Skizzieren Sie die wichtigsten ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklungen, die zur Entstehung der sozialen Berufe geführt haben.


Seminararbeit, 1998

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Armenfürsorge in Deutschland vom Mittelalter bis zum Ende des Deutschen Reiches
2.1 Die Armenpflege im Mittelalter
2.2 Das Armenwesen im Absolutismus und Merkantilismus
2.3 Die Armenfürsorge während der Industrialisierung - Soziale Frage und sozialer Wandel
2.3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland - Der Pauperismus und die soziale Frage
2.3.2 Vom Elberfelder System bis zum Straßburger System
2.3.3 Kirchliche Armenpflege und soziale Frage
2.3.4 Industrielle Armut und die Anfänge der Arbeiterbewegung
2.3.5 Erziehung zum bürgerlichen Humanismus
2.3.6 Der Einfluß der Industrialisierung auf die Familie
2.4 Staatliche Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich .
2.4.1 Der Gründerkrach
2.4.2 Sozialdemokratie und Sozialistengesetz
2.4.3 Die soziale Profession der Frau

3. Die Fürsorgeentwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik
3.1 Armenpflege und Fürsorge im Ersten Weltkrieg
3.2 Die Fürsorgeentwicklung in der Weimarer Republik
3.2.1 Die Fürsorge nach dem Ersten Weltkrieg
3.2.2 Der Ausbau der Fürsorge

4. Die Fürsorge im Dritten Reich - Die öffentliche Fürsorge / Die National- sozialistische Volkswohlfahrt (NSV)

5. Die Entwicklung der „sozialen Berufe“ nach 1945

6. Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit gut zweihundert Jahren zieht man gesellschaftliche Angelegenheiten ins öffentliche Gespräch. Seitdem findet ein Austausch über soziale Fragen statt und eine Praxis, welche sie lösen wollte. Soziale Probleme bilden den Gegenstand langwährender Auseinandersetzungen, theoretischer Erörterungen und politischer Maßnahmen. Soziale Arbeit meint, daß Leistungen erbracht werden, die anders als die wirtschaftlichen, jedoch ebenso mit Mühe und Fleiß, aus sozialer Verantwortung geschehen und in wachsendem Maße unter den herrschenden Bedingungen notwendig sind. Es gibt zum einen berufliche Sozialarbeit und zum anderen ein formenreiches freitätiges Engagement in der sozialen Hilfe. In der Öffentlichkeit wirken Politiker, Publizisten für soziale Ziele. Andere helfende Berufe weisen auf ihre humanitären Aufgaben hin. Historisch wiederholt und auch gegenwärtig kommen breite Bewegungen in der Gesellschaft vor, wie die christliche Erneuerung, die Arbeiterbewegung mit ihren verschiedenen Richtungen, Frauen- und Jugendbewegungen. Durch diese verschiedenen Bewegungen wurde das Streben gesellschaftlicher Gruppen nach einer Veränderung ihrer Lebensverhältnisse wirksam. Der Prozeß der sozialen Arbeit in der Gesellschaft schließt diese Aktivitäten alle ein. In einem einführenden Überblick werden die Grundlinien Historischer Sozialarbeit markiert, die in den folgenden Abschnitten dann differenzierte Gestalt gewinnen.

2. Die Entwicklung der Armenfürsorge in Deutschland vom Mittelalter bis zum Deutschen Reich

2.1 Die Armenpflege im Mittelalter

Weltverständnis und Lebensgefühl der Menschen im Mittelalter unterscheiden sich tiefgreifend von dem des heutigen „modernen“ Betrachters. Die Menschen im Mittelalter sahen sich in einen göttlichen Welt- und Heilsplan eingeordnet, den niemand grundsätzlich in Frage stellte. Erst mit Luthers Reformation und dem Aufkommen naturwissenschaftlichen Denkens fand die mittelalterliche Einheit der Kirche und Einheit von Reich und Kirche ihr Ende. Der Astronom, Nikolaus Kopernikus, gab die ptolemäische These „die Welt sei als Scheibe zu betrachten“ auf, und löste somit das bisher geozentrische Weltbild durch die heliozentrische Wende (kopernikanische Wende) ab. Demnach war die Erde nicht mehr der Mittelpunkt bzw. Fixpunkt. Diese Tatsache konnte die Kirche nicht verkraften, was zur Zerstörung des christlichen Weltbildes führte.[1]

Zur sozialen Arbeit in der modernen Geschichte gibt es eine Vorgeschichte. Bevor sich soziale Fragen an das Elend von Menschen knüpften, suchte man ihre Dürftigkeit schon auf verschiedene Weise abzuhelfen. In vorindustrieller Zeit war Soziale Arbeit Armenfürsorge. Menschen, die nicht in der Lage waren sich selbst zu versorgen, arbeitsunfähig, machtlos und schutzbedürftig waren, waren somit auf fremde Hilfe, wie auf Familie, Verwandte oder sogar Nachbarn, zur Beschaffung ihres Lebensunterhaltes, angewiesen. Jedoch in schwerwiegenden Fällen, wie bei Mißernten oder Kriegen, war der Familienverband überfordert, was demnach zur Folge hatte, daß die Pflicht des Lehnsherrn im Mittelalter darin bestand, seinen Leibeigenen, oder seinen auf ihn angewiesenen Bauern und Handwerkern über schlechte Zeit hinwegzuhelfen. Diejenigen, welche nun ihren Herrn aufgrunddessen verloren oder verlassen hatten, gehörten daher, falls sie kein neues Auskommen bei einem anderen Herrn finden konnten, dem Stand der Armen an. Armut war im Mittelalter in zweifacher Hinsicht ein Objekt der Aufmerksamkeit und der Betätigung. Zum einen als ein gottgewollter und im Grunde seliger Zustand, und zum anderen als ein Ordnungsproblem, soweit die Einbindung besitzloser Leute in das ländliche sowie städtische Gemeindeleben nicht funktionierte und umherziehende Bettler zur Plage wurden. Schafften es in diesen Fällen die vorhandenen klösterlichen und kommunalen Hospitäler und frommen Stiftungen nicht, die Notleidenden zu versorgen, mußte sich die Obrigkeit mit diesem Problem befassen.[2]

2.2 Das Armenwesen im Absolutismus und Merkantilismus

Durch Reformation, Gegenreformation und damit verbundene langjährige Kriege, kam es zur Auseinanderentwicklung von Stadt und Land, was somit zur Auflösung der feudalen Gesellschaftsordnung führte und die Städte dadurch wirtschaftliche und soziale Anziehungskraft gewinnen. Immer mehr landlose Bauern, herrenlose Landarbeiter, elternlose Kinder und Jugendliche wollen in den wachsenden Städten ihr Unterkommen finden. Es wurde jedoch immer schwieriger diese besitz- und herrenlose Schicht aus den Städten fernzuhalten. Die Stadtbürger versuchten zunächst, stadtfremde Vagabunden durch peinliche Strafen zu verteilen. Aufgrund von Veränderung der Wirtschaftsstrukturen, d. h. mit der Herausbildung des Kapitalismus, Verarmung des Adels, Niedergang des Handels und Kriegen vermehrte sich der Pauperismus in den Städten und die kommunale und staatliche Instanzen sahen sich zum Einschreiten gezwungen. Unter den zeitgenössischen Humanisten wurde über den Umgang mit

Bettlern und die richtige Fürsorge für arbeitsunfähige Arme rege diskutiert. Demnach entstanden in wirtschaftlicher sowie politischer Hinsicht die ersten Systeme der Armenversorgung. Nun war nicht mehr wie bisher die Kirche für die Vergabe von Almosen tätig, sondern vielmehr wurden die Armen zum Gegenstand politischer Maßnahmen. Daraufhin verbot man in erster Linie das Betteln und vorhandene Unterstützungsgelder kamen in eine zentrale Kasse, den gemeinen Kasten. Zum Almosenempfang waren nur noch diejenigen berechtigt, die das städtische Bürgerrecht besaßen. Begleitet war dieser Prozeß von einer Bürokratisierung. Um Betteln zu können und Almosen zu empfangen, waren nun Bettelzeichen die Bedingung, die vergeben wurden. Später baute man kommunale Armenhäuser für elternlose Kinder, Greise, Kranke und Gebrechliche, Obdachlose sowie für Irre und Dirnen. Sämtliche „Randgruppen“ der absolutistischen Gesellschaft waren vertreten. In einer späteren Phase entstanden Zucht- und Arbeitshäuser. Diese Anstalten hatten eine ökonomisch-politische Bestimmung und durchaus keine soziale. Sie sollten weder gesellschafts- noch individuumbezogene Lebensverhältnisse bessern, sondern die vorhandenen per Absonderung aller Art Gebrechen in Ordnung halten. In der Einheit von Politik und Ökonomie ging es darum, durch geeignete Veranstaltungen das denkbar Beste aus den Ressourcen zu ziehen, die dem Staat zur Verfügung standen. Arbeitskraft erschien als die wichtigste Ressource. Der Sinn und Zweck der Zucht- und Arbeitshäuser lag darin, die arbeitsfähigen Armen mit fabrik-ähnlichen Arbeiten zu beschäftigen. Der Merkantilismus brachte als wesentliche Errungenschaft die Manufakturen hervor. Diese Manufakturen machen der durch Zunft-Ordnungen beschränkten Produktionsweise städtischer Handwerker Konkurrenz und vermehrten die Einnahmen des Adels. Im Laufe der Jahrhunderte entfernte man sich von der Arbeitserziehung und ging zur Verwahrung. Insbesondere für Kinder, die immer zahlreicher wurden, begann man im 18. Jahrhundert Waisenhäuser zu errichten. Auch Irre, Kranke und Siechen fanden schon in solchen Häusern Aufnahme.[3]

2.3 Die Armenfürsorge während der Industrialisierung - Soziale Frage und sozialer Wandel

2.3.1 Gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland - Der Pauperismus und die soziale Frage

Als Deutschland von der industriellen Revolution ergriffen wurde, - mit der Gründung des deutschen Zollvereins (1834) - beunruhigte die unübersehbare Tatsache, daß Industrie und Markt nicht gesellschaftliche Harmonie, sondern Spaltung, Not und Unsicherheit hervorgebracht hatten. Für die Armenpflege entsteht nun eine völlig neue Situation. Denn mit dieser Umstrukturierung der Wirtschaft - die Beschäftigtenzahlen verschoben sich mit der industriellen Revolution noch mehr von der Landwirtschaft weg hin zum Handwerk, der Industrie, dem Gewerbe und den Dienstleistungsbetrieben - und der Gesellschaft, vollzog sich für die unteren Bevölkerungsschichten nur noch eine Verschlechterung. Da die Reproduktion davon abhängt, ob die Arbeiter einen Grundbesitzer oder Unternehmer finden, der ihre Arbeit kauft oder aber die Arbeiter aufgrund von Krankheit keiner Arbeit nachgehen konnten, gab es somit keine Absicherung mehr und jeder einzelner war folglich arm und auf Unterstützung angewiesen. Die Zeitgenossen benutzten die Begriffe „Soziale Frage“ und „Pauperismus“ zur Charakterisierung des Elends. Für die Massenverelendung in Deutschland war anfangs keineswegs die Industrialisierung ausschlaggebend. Das vorindustrielle Agrarsystem war an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit gelangt. Infolge hoher Agrarpreise herrschte ein niedriger Lebensstandard. Da gleichzeitig ein starker Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen war und aufgrund von Agrar- und Gewerbereform zahlreiche Menschen Besitz und Arbeit verloren, verschlechterte sich die Lage der Bevölkerung zusätzlich; Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit waren die Folgen. Die alten Fürsorge- und Absicherungssysteme reichten nicht mehr aus und die Armut nahm somit immer mehr zu. Daraufhin wurden wirtschaftliche, soziale und politische Reformen notwendig; in Preußen z. B., die Landreform, die Gemeindereform, die Gewerbereform. Am 31.12.1842 entstand das Armengesetz, das besagt, "daß eine zugezogene Arbeitskraft mit ihren Angehörigen im Falle der Hilfsbedürftigkeit von der neuen Wohngemeinde unterstützt wurde."[4] Die technische Erfindung - als wichtigstes technisches Kennzeichen gilt die Dampfmaschine, die James Watt (1736-1819) entwickelte - und die industrielle Produktionsmethode sind die prägenden Elemente der Industrialisierung. Genauso tiefgreifend wie der wirtschaftliche Umbruch ist der die Industrialisierung begleitende soziale Wandel.

2.3.2 Vom Elberfelder System zum Straßburger System

Ein weiteres System war das Elberfelder System, - Elberfeld war im 19. Jahrhundert eine rasant wachsende Industriestadt - das für die Arbeitsweise in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vorbildlich und weitgehend übernommen wurde. Die Städte wurden in viele kleine Quartiere eingeteilt, denen jeweils ein ehrenamtlich tätiger Bürger als Armenpfleger vorstand, der nicht mehr als vier Familien oder alleinstehende Hausarme zu betreuen hatte. Jeder stimmfähige Bürger war zur Übernahme dieser Aufgabe verpflichtet. Die Quartiere gehörten zu Bezirken mit einem Armenvorsteher, unter dessen Regie die Pfleger alle vierzehn Tage zu einer Bezirksversammlung zusammentraten. Mit diesem so genannten Elberfelder System gelang es den Stadtvätern von Elberfeld in den ersten 15 Jahren nach Einführung dieser Neuerung, die Zahl der unterstützten Armen zu senken. Desweiteren entwickelte sich das Straßburger System. Dieses System wurde das Prinzip der Ehrenamtlichkeit durch Berufsbeamte unterstützt. Jedoch reichte diese Maßnahme nicht aus, um die Armut zu verhindern, aufgrund von mehreren Mißernten, die Lebensmittelpreise zu hoch waren und Arbeitsmangel herrschte. Dies hatte zur Folge, daß dieses System, wie auch das Elberfelder System, scheiterte.[5]

[...]


[1] Vgl. Vorlesung im Grundlagenseminar „Staat“ vom 07.11.1997

[2] Vgl. Baron, Rüdeger; Landwehr, Rolf: Geschichte der Sozialarbeit, S. 5f; und Vgl. Erler, Michael: Soziale

Arbeit, S. 51

[3] Vgl. Baron, Rüdeger; Landwehr, Rolf: a.a.O., S. 6; und Vgl. Referat „Verstaatlichung der Fürsorge“, S. 2f

[4] Baron, Rüdeger; Landwehr, Rolf: a.a.O., S. 11

[5] Vgl. Sachße, Christoph: Mütterlichkeit als Beruf, S. 37ff

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Skizzieren Sie die wichtigsten ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklungen, die zur Entstehung der sozialen Berufe geführt haben.
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Fachbereich Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Einführungsseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
18
Katalognummer
V1515
ISBN (eBook)
9783638109420
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skizzieren, Entwicklungen, Entstehung, Berufe, Einführungsseminar
Arbeit zitieren
Gerlinde Weinzierl (Autor), 1998, Skizzieren Sie die wichtigsten ökonomischen, politischen und sozialen Entwicklungen, die zur Entstehung der sozialen Berufe geführt haben., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1515

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