Seit gut zweihundert Jahren zieht man gesellschaftliche Angelegenheiten ins öffentliche Gespräch. Seitdem findet ein Austausch über soziale Fragen statt und eine Praxis, welche sie lösen wollte. Soziale Probleme bilden den Gegenstand langwährender Auseinandersetzungen, theoretischer Erörterungen und politischer Maßnahmen. Soziale Arbeit meint, daß Leistungen erbracht werden, die anders als die wirtschaftlichen, jedoch ebenso mit Mühe und Fleiß, aus sozialer Verantwortung geschehen und in wachsendem Maße unter den herrschenden Bedingungen notwendig sind. Es gibt zum einen berufliche Sozialarbeit und zum anderen ein formenreiches freitätiges Engagement in der sozialen Hilfe. In der Öffentlichkeit wirken Politiker, Publizisten für soziale Ziele. Andere helfende Berufe weisen auf ihre humanitären Aufgaben hin. Historisch wiederholt und auch gegenwärtig kommen breite Bewegungen in der Gesellschaft vor, wie die christliche Erneuerung, die Arbeiterbewegung mit ihren verschiedenen Richtungen, Frauen- und Jugendbewegungen. Durch diese verschiedenen Bewegungen wurde das Streben gesellschaftlicher Gruppen nach einer Veränderung ihrer Lebensverhältnisse wirksam. Der Prozeß der sozialen Arbeit in der Gesellschaft schließt diese Aktivitäten alle ein. In einem einführenden Überblick werden die Grundlinien Historischer Sozialarbeit markiert, die in den folgenden Abschnitten dann differenzierte Gestalt gewinnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung der Armenfürsorge in Deutschland vom Mittelalter bis zum Ende des Deutschen Reiches
2.1 Die Armenpflege im Mittelalter
2.2 Das Armenwesen im Absolutismus und Merkantilismus
2.3 Die Armenfürsorge während der Industrialisierung - Soziale Frage und sozialer Wandel
2.3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland - Der Pauperismus und die soziale Frage
2.3.2 Vom Elberfelder System bis zum Straßburger System
2.3.3 Kirchliche Armenpflege und soziale Frage
2.3.4 Industrielle Armut und die Anfänge der Arbeiterbewegung
2.3.5 Erziehung zum bürgerlichen Humanismus
2.3.6 Der Einfluß der Industrialisierung auf die Familie
2.4 Staatliche Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich
2.4.1 Der Gründerkrach
2.4.2 Sozialdemokratie und Sozialistengesetz
2.4.3 Die soziale Profession der Frau
3. Die Fürsorgeentwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik
3.1 Armenpflege und Fürsorge im Ersten Weltkrieg
3.2 Die Fürsorgeentwicklung in der Weimarer Republik
3.2.1 Die Fürsorge nach dem Ersten Weltkrieg
3.2.2 Der Ausbau der Fürsorge
4. Die Fürsorge im Dritten Reich - Die öffentliche Fürsorge / Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV)
5. Die Entwicklung der „sozialen Berufe“ nach 1945
6. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die historische Genese der sozialen Berufe durch eine Analyse der ökonomischen, politischen und sozialen Transformationsprozesse in Deutschland nachzuzeichnen, um ein tieferes Verständnis für die Entstehung der heutigen Sozialarbeit zu entwickeln.
- Historische Entwicklung der Armenpflege und Fürsorge vom Mittelalter bis zur Moderne.
- Einfluss der Industrialisierung auf die soziale Lage, Familie und Arbeitswelt.
- Rolle von Staat, Kirche und Frauenbewegung bei der Professionalisierung sozialer Hilfe.
- Sozialpolitische Zäsuren durch das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und das Dritte Reich.
- Entwicklung methodischer Ansätze in der Sozialen Arbeit nach 1945.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland - Der Pauperismus und die soziale Frage
Als Deutschland von der industriellen Revolution ergriffen wurde, - mit der Gründung des deutschen Zollvereins (1834) - beunruhigte die unübersehbare Tatsache, daß Industrie und Markt nicht gesellschaftliche Harmonie, sondern Spaltung, Not und Unsicherheit hervorgebracht hatten. Für die Armenpflege entsteht nun eine völlig neue Situation. Denn mit dieser Umstrukturierung der Wirtschaft - die Beschäftigtenzahlen verschoben sich mit der industriellen Revolution noch mehr von der Landwirtschaft weg hin zum Handwerk, der Industrie, dem Gewerbe und den Dienstleistungsbetrieben - und der Gesellschaft, vollzog sich für die unteren Bevölkerungsschichten nur noch eine Verschlechterung.
Da die Reproduktion davon abhängt, ob die Arbeiter einen Grundbesitzer oder Unternehmer finden, der ihre Arbeit kauft oder aber die Arbeiter aufgrund von Krankheit keiner Arbeit nachgehen konnten, gab es somit keine Absicherung mehr und jeder einzelner war folglich arm und auf Unterstützung angewiesen. Die Zeitgenossen benutzten die Begriffe „Soziale Frage“ und „Pauperismus“ zur Charakterisierung des Elends. Für die Massenverelendung in Deutschland war anfangs keineswegs die Industrialisierung ausschlaggebend. Das vorindustrielle Agrarsystem war an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit gelangt. Infolge hoher Agrarpreise herrschte ein niedriger Lebensstandard. Da gleichzeitig ein starker Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen war und aufgrund von Agrar- und Gewerbereform zahlreiche Menschen Besitz und Arbeit verloren, verschlechterte sich die Lage der Bevölkerung zusätzlich; Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit waren die Folgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Relevanz sozialer Fragen und definiert Soziale Arbeit als notwendiges gesellschaftliches Handeln angesichts sich wandelnder Lebensbedingungen.
2. Die Entwicklung der Armenfürsorge in Deutschland vom Mittelalter bis zum Ende des Deutschen Reiches: Dieses Kapitel analysiert den Wandel der Armenpflege von religiös motivierter Almosenvergabe über absolutistische Ordnungssysteme bis hin zur staatlichen Sozialpolitik im Kaiserreich.
3. Die Fürsorgeentwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik: Es wird die Transformation des Wohlfahrtswesens in Krisenzeiten beschrieben, inklusive der Einführung zentraler Ämter wie des Jugendamtes.
4. Die Fürsorge im Dritten Reich - Die öffentliche Fürsorge / Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV): Dieses Kapitel beleuchtet den Missbrauch der Fürsorge für rassenhygienische Zwecke und die Gleichschaltung durch die NSV.
5. Die Entwicklung der „sozialen Berufe“ nach 1945: Es erfolgt eine Darstellung der Professionalisierung Sozialer Arbeit, der Etablierung neuer Methoden wie Casework und der gesetzlichen Rahmensetzung durch die Bundesrepublik.
6. Schlußbetrachtung: Die Schlussbetrachtung bilanziert die Leistungen der Sozialarbeit und diskutiert aktuelle Herausforderungen angesichts ökonomischer und sozialer Strukturveränderungen.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Armenpflege, Industrialisierung, Soziale Frage, Pauperismus, Wohlfahrtspflege, Frauenbewegung, Sozialpolitik, Weimarer Republik, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Professionalisierung, Sozialstaat, Jugendwohlfahrtsgesetz, Casework, Gemeinwesenarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Entwicklung der sozialen Berufe in Deutschland und analysiert, wie sich gesellschaftliche, ökonomische und politische Veränderungen auf die Ausgestaltung der sozialen Hilfe ausgewirkt haben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören die mittelalterliche Armenpflege, die Auswirkungen der Industrialisierung, die Rolle von Frauen in der entstehenden professionellen Sozialarbeit sowie die politische Steuerung durch den Staat in verschiedenen Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin, die Entwicklungslinien aufzuzeigen, die von der frühen Armenfürsorge bis hin zu den modernen, methodisch begründeten sozialen Berufen in der Bundesrepublik führen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Verfasserin nutzt eine historische Perspektive und stützt sich dabei primär auf eine Literaturanalyse relevanter sozialhistorischer Quellen und Standardwerke zur Geschichte der Sozialen Arbeit.
Was steht im Fokus des Hauptteils?
Im Hauptteil werden chronologisch die verschiedenen historischen Epochen – vom Mittelalter über das Kaiserreich und die Weimarer Republik bis hin zur Nachkriegszeit – hinsichtlich ihrer jeweiligen Wohlfahrtsstrukturen untersucht.
Welche Schlüsselwörter kennzeichnen die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sozialpolitik, Industrialisierung, Soziale Frage, Professionalisierung und Wohlfahrtsstaat definiert.
Wie wurde die Rolle der Frau in der Entstehung der sozialen Berufe bewertet?
Die Autorin betont, dass die bürgerliche Frauenbewegung im 19. Jahrhundert entscheidend zur Professionalisierung beigetragen hat, indem sie soziale Tätigkeiten als weibliche Kulturaufgabe besetzte und forderte, diese auf eine fachliche Basis zu stellen.
Welche Kritik übt die Autorin am Sozialstaat in der Schlußbetrachtung?
Kritisiert wird, dass bei zukünftigen ökonomischen Herausforderungen die Interessen der am stärksten Bedürftigen oft hinter starken Lobbygruppen zurückstehen könnten, was die Sozialarbeit vor die Herausforderung stellt, ihre Relevanz aktiv zu behaupten.
- Quote paper
- Gerlinde Weinzierl (Author), 1998, Skizzieren Sie die wichtigsten ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklungen, die zur Entstehung der sozialen Berufe geführt haben., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1515