bewohner gemessen werden. Auch eine unterschiedliche ethnische Herkunft sowie individueller Lebensstil gelten als entscheidende soziale Differenzen (vgl. Häußermann/Siebel 2004: 143). Solch Differenzen, solch „ soziale Distanzen“ äußern sich in „räumliche(n) Distanzen“ (Häußermann/Kapphan: 209). Somit kann soziale Segregation als eine „Verräumlichung sozialer Ungleichheit“ (Dangschat 2000: 210) gesehen werden. Es darf dabei nicht ignoriert werden, dass die auf den Raum übertragenen sozialen Differenzen in einer Wechselwirkung mit dem Raum selber stehen, das heißt, dass die Anordnung bestimmter sozialer Gruppen auf ein Gebiet auf diese Gruppe in benachteiligender oder begünstigender Weise zurückwirkt:

„(...) denn einmal bildet sich die Sozialstruktur in der Raumstruktur ab, und zum anderen wirkt die räumliche Verteilung sozialer Gruppen auf die örtliche Sozialstruktur zurück, indem z. B. die Quartiere den Gruppen unterschiedliche Möglichkeiten zur Bewältigung ihres Alltags bieten“ (Harth u.a. 1998: 11).

Bedingend für Prozesse der Segregation und die ungleiche Verteilung auf bestimmte Räume der Stadt sind demnach das Vorhandensein sozialer und auch räumlicher Differenzen.

Welche Faktoren maßgeblich an einer sozialen Ungleichverteilung auf den Stadtraum beteiligt sind und welche Auswirkungen die Konzentration von sozial homogenen Gruppen auf ein bestimmtes Gebiet und die Bewohner selbst haben kann, soll im folgenden kurz erläutert werden.

2.2 Ursachen von Segregation

Als entscheidende Ursachen sozialer Segregation werden ein unterschiedlich gestaltetes Wohnungsangebot und die verschiedenartige Nachfrage basierend auf den wirtschaftlichen und kulturellen Möglichkeiten und Interessen sozialer Gruppen gesehen.

Eine unterschiedliche Gestaltung des Wohnungsangebotes ergibt sich aus einer in qualitativer und quantitativer Hinsicht unterschiedlichen Verteilung von Wohnungen im Stadtraum. Demnach spielen wohnungspolitische, stadtplanerische Entscheidungen eine maßgebliche Rolle, indem bestimmte Standorte über ein bestimmtes Wohnangebot verfügen und sich in der Qualität von anderen Wohnstandorten unterscheiden. Auch wirtschaftliche Faktoren hinsichtlich des Preises oder der Ausstattung bewirken ein differenziertes Angebot. Darüber hinaus gelten symbolische Unterschiede, die durch eine bestimmte architektonische oder landschaftliche Gestaltung oder auch unterschiedlich dichte Bebauung entstehen, als grundlegende Differenzen im Wohnungsangebot. Ein weiterer Faktor, der eine ungleiche Verteilung des Wohnungsangebotes bewirkt, ist eine Differenzierung sozialer Art, eine Differenzierung nach der Bewohnerzusammensetzung, die durch die festgelegten Mieten und Wohnungsvergabemodalitäten gesteuert werden kann (vgl. Häußermann/Siebel: 2004: 157).

Neben einer differenzierten Angebotsstruktur ist die ungleiche Verteilung von Individuen auf bestimmte Wohngebiete auch Folge verschiedenartiger Nachfrage. Die Nachfrage ist determiniert durch die Ressourcen, die dem Individuum bzw. dem Haushalt zur Verfügung stehen. Diese Ressourcen können zum Einen ökonomischer Art sein: In diesem Fall entscheidet unter anderem das Einkommen oder Vermögen über die Wahl des Wohnstandortes. Eine weitere Ressource ist die kognitive, die Wissen und Kenntnis über Wohnungs- und Mietangelegenheiten, über Angebote und Möglichkeiten bei der Suche und Finanzierung impliziert. Auch soziale und politische Ressourcen, also das Vorhandensein und Nutzen sozialer Netzwerke oder von Ansprüchen auf beispielsweise Wohngeld gelten als wichtige Basis für eine optimale Ausschöpfung des Angebots und eine Steigerung potentieller, individueller Nachfragemöglichkeiten.

Angebot und Nachfrage stehen demnach für die räumliche Aufteilung nach sozialen Merkmalen in engem Zusammenhang, wie von Häußermann und Siebel treffend zusammengefasst wird:

„Aus dem Zusammenspiel von strukturiertem Angebot und unterschiedlicher Ausstattung der Haushalte mit ökonomischem, sozialem, kulturellem und politischem Kapital ergibt sich die Verteilung der sozialen Gruppen im Raum der Stadt“ (Häußermann/Siebel 2004: 158).

Je nach der Verfügbarkeit über eben jene Kapitalarten ergeben sich individuelle Präferenzen, die jedoch nicht fest, sondern mit Zu- oder Abnahme der Ressourcen durchaus wandelbar sind. Nach Häußermann und Siebel könne zwischen „ freiwilliger oder aktiver Segregation“ und „erzwungener oder passiver Segregation“ (Häußermann/Siebel 2004: 159) unterschieden werden. Wenn individuelle Präferenzen für die Auswahl des Wohnstandortes ausschlaggebend sind – und dies steht in engem Zusammenhang mit einer hohen Ressourcenausstattung – dann erfolge die Segregation freiwillig. Private Haushalte haben eine weitaus höhere Möglichkeit aus verschiedenen Wohnraumangeboten auszuwählen, wenn sie über die oben beschriebenen Ressourcen verfügen. Im Gegensatz dazu erfolge Segregation unfreiwillig, wenn Präferenzen aufgrund eingeschränkter Ressourcen keine entscheidende Rolle spielen, sondern basierend auf „den ökonomischen Mechanismen einer marktorientierten Konkurrenzgesellschaft, insbesondere auf ungleichen Erwerbs- und Einkommenspositionen in ihrem Zusammenwirken mit dem Wohnungsmarkt“ (Krätke/Borst 2000: 216), eine eingeschränkte Auswahlfreiheit und ein nur beschränkter Zugang zum Wohnungsmarkt besteht.

Soziale Ungleichheit führe also zu ungleichen Chancen auf dem Wohnungsmarkt und damit zu sozialräumlicher Segregation. Diese Form der Segregation lässt sich somit ursächlich durch wirtschaftliche Prozesse erklären, was auch daran erkennbar wird, dass insbesondere privat regulierte Wohnungsangebote oft zu stark segregierten Wohngebieten führen. Öffentlich gesteuerter Wohnungsmarkt hingegen bemüht sich häufig um eine soziale Mischung innerhalb von Quartieren, wobei in den letzten Jahrzehnten die Tendenz eines zunehmend privatisierten Wohnungsbaus erkennbar wurde.

2.3 Folgen von Segregation

Soziale Segregation äußert sich in einer sozialen Entmischung von Stadträumen und vormals sozial heterogene Gebiete zeichnen sich nun durch eine homogenere Bewohnerstruktur auszeichnen.

Die Folgen von sozialer Segregation seien dabei, entgegen der Begriffsverwendung im aktuellen Diskurs, nicht immer negativ zu bewerten und keineswegs immer problematisch einzustufen. Die soziale Entmischung eines Gebiets könne von den Bewohnern durchaus als positiv beurteilt werden. Aus der sogenannten „Binnenperspektive“ (Häußermann/Kapphan 2000: 223) kann soziale Segregation den Bewohnern als positiv erscheinen, indem die Entmischung und die daraus resultierende soziale Ähnlichkeit unter den Bewohnern eine günstige Auswirkung auf die nachbarschaftlichen Beziehungen, die soziale Stabilität und eine gegenseitige Anerkennung haben können (vgl. Häußermann/Kapphan 2000: 223f.). Insbesondere für ethnische Minderheiten, die an einem Wohnstandort konzentriert sind, können diese Aspekte von großer Bedeutung sein und der segregierte Wohnraum wirke als „Schutzraum, in dem sie sich auf der Grundlage der Anerkennung ihrer mitgebrachten Identität mit der neuen Heimat auseinandersetzen können“ (Häußermann/Kapphan 2000: 224).

Eine jedoch negative, gravierende Folge und damit die Kehrseite von Segregationsprozessen kann die Benachteiligung von Quartieren sein, wenn durch „selektive Mobilität“ (Häußermann/Siebel 2004: 160), durch Abwanderung berufstätiger, besserverdienender Haushalte eine ressourcenschwächere Bewohnergruppe zurückbleibt und damit ein „Fahrstuhleffekt nach unten“ (Häußermann/Siebel 2004: 160) einsetze: Die verbleibenden Bewohner in diesen Gebieten seien benachteiligt. Zum einen aufgrund ihres geringeren Ressourcenumfangs und zum anderen durch ihre eingeschränkte Mobilität als Folge ihrer wenigen Ressourcen. Darüber hinaus wirke sich der Verbleib dieser sozial homogenen Bewohnergruppe am Wohnstandort zusätzlich benachteiligend aus. Diese Benachteiligung könne in materieller, sozialer oder symbolischer Hinsicht wirken und erinnert an Bourdieus Einteilung der Kapitalarten[1]: Die materielle oder auch ökonomische Benachteiligung könne sich, zum Beispiel aufgrund sinkender Kaufkraft im Wohngebiet, in einem geringeren Dienstleistungs- oder mangelhaften Warenangebot sowie einer schlechteren Geschäfts- und Verkehrsinfrastruktur widerspiegeln. Auf sozialer Ebene äußere sich die Benachteiligung im „Verlust sozialer Stabilität“ (Häußermann/Kapphan 2000: 232). Mit dem Wegzug von Besserverdienenden, höher Qualifizierten und stärker Integrierten erfolge gleichzeitig ein Verlust an potentiellen Trägern sozialer und politischer Kompetenzen, die der Verbesserung der Quartiere dienen könnten. Darüber hinaus nehme der Umfang sozialer Netzwerke und Interaktionsmöglichkeiten ab. Als besonders kritisch in diesem Zusammenhang erachten Häußermann und Siebel „negative Lernprozesse“ (2004: 165), die durch das Abwandern von Mittelschichthaushalten einsetzen würden. Die homogene Zusammensetzung des benachteiligten Gebietes und die räumliche Distanz zu bessergestellten Haushalten unterbinde „Erfahrungsmöglichkeiten positiver Rollenvorbilder insbesondere für Kinder und Jugendliche“ (Häußermann/Siebel 2004: 166), da sich die Gruppe in ihrem Verhalten nur auf das eigene, eingeschränkte Milieu als „Lernraum“ (Häußermann/Siebel 2004: 166) beziehe und dieses als Norm gewertet werde. Folgen seien Entfremdung und Isolation:

„Die Erfahrung der Ablehnung gelernter Verhaltensweisen außerhalb der Nachbarschaft oder des Milieus führt häufig nicht zur Verunsicherung, sondern zu reaktiver Verstärkung und weiterer Distanzierung vom gesellschaftlichen Mainstream“ (Häußermann/Siebel 2004: 166).

Eine Benachteiligung symbolischer Art lässt sich auf den vernachlässigten Zustand von Wohngebieten aufgrund unterlassener Investitionen und Instandhaltungen zurückführen. Die Vernachlässigung der Gebiete bewirkt zum einen die Selbstwahrnehmung der Bewohner als eindeutig benachteiligt, zum anderen eine negative Beurteilung der Gebiete von außen. Solch symbolische Benachteiligung könne zu einer negativen Etikettierung und schließlich Stigmatisierung des Quartiers führen.

Somit gilt wohl als bedeutsamste, negative Folge von sozialer Segregation die Zunahme von sozialen Problemen und eine daraus resultierende, oft unaufhaltsame Negativentwicklung von Quartieren.

In der Segregationsforschung liegt der Fokus häufig auf dieser Problematik der Benachteiligung von segregierten Wohngebieten sozial schwacher Bewohnergruppen (vgl. Häußermann u.a. 2004, Krätke/Borst 2000). Entgegen der Problematik einer „kumulativen Abwärtsentwicklung“ (Häußermann/Kapphan 2000: 221) lässt sich zudem auch eine Aufwertung von Wohngebieten als eine Form sozialräumlicher Segregation feststellen. Eine solche Aufwertung erfolgt im Zuge von Gentrification. Wie dieser Prozess verläuft, welche Folgen er für das betroffene Gebiet hat und inwiefern er trotz seiner aufwertenden Wirkung als problematisch und segregationsrelevant betrachtet werden kann, soll im folgenden Kapitel näher beleuchtet werden.

3 Gentrification – ein segregationsrelevanter Prozess

3.1 Definition

Der Begriff Gentrification wurde von der Britischen Soziologin Ruth Glass geprägt und beruht auf dem englischen „gentry“, das mit dem deutschen Begriff des Landadels übersetzt werden kann. Glass widmete ihre soziologischen Studien den Londoner Arbeiterbezirken der 1960er Jahre und beobachtete eine Verdrängung der ansässigen Arbeiter durch den Zustrom Angehöriger der Mittelklasse. Das Phänomen fand auch in den USA der 1970er Jahre Beachtung. In Deutschland wurde der Begriff erstmals von dem Soziologen Jürgen Friedrichs und seinen Kollegen geprägt. Eine erste Studie dazu unternahm Friedrichs mit Dangschat 1988 in Hamburg (vgl. Blasius 2004: 21). Er definiert Gentrification als den „Austausch einer statusniedrigen durch eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet“ (Friedrichs 1996: 14) und gibt damit eine sehr reduzierte, auf die Kernmerkmale beschränkte Begriffsdefinition.

Gentrification wurde bislang aufgrund der Komplexität des Prozesses auf unterschiedliche Weise analysiert und erklärt und demnach sind die Definitionen Resultat eines je unterschiedlichen Fokus. So wird Gentrification zum Einen im Zusammenhang mit einer Verbesserung der baulichen, sozialen und Infrastruktur eines Gebietes erklärt, zum Anderen aus ökonomischer Sicht durch Investitionen in Gebieten, die bisher durch Desinvestitionen geprägt waren. Wiederum andere Begriffsklärungen setzen den Schwerpunkt auf einen demographischen und sozialen Wandel mit der Entstehung neuer Lebensmodelle (vgl. Holm 2006: 64). Holm fasst den allgemeinen Konsens über den Gentrification-Begriff zusammen und gibt damit eine Definition, die Friedrichs Begriffsbestimmung des Prozesses um eine grundlegende Eigenschaft ergänzt:

„Als Gentrification wird ein Prozess beschrieben durch den Haushalte mit höherem Einkommen BewohnerInnen mit geringerem Einkommen aus der Nachbarschaft verdrängen und die wesentlichen Merkmale und Stimmungen der Nachbarschaft verändern“ (Holm 2006: 64).

Erst wenn ein Wandel der Stimmung und nachbarschaftlichen Beziehung eintrete, könne also von Gentrification gesprochen werden. Diese Definition erscheint im Hinblick auf die Forschungsfrage weitaus sinnvoller und soll in dieser Arbeit als Grundlage dienen. Im Fokus dieser qualitativen Untersuchung stehe nicht der wirtschaftliche Status der Bewohner, sondern insbesondere die nachbarschaftliche Beziehung untereinander.

Wie aber kommt es zu einem Austausch der Bewohnergruppen? Und wodurch erfolgt eine Verdrängung einkommensschwacher Gruppen? Das nachstehende Kapitel soll verschiedene Erklärungsansätze des Bevölkerungsaustausches durch Gentrification beleuchten.

3.2 Erklärungsansätze

Der Prozess der Gentrification wird durch eine Vielzahl von Komponenten eingeleitet und kann nicht eindimensional als nur wirtschaftlich, soziostrukturell oder kulturell erklärt werden. Viel eher spielten diese Faktoren in komplexer Weise zusammen.

„Das Problem rührt vor allem daher, daß unzureichend spezifiziert wird, welche Sachverhalte des Prozesses überhaupt erklärt werden sollen“ (Friedrichs 1996: 15). Die Aspekte, denen besondere Bedeutung für Gentrification beigemessen werden, sind zum Einen wirtschaftlicher Art, wie die Transformation von Miet- in Eigentumswohnungen, eine umgewandelte Geschäftsstruktur, veränderte Gebäudewerte und Mieterhöhungen. Zum Anderen ist das Entstehen der Gruppe der „Gentrifier“ – der maßgeblich am Prozess beteiligten Bevölkerungsgruppe – ein wichtiger Sachverhalt, sowie der Bevölkerungsaustausch, den es zu erklären gilt. All diese zu erklärenden Aspekte könnten nicht in einer Theorie zusammengeführt werden. Somit sei nach Friedrichs eine Trennung dieser Sachverhalte nötig.

Um die wirtschaftliche Seite des Prozesses zu erklären, diente bisher das allgemeine Marktmodell von Angebot und Nachfrage. Analysiert wird in diesem Zusammenhang ein Wandel des Wohnungsangebots sowie eine veränderte Nachfrage nach Wohnraum.

Hinsichtlich der Angebotsseite wurde Gentrification mit einem Wandel von Gebäude- und Grundstückswerten in einem Gebiet erklärt. Dieser Wandel entstehe durch Investitionstätigkeiten in Gebieten, die bisher durch Vernachlässigung aufgrund von Desinvestition gekennzeichnet waren. Ein theoretischer Ansatz dazu wurde von Neil Smith entwickelt: Seine „rent-gap-theory“ bezieht sich auf eine Diskrepanz des Bodenwertes, auf eine Differenz zwischen der tatsächlich erwirtschafteten Bodenrente eines Grundstücks und der potentiell erzielbaren nach Sanierung. Durch Des- und Reinvestitionen erfahren Gebiete eine unterschiedliche Auf- und Abwertung. Die Aufwertung eines Gebietes erfolge daher also durch Wertsteigerung des Grundstücks (vgl. Bernt 1998: 11-13). Einen ähnlichen Erklärungsansatz bieten Hamnett und Randolph mit der „value-gap-theory“, die sich auf die Werte der Gebäude richtet. Mit der Erwartung hoher Einnahmen an Miete werden Wohngebiete der Innenstadt strategisch aufgewertet durch Kauf, Modernisierung und Wiederverkauf von Gebäuden (vgl. Bernt 1998: 13). Diese Theorien stehen nicht isoliert voneinander, sondern sollten durchaus verknüpft werden, da die Werte von Grundstück und Gebäude in engem Zusammenhang stehen.

Allein damit lasse sich der Prozess der Gentrification jedoch nicht hinreichend erklären. Die Theorien erklären zwar die bauliche Aufwertung, ignorieren jedoch individuelle Handlungen, die für Gentrification vonnöten sind. Diese Aspekte finden im Erklärungsansatz mit Bezug auf eine veränderte Nachfrage Beachtung: Eine veränderte Nachfrage entstehe durch gesellschaftlichen Wandel, der sich in demographischer, sozialer und kultureller Hinsicht sowie in Form neuer Lebensstile vollzogen hätte. Dieser Wandel hänge entscheidend mit einer verstärkten Nachfrage an Wohnraum in der Innenstadt zusammen.

In Bezug auf den gesellschaftlichen Wandel wird häufig die Zunahme von Haushalten der Mittelschicht in den Städten infolge „der Nachfrage nach besser qualifizierten Arbeitskräften und einem Anstieg tertiärer Berufe“ (Friedrichs 1996: 32) genannt. Die Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft senke die Zahl industrieller Arbeitsplätze und schaffe neue Arbeitsplätze mit einem höherem Bildungs- und Qualifikationsanspruch (vgl. Friedrichs 2000: 66). In diesem Zusammenhang wuchs die soziale Gruppe, die Friedrichs als potentielle Gentrifier sieht: eine jüngere, überdurchschnittlich verdienende Bevölkerung mit geringen Haushaltsgrößen, Arbeitsplätzen im Stadtzentrum, „deren Lebensstil die räumliche Nähe zu einer vielfältigen Infrastruktur, z.B. Gaststätten, Kinos, Museen, sonstige Freizeiteinrichtungen, erfordert“ (Friedrichs 1996: 26). Neue Haushaltstypen – oft Singles oder kinderlose Paare[2] – entstehen und entsprechen nicht den klassischen Familienmodellen, die sich hauptsächlich am Stadtrand oder Umland ansiedelten. Diese neuen Haushaltstypen, „denen allgemein ein berufs- und karriereorientierter, jedoch gleichzeitig hedonistischer Lebensstil nachgesagt wird, der mit der Ablehnung kleinfamiliärer Lebensentwürfe einhergeht“ (Bernt 1998: 15), schreiben der Innenstadt als Lebensraum hohe Bedeutung zu. Die Innenstadt erfährt einen Bedeutungswandel, der gleichzeitige Suburbanisierungstendenzen durch klassische Familienmodelle überlagert und eine Wiederbelebung des Stadtzentrums durch eine „ Pluralisierung von Lebensformen und Lebensstilen“ (Harth u.a. 1998: 172) einleitet. Eben jener Bedeutungswandel ist entscheidend. Ohne diese neuartige Relevanz der Innenstadt würde das Phänomen Gentrification nicht existieren.

Den Prozess der Gentrification auf die veränderten Strukturen von Angebot und Nachfrage zu reduzieren, wird, wie oben erwähnt, nur hinreichend seinem Wesen gerecht. So erklärt Sassen Gentrification anhand einer neuen Polarisierung von hoch qualifizierten, einkommensstarken Arbeitskräften und unterqualifizierten Geringverdienern auf dem Arbeitsmarkt – einer neuen sozialen Ungleichheit, die sich in verschiedenen räumlichen Verteilungen dieser Gruppen äußert. Ein weiterer interessanter Ansatz wurde von Zukin entwickelt, die Gentrification als Folge einer räumlichen Konzentration von kulturellem Kapital und Konsum kultureller Güter sieht, die zu einer verstärkten Investition ökonomischen Kapitals in diesen Gebieten führe (vgl. Bernt 1998: 17).

Es wird deutlich, dass Gentrification als ein komplexer, multidimensionaler Prozess gelte, der aus verschiedenen Perspektiven heraus erklärt werden müsse.

3.3 Phasen des Prozesses

Gentrification findet über mehrere Phasen hinweg statt und erfolgte – so die bisherigen Studien – in innerstädtischen Gebieten mit Altbaubestand, die aufgrund bisher ausgebliebener Instandhaltungsmaßnahmen durch einen schlechten Gebäudezustand, geringe Mieten und eine sozial schwache Bewohnergruppe gekennzeichnet waren (vgl. Friedrichs 2000: 59).

Vier Phasen umfassen den Prozess hin zu Gentrification: Zunächst erschließen sogenannte „ Pioniere“ (Friedrichs 2000: 59), häufig Singles oder Kinderlose mit einem relativ hohen Bildungskapital jedoch recht geringer finanzieller Ressourcen das Gebiet. Es sind insbesondere Studenten und Menschen mit künstlerischen oder selbstständigen Berufen, die die innerstädtischen Gebiete mit hohem Leerstand und Verfall der Gebäude als kreativen Lebensraum auffassen und nutzen. Die Gruppe der Pioniere ist „risikobereit“ (Friedrichs 2000: 59) und akzeptiert die schlechten Wohnverhältnisse. Grund dafür sind die niedrigen Mieten, eine Bereitschaft zu Modernisierungen in Eigenregie sowie:

„Abkehr vom leistungsbetonten und konsumorientierten Lebensstil, Kritik der Industriegesellschaft, Entwicklung neuer Lebens- und Arbeitsformen, das sind die Stichworte, die ein neues gesellschaftliches Bewusstsein umreißen, von dem größere Teile vor allem der jüngeren Generation geprägt sind“ (Häußermann/Siebel 1987: 14).

In dieser ersten Phase zeichnen sich in Bezug auf die Mieten im Wohngebiet keinerlei Veränderungen ab und auch von einer Verdrängung kann nicht gesprochen werden, da die Hinzuziehenden leer stehende oder zukünftig frei werdende Wohnungen beziehen. Der Zuzug der Pioniere bewirkt eine sukzessive Aufwertung des Gebiets aufgrund aktiver und kreativer Raumnutzung. Sie erschließen das Viertel durch „kulturelle Inbesitznahme“ (Bernt 1998: 16).

In der zweiten Phase erfolgt ein Zuzug weiterer Pioniere sowie der sogenannten „Gentrifier“. Diese charakterisieren sich durch ein höheres Schulbildungs- sowie Einkommensniveau. Durch deren Wunsch nach einer beständig guten Wohnsituation steigt das Zukunftspotential des Gebietes. Die Nachfrage an Wohnungen erhöht sich, die Geschäfts- und Dienstleistungsinfrastruktur vergrößert sich und folglich nehmen Investitionen für Modernisierungsmaßnahmen zu. Infolgedessen steigen Grundstücks- und Wohnungsmieten und damit die Zahl der Fortzüge alteingesessener Bewohner, die nicht in der Lage sind die erhöhten Mieten zu bezahlen. Der strukturelle Wandel des Gebietes wird sichtbar und in den Medien präsent, wodurch sich der Bekanntheitsgrad des Gebietes erhöht (vgl. Friedrichs 1996 und 2000). Die Aufmerksamkeit der Medien könne dem tatsächlichen strukturellen Wandel eines Gebietes sogar vorausgehen. In diesem Falle handelt es sich um symbolische Gentrification, die den Wandel eines Gebietes zum „Szeneviertel“ ankündigt und durch eine verstärkte mediale Aufmerksamkeit dem eigentlichen Ablauf des Prozesses vorgreift. Wesentlich dabei ist die Diskrepanz zwischen Realität und der medial repräsentierten und konstruierten Wirklichkeit (vgl. Bernt 1998: 24)

Die nächste Phase gelte als die tatsächliche Gentrification-Phase. Erneute Zuzüge von gutverdienenden Haushalten folgen aufgrund medialer Präsenz und positiven Wandels des Gebietes. Mietsteigerungen, die geplante Umwandlung einiger Miet- in Eigentumswohnungen und ein Wandel des Gebiets, der dem ökonomischen Kapital einen höheren Stellenwert als dem kulturellen Kapital einräumt, führen zu Fortzügen der älteren Bewohner und einiger Pioniere.

„Die Ausstattung mit ökonomischen Ressourcen wird zur wesentlichen Voraussetzung, sich den Raum anzueignen. Vor allem in den sanierten Beständen reichen kulturelle Wertschätzungen für das Viertel, enge soziale Netze (um von einer leeren Wohnung zu erfahren) und handwerkliches Geschick (um sich diese dann selbst auszubauen) lange nicht mehr aus. Satt sozialer und kultureller Ressourcen entscheiden heute Verdienstbescheinigungen und Schufa-Abfragen über die Wohnungsvergabe im Bezirk. Diese Ökonomisierung der Raumaneignung ist das deutliche Ende der Pionierphase des Aufwertungsprozesses“ (Holm 2006: 245).

Insbesondere die Gruppe der Pioniere stört sich an der „Ökonomisierung der Raumaneignung“ und dem dadurch eingeleiteten Imagewandel, der das Gebiet immer attraktiver für die Gruppe der Gentrifier macht, deren Lebensstil dem eigenen nicht entspricht. Häußermann und Siebel beschreiben diesen Gegensatz der Pioniere und Gentrifier[3], jedoch hätten beide Gruppen in ihrer Herausbildung denselben kulturellen Ursprung und demnach ähnliche Motive in die Innenstadt zu ziehen.

„Auf den ersten Blick scheint es sich um zwei sehr verschiedene Gruppen zu handeln: Einmal die young urban professionals, die Yuppies. Sie sind beruflich erfolgreich und pflegen jenen chic-dynamischen Lebensstil, der einen Hauch von Freiheit und Luxus verbreitet. Andererseits die ‚Alternativen‘. Sie negieren alles Bürgerliche und propagieren neue Lebens- und Arbeitsformen. Aber obwohl es so scheint, als gehörten sie zwei verschiedenen Welten an, sind sie doch aus einer Wurzel kulturellen Wandels in die Welt und in unsere Städte gekommen. Diese Wurzel ist die Krise des bürgerlichen Lebens.“ (Häußermann/Siebel 1987: 14).

Die vierte Etappe des Gentrification-Prozesses charakterisiert sich durch den Zuzug von Gentrifiern, die sich aufgrund ihres weitaus höheren Einkommens nun deutlich von vormals Zugezogenen unterscheiden: „Es sind nun die am stärksten risikoscheuen Haushalte, darunter auch solche mit Kind(ern), die nun eine Wohnung im Gebiet mieten oder kaufen“ (Friedrichs 2000: 61). Damit ist das Wohngebiet eine profitable Anlage von Kapital und wird verstärkt modernisiert: Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt, Geschäfte und Dienstleistungen entsprechen der Nachfrage von neu Zugezogenen. Starkes mediales Interesse steigert den Bekanntheitsgrad des Gebietes und die Attraktivität des Gebietes für neue Bewohner und Touristen. In dieser letzten Phase der Gentrification gilt insbesondere die Umwandlung in Eigentumswohnungen als problematisch, denn dadurch erfolge eine Verdrängung der alten Bewohner, sowie der Pioniere und ersten Gentrifier, die über weitaus geringere ökonomische Ressourcen verfügen (vgl. Friedrichs 2000: 61).

Zur Erklärung des Bevölkerungsaustausches wird häufig das Modell des Invasions-Sukzessions-Zyklus herangezogen. Dieses beschreibt ein Eindringen, die Invasion, einer sozialen Gruppe in ein Gebiet, in dem sie bald die Mehrheit bildet. Der Anteil der vorher ansässigen Gruppe nimmt schrittweise – sukzessiv – ab. Da im Prozess der Gentrification von zwei nacheinander zuziehenden Gruppen, den Pionieren und Gentrifiern ausgegangen wird, wurde ein doppelter Invasions-Sukzessions-Zyklus angenommen. Demnach sei es also zunächst die Gruppe der Pioniere, die in ein Gebiet eindringt und die alteingesessene Bewohnergruppe verdrängt. Nachziehende Gentrifier doppeln diesen Prozess durch eine Verdrängung Alteingesessener sowie auch ansässiger Pioniere (vgl. Friedrichs 1996: 16). Die Annahme eines doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus sei – so Friedrichs – jedoch kritisch zu betrachten, da sich diese empirisch nicht bestätigt habe (siehe nachstehendes Kapitel 3.4 über die Probleme der Prozessbeschreibung).

3.4 Probleme bei der Beschreibung des Prozesses

Ein Problem bei der Beschreibung des Prozesses ist die Annahme eines doppelten Invasions-Sukzessionszyklus, denn laut Friedrichs widerlegten empirische Ergebnisse die angenommene zeitliche Abfolge der Invasion von Pionieren und Gentrifiern und wiesen stattdessen entweder ein zeitgleiches Zuziehen beider Gruppen auf oder sogar ein Eindringen der Gentrifier noch vor Zuzügen der Pioniere (vgl. Friedrichs 1996: 16). Auch erscheine es nach Friedrichs zweifelhaft, ob die Fortzüge der Pioniere tatsächlich so schnell erfolgten, wie sie das Phasenmodell beschreibt (Friedrichs 2000: 62f.).

Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Definition der Akteure im Prozess – der Alteingesessenen, der Pioniere und Gentrifier. Tabelle 1 zeigt die durch Friedrichs und Dangschat vorgenommene Klassifikation der beteiligten Gruppen:

Tabelle 1: Klassifikation der Nachfragergruppen die am Gentrification-Prozess beteiligt sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Die Gruppe „Andere“ betrifft alle restlichen Personen, (Quelle: vgl. Friedrichs 2000: 62)

die beispielsweise in nur einem Merkmal der drei andern Gruppen abweichen.

Diese Klassifikation der Akteure wurde sowohl von Friedrichs und Dangschat als auch anderen Forschern immer wieder teilweise verändert. So wird in einer späteren Klassifikation beispielsweise der Gruppe der Gentrifier ein Kind „zugestanden“ und die Schulbildung auf mindestens Mittlere Reife eingeschränkt. Darüber hinaus schlug Dangschat in späteren Forschungen vor, die Gruppe der Gentrifier noch einmal zusätzlich zu unterteilen. Somit standen den Gentrifier nun Ultra-Gentrifier gegenüber, die über ein noch höheres Einkommen verfügten (vgl. Kecskes 1994: 31). Trotz der Modifizierungen sind die Typologien der Akteure kritisiert worden. Nach Kecskes handelte es sich um eine willkürliche Festlegung bzw. unzulängliche Begründung für die Bildung dieser Werte. Bisher seien die Versuche solch allgemeingültige Klassifikationen zu bilden, auf Probleme gestoßen, denn mit einem veränderten Status oder einer veränderten Lebenssituation könne sich die Zuordnung der Akteure verschieben. Wenn also ein Angehöriger der Gruppe der Pioniere im Laufe der Zeit über ein höheres Einkommen verfügt, würde er automatisch in die Gruppe der Gentrifier fallen. Somit würde sich der zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessene Anteil an Gentrifiern in einem Gebiet nicht durch Zuzug erhöht haben sondern durch einen „Wechsel der Gruppenzugehörigkeit“ (Friedrichs 1996: 17). Die im Phasenmodell beschriebenen Fortzüge von Pionieren könnten also auch eine Fehlinterpretation ihres Statuswechsels sein.

Darüber hinaus ist ihre ökonomische und soziale Charakterisierung nicht allgemein übertragbar. Die Klassifikation der Gruppen, die an Gentrification in Deutschland beteiligt sind, könne nicht deckungsgleich mit Klassifikationen anderer Gruppen bspw. in den USA sein (vgl. Holm 2006: 65). Damit zeigt sich auch, dass eine Verallgemeinerung sowie ein Feststellen von Gesetzmäßigkeiten des Prozesses bisher nicht möglich war. Zwar ließen sich Parallelen der Phasen und des Prozessablaufs zwischen Städten in Nordamerika und Europa nachweisen. Beispielsweise eine ähnliche Entwicklung infolge der Deindustrialisierung sowie eine Vergleichbarkeit der Gruppe der Nachfrager in ihrem Einkommen. Darüber hinaus die neue Tendenz zur Investition in Wohngebiete der Innenstadt statt des Umlandes. Jedoch weisen nordamerikanische Forschungsergebnisse deutliche Unterschiede zu deutschen Gentrification-Gebieten auf: So zum Beispiel eine grundlegend andere Gebäudestruktur, die über weniger Haushalte verfügt oder einen überdurchschnittlich hohen Eigentümeranteil. Auch ein weniger intensiver Mieterschutz und ein geringerer Anteil öffentlich subventionierter Wohnungen und daher weniger staatliche oder kommunale Interventionen in den USA entspreche nicht den Rahmenbedingungen des deutschen Wohnungsmarktes. Dadurch könne der Prozess in den USA durchaus schneller eintreten und abgeschlossen sein (vgl. Blasius 2004: 23 und Friedrichs 1996: 37f.).

[...]


[1] Bourdieu unterteilt den Kapitalbegriff in ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Der Begriff des Kapitals wird von ihm über seine ursprünglich ökonomische Konnotation ausgeweitet und soll neben Formen des materiellen Besitzes auch Formen des sozialen und kulturellen Austausches einschließen.

[2] Auch sogenannte DINKS (Double Income No Kids)

[3] Häußermann und Siebel verwenden statt der Begriffe der Pioniere und Gentrifier, die Begriffe „Alternative“ und „Yuppies“, die jedoch synonym betrachtet werden können. Die begriffliche Einführung und Klassifizierung der Gruppe der Gentrifier erfolgte in Deutschland erst 1988 im Zuge der Studien von Friedrichs und Dangschat .

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin
Untertitel
Eine qualitative Fallstudie zum Prenzlauer Berg
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Neue Milieubildungen in Berlin - Prenzlauer Berg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
69
Katalognummer
V151357
ISBN (eBook)
9783640638376
ISBN (Buch)
9783640638406
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gentrifizierung, Gentrification, qualitative Interviewführung, Segregation, Berlin, Prenzlauer Berg, Milieu, Milieubildung
Arbeit zitieren
Nicole Gatz (Autor), 2010, Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151357

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