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Die "Trennung vom Ursprung als Schuld". Romantische Abstrafung in den Märchennovellen Ludwig Tiecks

Der blonde Eckbert & Der Runenberg

Title: Die "Trennung vom Ursprung als Schuld". Romantische Abstrafung in den Märchennovellen Ludwig Tiecks

Term Paper (Advanced seminar) , 2024 , 26 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Travis Puhl (Author)

German Studies - Modern German Literature
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"Der romantische Dichter, weit entfernt von der Bereitschaft, die Lebensbewegung in der ihr angemessenen Richtung zu verstehen, scheint – anders lässt sich das Märchen nicht deuten – schon die Trennung vom Ursprung als Schuld zu empfinden," mit diesem Zitat beschreibt Josef Kunz pauschal die Ideologie des deutschen romantischen Dichters, führt dies aber nicht genauer aus. Kunz’ Zitat soll für die folgende Analyse als Aufhänger dienen, um Ludwig Tiecks Märchennovellen unter dem Aspekt des Gedankens Kunz’ zu analysieren. Der vage Begriff des Ursprungs oder der Ursprünglichkeit, dessen Trennung – so das Zitat Kunz’ – eine Schuld evoziert, erfährt eine Art Sakralisierung; es gilt, das Ursprüngliche zu schützen, so erscheint es. Dabei kann die Trennung vom Ursprung zwei verschiedene Bedeutungen aufweisen: zum einen jene, die das Ursprüngliche als das Natürliche versteht (erste Bedeutung), zum anderen die Bedeutung des zuerst Dagewesenen (zweite Bedeutung). Im narratologischen Verständnis wäre letzteres ein in der Chronologie ganz am Anfang stehendes Ereignis, welches die Geschichte in eine definite Richtung lenkt. Aber an was ist dieser vage Begriff eigentlich genknüpft? Die Frage impliziert schon, dass der Begriff an etwas geknüpft sein muss, nämlich an gewisse gesellschaftliche Vorstellungen zu einem gewissen Zeitpunkt zu einem Thema, die so und nur so als natürlich zu verstehen waren – in dem Fall zur Epoche der deutschen Romantik Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Novellenpoetologie Tiecks: «das Chaos, nicht die Ordnung»

3. Das Verbotene und die «Naturwidrigkeit» – das Natürliche als Ordnungs-, Rechts- und Gender-Idee in Familien- und Ehekonzepten

4. Der blonde Eckbert: Berthas Natur- und Ordnungsbrüche

4.1. Innerfamiliale Konflikte: Berthas Kindheit als Prolepse

4.2. Der Ausbruch aus dem Raum: das Haus als Grenze zur Natur

4.3. Die Ehe mit Eckbert: der natur- und gesetzeswidrige Inzest

5. Der Runenberg: Christians Natur- und Ordnungsbrüche

5.1. Das Motiv der Entwurzelung: Christians Entfernung aus der Heimat

5.2. Der Ausbruch aus dem Raum: Dorf vs. Natur

5.3. Die Ehe mit Elisabeth: Christians unterdrückte Libido

6. Schluss

Zielsetzung und Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die romantischen Märchennovellen Ludwig Tiecks, insbesondere Der blonde Eckbert und Der Runenberg, unter dem Aspekt des Konzepts der „Trennung vom Ursprung als Schuld“. Dabei wird analysiert, wie Protagonisten durch Grenz- und Ordnungsbrüche – vor allem im Bereich von Ehe-, Familien- und Geschlechterrollen – eine Schuld auf sich laden, die den weiteren Handlungsverlauf in ein existenzielles Chaos führt.

  • Analyse der romantischen Novellenpoetologie nach Tieck
  • Untersuchung von Natur- und Ordnungsverständnissen der Epoche
  • Dekonstruktion von Ehe- und Familienkonzepten unter dem Aspekt der Naturwidrigkeit
  • Darstellung der „Trennung vom Ursprung“ als treibendes Element narrativer Schuld
  • Interpretatorische Gegenüberstellung von geschlechtsspezifischen Raum- und Bindungserfahrungen

Auszug aus dem Buch

4.2. Der Ausbruch aus dem Raum: das Haus als Grenze zur Natur

Josef Kunz untermauert die These im Abschnitt über 4.1., wenn er Folgendes schreibt: «[...] dann beginnt diese, darin dem Einsatz dieses oder jenes Volksmärchens gleich, mit dem Motiv der Trennung von Eltern und Kind»40. Betrachtet man dazu erneut die im 3. Kapitel aufgeführten Ordnungen und deren Brüche, liegt die zweite Schuld bei der Trennung Berthas von ihren Eltern:

Ich war der Verzweiflung nahe. Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich wußte, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hineinblickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehen, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln.41

Bertha schildert ihren Ausbruch aus dem familialen Raum des Hauses ihrer Eltern in die Natur. Natascha Würzbach ergänzt hierzu, dass es «geschlechtsspezifische Unterschiede im Erleben und Handeln»42 von sozialen Räumen gibt, wenn jene von männlichen und weiblichen Figuren gleichermaßen konsultiert werden. Sie kombiniert diese Idee mit der Idee der Familienkonzeption und schreibt weiter:

Besonders aufschlussreich für die prekäre Stellung der Frau in der Gesellschaft, für ihre Positionierung an einem doppelten Ort zwischen männlicher Fremdbestimmtheit und Streben nach Selbstbestimmung, sind dabei die Ambivalenzen, mit denen Raumerfahrung weiblicher Figuren behaftet ist.43

Bertha wird durch ihren Vater männlich fremdbestimmt, was im geschlechtsspezifisch-familialen, historischen Spektrum natürlich ist. Jedoch bricht diese Natürlichkeit, wenn Bertha sich aus der räumlichen Grenze des Hauses hinauswagt: «Für die Frau hingegen wurde es bis weit ins 20. Jahrhundert als der ihrer sozialen Rolle angemessene Standort betrachtet, dessen Grenzen sie nur selten überschreiten durfte»44, meint Würzbach zum Raum des Hauses.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, die „Trennung vom Ursprung als Schuld“ bei Tieck als zentrales Deutungsmuster für dessen Märchennovellen zu etablieren.

2. Die Novellenpoetologie Tiecks: «das Chaos, nicht die Ordnung»: Hier wird die literaturwissenschaftliche Debatte zur Novellenform nach Tieck skizziert, wobei insbesondere das Spannungsmoment zwischen Ordnung und einem existenziellen Chaos hervorgehoben wird.

3. Das Verbotene und die «Naturwidrigkeit» – das Natürliche als Ordnungs-, Rechts- und Gender-Idee in Familien- und Ehekonzepten: Dieses Kapitel arbeitet das theoretische Fundament zu den gesellschaftlichen Normen des 18. und 19. Jahrhunderts auf, um zu definieren, was in dieser Zeit als natürliches familiäres Verhalten galt.

4. Der blonde Eckbert: Berthas Natur- und Ordnungsbrüche: Die Novelle wird hinsichtlich der traumatischen Kindheit Berthas und ihres Ausbruchs ins Freie analysiert, um die daraus erwachsende, bis in die Ehe wirkende Schuld zu identifizieren.

5. Der Runenberg: Christians Natur- und Ordnungsbrüche: Im Fokus steht hier die Entwurzelung des Protagonisten Christian sowie seine Flucht in die Natur, die eine Abkehr von der ehelich-bürgerlichen Ordnung und Pflicht symbolisiert.

6. Schluss: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und bestätigt, dass die Trennung vom ursprünglichen, geordneten Leben und die darauffolgenden Fehlentscheidungen als wirkmächtige Ursache für das individuelle Scheitern der Figuren fungieren.

Schlüsselwörter

Ludwig Tieck, Romantik, Novelle, Der blonde Eckbert, Der Runenberg, Trennung vom Ursprung, Schuld, Naturwidrigkeit, Familienkonzept, Ehe, Genderrollen, Natur, Wahnsinn, Ordnung, Chaos.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das literarische Konzept der „Trennung vom Ursprung“ in zwei zentralen Märchennovellen von Ludwig Tieck und analysiert, inwieweit diese Ablösung als schuldhaftes Handeln begriffen wird, das die Protagonisten ins Verderben führt.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die Untersuchung konzentriert sich primär auf die Themenfelder der frühromantischen Novellentheorie, historische Familien- und Ehevorstellungen, Geschlechterrollen sowie die philosophische Auseinandersetzung mit den Begriffen „Natur“ und „Ordnung“.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Das Ziel ist es, die Novellen Der blonde Eckbert und Der Runenberg vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ordnungskonzepte des 18. und 19. Jahrhunderts zu interpretieren und nachzuweisen, wie Grenzverletzungen gegen diese Ordnungen die handelnden Figuren in ein unauflösbares Chaos stürzen.

Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?

Die methodische Vorgehensweise stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch diskursanalytische Ansätze (u. a. im Anschluss an Foucault) und die Einbeziehung zeitgenössischer sowie forschungsgeschichtlicher Positionen zur Frühromantik ergänzt wird.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über das romantische Verständnis von Ordnung und Chaos sowie eine detaillierte Einzelanalyse der beiden Novellen, in denen die Figuren Bertha und Christian im Hinblick auf ihre Raum- und Bindungsbrüche untersucht werden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Zu den prägenden Begriffen zählen: Ludwig Tieck, romantische Novelle, Schuld, Trennung vom Ursprung, Naturwidrigkeit, Ehe- und Familienkonzepte, Inzest, Wahnsinn und die Opposition zwischen Ordnung und Chaos.

Welche besondere Rolle spielt die Figur der Bertha im Hinblick auf die „Schuld“?

Bertha repräsentiert eine Figur, deren infantile Schuld durch ihre Flucht aus dem Elternhaus begründet ist. Diese Trennung vom Ursprung wird zu einer existenziellen Last, die sie in ihre spätere, als inzestuös wahrgenommene Ehe mit Eckbert einbringt.

Warum wird die Flucht von Christian in „Der Runenberg“ als problematisch eingestuft?

Christians Flucht stellt eine Abkehr von der gesellschaftlich sanktionierten ehelichen Pflicht dar. Sein Rückzug in das vermeintlich „Natürliche“ der Bergwelt ist aus Perspektive der damaligen bürgerlichen Ordnungswelt als Unnatürlichkeit und moralisches Fehlverhalten zu werten, das ihn letztlich in den Wahnsinn treibt.

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Details

Title
Die "Trennung vom Ursprung als Schuld". Romantische Abstrafung in den Märchennovellen Ludwig Tiecks
Subtitle
Der blonde Eckbert & Der Runenberg
College
Saarland University
Course
Hauptseminar Novellen des 19. Jahrhunderts
Grade
1,3
Author
Travis Puhl (Author)
Publication Year
2024
Pages
26
Catalog Number
V1514615
ISBN (PDF)
9783389083093
ISBN (Book)
9783389083109
Language
German
Tags
Ludwig Tieck Der blonde Eckbert Der Runenberg Romantik Bestrafung Abstrafung Trennung vom Ursprung als Schuld Novellen Märchennovellen Foucault Dispositiv der Sexualität Natur Ordnung Kindheit Raum Raumerfahrung Raumwahrnehmung Dorf Stadt Gender Gender Studies Gender-Forschung Naturwidrigkeit Fritz Lockemann Josef Kunz
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Travis Puhl (Author), 2024, Die "Trennung vom Ursprung als Schuld". Romantische Abstrafung in den Märchennovellen Ludwig Tiecks, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1514615
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