Diese Arbeit widmet sich aktuellen Segregationsprozessen in Berlin, speziell der Gentrification im Stadtteil Prenzlauer Berg. Entgegen der häufig thematisierten Segregationsprozesse durch Abwanderungen sozial starker Gruppen und die daraus resultierende Negativentwicklung von Quartieren und Benachteiligung derer Bewohner, soll der Fokus dieser Arbeit auf einer den Stadtraum aufwertenden Entmischung liegen. Gentrification äußert sich, im Zuge einer baulichen Aufwertung, in dem Austausch einer alteingesessenen, statusniedrigen Bewohnerschaft durch eine zuziehende, statushöhere Gruppe, und muss damit als ein relevanter Segregationsprozess wahrgenommen werden. In Bezug auf Berlin wird insbesondere der Bezirk Prenzlauer Berg als Paradebeispiel von Gentrification benannt. Welche Bedingungen, die für die Einleitung und den Vollzug von Gentrification nötig sind, Berlin und Prenzlauer Berg boten, soll anhand der relevantesten Etappen der Berliner Stadt- und Sanierungsgeschichte seit der Wiedervereinigung erläutert werden. Im Anschluss wird dieser Prozess in seiner Wahrnehmung qualitativ untersucht. Dazu wird zunächst das methodische Vorgehen der qualitativen Interviewführung und -auswertung beschrieben. Eine detaillierte Analyse der durchgeführten Interviews soll Aufschluss über die zentralen empirischen Befunde der Befragungen geben und den Bezug zum Konzept der Gentrification als segregierenden Prozess herstellen. Erleben die Bewohner einen Bevölkerungsaustausch, wie ihn Gentrification beschreibt und wie nehmen sie diesen wahr? Kann laut den Befragten von einer Entmischung ungleicher sozialer Gruppen hin zu einer sozialen Homogenisierung des Viertels gesprochen werden? Lassen sich demnach segregierende Tendenzen erkennen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Segregation als theoretischer Ausgangspunkt
2.1 Begriffsklärung
2.2 Ursachen von Segregation
2.3 Folgen von Segregation
3 Gentrification – ein segregationsrelevanter Prozess
3.1 Definition
3.2 Erklärungsansätze
3.3 Phasen des Prozesses
3.4 Probleme bei der Beschreibung des Prozesses
4 Berlin - Prenzlauer Berg: Eine Charakteristik des Untersuchungsfeldes
4.1 Berliner Stadtentwicklung seit 1990
4.2 Geschichte des Prenzlauer Bergs
4.3 Der Kollwitzplatz
5 Methodisches Vorgehen
5.1 Das qualitative Interview entlang eines Leitfadens
5.2 Auswahl der Probanden
5.3 Datenauswertung
6 Zentrale empirische Befunde
6.1 Codes
6.2 Proband Karl
6.2.1 Biographischer Rahmen
6.2.2 Interviewsituation
6.2.3 „Das ganze Publikum wurde ausgetauscht“
6.3 Probandin Ursula
6.3.1 Biographischer Rahmen
6.3.2 Interviewsituation
6.3.3 „Die sehen alle nicht glücklich aus“
6.4 Zusammenfassung
7 Fazit
8 Fremdsprachiges Resümee
9 Bibliographie
10 Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht aktuelle Segregationsprozesse im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wobei der Fokus insbesondere auf der Gentrification liegt. Ziel der Arbeit ist es, die Wahrnehmung der Bewohner bezüglich der sozialen Veränderungen im Viertel qualitativ zu erforschen und zu analysieren, ob es zu einer Verdrängung ansässiger Gruppen kommt.
- Theoretische Grundlagen von Segregation und Gentrification
- Strukturelle Entwicklung des Prenzlauer Bergs seit 1990
- Methodik der qualitativen Interviewführung mit Bewohnern
- Analyse der sozialen Homogenisierung und Verdrängungsmechanismen
- Bewertung des Wandels aus Sicht der Bewohner
Auszug aus dem Buch
3.1 Definition
Der Begriff Gentrification wurde von der Britischen Soziologin Ruth Glass geprägt und beruht auf dem englischen „gentry“, das mit dem deutschen Begriff des Landadels übersetzt werden kann. Glass widmete ihre soziologischen Studien den Londoner Arbeiterbezirken der 1960er Jahre und beobachtete eine Verdrängung der ansässigen Arbeiter durch den Zustrom Angehöriger der Mittelklasse. Das Phänomen fand auch in den USA der 1970er Jahre Beachtung. In Deutschland wurde der Begriff erstmals von dem Soziologen Jürgen Friedrichs und seinen Kollegen geprägt. Eine erste Studie dazu unternahm Friedrichs mit Dangschat 1988 in Hamburg (vgl. Blasius 2004: 21). Er definiert Gentrification als den „Austausch einer statusniedrigen durch eine statushöhere Bevölkerung in einem Wohngebiet“ (Friedrichs 1996: 14) und gibt damit eine sehr reduzierte, auf die Kernmerkmale beschränkte Begriffsdefinition.
Gentrification wurde bislang aufgrund der Komplexität des Prozesses auf unterschiedliche Weise analysiert und erklärt und demnach sind die Definitionen Resultat eines je unterschiedlichen Fokus. So wird Gentrification zum Einen im Zusammenhang mit einer Verbesserung der baulichen, sozialen und Infrastruktur eines Gebietes erklärt, zum Anderen aus ökonomischer Sicht durch Investitionen in Gebieten, die bisher durch Desinvestitionen geprägt waren. Wiederum andere Begriffsklärungen setzen den Schwerpunkt auf einen demographischen und sozialen Wandel mit der Entstehung neuer Lebensmodelle (vgl. Holm 2006: 64). Holm fasst den allgemeinen Konsens über den Gentrification-Begriff zusammen und gibt damit eine Definition, die Friedrichs Begriffsbestimmung des Prozesses um eine grundlegende Eigenschaft ergänzt: „Als Gentrification wird ein Prozess beschrieben durch den Haushalte mit höherem Einkommen BewohnerInnen mit geringerem Einkommen aus der Nachbarschaft verdrängen und die wesentlichen Merkmale und Stimmungen der Nachbarschaft verändern“ (Holm 2006: 64). Erst wenn ein Wandel der Stimmung und nachbarschaftlichen Beziehung eintrete, könne also von Gentrification gesprochen werden. Diese Definition erscheint im Hinblick auf die Forschungsfrage weitaus sinnvoller und soll in dieser Arbeit als Grundlage dienen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Strukturwandels und der damit einhergehenden Segregation in modernen Städten ein und legt den Fokus auf die Gentrification im Prenzlauer Berg.
2 Segregation als theoretischer Ausgangspunkt: Dieses Kapitel definiert soziale Segregation als Verräumlichung sozialer Ungleichheit und analysiert deren Ursachen sowie die ambivalenten Folgen für betroffene Quartiere.
3 Gentrification – ein segregationsrelevanter Prozess: Das Kapitel bietet eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Gentrification, verschiedenen Erklärungsansätzen, dem Phasenmodell und der Problematik der Prozessbeschreibung.
4 Berlin - Prenzlauer Berg: Eine Charakteristik des Untersuchungsfeldes: Hier wird die historische und aktuelle Stadtentwicklung des Prenzlauer Bergs seit 1990 sowie die spezifische Situation rund um den Kollwitzplatz detailliert dargestellt.
5 Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel erläutert die Wahl der qualitativen Interviewmethode, die Auswahl der Probanden im Umfeld des Kollwitzplatzes sowie das Verfahren der Datenauswertung.
6 Zentrale empirische Befunde: Hier werden die Ergebnisse der geführten Interviews mit Karl und Ursula ausgewertet, wobei insbesondere die Wahrnehmung des sozialen Wandels und der Verdrängung im Zentrum stehen.
7 Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass im Prenzlauer Berg eine soziale Homogenisierung stattfindet, die von den Probanden kritisch als Verlust von Lebendigkeit und als Verdrängung wahrgenommen wird.
Schlüsselwörter
Segregation, Gentrification, Prenzlauer Berg, Kollwitzplatz, Stadtentwicklung, Verdrängung, soziale Entmischung, Wohnungspolitik, qualitative Sozialforschung, Leitfadeninterview, soziale Distanz, Strukturwandel, Mittelklasse, Kapitalarten, Nachbarschaftsatmosphäre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorarbeit befasst sich mit aktuellen Segregationsprozessen in Berlin und analysiert am Beispiel des Stadtteils Prenzlauer Berg, wie sich der Prozess der Gentrification auf das soziale Gefüge und die Wahrnehmung der Bewohner auswirkt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Fundierung von Segregation und Gentrification, die bauliche und soziale Transformation des Prenzlauer Bergs sowie die empirische Untersuchung der Perspektiven langjähriger und neuer Bewohner.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, qualitativ zu erforschen, ob und wie Gentrification von den Bewohnern als segregierender Prozess wahrgenommen wird und ob dabei tatsächlich von Verdrängung die Rede sein kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Verfasserin verwendet ein qualitatives Forschungsdesign, konkret Leitfadeninterviews mit zwei Bewohnern, deren Aussagen im Anschluss inhaltsanalytisch nach Mayring mit Unterstützung der Software MAXQDA ausgewertet wurden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, die Beschreibung des Untersuchungsfeldes Prenzlauer Berg, die Darstellung der methodischen Vorgehensweise sowie eine detaillierte Auswertung der empirischen Befunde aus den Interviews.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Segregation, Gentrification, Verdrängung, soziale Entmischung, Stadtentwicklung, Kollwitzplatz, Prekarisierung und die Wahrnehmung von Nachbarschaftsveränderungen.
Warum wurde gerade der Kollwitzplatz als Untersuchungsort gewählt?
Der Kollwitzplatz wurde aufgrund seiner historischen Bedeutung, seines Status als ehemaliges Sanierungsgebiet und der daraus resultierenden starken Fluktuation als idealer Ort gewählt, um Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Standpunkten zur Gentrification zu finden.
Wie unterscheidet sich die Kritik der beiden interviewten Probanden?
Während Karl insbesondere ökonomische Faktoren wie Mietsteigerungen und die Rolle von Vermietern als treibende Kräfte der Verdrängung hervorhebt, betont Ursula stärker die soziale Kälte und die mangelnde Interaktion der neuen Bewohner im Alltag.
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- Nicole Gatz (Autor), 2010, Aktuelle Segregationsprozesse in Berlin, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151357