Fritz Perls bezeichnet den Neurotiker als eine Person, die zu wenig Selbst-Support hat, um aus eigener Kraft eigenverantwortlich handeln zu können. Der Neurotiker braucht die Unterstützung der anderen. Da er sich nicht erhoffen kann, dass ihm aus reiner Nettigkeit geholfen wird, muss er versuchen, zu manipulieren, indem er Als ob – Haltungen einnimmt (aufgesetzte Rollen) und Spielchen spielt. Er entfremdet sich von sich selbst und wird zur Fassade.
Weil die meisten von uns mehr oder weniger neurotisch sind, kann das neurotische Verhalten nicht nur in der Person begründet sein bzw. auf familiäre Konstellationen zurückgeführt werden. Die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen sind noch entscheidender für die Entstehung und Aufrechterhaltung des neurotischen Verhaltens. F. Perls schreibt in „Grundlagen der Gestalttherapie“: „Eine Gesellschaft, die eine große Anzahl von kranken Individuen enthält, muss eine neurotische Gesellschaft sein; und von den Individuen, die in einer kranken Gesellschaft leben, müssen viele neurotisch sein“ (Perls, Grundlagen der Gestalttherapie, S. 44). Zwar wird in der Gestalttherapie der Blick auf die Wechselbeziehung zwischen Individuum und seiner Umwelt gerichtet (Kontaktprozess),weil ja das Individuum nur in der Auseinandersetzung mit der Umwelt seine Bedürfnisse befriedigen kann, aber die meisten Gestalttherapeuten berücksichtigen nur das unmittelbare Umfeld (Familie, berufliches Umfeld, Bekannte und Freunde usw.) des Individuums und nicht die Einbettung dieses Umfeldes in die Gesellschaft. Es sind aber die gesellschaftlichen Bedingungen, die das unmittelbare Umfeld des Individuums prägen. Das Individuum wird also in seinem Umfeld immer auch mit den Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert. Die Frage ist also, wie die gesellschaftlichen Erwartungen die Entstehung des neurotischen Verhaltens mit verursachen.
Wenn wir fast alle mehr oder weniger neurotisch sind, dann sind wir mehr oder weniger auch uns selbst entfremdet. Wir sind in unserem Verhalten nicht mehr echt und haben den Kontakt zu unserem authentischen Selbst verloren. Wir sind zur Fassade geworden.
Das Schichtenmodell von Perls zeigt auf, welcher Weg begangen werden muss, um die gesellschaftliche Fassade zu überwinden und zu unserem authentischen Kern zu gelangen.
Im letzten Kapitel beschäftige ich mich mit Theater als gestalttherapeutischem Mittel zur Steigerung der Bewusstheit und wie es sich auf das Schichtenmodell der Neurose beziehen lässt.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Charakter und Gesellschaft
1.1 Ökonomische Bedingungen
1.2 Die Marketing-Orientierung
1.2.1 Zusammenfassung
2. Wahre und falsche Bedürfnisse
3. Das Fünf-Schichtenmodell – Ein gestalttherapeutischer Weg in die Authentizität
3.1. Die „aufgesetzte Schicht“ – Rollen und Spiele
3.2. Die „phobische Schicht“ – Bewusstwerden von Dualitäten
3.3. Der „Impasse“ – Sackgasse, Engpass, Blockierung
3.4. Die „Implosion“ – die Schicht des Todes
3.5. Die „Explosion“ - die Erfahrung organismischer Selbstregulierung
4. Theater in der Gestalttherapie
4.1. „Topdog-Underdog“ – Theater
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Strukturen, insbesondere kapitalistischen Produktionsbedingungen, und der Entfremdung des modernen Menschen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Erwartungen und der daraus resultierende Marketing-Charakter die Entfremdung von wahren Bedürfnissen fördern und wie gestalttherapeutische Ansätze – unter Einbeziehung von Elementen des Theaters – einen Weg zurück zu Authentizität und Selbstbestimmung bahnen können.
- Analyse des Gesellschafts-Charakters und der Marketing-Orientierung nach Erich Fromm.
- Unterscheidung zwischen wahren und falschen Bedürfnissen im Kontext repressiver gesellschaftlicher Herrschaft.
- Darstellung des gestalttherapeutischen Fünf-Schichtenmodells der Neurose nach Perls und Frambach.
- Theater als Mittel zur Steigerung der Bewusstheit und zur Aufarbeitung des Topdog-Underdog-Konflikts.
Auszug aus dem Buch
3. 2. Die „phobische“ Schicht – Bewusstwerden von Dualitäten
Wie bereits erwähnt, sieht Perls in den nonverbalen Ausdrucksformen das Offensichtliche. Diese zeigen das „Selbst“ an und machen deutlich, was der Patient zu vermeiden versucht. So unterdrückt beispielsweise der Patient seine Aggressionen und macht stattdessen eine Faust. Oder denken wir an einen Politiker, der in Gegenwart eines wichtigen ausländischen Staatsgastes im Parlament eine Rede hält und sowohl seine Stimme als auch seine Mimik unter Kontrolle hat, aber ständig mit den Händen seine Notizzettel auf dem Rednerpult hin und herschiebt. Die unruhigen Bewegungen seiner Hände drücken seine Nervosität aus, die er mit seiner kontrollierten Stimme und Mimik zu vermeiden versucht. Wird sich der Patient seines nonverbalen Ausdrucks bewusst, erkennt er, dass dieser oft nicht mit dem übereinstimmt, was er sagt.
Nehmen wir an, eine Patienten redet von ihrem Mann, der eine Geliebte hat und betont, dass ihr dies gar nichts ausmache. Dabei zeigt sie ein angestrengtes Lächeln und starrt auf den Boden. Der Therapeut fordert sie auf, sich mit ihrem starren Blick zu identifizieren und sie sagt: „Ich bin starr! Ich nehme nichts wahr! Ich will nichts sehen!“ Der Therapeut fragt: „Was willst du nicht sehen?“ Sie antwortet: „Was mein Mann mit seiner Geliebten treibt!“ Sie fängt zu weinen an. Nun bricht das durch, was sie sich seit dem Zeitpunkt, als sie erfuhr, dass ihr Mann eine Geliebte hat, nicht eingestehen wollte: Ihre Trauer und Verzweiflung! Ihre Starrheit hat sich gelöst. Ihr falscher Stolz schwindet dahin. Am Anfang steht die Bewusstmachung des „Offensichtlichen“ und dann kommt die Identifikation mit den unbemerkten, aber offensichtlichen nonverbalen Ausdrucksweisen. Durch die Identifikation wird sich der Patient über das bewusst, was er nicht wahrhaben will. Er erkennt seinen „Schatten“.
Zusammenfassung der Kapitel
Charakter und Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert, wie ökonomische Bedingungen und kapitalistische Strukturen den Gesellschafts-Charakter formen und zu einer Entfremdung des Menschen führen.
Wahre und falsche Bedürfnisse: Hier wird der Unterschied zwischen vitalen Bedürfnissen und gesellschaftlich induzierten, künstlichen Bedürfnissen (Marketing-Charakter) analysiert, die der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems dienen.
Das Fünf-Schichtenmodell – Ein gestalttherapeutischer Weg in die Authentizität: Das Kapitel rekonstruiert das Schichtenmodell der Neurose und zeigt auf, wie ein Klient durch das schrittweise Abtragen von Fassaden und das Durchleben von Krisen zu seinem authentischen Kern zurückfinden kann.
Theater in der Gestalttherapie: Es wird dargelegt, wie szenische Inszenierungen und die Identifikation mit Persönlichkeitsanteilen als Mittel eingesetzt werden können, um den Topdog-Underdog-Konflikt bewusst zu machen und aufzulösen.
Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine Überwindung der gesellschaftlichen Fassade nur durch die Integration der eigenen Schattenseiten und eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Anforderungen möglich ist.
Schlüsselwörter
Authentizität, Gestalttherapie, Marketing-Charakter, Entfremdung, Fünf-Schichtenmodell, Topdog-Underdog-Konflikt, Gesellschaftskritik, Neurose, wahre Bedürfnisse, Selbstdarstellung, Coaching, Identität, Theater, Bewusstheit, Kapitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Bedingungen zu einer Entfremdung des Menschen führen und wie Menschen durch gestalttherapeutische Methoden ihre authentische Identität zurückgewinnen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft sozialpsychologische Analysen, insbesondere zur Marketing-Orientierung, mit klinischen Modellen der Gestalttherapie sowie dem therapeutischen Einsatz von Theatermethoden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Weg von einer gesellschaftlich geformten „Fassade“ hin zu einem authentischen Selbst zu beschreiben, wobei der Fokus auf der Bewältigung neurotischer Spaltungen liegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse durch die Zusammenführung psychologischer Konzepte (z. B. Perls, Fromm, Marcuse) mit sozio-ökonomischen Thesen, ergänzt durch praktische Vorschläge zur Anwendung von Theaterszenen in der Gruppentherapie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Entfremdung durch den modernen Kapitalismus, diskutiert das Fünf-Schichtenmodell der Neurose und entwickelt theatertherapeutische Übungsmodelle zur Integration innerer Konflikte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Authentizität, Marketing-Charakter, Entfremdung, das Fünf-Schichtenmodell und der Topdog-Underdog-Konflikt.
Welche Rolle spielt das „Topdog-Underdog“-Modell für den Klienten?
Dieses Modell verdeutlicht den internen Konflikt zwischen verinnerlichten gesellschaftlichen Erwartungen (Topdog) und dem Wunsch nach dem Ausdruck eigener Bedürfnisse (Underdog), was die Grundlage für neurotisches Verhalten bildet.
Wie trägt das Theater zur therapeutischen Arbeit bei?
Theater dient als Medium, um psychische Blockaden und Spaltungen in einer Inszenierung „clownesk“ sichtbar zu machen, wodurch der Klient Distanz zu seinem Leiden gewinnt und neue Lösungswege erkennt.
Wie bewertet der Autor den aktuellen Coaching-Trend?
Der Autor steht Coaching kritisch gegenüber, da es oft dazu diene, Individuen mittels suggestiver Techniken zur besseren Anpassung an profitorientierte Unternehmensziele zu bewegen, anstatt ihre authentischen Bedürfnisse zu fördern.
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- Friedrich Bugl (Author), 2008, Gesellschaftliche Fassade oder Authentizität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151368