Gesellschaftliche Fassade oder Authentizität

Ein gestalttherapeutischer Weg zur Überwindung der gesellschaftlichen Fassade unter Berücksichtigung von Theater als gestalttherapeutischem Mittel zur Steigerung der Bewusstheit


Hausarbeit, 2008

52 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Charakter und Gesellschaft
1.1 Ökonomische Bedingungen
1.2 Die Marketing-Orientierung
1.2.1 Zusammenfassung

2. Wahre und falsche Bedürfnisse

3. Das Fünf-Schichtenmodell – Ein gestalttherapeutischer Weg in die Authentizität
3.1. Die „aufgesetzte Schicht“ – Rollen und Spiele
3.2. Die „phobische Schicht“ – Bewusstwerden von Dualitäten
3.3. Der „Impasse“ – Sackgasse, Engpass, Blockierung
3.4. Die „Implosion“ – die Schicht des Todes
3.5. Die „Explosion“ - die Erfahrung organismischer Selbstregulierung

4. Theater in der Gestalttherapie
4.1. „Topdog-Underdog“ – Theater

5. Schlussbetrachtung

Literaturliste

Vorwort

F. Perls bezeichnet den Neurotiker als eine Person, die zu wenig Selbst-Support hat, um aus eigener Kraft eigenverantwortlich handeln zu können. Der Neurotiker braucht die Unterstützung der anderen. Da er sich nicht erhoffen kann, dass ihm aus reiner Nettigkeit geholfen wird, muss er versuchen, zu manipulieren, indem er Als ob – Haltungen einnimmt (aufgesetzte Rollen) und Spielchen spielt. Er entfremdet sich von sich selbst und wird zur Fassade.

Weil die meisten von uns mehr oder weniger neurotisch sind, kann das neurotische Verhalten nicht nur in der Person begründet sein bzw. auf familiäre Konstellationen zurückgeführt werden. Die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen sind noch entscheidender für die Entstehung und Aufrechterhaltung des neurotischen Verhaltens. F. Perls schreibt in „Grundlagen der Gestalttherapie“: „Eine Gesellschaft, die eine große Anzahl von kranken Individuen enthält, muss eine neurotische Gesellschaft sein; und von den Individuen, die in einer kranken Gesellschaft leben, müssen viele neurotisch sein“ (Perls, Grundlagen der Gestalttherapie, S. 44). Zwar wird in der Gestalttherapie der Blick auf die Wechselbeziehung zwischen Individuum und seiner Umwelt gerichtet (Kontaktprozess), weil ja das Individuum nur in der Auseinandersetzung mit der Umwelt seine Bedürfnisse befriedigen kann, aber die meisten Gestalttherapeuten berücksichtigen nur das unmittelbare Umfeld (Familie, berufliches Umfeld, Bekannte und Freunde usw.) des Individuums und nicht die Einbettung dieses Umfeldes in die Gesellschaft. Es sind aber die gesellschaftlichen Bedingungen, die das unmittelbare Umfeld des Individuums prägen. Das Individuum wird also in seinem Umfeld immer auch mit den Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert. Die Frage ist also, wie die gesellschaftlichen Erwartungen die Entstehung des neurotischen Verhaltens mit verursachen.

Wenn wir fast alle mehr oder weniger neurotisch sind, dann sind wir mehr oder weniger auch uns selbst entfremdet. Wir sind in unserem Verhalten nicht mehr echt und haben den Kontakt zu unserem authentischen Selbst verloren. Wir sind zur Fassade geworden. Es ist nicht eine individuelle Fassade, sondern eine gesellschaftliche Fassade, denn die Fassade, das neurotische Verhalten, wird, wie ich in dieser Arbeit zeigen werde, maßgeblich durch die gesellschaftlichen Bedingungen verursacht.

Ausgehend von der Marxschen These, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt und das gesellschaftliche Sein von den materiellen Bedingungen (Produktionsverhältnissen) einer Gesellschaft bestimmt wird, beschreibe ich zunächst die ökonomischen Bedingungen, die unserer Gesellschaft zugrunde liegen. Ich beziehe mich dann auf den Gesellschaftscharakter (Erich Fromm), der sich aufgrund der ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft heraus bildet und insbesondere auf den Marketing-Charakter, der für unsere heutige kapitalistische Gesellschaft typisch ist. Der Marketing-Charakter des heutigen Menschen verdeutlicht in besonderer Weise die gesellschaftliche Fassade und neurotischen Strukturen. Das Schichtenmodell von Perls, auf das ich näher eingehen werde, zeigt auf, welcher Weg begangen werden muss, um die gesellschaftliche Fassade zu überwinden und zu unserem authentischen Kern zu gelangen. Im letzten Kapitel beschäftige ich mich mit Theater als gestalttherapeutischem Mittel zur Steigerung der Bewusstheit und wie es sich auf das Schichtenmodell der Neurose beziehen lässt.

1. Charakter und Gesellschaft

Die Frage nach dem Zusammenhang von Charakter und Gesellschaft ist nicht neu. Es war vor allem Erich Fromm, der sich ausgiebig mit dieser Frage beschäftigte. Erich Fromm (1900 – 1980), der Soziologie, Philosophie und Psychologie studiert hatte und 1922 bei Alfred Adler, der in Heidelberg Nationalökonomie und Soziologie lehrte, promovierte, ließ sich nach seiner Promotion zum Psychoanalytiker ausbilden. Am Frankfurter Institut für Sozialforschung, das 1923 gegründet wurde, war Erich Fromm von 1930 bis Ende 1938 Mitarbeiter. Er war Leiter der sozialpsychologischen Abteilung des Instituts und führte in dieser Zeit eine Untersuchung mittels Fragebogenerhebung über Angestellte und Arbeiter durch, „mit der er das Verhältnis von ökonomischer Lage und politischem Handlungsbewusstsein empirisch aufzeigen wollte“ (Fromm, Bd. 1, S.19). Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Institut für Sozialforschung ging Fromm Fragestellungen nach, die sich mit dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft beschäftigten, wobei er sich insbesondere mit der prägenden Wirkung der Struktur der Gesellschaft auf die Charakterstruktur des einzelnen Individuums auseinander setzte.

In seinem 1947 erschienenen Buch „Man for Himself“ beschäftigt sich Fromm mit den Zusammenhängen von Charakterstruktur und Gesellschaft. Wie der Mensch sich in Beziehung zu anderen Menschen setzt, ob liebend oder hassend, wetteifernd oder kooperierend, so schreibt Fromm in diesem Buch, bildet den Kern seines Charakters. Der Charakter ist „die Basis für seine Anpassung an die Gesellschaft“ (Fromm, Bd. 2, S.42). Die Charakterbildung erfolgt in der Familie. „Das Kind eignet sich den Charakter an, durch den es das tun will, was es tun muss und dessen innersten Kern es mit den meisten Gliedern seiner gesellschaftlichen Klasse oder des Kulturbereichs teilt, in dem es lebt“ (Fromm, Bd. 2, S.43). Laut Fromm haben die Angehörigen einer gesellschaftlichen Klasse bestimmte Charakterelemente gemeinsam und er spricht deshalb von einem Gesellschafts-Charakter. Er trennt jedoch den individuellen Charakter vom Gesellschafts-Charakter, „durch den sich innerhalb eines bestimmten Kulturkreises ein Mensch vom anderen unterscheidet“ (Fromm, Bd. 2, S. 43). So erleben zwei Menschen trotz gemeinsamer Charakterelemente die gleiche Umwelt mehr oder weniger immer verschieden.

1955 erschien sein Buch „The Sane Society“ (Wege aus einer kranken Gesellschaft) und auch in diesem Buch setzt er sich mit dem Gesellschafts-Charakter auseinander. So beschreibt er die Funktion des Gesellschafts-Charakters folgendermaßen: „Der Gesellschafts-Charakter hat die Funktion, die Energien der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft so zu formen, dass ihr Verhalten nicht von der bewussten Entscheidung abhängt, ob sie sich nach dem gesellschaftlichen Modell richten wollen oder nicht, sondern dass sie so handeln wollen, wie sie handeln müssen“ (Fromm, Bd. 4, S. 60).

Fromm ist daran interessiert, wie die sozio-ökonomischen Bedingungen der modernen Industriegesellschaft die Persönlichkeit des einzelnen Menschen prägen und dies heißt, dass jene Elemente verstanden werden müssen, die typisch für die kapitalistische Produktionsmethode und für eine auf Profit ausgerichtete kapitalistische Gesellschaft sind. Er beschreibt die allgemeinen Merkmale des Kapitalismus folgendermaßen:

Menschen verkaufen ihre Arbeitskraft dem Besitzer von Kapital auf dem Arbeitsmarkt durch einen Vertrag

Der freie Markt, durch dessen Mechanismus die Preise bestimmt werden und der Austausch der Güter und Dienstleistungen reguliert wird

Jedem Einzelnen geht es um den eigenen Profit und dass durch den Wettbewerb

aller der größtmögliche Vorteil für alle erzielt wird

In seinen Ausführungen geht Fromm, nachdem er sich mit den früheren Formen des Kapitalismus auseinandergesetzt hat, auf die wichtigsten Elemente im Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Im Unterschied zum frühen Kapitalismus verweist er auf die rapide Zunahme der Industrieproduktion, die damit verbundene ständige Vergrößerung der Betriebe und das Anwachsen des Verwaltungsapparats, die wachsende Konzentration des Kapitals und die Trennung von Eigentümern und Management in den Unternehmen. Weiterhin hebt er den wirtschaftlichen Aufstieg der Arbeiterklasse und die Bedeutung moderner Technologien in Fabrik und Büro hervor. Ein „entscheidendes Erlebnis des Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts ist das Produktionswunder“, das „zum Wunder des Konsums“ führt (Fromm, Bd. 4, S.80). Alles kann man konsumieren und es werden Menschen gebraucht, die „mehr und mehr konsumieren möchten, und deren Geschmack standardisiert und leicht zu beeinflussen und vorauszusagen ist“ (Fromm, Bd. 4, S.80).

Zum Ausgangspunkt seiner Analyse des Gesellschafts-Charakters wählt Fromm die Entfremdung. Der mittelalterliche Handwerker, so Fromm, stellte seine Waren für einen überschaubaren ihm bekannten Kundenkreis her. Seine Herstellungskosten kannte er aus Erfahrung und ohne komplizierte Berechnungen bestimmte er die Preise, die er für seine Waren verlangen musste, um einen Überschuss zu seinen Herstellungskosten zu erzielen, der es ihm ermöglichte, ein seinem gesellschaftlichen Stand entsprechenden Lebensstil zu verwirklichen. Anders der moderne Geschäftsbetrieb. Er beruht auf der Bilanz. Der moderne Manager kann sich nicht mehr auf die eigenen unmittelbaren Erfahrungswerte verlassen. Alles muss quantifizierbar sein und in Zahlen ausgedrückt werden. Die Bilanz, in welcher die wirtschaftlichen Prozesse zahlenmäßig ausgedrückt und verglichen werden, geben dem Manager Auskunft darüber, ob er gewinnbringend gearbeitet hat. Der Manager rechnet mit Millionen von Dollar, mit Millionen von Kunden, mit Tausenden von Arbeitern und Angestellten usw.. Aktionäre, Kunden, Arbeiter und Angestellte werden zu abstrakten Größen, die in Zahlen ausgedrückt werden. Der Manager hat keine persönlichen Beziehungen zu seinen Arbeitern und Angestellten. Er ist sich kaum bewusst, wie Entscheidungen des Unternehmens sich auf die persönlichen Belange der Beschäftigten auswirken. Er sieht nicht den konkreten Menschen, sondern nur die zahlenmäßig Erfassten und diese sind für ihn nur insofern interessant, inwieweit sie rentabel und gewinnbringend für das Unternehmen sind.

Der mittelalterliche Handwerker, der beispielsweise einen Tisch oder Stuhl herstellte, machte den ganzen Stuhl und den ganzen Tisch. Häufig verlieh er ihnen durch kunstvolle Verzierungen eine gewisse Ästhetik, durch die er auch etwas von seiner Persönlichkeit zum Ausdruck brachte. Er hatte einen Bezug zu seinem Produkt. Es war sein Werk. Anders verhält es sich in modernen Industrieunternehmen. Hier sind die Angestellten und Arbeiter mit einer Spezialarbeit beschäftigt. Dies gilt sowohl für den Fließbandarbeiter, dessen Tätigkeit sich auf wenige Handgriffe beschränkt als auch für den unteren und mittleren Angestellten, der im Produktionsprozess bestimmte spezialisierte Aufgaben übernimmt. Im übrigen gelten diese spezialisierten Tätigkeiten auch für den Dienstleistungsbereich. Keiner der Arbeiter und Angestellten kommt letztendlich in eine nähere Beziehung zum Endprodukt. Für den Manager, der zwar in Berührung mit dem Endprodukt steht, seien dies nun Güter oder Dienstleistungen, hat das Produkt nur etwas Abstraktes. Er sieht das Produkt in seinem Tauschwert. Der Gebrauchswert ist für ihn weniger interessant.

In den oberen Etagen des Unternehmens wird besprochen, wie das materielle Gut oder die Dienstleistung (Versicherungen, Kreditangebote, Reiseangebote usw.) aussehen soll, entsprechende Kostenberechnungen werden durchgeführt und Entwürfe geplant, es werden Arbeitsabläufe für die Herstellung des Produkts oder die Logistik zur Durchführung einer Dienstleistung entwickelt, um dann die unteren Abteilungen anzuweisen, entsprechend ihrer Teilaufgaben die einzelnen Teilschritte umzusetzen. Haben die oberen Führungskräfte ausreichend Kenntnisse über die Gesamtzusammenhänge, so wird aufgrund der zunehmenden Spezialisierung für die unteren Abteilungen der Gesamtzusammenhang immer undurchsichtiger. Die Entfremdung zum Produkt wird immer größer. Es gibt in den Unternehmen also eine Hierarchie, bei der die Entfremdung von oben nach unten immer mehr zunimmt. Der Fließbandarbeiter schließlich hat überhaupt keine Beziehung mehr zum Endprodukt. Natürlich sind auch die oberen Führungskräfte in gewisser Weise dem Produkt entfremdet, insofern der Tauschwert des Produkts für sie weitaus wichtiger ist als sein Gebrauchswert.

Die untergeordnete Bedeutung des Gebrauchswerts gegenüber dem Tauschwert für das Management zeigt sich unter anderem darin, dass Produkte auf den Markt geworfen werden, deren Nutzen für die Menschen äußerst fragwürdig ist. So werden durch gezielte Werbung und damit verbundenen Versprechungen Produkte angepriesen, die bei kritischer Prüfung nicht nur überflüssig, sondern sinnlos sind. Man denke nur an all das sinnlose Zeug, dass auf Esoterikmessen angeboten wird. Orgonstrahler, spezielle Fotoapparate, die in der Lage sein sollen, die Aura anderer Menschen aufzunehmen, Wünschelruten, Kristalle, die kosmische Kräfte beinhalten usw. können von Leichtgläubigen für nicht wenig Geld gekauft werden. Mag sein, dass der eine oder andere Vertreiber solcher Produkte selbst an ihren Wert glaubt, aber im Vordergrund steht eindeutig das Verkaufsinteresse und der Esoterikboom, wie er in den Neunzigern aufblühte, ist Garantie dafür, dass solche Produkte ihre Kunden finden und einen guten Gewinn einbringen. Nicht nur im Esoterikbereich, auch in vielen anderen Bereichen werden wir mit sinnlosen und zum Teil ethisch fragwürdigen Gütern und Dienstleistungsangeboten überschwemmt. Man denke nur an die Gewalt verherrlichenden Computerspiele, an die Heiratsinstitute, die mit thailändischen Frauen werben und deren Treue und Untergebenheit dem Mann gegenüber betonen oder an jene überteuerten Seminare gewisser Motivations - und Erfolgstrainer, in denen mit Sprüchen wie „Du schaffst es!“, Gib’ niemals auf!“ zu erwartender Erfolg und materieller Reichtum suggeriert wird. Natürlich ist es nicht so, dass der Kapitalismus nur unnützes Zeug produzieren würde. Der gewaltige technische Fortschritt, die Fortschritte im medizinischen Bereich (Apparate-Medizin, medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten) und auch das Internet, das trotz seines möglichen negativen Gebrauchs neue wertvolle und schnellere Formen der Informationsbeschaffung und des Kommunikationsaustausches bietet, sind ebenfalls ein Ergebnis kapitalistischer Produktionsweise. Der Verweis auf die vielen unnützen Produkte und Dienstleistungen soll vielmehr als Beleg dafür dienen, dass nicht der Gebrauchswert im Sinne eines wirklichen Nutzens für die Menschen ausschlaggebendes Motiv für das Management ist, sondern der Tauschwert, also der zu erwartende Profit, die primäre Motivation darstellt.

Wie bereits erwähnt, nehmen Arbeiter und Angestellte nicht teil an der Planung des Produkts noch verfügen sie über die notwendige Einsicht in den Gesamtzusammenhang des Produktionsprozesses. Sie führen auf Anweisung spezialisierte Aufgaben aus, bei deren Durchführung einzelne Teilfertigkeiten routiniert zum Einsatz kommen wie beispielsweise schnelles Tippen (hohe Zahl von Anschlägen pro Minute) und Stenographieren bei Sekretärinnen oder ein gewisses feinmotorisches Geschick zur schnellen Durchführung von Montierarbeiten am Fließband bei Arbeitern. Arbeiter und Angestellte der unteren Ebene arbeiten nicht nur nach Anweisung von oben, sondern auch die Arbeitsabläufe selbst sind weitgehend nach Effizienzgesichtspunkten organisiert. Am Fließband sind die Arbeitsabläufe am weitesten durchorganisiert und optimiert worden (Taylorismus). Auf die Organisation der Arbeitsabläufe aber haben Angestellte und Arbeiter keinen Einfluss. Sie müssen innerhalb des vorgegebenen Rahmens schnell und zuverlässig funktionieren. Der Zeitfaktor spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn Zeit ist Geld. Von selbstbestimmter und selbstgestalteter Arbeit kann also keine Rede sein. Auch das mögliche kreative Potential der Einzelnen kommt kaum zur Geltung. Mag sein, dass der eine oder andere als Leiter einer unteren Abteilung eine gewisse Selbstbestätigung dadurch erfahren kann, indem er Befehle von oben seinen Untergebenen weitergibt und auf ihre ordnungsgemäße Durchführung achtet, aber im Großen und Ganzen wird die Arbeit als fremdbestimmt und als „Muss“ erfahren. Arbeiter und Angestellte tun das, was sie tun müssen und die wichtigste Motivationsquelle ist der Lohn. Dies wissen auch die Gewerkschaften und so setzen sie sich weniger dafür ein, dass Arbeiter und Angestellte selbstbestimmt arbeiten und die Arbeitsabläufe selbst gestalten können, als vielmehr dafür, dass sie mehr Lohn bekommen. Auch hier zeigt sich wieder der Tauschwert, der in Geld bemessene Wert der Ware Arbeitskraft, als die entscheidende Motivationsquelle.

Es wird also sowohl vom Gebrauchswert des Produkts als auch von der konkreten Arbeit abstrahiert und der Wert ist lediglich der in Zahlen erfassbare, d. h. quantifizierte Tauschwert. So schreibt Fromm, dass „die moderne Massenproduktion ohne diese Quantifizierung und Abstraktion undenkbar“ (Fromm, Bd. 4, S. 83) wäre, „aber in einer Gesellschaft, wo die Beschäftigung in der Wirtschaft zur Hauptbeschäftigung der Menschen geworden ist, reicht dieser Quantifizierungs- und Abstraktionsprozess weit über den Bereich der wirtschaftlichen Produktion hinaus und ist für die allgemeine Einstellung der Menschen zu den Dingen, zu anderen Menschen und zu sich selbst kennzeichnend geworden“ (Fromm, Bd. 4, S. 83). Fromm unterscheidet zwischen zwei Arten, wie man mit einem Gegenstand in Beziehung treten kann. Zum einen auf eine abstrakte Weise, indem die gemeinsamen Eigenschaften, die er mit anderen Gegenständen seiner Gattung gemeinsam hat, hervorgehoben werden oder man kann sich auf ihn als konkreten Gegenstand beziehen und er wird in seiner Einzigartigkeit deutlich. „Wenn man mit einem Objekt eine volle, produktive Beziehung eingehen will, dann gehört hierzu die Polarität, dass man ihn in seiner Einzigartigkeit und gleichzeitig in seiner Allgemeinheit wahrnimmt, sowohl in seiner Konkretheit wie auch in seiner Abstraktheit“ (Fromm, Bd. 4, S.83). Heute ist nach Fromm diese Polarität „einer fast ausschließlichen Beziehung zu den abstrakten Eigenschaften von Dingen und Menschen gewichen, und man versäumt, zu ihnen in ihrer Konkretheit und Einzigartigkeit in Beziehung zu treten“ (Fromm, Bd. 4, S. 83). Die abstrakte Form, sich in Beziehung zu den Dingen und Menschen zu setzen, ist der Tauschwert. Menschen werden danach ausgewählt, was sie in bezug auf den eigenen Vorteil bzw. Profit wert sind. Beziehungen werden zu einem „Deal“. Lohnt es sich, mit diesem Menschen in Beziehung zu treten, kann er in bezug auf die eigene Karriere vorteilhaft sein? Ein schauspielerisch unbegabtes aber attraktives Fotomodell ist für die Besetzung einer Filmrolle für einen Produzenten wertvoller als eine nur durchschnittlich aussehende aber ansonsten sehr gute Schauspielerin, wenn nach seiner Meinung dadurch die Besucherzahlen ansteigen und die Einnahmen sich erhöhen. Der Marktwert (Tauschwert) des Fotomodells ist höher als der Marktwert der Schauspielerin. Für diese Art von Beziehung gibt Fromm ein beeindruckendes Beispiel, indem er schreibt: „Für die meisten Menschen ist eine Rose eben gerade nicht eine Rose, sondern eine Blume einer bestimmten Preisklasse, wie man sie bei gewissen gesellschaftlichen Anlässen kauft. Selbst die schönste Feldblume, die nichts kostet, wird nicht in ihrer Schönheit im Vergleich zu einer Rose erlebt. Denn sie besitzt keinen Tauschwert“ (Fromm, Bd. 4 S.84).

1.1 Ökonomische Bedingungen

Für Fromm ist ein wesentliches Merkmal der Entfremdung, dass das einzelne Individuum sich nicht mehr als Verursacher seiner Handlungen erlebt; vielmehr sind seine Handlungen und deren Folgen zu seinen Herren geworden, denen es gehorcht (Vgl. Fromm, Bd. 4, S. 88). Wie bereits erwähnt, leitet zwar der Manager das Unternehmen und überschaut das Ganze, aber zu „seinem Produkt als etwas Konkretem und Nützlichem“ (Fromm, Bd. 4, S.91) ist er entfremdet. Er erlebt sich in seinem Handeln Kräften ausgeliefert, die er und die Manager anderer Unternehmen durch ihr eigenes Tun ständig hervorbringen. Die Konkurrenz sitzt dem einzelnen Manager im Nacken und er muss alles dafür tun, dass sein Unternehmen auf dem Markt erfolgreich ist. Nicht nur die Arbeiter und Angestellten sind ihrer Arbeit entfremdet, da sie Arbeitsbedingungen ausgeliefert sind, die sie kaum beeinflussen noch kontrollieren können, auch der Manager selbst erlebt sich als ein „Getriebener“.

Karl Marx hat wohl in seinem bedeutendsten Werk „Das Kapital“, das von der Verwandlung des Geldes in Kapital handelt, erklärt, wie es zur Bildung von Kapital kommt und was unter Verwertung des Kapitals zu verstehen ist. Er geht von der Warenzirkulation aus. Die einfache Warenzirkulation hat folgende Form: Ware (W) – Geld (G) – Ware (W). „Der Kreislauf W – G – W geht aus von dem Extrem einer Ware und schließt ab mit dem Extrem einer anderen Ware, die aus der Zirkulation heraus und der Konsumtion anheimfällt. Konsumtion, Befriedigung von Bedürfnissen, mit einem Wort, Gebrauchswert ist daher sein Endzweck“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S. 164). Die einfache Warenzirkulation dient also ausschließlich der Bedürfnisbefriedigung und war in vorkapitalistischen Gesellschaften, soweit Geld neben den naturalwirtschaftlichen Formen (Austausch von konkreten Gütern) eine Rolle spielte, die übliche Form. So verkauft beispielsweise der Bauer sein Getreide gegen Geld und dieses Geld tauscht er gegen andere Güter ein, z. B. Arbeitsmittel, die er für die Bewirtschaftung seines Hofes braucht und zusätzliche Güter, die er zu seinem Lebensunterhalt benötigt. Der Preis, den er für sein Getreide erhält und den er für die von ihm benötigten Güter bezahlen muss, richtet sich zum einen danach, wieviel gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit zur Produktion des Getreides und der von ihm benötigten Güter aufgewendet wurde und zum anderen ist er abhängig vom Angebot und der Nachfrage. Der Bauer kann zwar sein Getreide über den Wert verkaufen oder er kann selbst übervorteilt werden, doch wäre dass eher die Ausnahme als die Regel, denn Preiswucher ist allemal rufschädigend. „Die Wiederholung oder Erneuerung des Verkaufs, um zu kaufen, findet wie dieser Prozess selbst, Maß und Ziel an einem außer ihm liegenden Endzwecke, der Konsumtion, der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S. 166). Es könnte leicht das Missverständnis entstehen, dass sich die einfache Warenzirkulation nur auf Erzeugnisse beschränkt. Die einfache Warenzirkulation bezieht sich auch auf Dienstleistungen, da sie auf dem Markt ebenso wie die Erzeugnisse einen Tauschwert haben und deshalb Waren sind. Nehmen wir als Beispiel einen Händler, der in bestimmten Regionen Waren kauft und sie in Städten oder Gegenden verkauft, die diese Waren selbst nicht herstellen können, aber eine Nachfrage nach ihnen besteht. Im übrigen lag darin ursprünglich die Bedeutung der Händlertätigkeit. Der Händler bietet also eine Dienstleistung an. Natürlich muss er die Waren teurer verkaufen als er selbst dafür bezahlt hat. Der Preis für seine Dienstleistung ist die Differenz, die sich aus dem Verkauf der Waren zum Einkaufspreis ergibt. Ist es ein seriöser Händler, wird er seine Waren nicht überteuert anbieten und den Verkaufspreis so bestimmen, dass der Überschuss, also die Differenz, den zeitlichen Aufwand in etwa abdeckt, der mit dem Erwerb und Transport der Waren verbunden war. Natürlich wird der Verkaufspreis auch von der Nachfrage nach seinen angebotenen Erzeugnissen beeinflusst. Mit dem Überschuss, den er aus dem Verkauf der Waren erhält, kauft er sich wiederum nach Abzug der ihm entstandenen Transportkosten und möglichen anderen Kosten, die sich auf seine Händlertätigkeit beziehen, Güter, die er für seinen persönlichen Lebensunterhalt benötigt. Der Händler bietet also eine Dienstleistung (Ware) an, erhält dafür Geld und kauft sich wiederum Waren für seinen persönlichen Lebensunterhalt. Auch hier endet die Warenzirkulation mit der Bedürfnisbefriedigung. Bei der einfachen Warenzirkulation wird kein Kapital gebildet und so kommt es auch nicht zu einer Verwertung des Kapitals.

Anders verhält es sich mit der zweiten Art der Warenzirkulation. Sie besteht aus der „Verwandlung von Geld in Ware und Rückverwandlung von Ware in Geld, kaufen, um zu verkaufen“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S. 162). Die Form lässt sich so ausdrücken: G – W – G. Es ist eine Frage der Motivation, ob verkauft wird, um zu kaufen (einfache Warenzirkulation) oder gekauft wird, um zu verkaufen (Zweite Form der Warenzirkulation, die dem Zweck der Kapitalbildung dient). Dem kapitalistisch orientierten Kaufmann geht es nicht darum, eine Dienstleistung anzubieten, für die er bezahlt werden möchte. Ihm geht es darum, immer mehr Kapital zu bilden. Er versucht also, Waren so billig zu kaufen, dass trotz des Verkaufs der Waren zu einem angemessenen Preis sich eine hohe Differenz (Überschuss) zwischen Einkaufspreis und den Einnahmen aus dem Verkauf ergibt. Man denke an das Verlagssystem, das sich im 14. und 15. Jahrhundert in Norditalien und Flandern herausbildete. „Im Verlagssystem geraten ehemalige selbstständige Handwerker in die Abhängigkeit von Großkaufleuten (Verleger), die ihnen die Rohstoffe zur Produktion in Heimarbeit vorlegen und dafür Abnahme und Absatz des Produkts garantieren“ (Der Brockhaus Geschichte, S.899). Die Großkaufleute drückten die Preise der aufgekauften Waren und die Handwerker waren gezwungen, immer schneller und länger zu arbeiten, da der Preis für das einzelne Erzeugnis so gering war, dass nur ein Mehr an Erzeugnissen ihnen ein Auskommen sichern konnte. Der kapitalistische Kaufmann versucht also, die Preise zu drücken, um durch den Verkauf einen möglichst hohen Überschuss zu erhalten. Von diesem Überschuss bleibt nach Abzug der Transportkosten, möglicher anderer Kosten für seine Tätigkeit und seiner Lebenshaltungskosten ein Mehrwert übrig, der nun zur weiteren Kapitalbildung dient. Folgendes Beispiel soll dies veranschaulichen: Der Kaufmann gibt 100 Geldeinheiten (GE) für die Waren aus und verkauft sie für 150 GE. Transportkosten und andere Kosten, die auf seine Tätigkeiten entfallen, betragen 10 GE. Für seinen persönlichen Bedarf benötigt er 20 GE. Bekanntlich kann man von Reichen das Sparen lernen und da unser Kaufmann zu jenen gehört, die durchschaut haben, wie man zu Reichtum kommen kann, wird er auch nicht mehr als 20 GE für sich ausgeben. Er ist sparsam. Es bleiben also 120 GE übrig, die er wieder in den Kauf von Waren investiert. Er verkauft sie wieder um die Hälfte teurer und erhält 180 GE. Nehmen wir an, die Transportkosten und anderen Kosten für seine Tätigkeit erhöhen sich aufgrund der größeren Warenmenge auf 15 GE. Sparsam, wie er ist, gibt er für sich nicht mehr als 20 GE aus. Es bleiben ihm also 145 GE und er hat damit einen Kapitalzuwachs von 25 GE. Diese 145 GE steckt er wieder in Waren und verkauft sie um die Hälfte teurer. Er erhält 217,5 GE. Nach Abzug der Transportkosten und sonstiger Geschäftskosten, die sich wiederum erhöht haben (nehmen wir an, sie betragen jetzt 20 GE) und Abzug der persönlichen Lebenshaltungskosten von 20 GE hat er jetzt 177,5 GE und damit einen Kapitalzuwachs von 32,5 GE. Wenn wir uns die Kapitalzuwächse in der Reihenfolge betrachten, 20 GE - 25 Ge - 32,5 GE, wird deutlich, wie sich das Kapital des Kaufmanns immer mehr vermehrt. Der Kaufmann gibt also Geld aus, um als Verkäufer wieder Geld einzunehmen und handelt entsprechend dem Kreislauf G – W – G. Beginnt er diesen Kreislauf immer wieder von neuem, wird er bald einen so hohen Kapitalzuwachs haben, der es ihm ermöglicht, sowohl sein kaufmännisches Unternehmen auszudehnen und sich selbst mehr zu gönnen. Kurzum, er wird reich.

Bei der einfachen Form des Warenkreislaufs, nämlich verkaufen, um zu kaufen, liegt der Endzweck außerhalb der Zirkulation und zwar in der „Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S.167). In der Befriedigung von Bedürfnissen findet er, wie Marx es ausdrückt, sein Maß und Ziel. Anders verhält es sich bei der Zirkulationsform G – W – G. Am Anfang steht Geld und am Ende steht Geld und soll es sich um keine Tautologie handeln, muss das Geld am Ende mehr sein. Dies aber ist der Sinn dieser Zirkulationsform: aus Geld mehr Geld zu machen! Sie wird nicht begrenzt durch die Bedürfnisbefriedigung. Bei jeder Wiederholung dieses Kreislaufs kommt mehr Geld heraus und eben deshalb wird er immer wiederholt. „Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S. 167). Die Verwertung des Werts ist der objektive Inhalt dieser Zirkulationsform. „Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens“ (Marx Engels Werke, Bd. 23 S.168). Marx verweist in einer Anmerkung auf Aristoteles, der Ökonomik der Chrematistik gegenüber stellt. Stellt die Ökonomik eine Erwerbskunst dar, die sich auf die Produktion von nützlichen Gütern beschränkt, also Gebrauchswerten, deren Besitz aber nicht unbegrenzt ist, so handelt es sich bei der Chrematistik um eine Erwerbskunst, für die es keine Grenze des Reichtums und des Besitzes gibt. Die Zirkulation ist für sie die Quelle des Reichtums. Bei ihr steht am Anfang und am Ende von jedem Austausch das Geld. Ihr Ziel ist absolute Bereicherung (vgl. auch Marx Engels Werke, Bd. 23, S. 167). Aristoteles hätte sich demnach wohl kaum mit dem heutigen Kapitalismus anfreunden können.

Nun ist natürlich dieser sich selbstverwertende Kapitalkreislauf nicht nur auf das kaufmännische Tun beschränkt, sondern gilt ebenso für den Geldverleih. Für das Zinskapital, von Marx auch Wucherkapital genannt, gilt die Zirkulationsformel nur etwas verkürzt: G – G. Soll die Formel einen Sinn ergeben, muss natürlich das zurückfließende Geld höher sein, so dass nach Abzug des Geldes, welches für Verwaltung und Lebensunterhalt gebraucht wird, eine größere Geldmenge als zuvor verliehen werden kann. Dies führt wiederum zu mehr Zinsen und dazu, dass noch mehr Geld verliehen werden kann und auf diese Weise, wir wissen es bereits, setzt sich der sich selbstverwertende Kapitalkreislauf fort.

Auch „das industrielle Kapital ist Geld, das sich in Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt“ (Marx Engels Werke, Bd. 23, S.170). Das Besondere am industriellen Kapital besteht nun darin, dass zwar das zur Herstellung der Güter notwendige Rohmaterial wie auch die bei der Verarbeitung zusätzlich benötigten Stoffe (Stoffe, die in das Produkt selbst eingehen und Stoffe, die zum Betrieb der Maschinerie notwendig sind) zum gängigen Marktpreis eingekauft und die produzierten Güter selbst in der Regel nicht zu einem überteuerten Preis verkauft werden, dass aber das Industrieunternehmen aus dem Güterverkauf trotzdem hohe Gewinne erzielt. Das bedeutet, dass die Gewinne sich zwar erst in der Zirkulation durch den Verkauf realisieren, aber die Bildung des Mehrwerts nicht wie beim Handels – oder Zinskapital aus der Zirkulation selbst erklärt werden kann. Marx ging dieser Frage nach und versuchte sie, mit seiner Mehrwerttheorie zu beantworten.

Marx geht davon aus, dass der Arbeiter für seinen Lohn, der für die Reproduktion der Ware „Arbeitskraft“ notwendig ist, weitaus weniger Arbeitszeit aufzubringen hätte als die Zeit, die von ihm tatsächlich erbracht worden ist. Er legt seinen Überlegungen die Arbeitszeit zugrunde. Der Gesamtzahl an Waren ( materielle Güter und Dienstleistungen) entspricht eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. In allem, was der Arbeiter für seinen Lebenserhalt braucht, steckt ein bestimmtes Quantum gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Dem täglichen durchschnittlichen Verbrauch des Arbeiters an Gütern und Dienstleistungen entspricht auch ein täglich durchschnittlicher Verbrauch an gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit. Der Arbeiter fügt nun wiederum in der Produktion den Gütern durch seine Arbeit Arbeitszeit hinzu. Ist der Arbeiter oder Angestellte im Dienstleistungsbereich tätig, enthalten natürlich die von ihm erbrachten Dienstleistungen (seine) Arbeitszeit. Laut Marx wäre die durchschnittliche Arbeitszeit, die in den vom Arbeiter für seinen Lebenserhalt verbrauchten Gütern und Dienstleistungen enthalten ist, mit einer wesentlich kürzeren täglichen Arbeitszeit abgedeckt als die vom Arbeiter tatsächlich abverlangte tägliche Arbeitszeit. Der Arbeiter arbeitet also länger und setzt den Gütern mehr Arbeitszeit und damit mehr Wert hinzu, als er selbst an Wert erhält. Dieser vom Arbeiter geschaffene Mehrwert, der durch unbezahlte Mehrarbeit entsteht, wird vom Unternehmer einbehalten. „Dass ein halber Arbeitstag nötig, um ihn während 24 Stunden am Leben zu erhalten, hindert den Arbeiter keineswegs, einen ganzen Tag zu arbeiten. Der Wert der Arbeitskraft und ihre Verwertung im Arbeitsprozess sind also zwei verschiedne Größen. Diese Wertdifferenz hatte der Kapitalist im Auge, als er die Arbeitskraft kaufte“ (Bd. 23, Marx Engels Werke, S. 208). Der besondere Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft besteht darin, „Quelle von Wert zu sein und von mehr Wert, als sie selbst hat“ (Bd. 23, Marx Engels Werke, S. 208).

Marx (1818 – 1883) lebte in der Zeit, in der sich der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft vollzog. Diese Phase des Übergangs wird auch als industrielle Revolution bezeichnet. Sie begann seit etwa 1785 in Großbritannien und setzte später in anderen westeuropäischen Ländern sowie in Nordamerika und Japan ein (Vgl. Der Brockhaus, Geschichte, S. 389). In dieser Zeit verschärfte sich die soziale Situation „durch Bevölkerungsexplosion und Landflucht, die das Angebot an Arbeitskräften vermehrten; dies wiederum drückte die Löhne und führte zur Ausnutzung der billigeren Frauen – und Kinderarbeit, sodass nur durch die Tätigkeit mehrerer Personen einer Familie das Existenzminimum erarbeitet werden konnte“ (Der Brockhaus, Geschichte, S. 823). Bezogen auf die industriellen Verhältnisse seiner Zeit hatte Marx durchaus mit seiner Mehrwerttheorie recht. Doch der heutige Kapitalismus hat ein anderes Gesicht als der Frühkapitalismus. Automation und Computertechnologie führten zu einer immensen Erhöhung der Produktivität - man betrachte nur die hohe Anzahl der angebotenen Güter und Dienstleistungen - und die Gewerkschaften erreichten im Vergleich zum Frühkapitalismus erhebliche Arbeitszeitverkürzungen (40 Std. – Woche und in manchen Branchen die 38 Std. – Woche) und weitaus bessere Löhne. Bezogen auf die westlichen kapitalistischen Länder ist es weitgehend nicht mehr so, dass Arbeiter und Angestellte durch unbezahlte Mehrarbeit den Mehrwert schaffen, den die Unternehmer einbehalten. Die Mehrwertbildung ist hier auf die modernen Produktionstechnologien übergegangen. Automatisierung und Computertechnologie bewirken die massenhafte Steigerung der angebotenen Güter und Dienstleistungen, die zu den hohen Unternehmensgewinnen führt. Auf den heutigen Kapitalismus lässt sich die Mehrwerttheorie nur noch eingeschränkt anwenden, nämlich dort, wo wir frühkapitalistische Verhältnisse vorfinden. Was für die Industrieproduktion gilt, gilt natürlich auch für den Dienstleistungsbereich. Beruhen die Profite der Industrie auf gesteigerte Produktion durch moderne Produktionstechnologien, so erzielen die Dienstleistungsunternehmen (Tourismus, Versicherungen, usw.) ihre Gewinne, indem sie einer Vielzahl von Kunden mittels einer ausgeklügelten Computer – und Kommunikationstechnologie ihre Dienstleistungen anbieten. Natürlich werden in der Industrie und im Dienstleistungsbereich darüber hinaus weitere Gewinne durch reine Geldgeschäfte (Aktien, Wertpapiere usw.) erzielt; hierbei denke man an den verkürzten Zirkulationskreislauf G – G (Marx).

Der Hinweis auf Arbeitszeitverkürzungen und bessere Löhne soll nicht darüber hinweg täuschen, dass es im Zuge der Globalisierung und des seit den 80igern immer stärker werdenden neoliberalistischen Geistes sowohl in der Industrie wie auch im Dienstleistungsbereich zu Entwicklungen gekommen ist, die an frühkapitalistische Verhältnisse erinnern. So hört man von Unternehmen, die ihren Beschäftigten, die 40 Stunden in der Woche arbeiten, Löhne bezahlen, die es nicht erlauben, davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Beschäftigten sind auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Begründet wird die geringe Bezahlung damit, dass der freie Markt eine bessere Bezahlung nicht hergäbe. Verschwiegen wird allerdings, dass diese Unternehmen auf Kosten der Beschäftigten hohe Profite erzielen wollen. In einer der politischen Sonntagabendsendungen von Anne Will wurde über diese sogenannten Niedriglöhne gesprochen und eine in einem „Call-Center“ beschäftigte Frau berichtete, dass sie einen Stundenlohn von fünf Euro erhalte und, obwohl sie 40 Stunden in der Woche arbeite, davon nicht leben könne. Das Demütigende für sie sei, dass sie bei den Ämtern vorstellig werden müsse, um zusätzliche finanzielle Unterstützung zu erhalten, damit sie für ihren Lebensunterhalt aufkommen könne. Wir können in Anbetracht dieser Billiglohnjobs und auch in Anbetracht der Ein-Euro-Jobs von staatlich subventionierter Ausbeutung reden. Diese Wiederbelebung frühkapitalistischer Verhältnisse in den Ursprungsländern des Kapitalismus erscheint fast harmlos im Vergleich zu den Verhältnissen, die, durch die Globalisierung bedingt, in Ländern wie China, Honduras, Mexiko, Guatemala, Südkorea, den Philippinen usw. auftreten. Hier wurden in Freizonen, die steuerfrei und frei von Einfuhr- und Ausfuhrzöllen sind, Fabriken errichtet, in denen im Auftrag transkontinentaler Unternehmen bestimmte Markenprodukte (Textilien, Sportartikel, Computerteile usw.) hergestellt werden. Die in diesen Fabriken beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen arbeiten am Tag 14 bis 16 Stunden und erhalten Hungerlöhne. So schreibt Jean Ziegler, der unter anderem als Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung tätig ist: „Ich habe selber die grauen, tristen, mit Stacheldrahtzäunen abgesperrten Barackenlager gesehen, die sich zu Füßen der alten Stadt Santo Domingo in der Karibik erstrecken. Ich erinnere mich an die Scharen von jungen Arbeiterinnen – die Gesichter vorzeitig gealtert, die Bewegungen schwerfällig, die Körper erschöpft – , die gegen 20 Uhr, zum Ton einer Sirene, diese Sonderproduktionszone der Dominikanischen Republik verließen. Auch in den westlichen Vorstädten von Dakha in Bangladesh habe ich Scharen ausgemergelter Arbeiterinnen gesehen, die erschöpft aus den Textilfabriken der Sonderproduktionszone kamen und in ihre von Ratten verseuchten Hütten in der Elendssiedlung von Goulshan heimkehrten“ (Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt, S. 107). Es ist also keineswegs so, dass die Mehrwerttheorie überhaupt nicht mehr zuträfe. Es könnte der Eindruck entstehen, dass gegen den Kapitalismus, abgesehen von den globalisierungsbedingten und nach Meinung der Anhänger des freien Welthandels überwindbaren negativen Begleiterscheinungen, nichts einzuwenden sei. Immerhin hat er einen gewaltigen technischen Fortschritt bewirkt und die modernen Technologien machen es nicht mehr nötig, die menschliche Arbeitskraft durch lange Arbeitszeiten und geringe Löhne auszubeuten, auch wenn die Ausbeutung der Arbeitskraft immer noch nicht völlig überwunden ist. Dieser Eindruck aber wäre falsch, denn selbst wenn alle abhängig Beschäftigten angemessene Löhne erhielten und die Arbeitszeiten zumutbar wären, bliebe eines immer noch: Die Entfremdung! Die einfache Warenzirkulation dient der Bedürfnisbefriedigung. Sie beginnt mit dem Verkauf einer Ware (materielles Gut oder Dienstleistung) und endet mit dem Kauf von Waren (materielle Güter, Dienstleistungen) für den persönlichen Lebensunterhalt. Anders ausgedrückt: Es wird gearbeitet, um leben zu können! Die andere Form der Warenzirkulation, G – W – G, dient der Bereicherung. Sie dient dazu, aus Geld mehr Geld zu machen. Hier lässt sich sagen: Es wird gearbeitet, um immer reicher zu werden! Dieser Kreislauf dient nicht der Bedürfnisbefriedigung und die Aussicht auf immer größer werdende Gewinne ist die Motivation, die diesen Kreislauf durch Einsatz von immer höheren Kapitalsummen vorantreibt. Er ist, wie Marx es formuliert, Selbstzweck und daher maßlos. Der Kapitalismus ist durch diesen Selbstverwertungsprozess des Kapitals charakterisiert und die meisten im Kapitalismus lebenden Menschen sind Sklaven dieses Prozesses. Sie bestimmen nicht über sich selbst, sondern unterliegen dem Zwang, aus allem, was sie einsetzen, sei es Geld oder sich selbst, mehr zu machen; und wenn sie dann mehr Geld haben oder aus sich selbst mehr gemacht haben, müssen sie noch mehr Geld haben und noch mehr aus sich selbst machen. Dieses Streben nach immer mehr kennt keine Grenzen, denn es ist Selbstzweck und für viele der eigentliche Lebenssinn. Es spielt keine Rolle, ob dieser Selbstverwertungsprozess auf Geld oder die eigene Person bezogen ist, beides fungiert in diesem Zusammenhang als Kapital. Eine Kritik dieses Selbstverwertungsprozesses muss abgewehrt werden, bedeutet sie doch für die meisten im Kapitalismus lebenden Menschen einen Angriff auf ihren Lebenssinn. Es bliebe nichts übrig, wenn man nicht mehr durch dieses Streben nach immer mehr motiviert wäre. Es gäbe keinen Sinn mehr. Wenn aber ein sinnvolles Leben ohne dieses Streben nach immer mehr nicht vorstellbar ist, dann allerdings ist man entfremdet. So sind die meisten Menschen zu Mitteln eines außer ihnen liegenden Zwecks geworden, der kein Ende findet: Sich selbst und ihr Geld immer wieder von neuem zu verwerten! Der authentische Mensch sieht sich selbst als Zweck, der kapitalistisch Entfremdete rennt der Verwertung seines Geldes und seiner Person hinterher.

[...]

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Fassade oder Authentizität
Untertitel
Ein gestalttherapeutischer Weg zur Überwindung der gesellschaftlichen Fassade unter Berücksichtigung von Theater als gestalttherapeutischem Mittel zur Steigerung der Bewusstheit
Veranstaltung
Abschlussarbeit zur Erreichung des Zertifikats als Gestalttherapeut
Autor
Jahr
2008
Seiten
52
Katalognummer
V151368
ISBN (eBook)
9783640668328
ISBN (Buch)
9783640668427
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rückmeldung des Instituts: Die Arbeit wurde als hervorragend eingestuft und entspricht laut der Institutsleitung in besonders wertvoller Weise den Anforderungen an eine Prüfungsarbeit.
Schlagworte
Marketing-Charakter, Authentisches Selbst, Schichtenmodell der Neurose, Wahre und falsche Bedürfnisse, "Topdog-Underdog"-Theater Erich Fromm Fritz Perls Gestalttherapie Karl Marx
Arbeit zitieren
Friedrich Bugl (Autor:in), 2008, Gesellschaftliche Fassade oder Authentizität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151368

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