"Jorns Welt - die Geschichte eines großen Künstlers" lautet der Titel einer Ausstellung, die momentan in Silkeborg (Jütland) zu sehen ist. In der Tat zählt Asger Jorn (1914-1973) zu den bekanntesten dänischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Abgesehen von seinem bildkünstlerischen Schaffen trat er mit mehr als 700 Veröffentlichungen in Erscheinung. Doch als Autor und Theoretiker ist er weniger beachtet worden, was teilweise auf einem sprachlichen Vermittlungsproblem beruht. Es mangelt bis heute an einer Ausgabe Jorn'scher Schlüsseltexte auf Deutsch und Englisch.
Jorn brachte Leitbilder hervor, die man heute mit einem modischen Wort als Narrative bezeichnen würde. Sein vielleicht wichtigstes Narrativ: Die sich als überlegen verstehende klassische Kunst der Griechen und Römer erweist sich als verknüpft mit Klassen- und Rassen-Werten. Indessen erhebt Jorn außerhalb des Kanons der Klassik stehende Kunst zu seinem Gegenstand.
Seine Leitbilder sind eng mit der Idee der sogenannten primitiven Gesellschaft verbunden, in der Kunst und Leben noch eine Einheit bilden. Jorns Denken weist also einen starken Bezug zur Frühgeschichte auf. Kunst und Kultur aus frühgeschichtlicher und heutiger Sicht stehen als Lebens-Haltungen im Vordergrund seiner Betrachtung.
Jorn hatte sich von vielen Autoren anregen lassen: Nietzsche, Bergson, Erik Lundberg (ein schwedischer Architekturtheoretiker), Marx und Engels. Wenig erwähnt wird bisweilen die grundlegende Zivilisationskritik des 19. Jahrhunderts, die sich Jorn zu eigen machte. An dieser Stelle kommt N. F. S. Grundtvig (1783-1872) ins Spiel - ein in Dänemark bekannter Theologe, Pädagoge, Dichter, Politiker und Übersetzer.
Erst aufgrund der neueren meist englischsprachigen Jorn-Rezeption ist es deutlich geworden, dass Grundtvig eine Schlüsselfigur ist, die man kennen muss, wenn man Jorns Intentionen verstehen will. Als Jugendlicher absolvierte Jorn ein grundtvigianisch inspiriertes Lehrerseminar und sah sich als Grundtvigianer. Man kann Grundtvigs pädagogischen Beitrag heranziehen und nach der Weiterentwicklung Grundtvigscher Pädagogik in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts fragen. Man kann ebenso ergründen, wie das Seminar den weiteren Lebensweg Jorns beeinflusst hat. Im Vordergrund aber steht unmittelbar Grundtvigs Denken und dessen Einfluss auf Asger Jorn.
Inhaltsverzeichnis
A Kurzbeschreibung
Persönliches Vorwort
Asger Jorn und N. F. S. Grundtvig - ein verschleppter Diskurs? (Einleitung)
B Asger Jorn. Vier Lebensstationen. Silkeborg, Paris, Kopenhagen, Ligurien
Jorn mit Grundtvig gegenlesen
Asger Jorn. Der Einschnitt um 1947-1948
Asger Jorn und das Silkeborger Seminar
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete, aber essenzielle Verbindung zwischen den künstlerischen Theorien von Asger Jorn und dem pädagogischen sowie kulturellen Denken des dänischen Theologen, Dichters und Politikers N. F. S. Grundtvig. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Grundtvigs Lehre das Denken Jorns beeinflusst hat und inwiefern der „Norden“ als künstlerisches und kulturelles Narrativ in den Werken beider Schlüsselfiguren eine zentrale Rolle spielt.
- Die pädagogische Prägung Jorns im grundtvigianisch inspirierten Lehrerseminar in Silkeborg.
- Die Rezeption von Grundtvigs Konzepten wie dem „lebendigen Wort“ und der „folkelighed“ bei Jorn.
- Die Abgrenzung Jorns gegenüber dem klassischen, „römischen“ Kunstkanon zugunsten einer „primitivistischen“ Kulturauffassung.
- Der Versuch Jorns, mittels experimenteller Gemeinschaftsarbeiten (wie CoBrA und „Bauhaus imaginista“) eine kulturelle Rehabilitation des Nordens voranzutreiben.
Auszug aus dem Buch
Asger Jorn und N. F. S. Grundtvig - ein verschleppter Diskurs? (Einleitung)
Asger Jorn, der zu den bekanntesten dänischen Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, hatte es wie nach ihm Per Kirkeby geschafft, auch in Mitteleuropa Geltung zu erlangen. Er war ein Mitbegründer internationaler Gruppen („CoBrA” und „bauhaus imaginista”). Seinen Aktivitäten wurde eine integrierende Funktion innerhalb der europäischen Künstlerschaft zugeschrieben. Im Umfeld der Galerie Otto van de Loo in München wurde er als eine der wichtigsten Mittlerfiguren in der europäischen Kunstszene erkannt.
Obwohl Jorn „eigentlich” malen wollte, genügte er sich selbst nicht in der Rolle als bildender Künstler. Er „theoretisierte” und war an der Gründung u. a. der Journale „Helhesten” und „CoBrA” beteiligt, wo er auch publizierte. Er brachte über 700 Veröffentlichungen in Form von Essays, Büchern, Zeitungsartikel und Katalogtexten hervor. Doch bevor er als philosophierender Künstler zu einem Gegenstand der Forschung wurde, rief er einen ungewöhnlichen Widerstand hervor. Jürgen Claus merkte an, noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sei Jorns Denken gemeinhin übersehen oder mit jener nachlässigen Intoleranz behandelt worden, die man den Schriften der Künstler gegenüber zur Schau trägt.
Der Widerstand, der Jorn entgegengebracht wurde, galt dem schreibenden Künstler, der nicht gewillt war, Kunst alleine den „Wissenschaftlern” und „Theoretikern” zu überlassen. Er sah die „Kunsttheorien”, die im Überfluss kursierten, als etwas Konfuses an und glaubte sie berichtigen zu müssen. Überwiegend bewegten sich laut Jorn die Wertekriterien der Kunstkritik nicht im gleichen Takt wie die tatsächliche Kunstentwicklung. Was über Kunst zu sagen war, sollte aus erster Hand kommen, vom Künstler selbst.
Zusammenfassung der Kapitel
A Kurzbeschreibung: Diese Einleitung skizziert Jorns Doppelrolle als bildender Künstler und Publizist und führt in die zentrale These ein, dass Grundtvig eine Schlüsselfigur für das Verständnis von Jorns Intentionen ist.
Persönliches Vorwort: Der Autor erläutert seinen eigenen Weg zur Entdeckung der Verbindung zwischen Jorn und Grundtvig ausgehend von Museumserfahrungen in Silkeborg.
Asger Jorn und N. F. S. Grundtvig - ein verschleppter Diskurs? (Einleitung): Dieses Kapitel beleuchtet den publizistischen Widerstand, dem Jorn als „theoretisierender Künstler“ begegnete, und setzt sein Werk in den Kontext einer notwendigen Rehabilitation des kulturellen Nordens.
B Asger Jorn. Vier Lebensstationen. Silkeborg, Paris, Kopenhagen, Ligurien: Ein chronologischer Überblick zu Jorns Wirkstätten, der seine Entwicklung vom Schüler in Silkeborg über das internationale Wirken bis hin zur Gründung des „Bauhaus imaginista“ nachzeichnet.
Jorn mit Grundtvig gegenlesen: Analyse der engen theoretischen Parallelen zwischen Jorn und Grundtvig, insbesondere hinsichtlich ihrer Kritik an Klassizismus und der Suche nach einer nordischen kulturellen Identität.
Asger Jorn. Der Einschnitt um 1947-1948: Untersuchung der Zäsur in Jorns Arbeit, die durch seine archäologischen Interessen und die Auseinandersetzung mit Grundtvigs Mythen-Diskurs geprägt war.
Asger Jorn und das Silkeborger Seminar: Detaillierte Darstellung von Jorns Ausbildung in einem grundtvigianisch ausgerichteten Seminar und der dort vermittelten pädagogischen Prinzipien, die sein späteres Wirken maßgeblich beeinflussten.
Schlüsselwörter
Asger Jorn, N. F. S. Grundtvig, CoBrA-Bewegung, Bauhaus imaginista, nordische Volkskunst, Pädagogik, lebenslanges Lernen, Antiklassizismus, lebendiges Wort, folkelighed, Kulturkritik, Silkeborger Seminar, Architekturtheorie, kulturelle Identität, Primitivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die bisher unterschätzte intellektuelle und pädagogische Verbindung zwischen dem dänischen Maler Asger Jorn und dem Theologen und Pädagogen N. F. S. Grundtvig.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Lebensstationen Jorns, seine Kunsttheorie im Kontext der europäischen Avantgarde, die Pädagogik der Volkshochschulbewegung sowie die theoretische Aufarbeitung des kulturellen Erbes des Nordens.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das primäre Ziel ist es nachzuweisen, dass Grundtvigs Denken und seine pädagogischen Konzepte ein zentrales Fundament für Jorns künstlerisches und publizistisches Schaffen darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische und rezeptionsgeschichtliche Analyse, die Schriften von Jorn und Grundtvig sowie die zugehörige Sekundärliteratur in einen diskursiven Vergleich stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Jorns Lebenswege, seine archäologischen Studien, die Gründung experimenteller Gruppen wie „Bauhaus imaginista“ und die tiefe Verwurzelung seines Denkens in der dänischen Grundtvig-Tradition.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind das „lebendige Wort“, „folkelighed“ (Volkstümlichkeit), „Antiklassizismus“, die „Lebensdialektik“ und die „Kultur des Nordens“ als Gegenentwurf zur modernen Zivilisationskritik.
Wie unterscheidet sich Jorns Ansatz vom klassischen Bauhaus?
Während das klassische Bauhaus eine zweckrationale Doktrin verfolgte, wollte Jorn mit dem „Bauhaus imaginista“ ein experimentelles „Gegenraum“-Modell schaffen, das auf künstlerischer Autonomie und dem „lebendigen Wort“ statt auf strikter Reglementierung basierte.
Welche Bedeutung hatte das Seminar in Silkeborg für Jorn?
Das Seminar in Silkeborg unter Peder Jørgen Madsen Vinther bot Jorn nicht nur eine Ausbildung ohne Drill, sondern vermittelte ihm eine lebensnahe Pädagogik, die ihm erlaubte, Theorie und Praxis (Malerei) als gleichwertige, sich gegenseitig befruchtende Bereiche zu verbinden.
- Citation du texte
- Ulrich Gorsboth (Auteur), 2024, Studien zu Asger Jorn und N. F. S. Grundtvig. Grundtvigs Denken und dessen Einfluss auf Asger Jorn, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1515327