Die vorliegende Dissertation stellt eine erstmals über den theoretischen Diskurs hinausgehende, auf verschiedene Erhebungsmethoden gestützte Analyse der Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus sowie der Bedeutung der Sprachenfrage im religiösen Alltag ukrainischer Christen dar.
Die im Umbruch begriffenen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen wirken sich in besonderem Maße auf die Sprache aus. Derzeit befindet sich das Ukrainische allem Anschein nach in einer Phase der Konsolidierung, welche in immer stärkerem Ausmaß auch den sensiblen Bereich der Religion erfasst. Hatte die Marginalisierung der Religion zu Sowjetzeiten den Verfall des Kirchenslavischen beschleunigt und zu einer unzureichenden Ausprägung eines konfessionellen Stils im Ukrainischen geführt, erfolgt aktuell die Ent-wicklung und Normierung einer einheitlichen ukrainischen Kirchensprache. Die Rezeption dieser Entwicklung bzw. die Klärung der Relevanz für das ukrainische Christentum durch die Sprachwissenschaft weist jedoch bis dato einige zentrale Defizite auf: Nach wie vor fehlen umfassende Darstellungen der sprachlichen Situation in den Kirchen oder auch eine einheitliche Definition des Begriffs „Kirchensprache“. Daher wird der Forschungsgegenstand entlang der folgenden Analysedimensionen behandelt: außersprachliche Aspekte der Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus, Ansätze im Diskurs über die Erneuerung der Kirchensprache, Relevanz der Sprachenfrage und der Sprachendebatte im Glaubensleben der Christen.
Die Arbeit stützt sich auf mehrere Forschungsmethoden, sie kombiniert das Studium und die (Inhalts)analyse der „Produkte menschlicher Arbeit“ (Primär-, Sekundärtexte) mit der Befragung über „aktuelles menschliches Verhalten“ (mittels qualitativer und quantitativer Fragebogen bzw. in mündlich geführten Gesprächen gewonnener Aussagen aus dem „natürlichen Umfeld“). Besonderes Augenmerk galt der Wahrnehmung der sprachlichen Situation, dem Verständnis von religiöser und sprachlicher Identität, der Verwendung des Ukrainischen im Gottesdienst aus einer „Innensicht“ und aus der „Außenperspektive“, der Beurteilung des Übergangs vom Kirchenslavischen zum Ukrainischen sowie der Wahrnehmung sog. „traditioneller Kirchen“, der interkonfessionellen Konflikte und der Einschätzung der Koexistenz der verschiedenen Kirchen.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
0.1 Forschungsgegenstand und thematische Eingrenzung
0.2 Feldzugang
1 Regionale Identitäten – außersprachliche Aspekte
1.1 Die ukrainischen Kirchen des byzantinischen Ritus
1.2 Zur Verfügbarkeit offizieller statistischer Daten über die konfessionelle Zugehörigkeit der Ukrainer aus dem Untersuchungszeitraum 2003-2004
1.3 Konfessionelle Zuordnung von religiösen Organisationen
1.4 Religiösität und konfessionelle Zugehörigkeit der Ukrainer
1.5 Die Idee der Nationalkirche
2 Die ukrainischen Kirchen des byzantinischen Ritus und ihre Sprachen
2.1 „Kirchensprache“ – der Versuch einer Abgrenzung
2.2 Die sprachliche Praxis in den Kirchen des byzantinischen Ritus
2.3 Die Erneuerung der ukrainischen Kirchensprache im Kontext der ukrainischen Sprachenfrage
2.4 Zur Wahl des Ausgangstextes, der Zielsprache und des idealen Übersetzers für die Neufassung von liturgischen Büchern
2.5 Der interdisziplinäre und interkonfessionelle Diskurs über die ukrainische Kirchensprache der Gegenwart
3 Zur Sprachenfrage in den Kirchen – Aussagen aus dem Feld
3.1 Die Studienteilnehmer
3.1.1 Konfessionelle Zugehörigkeit und Herkunft der Probanden
3.1.2 Erst- und Zweitsprachen in der Kommunikation der Kirchenangehörigen
3.1.3 Alter und Bildungsniveau der Befragten
3.1.4 Aktive und soziale Christen
3.1.5 Rückblick auf den Ukrainischunterricht während der Schulzeit
3.2 Identitätskonstruktionen und ihre Bedeutung für die Sprachenfrage
3.2.1 Annahmen über die Ursprünge nationaler Identität
3.2.2 Orthodoxie als Element nationaler Identität?
3.2.3 Kirchenslavisch und religiöse Identität
3.2.4 Die Übersetzung der Heiligen Schrift und ihre Bedeutung für die sogenannte nationale Wiedergeburt
3.2.5 Ansichten zum identitätsstiftenden Potenzial der Kirche(n)
3.2.6 Wahrnehmung der Kirchen in Bezug auf die nationale Identität
3.2.7 Vereinigung der orthodoxen Kirchen zu einer ukrainischen Landeskirche
3.2.8 Der Zusammenhang von Sprache und nationaler Identität
3.3 Aussagen zum Glaubensalltag in den Kirchen des byzantinischen Ritus
3.3.1 In der mündlichen Kommunikation verwendete Sprachen
3.3.2 Zugang zu kirchlichen Medien und präferierte Sprache des Medienkonsums
3.3.3 Auswirkungen der russisch-ukrainischen Zweisprachigkeit auf die sprachliche Situation in den Kirchen
3.3.4 Mit der politischen Transformation einhergehende sprachliche Veränderungen in den Kirchen
3.3.5 Die Verwendung der modernen ukrainischen Standardsprache
3.3.6 Der Übergang vom Kirchenslavischen zum Ukrainischen
3.3.7 Die Rolle der Kirchen im Hinblick auf die Sprachenfrage
3.3.8 Die Relevanz der Sprachenfrage im religiösen Alltag
3.3.9 Ansprüche an die Liturgiesprache
3.3.10 Aussagen zur Vereinheitlichung der Kirchensprache
3.4 Die öffentliche Meinung zur Entwicklung der Kirchensprache
3.4.1 Staatliche Sprachregelung im religiösen Bereich und Aktionsradius der Kirchen im sprachlichen Bereich
3.4.2 Der gewünschte Umgang mit der ukrainischen Sprache
3.4.3 Maßnahmen zur Modernisierung der Liturgiesprache
3.4.4 Umgang mit Stereotypen gegenüber im Gottesdienst verwendeten Sprachen
3.4.5 Die Perspektiven des Ukrainischen als Kirchensprache
4 Zusammenfassende Interpretation der Ergebnisse
4.1 Die Studienteilnehmer
4.2 Die Bedeutung von Identitätskonstruktionen für die Sprachenfrage
4.3 Die Kirchen und Ihre Sprachen
4.4 Der Diskurs über die Modernisierung der Kirchensprache
4.5 Die Wahrnehmung der Sprachenfrage
4.6 Spezifika der Sprachenfrage in der UOK MP
4.7 Ausblick
5 Соціолінгвістичні аспекти актуального мовного питання в українських церквах візантійського обряду, Мануела Міклас
5.1 Мовна практика у церквах візантійського обряду
5.2 Відновлення української церковної мови у контексті мовного питання
5.3 Висловлювання щодо мовного питання з середовища
5.3.1 Учасники дослідження
5.3.2 Конструкції ідентичності та їх значення для мовного питання
5.3.3 Роздуми про консолідуючий потенціал церкви для ідентичності
5.3.4 Висловлювання про будні віруючих в церквах візантійського обряду
5.3.5 Громадська думка щодо майбутнього розвитку церковної мови
6 Социолингвистические аспекты актуального языкового вопроса в украинских церквях византийского обряда, Мануэла Миклас
6.1 Языковая практика в церквях византийского обряда
6.2 Возобновление украинского церковного языка в контексте языкового вопроса
6.3 Высказывания, касающиеся языкового вопроса из среды
6.3.1 Участники исследования
6.3.2 Конструкции идентичности и их значение для языкового вопроса
6.3.3 Размышления о консолидирующем потенциале Церкви для идентичности
6.3.4 Высказывания о буднях верующих в церквях византийского обряда
6.3.5 Общественное мнение относительно будущего развития церковного языка
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Dissertation analysiert die Sprachenfrage in den ukrainischen Kirchen des byzantinischen Ritus. Ziel ist es, erstmals über den theoretischen Diskurs hinauszugehen und durch eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden die sprachliche Situation sowie deren Bedeutung für das religiöse Leben der ukrainischen Christen zu erfassen.
- Soziolinguistische Analyse der Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus.
- Untersuchung außersprachlicher Aspekte und deren Einfluss auf die Konfessionslandschaft.
- Analyse des Diskurses über die Modernisierung der Kirchensprache und ihre Standardisierung.
- Erforschung der Identitätskonstruktionen und deren Bedeutung für die Sprachendebatte.
- Erhebung der öffentlichen Meinung zur Rolle der Kirche bei der Ukrainisierung.
Auszug aus dem Buch
Die Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus
Die vorliegende Arbeit stellt eine erstmals über den theoretischen Diskurs hinausgehende, auf verschiedene Erhebungsmethoden gestützte Analyse der Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus sowie der Bedeutung der Sprachenfrage im religiösen Alltag ukrainischer Christen dar.
Die im Umbruch begriffenen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen wirken sich in besonderem Maße auf die Sprache aus. Derzeit befindet sich das Ukrainische allem Anschein nach in einer Phase der Konsolidierung, welche in immer stärkerem Ausmaß auch den sensiblen Bereich der Religion erfasst. Hatte die Marginalisierung der Religion zu Sowjetzeiten den Verfall des Kirchenslavischen beschleunigt und zu einer unzureichenden Ausprägung eines konfessionellen Stils im Ukrainischen geführt, erfolgt aktuell die Entwicklung und Normierung einer einheitlichen ukrainischen Kirchensprache. Die Rezeption dieser Entwicklung bzw. die Klärung der Relevanz für das ukrainische Christentum durch die Sprachwissenschaft weist jedoch bis dato einige zentrale Defizite auf: Nach wie vor fehlen umfassende Darstellungen der sprachlichen Situation in den Kirchen oder auch eine einheitliche Definition des Begriffs „Kirchensprache“. Daher wird der Forschungsgegenstand entlang der folgenden Analysedimensionen behandelt: außersprachliche Aspekte der Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus, Ansätze im Diskurs über die Erneuerung der Kirchensprache, Relevanz der Sprachenfrage und der Sprachendebatte im Glaubensleben der Christen.
Die Arbeit stützt sich auf mehrere Forschungsmethoden, sie kombiniert das Studium und die (Inhalts)analyse der „Produkte menschlicher Arbeit“ (Primär-, Sekundärtexte) mit der Befragung über „aktuelles menschliches Verhalten“ (mittels qualitativer und quantitativer Fragebogen bzw. in mündlich geführten Gesprächen gewonnener Aussagen aus dem „natürlichen Umfeld“). Ausgehend von in vorangegangenen Experteninterviews und aus einer qualitativen Befragung von insgesamt 46 Philologen und Theologen gewonnenen Erkenntnissen über das Meinungsspektrum zu Fragen der Kirchensprache wurden in den Jahren 2003 und 2004 über 400 Ukrainer zur sprachlichen Situation in der Kirche befragt. Besonderes Augenmerk galt der Wahrnehmung der sprachlichen Situation, dem Verständnis von religiöser und sprachlicher Identität.
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Dieses Kapitel definiert den Forschungsgegenstand, grenzt das Thema ein und beschreibt den methodischen Zugang zur Dissertation.
1 Regionale Identitäten – außersprachliche Aspekte: Hier werden die konfessionelle Landschaft der Ukraine, die Bedeutung des Ritus und die Herausforderungen bei der Erhebung statistischer Daten im Untersuchungszeitraum behandelt.
2 Die ukrainischen Kirchen des byzantinischen Ritus und ihre Sprachen: Das Kapitel widmet sich der begrifflichen Abgrenzung der „Kirchensprache“, der sprachlichen Praxis und den theoretischen Diskursen zur Modernisierung der Liturgiesprache.
3 Zur Sprachenfrage in den Kirchen – Aussagen aus dem Feld: Dieses zentrale Hauptkapitel präsentiert und analysiert die empirischen Daten aus den qualitativen und quantitativen Befragungen der Studienteilnehmer.
4 Zusammenfassende Interpretation der Ergebnisse: Hier werden die empirischen Befunde interpretiert und in den breiteren Kontext der soziolinguistischen Situation in der Ukraine eingeordnet.
Schlüsselwörter
Sprachenfrage, Kirchensprache, Ukraine, byzantinischer Ritus, Ukrainisch, Kirchenslavisch, Religionssoziologie, Identität, Nationalkirche, Liturgiesprache, Konfession, Modernisierung, Sprachpolitik, Zweisprachigkeit, Orthodoxie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziolinguistischen Aspekte der aktuellen Sprachenfrage in den Kirchen des byzantinischen Ritus in der Ukraine.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Rolle der Sprache in der Identitätskonstruktion, der Übergang vom Kirchenslavischen zum Ukrainischen, der Diskurs um die Modernisierung liturgischer Texte und die Wahrnehmung dieser Prozesse durch Geistliche und Gläubige.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine auf empirischen Daten basierende Analyse, die über rein theoretische Diskurse hinausgeht, um die sprachliche Realität und die Bedeutung der Sprachenfrage im religiösen Alltag ukrainischer Christen zu verstehen.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden verwendet?
Die Dissertation kombiniert eine Inhaltsanalyse von Primär- und Sekundärtexten mit einer quantitativen und qualitativen Befragung von Laien sowie Experteninterviews mit Philologen und Theologen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den außersprachlichen Aspekten und Identitätskonstruktionen vor allem die Aussagen aus dem Feld, also die empirischen Umfrageergebnisse zur sprachlichen Praxis in den verschiedenen ukrainischen Kirchen, detailliert ausgewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Sprachenfrage, Kirchensprache, byzantinischer Ritus, nationale Identität und Konfession charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Sprachpraxis in der UOK MP im Vergleich zu anderen Kirchen?
In der UOK MP dominiert das Russische und Kirchenslavische stärker als in den anderen untersuchten Kirchen, wobei der Übergang zum Ukrainischen deutlich langsamer verläuft und teilweise auf ideologische Widerstände stößt.
Welche Rolle spielt das Kirchenslavische heute?
Das Kirchenslavische wird zwar als sakraler Bestandteil der Tradition geschätzt, verliert jedoch zunehmend an verständlicher Bedeutung für den religiösen Alltag, da die Mehrheit der Gläubigen eine Modernisierung der Liturgiesprache befürwortet.
- Arbeit zitieren
- Manuela Miklas (Autor:in), 2008, Soziolinguistische Aspekte der aktuellen Sprachenfrage in den ukrainischen Kirchen des byzantinischen Ritus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151478