Liberales Denken auf der Basis nationaler Identitäten

Eine Analyse der Möglichkeit eines praktischen und moralischen liberalen Nationalismus


Masterarbeit, 2009

95 Seiten, Note: 5.5


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG
1.1 AUSGANGSÜBERLEGUNGEN
1.2 GEGENSTAND DER ARBEIT
1.3 FRAGESTELLUNG & GLIEDERUNG

2. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN
2.1 NATION & STAAT
2.2 NATION & ETHNIE
2.3 INDIVIDUUM & KOLLEKTIV
2.4 NATIONALISMUS & LIBERALISMUS
2.4.1 Ethischer Partikularismus & Universalismus

3. DAS PRINZIP DER NATIONALITÄT (PdN) NACH DAVID MILLER
3.1 PRINZIP DER NATIONALITÄT
3.2 NATIONALE IDENTITÄT
3.3 NATIONEN ALS ETHISCHE GEMEINSCHAFTEN
3.4 POLITISCHE SELBST-BESTIMMUNG
3.5 KULTURELLER PLURALISMUS
3.6 ZUSAMMENFASSUNG

4. LIBERALER NATIONALISMUS (LN) NACH YAEL TAMIR
4.1 PERSÖNLICHE IDENTITÄT
4.2 NATIONALITÄT & KULTUR
4.3 NATIONALE SELBST-BESTIMMUNG
4.4 LIBERALER NATIONALISMUS
4.5 PRAKTISCHE IMPLIKATIONEN

5. ZUSAMMENFASSUNG UND WEITERFÜHRENDE GEDANKEN

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

1.1 AUSGANGSÜBERLEGUNGEN

„Jede Nation ein Staat – jeder Staat eine Nation“ hiess der Schlachtruf im 19. Jahrhundert. Auf den ersten Blick irritiert diese Aussage und scheint in der heutigen Zeit beinahe völlig absurd. Wieso? Es scheint mir offensichtlich, dass es unmöglich ist, jeder Nation einen Staat zu ermöglichen oder jeden Staat mit nur einer Nation zu konzipieren. Wie also ist diese 'veraltete' Aussage zu verstehen und in die Moderne umzusetzen? Gibt es vielleicht nicht doch eine Möglichkeit, diese sich ausschliessenden Punkte zu vereinen? Worin also liegt die Spannung zwischen diesen beiden Punkten und was ist ihr Einfluss auf die Entwicklung nationaler Identitäten? Die Geschichte zeigt uns auf, dass der Term Nation sowohl im Alltag, als auch in politischen und moralischen Diskussionen von grosser Wichtigkeit ist. Denn gerade in der heutigen Welt, die einen grossen Trend zur Globalisierung ausweist, zwingt sich meines Erachtens eine Erneuerung der Gedankengänge zum Nationen-Begriff auf. Lassen sich denn heute Staaten wirklich noch auf Nationen zurückführen? Ist der Trend von National-Staaten hin zu Multinationalen Staaten wirklich sinnvoll? Auch die meisten aussenpolitischen Diskussionen seit dem Ende des Kalten Krieges werden von einer Reihe von Regionalkonflikten bestimmt. Besonders hervortraten der Irak (Golfkrieg 1991, Irakkrieg 2003), Somalia, die Auflösungskriege des ehemaligen Jugoslawiens (vorwiegend Bosnien und Kosovo), Afghanistan und die Kriege und Gewaltexzesse in Afrika (Rwanda, Burundi, Kongo, Liberia und andere). Seit den frühen 90er Jahren hatte sich jedoch die Perspektive verschoben, denn nicht mehr jeder Konflikt konnte ins Schema vom Kalten Krieg gepresst werden. Interne Konfliktursachen, wie kulturalistische Interpretationen oder die Zuschreibung ethnischer Ursachen, sind seit dieser Zeit stärker ins Blickfeld gerückt. Die Erfahrungen der internationalen Gemeinschaft in Ländern wie Afghanistan, Somalia, auf dem Balkan oder im Irak haben unseren Blick dafür geschärft, dass sowohl der Trend hin zu multinationalen Staaten als auch die Fragmentierung von Gesellschaften (Staatszerfall) Gewaltkonflikte auslösen oder unlösbar machen können. Solche Situationen bringen meistens soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen längerfristig zum Scheitern, was ganze Regionen destabilisieren kann und humanitäre Katastrophen nach sich zieht. Dies berührt schlussendlich auch weit entfernte Ziele und stellt die Politik und unser Denken vehement in Frage. Bei solchen Gedanken erkennt man schnell die Reichweite und Gewichtigkeit dieser Debatte, weshalb es mir im Sinne Millers ein Anliegen ist, mit dieser Arbeit einen Beitrag in der Diskussion um die Blickrichtung auf unsere Welt zu leisten.

Auf der Basis solcher historischen und politischen Probleme stellt sich für mich also die Frage, welches Denken in der Welt den fruchtbareren Ansatz bietet. Sind es nationalistische Überlegungen, d.h. ist es der Rückgriff auf die historische Nation als moralisch relevante Gemeinschaft und Quelle von Solidarität ein sinnvolles Vorgehen, und wieso sollte man den Co-Nationals den Vorzug gegenüber allen anderen sichern? Oder würde nicht doch der liberale Ansatz, alle Menschen als gleich zu betrachten und niemandem den Vorzug zu gewähren, zu einem besseren Ende führen?

1.2 GEGENSTAND DER ARBEIT

Als zentraler Gegenstand der Arbeit werde ich die beiden Theorien des Nationalismus und des Liberalismus einander gegenüberstellen und entscheidende Unterschiede herausarbeiten, um sie später miteinander verbinden zu können. Ich habe mich für einen vertikalen, pyramidenförmigen Aufbau meiner Arbeit entschieden, wobei der nationalistische Ansatz von Miller als Fundament gelten soll, das mit Tamirs liberalem Denkansatz gepaart zu einer funktionalen Theorie ausgebaut wird. Grundsätzlich werde ich in dieser Arbeit die Theorien dieser beiden Autoren verteidigen, gegen Einwände stärken und schliesslich zusammenführen.

Mit Hilfe von David Millers zentralem Werk „ On Nationality“ werde ich sein Prinzip der Nationalität (PdN) detailliert analysieren und gegen problematische Einwände von Seiten der Liberalisten zu verteidigen versuchen. Als Ergebnis dieser Analyse wird sich ein Verständnis von Nationalismus ergeben, das breiter gefächert und offener ist, als bisher von den meisten Menschen angenommen. Nationalismus ist nämlich keine veraltete Denkweise ohne Tragfähigkeit in der heutigen Zeit, sondern zeugt von grosser moralischer Relevanz und Funktionalität in unserem Alltag. Der wichtigste und entscheidende Punkt spielt hier die Annahme der Nation als ethische Gemeinschaft, was von den meisten Liberalisten in Zweifel gezogen wird. Mit der Analyse von Yael Tamirs Werk „ Liberal Nationalism“ werde ich anschliessend die liberale Denkweise im Prinzip der Nationalität einbauen, um so den Praktikabilitätsanspruch des liberalen Nationalismus zu verteidigen.

1.3 FRAGESTELLUNG & GLIEDERUNG

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es also, die Argumente für einen liberalen Nationalismus, sowohl aus der Blickrichtung der Liberalisten wie Tamir, als auch aus jener der Nationalisten wie Miller, einerseits zu rekonstruieren und andererseits zu verteidigen. Ich erachte es als sinnvoll, in einem ersten Teil die wichtigen und kritischen Begriffe genau zu definieren und voneinander abzuheben. Desweiteren werde ich im zweiten Teil meiner Arbeit die verschiedenen Elemente und Annahmen von David Millers nationalistischem Ansatz her einzeln erläutern und sie bezüglich ihrer Stärken und Schwächen genauer analysieren. Im dritten Teil werde ich Yael Tamirs Idee des liberalen Nationalismus mit Millers Theorie verknüpfen, um zum Schluss den Praktikabilitätsanspruch des liberalen Nationalismus bestimmen zu können.

Der erste der drei Hauptteile ist der Einführung in die begriffliche Komplexität des Themas gewidmet. Im Abschnitt 2.1 werde ich die Unterschiede zwischen Nation und Staat herausarbeiten, um allfällige Missverständnisse mit unserer Alltagssprache zu vermeiden. Im folgenden Abschnitt 2.2 werden in der gleichen Absicht nationale Gemeinschaften von ethnischen Gemeinschaften differenziert. Um den unterschiedlichen Arten von Gemeinschaften gerecht zu werden, betrachte ich es für unumgänglich auch die Begriffe von individuell und kollektiv genauer zu analysieren (Abschnitt 2.3). Abschliessen werde ich diesen Hauptteil mit einer Erläuterung der zentralen Theorien des Nationalismus und des Liberalismus selbst (Abschnitt 2.4), respektive deren Verwandtschaft mit den Haupttheorien des ethischen Partikularismus und Universalismus klären (Abschnitt 2.4.1).

Im zweiten Hauptteil werde ich das Prinzip der Nationalität vorstellen, das auf drei von einander abhängigen Positionen basiert, einer subjektiven, einer ethischen und einer politischen, die zusammengenommen Millers Nationalitäten-Konzept definieren (Abschnitt 3.1). Inwieweit diese drei Positionen der kritischen Reflexion standhalten und auf welcher Grundlage sie gerechtfertigt werden können, soll in den Abschnitten 3.2 bis 3.5 ausführlich analysiert werden. In Abschnitt 3.2 werde ich mich vorwiegend mit der nationalen Identität (Position 1 des PdN) von Personen auseinander setzen, im Unterschied zu und in Abgrenzung von anderen Identitäten, wie beispielsweise der persönlichen Identität. Die nationale Identität ihrerseits besteht aus fünf konstitutiven Aspekten und einem mythischen Element, das einerseits der Schwachpunkt dieser Definition ist, da mythische Aspekte keiner rationalen Prüfung standhalten können, aber im Sinne Millers dennoch unverzichtbar in ihrer praktischen Relevanz sind. Es wird sich zeigen, dass Millers Verständnis von nationaler Identität auf subjektiven Grundannahmen basiert und nicht durch logische Deduktion herleitbar ist. Im nachfolgenden Abschnitt 3.3 werde ich überprüfen, inwiefern der von Miller vertretene ethische Stellenwert einer Nation (Position 2 des PdN) innerhalb seines Nationalitäten-Konzeptes gutgeheissen werden kann. Die Akzeptanz einer Nation als ethische Gemeinschaft ist stark verwoben mit der Annahme, dass spezielle Beziehungen unter den Menschen extensivere Pflichten implizieren, als die generellen Pflichten qua Menschsein. Es wird klar werden, dass Millers ethische Position des PdN nur innerhalb einer partikularistischen Theorie gut fundiert ist und gerechtfertigt werden kann, während sie von einem universalistischen Standpunkt aus als irrelevant verworfen werden muss. Nichtsdestotrotz wird Millers Konzept dem Vorwurf, dem Gleichheitsprinzip zu widersprechen, standhalten können. In Abschnitt 3.4 folgt eine Diskussion von Millers Argumenten für die politische Selbst-Bestimmung (Position 3 des PdN) einer Nation, gefolgt von einer Differenzierung von Problemen, die das Verhältnis der Rechte und Pflichten unterschiedlicher Gemeinschaften innerhalb einer Nation oder internationaler Gemeinschaften untereinander betreffen. Da das antiquierte Idealbild eines Staates für jede Nation in der Realität nicht umsetzbar noch zwingend wünschenswert ist, wie sich bis hierhin herausstellen wird, werde ich in Abschnitt 3.5 das Phänomen des kulturellen Pluralismus einbringen, um die Diskussion um Minderheiten-Gruppen abzuschliessen und die zentrale Verbindung zum Liberalismus zu schaffen. Schlussendlich wird sich zeigen, dass Millers Prinzip der Nationalität einen hohen Stellenwert in unserem Denken einnimmt und aufgrund der moralischen Relevanz von Nationen im Alltag einen gerechtfertigten Funktionalitätsanspruch besitzt. Auf dieser Basis lassen sich denn auch die wichtigen liberalen Strukturen nach Tamir konstruktiv einbauen.

Der dritte Hauptteil beginnt mit einer Analyse von Tamirs Konzept der persönlichen Identität (Abschnitt 4.1), jedoch mit dem Fokus eines liberalen Hintergrundes, was den Zusammenhang zur bereits diskutierten nationalen Identität herstellen wird. Hierbei werden verschiedene Arten von Identität genauer betrachtet, in Verbindung zu Miller gestellt und eine Verbindung der liberalistischen und nationalistischen Sichtweise in Form des kontextuellen Individuums geschaffen. In den folgenden beiden Abschnitten 4.2 und 4.3 werden weitere Parameter für eine erfolgreiche Verteidigung des liberalen Nationalismus gesetzt. So werde ich mich zuerst nochmals ausführlich dem Problem von Nationalität und Kultur widmen und die bisherigen Resultate aus der Analyse von Miller miteinbeziehen. Es gilt hier auch die erworbene Position des kontexuellen Individuums richtig zu platzieren und das Recht auf Kultur der verschiedenen Gemeinschaften zu berücksichtigen und einzubringen. Wie wir bereits bei Miller sehen werden, liegt dieses Recht auf Kultur sehr nahe an der Diskussion des Rechtes auf nationale Selbst-Bestimmung (Abschnitt 4.3). Entscheidend ist hierbei Tamirs Schritt dieses Recht aus dem exklusiven Bereich des politischen loszulösen und bei der Neuformulierung kulturelle Aspekte miteinzubeziehen. Mit einer begrifflichen Aufspaltung in Selbst-Bestimmung und Selbst-Regulierung lässt sich dieser Ansatz denn auch besser verstehen. Der Abschnitt 4.4, Liberaler Nationalismus , reflektiert meinen Versuch der Zusammenführung des liberalistischen und nationalistischen Ansatzes. Die Autonomie eines Individuums, die kulturelle und politische Rolle eines Staates und einer Nation, Rechte und Pflichten; all diese Begriffe werde ich hier zusammenbringen und in ein Verhältnis stellen, das eine mögliche Einigung dieser verschiedenen Ansätze behauptet. Ich werde in diesem Abschnitt zum liberalen Nationalismus die politische Ebene mit der individuellen moralischen verknüpfen, sowie die moralischen Werte von nationalen Gemeinschaften in das liberale Denken überführen (Moral der Gemeinschaft). Ich hoffe schlussendlich zeigen zu können, dass sich uns auf dieser Basis ein konsequenter Denkansatz mit echter praktischer Relevanz bietet, der seine Berechtigung in der aktuellen Debatte hat. Dass sich hierbei auch gewisse Spannungen ergeben werden, welche ich nicht vollständig aufzulösen vermag in dieser Arbeit, erachte ich dennoch als spannend und motivierend für eine Weiterführung dieses Denkansatzes. Zum Abschluss dieses Teils werde ich in Abschnitt 4.5 nochmals auf die politische Dimension des liberalen Nationalismus zu sprechen kommen, sowie auf die Möglichkeit und Probleme der Umsetzung eines solchen Denkens. Es wird sich auch hier nochmals klar zeigen, dass das Gelingen einer Verteidigung des liberalen Nationalismus stark von der Bereitschaft zu gewissen Grundannahmen, wie der Nation als ethischer Gemeinschaft oder dem Individuum als kontextuelles Wesen, geprägt ist. Es wird aber dennoch klar werden, dass das Phänomen des liberalen Nationalismus nach Tamir von grösster Relevanz für unseren Alltag ist und ein hohes Mass an Funktionalität und Praktikabilität besitzt.

Zum Schluss der Arbeit wird Bilanz gezogen. Dabei werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und fragen, welche praktischen Konsequenzen ein Denken auf der Basis des liberalen Nationalismus hätte.

2. BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

2.1 NATION & STAAT

„[...] a state is a legal and political organization with the power to require obedience and loyalty from its citizens , while the nation is a community of people, whose members are bound together by a sense of solidarity, a common culture, a national consciousness .”

(H. Seton-Watson, Nations and States , 1977)

Der Begriff Nation wurde aus dem Lateinischen ins Deutsche übernommen und bedeutete ursprünglich: Geburt, Herkunft, Volk. Das Wort Nation ist nicht eindeutig und ausdrücklich definierbar, sondern wird meistens unklar verwendet und überschneidet sich daher mit der Bedeutung anderer Begriffe, wie dem Staat . Im historischen Sprachgebrauch bezeichnet die Nation jedoch eine Kategorisierung von Menschen gleicher Herkunft in Gruppen und Gemeinschaften, welche durch Tradition, Sprache, Abstammung, Sitten und Gebräuche mit einem „Gesamtgeist“ verbunden sind.1 Die Mitgliedschaft in einer solchen Gemeinschaft hat einen wichtigen Einfluss auf das Identitätsbefinden der einzelnen Personen, wie der nationalen Identität oder der persönlichen Identität (siehe Abschnitt 3.1 und 4.1). Diese geschichtlichen, grösstenteils auch gedanklich und kulturell bindenden Merkmale, machen denn entsprechend den nationalen Charakter einer solchen Gruppe aus. Erst seit der französischen Revolution wird die Nation zu politischen Zwecken auch mit dem Staat zusammengeführt. Dabei ging es aber nicht mehr um kulturelle Merkmale, sondern um Ideale wie Freiheit oder Gleichheit, wobei die Begriffe Staat und Nation synonym verwendet werden. Mit Ausnahme des Anspruchs auf politische Selbst-Bestimmung als konstitutives Element einer Nation, sollen für diese Arbeit jedoch die historisch- politischen Komponenten völlig zurückgestellt und der Begriff der Nation nicht mit dem Staat als politisches Konzept gleichgesetzt werden, sondern er wird als anthropologisches Konzept, d.h. der Lehre des historischen, menschlichen Verhaltens, verstanden.

Diese Schwierigkeit den Nationen-Begriff zu fassen, möchte ich mit David Millers Verständnis von Nation genauer erläutern: Eine Nation ist keine homogene Entität, die sich so eindeutig beschreiben und beobachten lässt wie zum Beispiel ein Stein. Es herrscht kein wirklicher Disput darüber, was einen Stein ausmacht, es gibt aber annähernd keine Einigkeit über Kriterien, die Nationen definieren. Es herrscht beispielsweise weit verbreitete Uneinigkeit darüber, ob die Waliser (in Grossbritannien) eine eigene Nation bilden. Dies liegt nicht nur an der Vagheit oder Komplexität der Kriterien, wie eine Nation zu definieren ist, sondern an einem Element des Glaubens, nämlich wie und ob man glaubt, einer Nation angehörig zu sein. Und genau dieser nicht rationalisierbare Glauben ist von entscheidender Bedeutung für die nationale Identität. Es liegt also auf der Hand, dass man mit empirischen Untersuchungen diese Problematik nicht aus der Welt zu schaffen vermag, da sie nur die Aussenperspektive der Individuen beleuchten. Einen Waliser zu fragen, was es bedeutet sich als Waliser zu fühlen, ist zirkulär. Einen Nicht-Waliser zu fragen, wäre irrelevant für die Problemlösung.

Um also ein besseres Verständnis des Nationen-Problems zu gewinnen, werde ich nun das Verhältnis von Nation und Staat abwägen. Auch im Alltag werden Nation und Staat häufig synonym gebraucht, was falsch ist. Man betrachte nur mal die Verwendung und den Sprachgebrauch von weltbekannten Institutionen wie den „Vereinten Nationen“, die sich eigentlich gar nicht auf Nationen sondern auf Staaten beziehen. Denn wenn wir von einer Nation sprechen, dann referieren wir auf eine Gruppe von Personen mit gemeinsamen Grundprinzipien und dem Wunsch nach politischer Selbst-Bestimmung, während der Begriff Staat auf das Set politischer Institutionen verweist, die eben diese Gruppe für sich beansprucht: „’the nation’ conveys the idea of a circumscribed body of people bound together by common customs and capable of being represented [...].“2

Der Begriff Staat wurde von Machiavelli aus dem Lateinischen entlehnt (lat.: “status” = Stand, Zustand, Stellung), um die mehr oder weniger stabile Verfassungsform einer Monarchie zu beschreiben (ital.: “lo stato”). Jede politische Ordnung, die ein gemeinsames, als Staatsgebiet abgegrenztes Territorium, ein dazugehöriges Staatsvolk und entsprechende Autorität besitzt, wird also als Staat bezeichnet. Den Begriff Staat durch eine Auflistung von zentralen Zwecken genau zu fassen, bleibt jedoch unmöglich, da er bisher zu allen möglichen positiven wie auch negativen Zielen und Zwecken gebraucht und missbraucht wurde. “Um den Begriff Staat fassen zu können, muss daher zwischen dem, was er sein soll (Zweck, Ziel Wunsch), und dem, was er tatsächlich ist (aktueller Zustand, Realität), unterschieden werden.”3 Ein Zitat des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson (1856-1924) beschreibt “das Sollen” eines Staates für mich am wohl treffendsten: “Der Staat darf nicht lenken; er soll Bedingungen schaffen, aber nicht Individualitäten formen.” Desweiteren lässt sich eine enge und eine weitere Definitionsannäherung formulieren: Erstere versteht den Staat als eine politische Einrichtung (Institutionen), welche für allgemeine Regulierungs- und Steuerungsfunktionen zuständig ist, sich hierbei freier Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse bedient und diese Entscheidungen allfällig mit Sanktionen durchsetzen kann, jedoch Raum- und Zeitlos ist. Der Staat ist also gleich einer politischen Instanz, respektive besitzt eine solche Instanz, die für die Bildung und Wahrung von Recht und Ordnung innerhalb einer Gemeinschaft zuständig ist und diese mittels einer frei gewählten Verwaltung, der Exekutiven, durchsetzt. Die weitergefasste Definitionsannäherung versteht den Staat als einen territorial begrenzten politischen Herrschaftsverband, der das Monopol legitimierter Herrschaft besitzt. Beide dieser Annäherungen basieren auf der Annahme gerechtfertigter Herrschaftsbildung als frei gewählter Führungsverband. Inwieweit auch unfreie Prozesse eine gerechtfertigte Herrschaftsbildung einleiten können, will ich in dieser Arbeit nicht behandeln. Ich werde an dieser Stelle auch nicht weiter auf ungerechtfertigte oder illegitime Herrschaft eingehen, sondern mich für den weiteren Verlauf dieser Untersuchung auf die folgende Definition stützen, da sie mir von allen am treffendsten und zurückhaltesten formuliert scheint: “Der Staat ist ein durch repräsentativ aktualisiertes Zusammenhandeln von Menschen dauernd sich erneuerndes Herrschaftsgefüge, das die gesellschaftlichen Akte auf einem bestimmten Gebiet in letzter Instanz ordnet.”4

Es gibt auf der einen Seite multi-nationale Staaten, die mehrere Nationen in sich schliessen, wie zum Beispiel die alte Sowjetunion, deren politische Institutionen sich weit über hundert Nationen erstreckten. Andererseits, eher weniger häufig, gibt es Nationen, die beispielsweise aus historischen Gründen in mehrere Staaten aufgeteilt waren, wie Deutschland (BRD – DDR) vor der Wiedervereinigung, respektive aufgeteilt sind, wie Nord- und Süd-Korea bis zum heutigen Tage. Eine dritte Möglichkeit wäre noch das Zusammenfallen von Nation und Staat zu einem Nationalstaat, d.h. wenn eine homogene Gruppe von Personen eine Nation bildet und innerhalb eines Einzel- Staates politisch vereint wird. Ich werde im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch genauer auf die Schwierigkeiten dieser unterschiedlichen Systeme zu sprechen kommen.

Als Fazit lässt sich also festhalten, dass der Begriff Nation nicht politisch aufgeladen verstanden werden soll, sondern als Konzept, das sich mit den kulturellen und soziologischen Merkmalen einer Gruppe beschäftigt.

2.2 NATION & ETHNIE

Die Unterscheidung von Nation und Ethnie fällt etwas schwieriger aus, da sich beide Gruppen aus gemeinsamen kulturellen Charakteristika und gegenseitiger Anerkennung zusammensetzen. Ethnie stammt vom griechischen Wort „Ethnos“, was soviel wie „Volk“ bedeutet, und ihr zentraler Gegenstand ist die Kultur. Ethnie beschreibt die Vielfalt des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens, die allgemeine menschliche Kulturfähigkeit, sowie einzelne Kulturen mit ihren Eigentümlichkeiten.

„Völkerkundler (Ethnologen) fassen mit diesem Begriff benannte Populationen von Menschen zusammen, die Herkunftssagen, Geschichte, Kultur, die Verbindung zu einem spezifischen Territorium und ein Gefühl der Solidarität miteinander teilen.“5 Der Blickwinkel liegt in der Perspektive von innen (=emische Perspektive), d.h. die innere Wirklichkeit einer Kultur und ihrer Mitglieder wird beleuchtet. Dennoch sind ethnische wie nationale Gruppen niemals homogen, auch wenn sie oft als solche wahrgenommen werden, denn die entsprechende Zugehörigkeit einer Person zu einer ethnischen Gruppe ist mehrschichtig und im Kontext der Globalisierung und Migration meistens auch unklar. Analog zur Nation erscheint die Selbstidentifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe auch als so stark und selbstverständlich, dass sie oft als starr empfunden wird. Solche ethnischen Gemeinschaften haben aber wenig mit unveränderbarer Faktizität zu tun, als vielmehr mit der Innen- und Aussensicht von Kollektiven / Gruppen (siehe Abschnitt 2.1). Es gibt eine Unmenge ethnischer Gruppen, die einer Vielzahl anderer ethnischen Gruppen gegenüberstehen. Solche Gruppen und ihr Verhältnis zu den Anderen sind aber keine statischen Tatsachen, sondern soziale Konstrukte, deren Grenzen und Formen zeitlich und inhaltlich variabel sind. Ausschlaggebend für die Konstitution einer ethnischen Gruppe sind also das Gefühl des Einander-zugehörig-Seins, beziehungsweise des Anders-artig-Seins; ethnische und kulturelle Identitäten bilden sich also in Abgrenzung zum „Anderen“. In Anlehnung an Fredrik Barths Ethnizitätstheorie 6 lässt sich wohl sagen, dass zunehmend auch der Grenzziehungsprozess zwischen dem Eigenen und dem Fremden berücksichtigt wird. Es handelt sich also um ein Prinzip der kulturellen Differenzierung zwischen dem „Wir / Man“ und dem kulturell „Anderen“.

Nationen umschliessen häufig zahlreiche unterschiedliche Ethnien, obschon sie vielleicht ursprünglich nur aus einem, exklusiven ethnischen Charakter entstanden sind. Denn Nationen entstanden häufig aus einer ethnischen Gemeinschaft mit ihrer eigenen, unterscheidenden Identität, und auch heute ist Ethnie eine kontinuierliche Quelle möglicher, neuer nationaler Identitäten. Eine solche ethnische Zugehörigkeit der Mitglieder kann also in einer Gemeinschaft wie dem Staat oder einer Nation, die ebenfalls niemals ethnisch homogen sein können, von grosser Bedeutung für die soziale Stellung eines Individuums sein. Dies lässt sich am Beispiel der USA gut beobachten, das zwar angelsächsischen Ursprungs war und heute Afro-Amerikaner, Italo-Amerikaner, etc. umschliesst, dennoch aber eine eigene Nation konstituiert. Es lässt sich also schliessen, dass Ethnie und Nationalität durchaus friedlich nebeneinander koexistieren können, sofern keine Gründe für eine Separierung vorliegen, wie Verfolgung oder politische Diskriminierung.

Ich möchte festhalten, dass Ethnie und Nation sehr eng miteinander verwoben sind, jedoch einen grundlegend anderen Fokus haben: Die Nation ist ein expandierendes Konzept mit einem globalen Fokus, während Ethnie ein emisches Konzept ist in Abhängigkeit und Referenz zu anderen Gruppen. Zur Wahrung der Nation gibt es die internationalen, globalen Völkerrechte, zur Wahrung von Ethnien gilt der Minderheitenschutz.

2.3 INDIVIDUUM & KOLLEKTIV

Wenn man in die Welt schaut, scheint es einen unauflösbaren Prioritätenkonflikt zwischen individuell und kollektiv zu geben. Da jedes Individuum auch in verschiedensten Kollektiven wie Familie, Staat oder Arbeit eingebunden ist, stellt sich natürlich die Frage nach dem Verhältnis von solchen Kollektiven zum einzelnen Individuum. Von welchem Standpunkt aus sind die Handlungen zu bewerten, wem der Vorrang zu gewähren und kann vom Individualbereich auf das Kollektiv oder umgekehrt geschlossen werden? Der Begriff des Kollektivs ist im Rahmen dieser Arbeit in seiner Reichweite einzuschränken. Ich unterscheide das Kollektiv hier von zufälligen Kollektivkonstellationen oder scheinbar unstrukturierten Gruppen, wie zum Beispiel allen Personen in einem Tram zwischen zwei Stationen. Ein zufälliges Kollektiv unterscheidet sich vom Kollektiv im engeren Sinne dadurch, dass es einerseits weder auf gewollter noch gewählter Mitgliedschaft beruht und andererseits die Gruppe keine Entscheidungsmethode besitzt. Bei dieser Entscheidungsprozedur handelt es sich nicht um Methoden, die allen Menschen gegeben sind, sondern um ein explizit hervorgebrachtes Entscheidungsprinzip innerhalb der Gruppe, welches ein kollektives Handeln erst möglich macht. Ob und wie ein zufälliges Kollektiv zu einem eigenständigen Subjekt werden kann wie es das Kollektiv im engeren Sinne ist, das handlungsfähig ist und einem Verantwortungsbereich zugeschrieben wird, muss anderswo geklärt werden. Ich werde mich also in meinen folgenden Ausführungen beschränken auf das Kollektiv im engeren Sinne und den Begriff im weiteren als unproblematisch annehmen.

Da eine einheitliche Begriffsbestimmung und Einbettung des Kollektivs in der philosophischen Literatur fehlt, werde ich mich in dieser Arbeit auf folgende Definition stützen: Ein Kollektiv ist ein Gattungsbegriff, der eine Menge verschiedener Entitäten mit gewissen gemeinsamen Eigenschaften und einem gegenseitigem Zugehörigkeitsgefühl beschreibt. Dieser Term steht also für eine einheitliche, aber nicht homogene Zusammenfassung einer Gruppe von Individuen wie ‚Volk’ oder ‚Nation’, aber nicht für alle einzelnen Individuen zusammengenommen. Ein Kollektivname kann im Gegensatz zu den allgemeinen Namen also nicht von jedem einzelnen Element der Menge, sondern nur von allen zusammen ausgesagt werden.

Durch diesen Zusammenschluss von Individuen scheint sich auch eine Art Gesamtpersönlichkeit dieser Gruppe zu konstatieren. Dieser neu konstituierte Gesamtwille, eine Art kollektive Identität, steht in einem schwierigen Verhältnis zur individuellen Identität und bedarf der Klärung. Denn das Kollektiv wird in einer konkreten Situation zu einem Subjekt, was die kollektive Identität seinem Wesen nach widersprüchlich und zweideutig erscheinen lässt, denn die Identität eines realen Subjekts kann keine kollektive Identität, und die kollektive Identität keine Identität eines realen Subjekts sein. Es bietet sich also an, diesen Konflikt aufzulösen indem man die Identität der einzelnen Individuen zu einer kollektiven Identität aufsummiert. Diesen Lösungsversuch betrachte ich als falsch, da diese Gesamtidentität an Umfang und Macht den kumulierten Einzelidentitäten überlegen ist (Synergie-Effekt3 ), denn die Zustände, welche die Gesamtidentität konstituieren unterscheiden sich deutlich von jenen, die die Einzelidentität formen. Das Kollektiv ist ein hoch komplexer Zusammenschluss von Individuen und ihren Aufgaben, die nicht linear aufgeteilt sind, weshalb es auch unmöglich ist ein Kollektiv auf dessen Individuen herunter zu brechen. Ich bin der Ansicht, dass die individuelle Identität in der kollektiven Identität auf natürliche Art und Weise eingebunden ist und diese durch die individuelle Identität, als ein mehrheitlich sich selbst Bestimmendes, modifiziert wird. Aber auch die individuelle Identität wird durch seine Zugehörigkeit zum Kollektiv entscheidend geprägt. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: a) Individuelle Identität bestimmt kollektive Identität mit: Wenn ein FCZ-Hooligan nach einem Fussballspiel jemanden niederschlägt, beeinflusst dies die kollektive Identität der ganzen Zürcher Fan- Gemeinschaft, man schämt sich beispielsweise. b) Kollektive Identität bestimmt individuelle Identität mit: Verfehlte kriegerische Handlungen eines Staates, zu dessen Bevölkerung ich mich zähle, lösen in mir Scham, Reue und Mitleid aus, obschon ich eigentlich hinter meinem Staat stehe.

Aufgrund dieser wechselseitigen Beziehung halte ich an einer Synthese von individuell und kollektiv fest: Sie konkurrenzieren sich nicht gegenseitig und schliessen sich nicht aus, sind aber trotz der gegenseitigen Beeinflussung getrennt und unabhängig von einander zu betrachten und auszuwerten.

2.4 NATIONALISMUS & LIBERALISMUS

Um dem Thema dieser Arbeit gerecht zu werden erscheint es mir durchaus sinnvoll, auch den Begriff Nationalismus genauer zu beschreiben. Die Bedeutung dieses Terms ist leider nicht völlig eindeutig und besitzt in der Umgangssprache eine andere Konnotation als in der politischen Definition. Ich werde in dieser Arbeit den Begriff als eine Sammelbezeichnung für „politische Ideologie verstehen, die auf eine Kongruenz zwischen einer (meist ethnisch definierten) Nation und einem Staatsgebilde abzielt, wobei das Nationalgefühl des Einzelnen als gefühlsmäßige Bindung an die Idee der Nation gilt und nicht zwingend einen Staat voraussetzt,“7 und mich nicht auf das volkstümliche Verständnis von Nationalismus stützen, das oft auf eine Überhöhung und Glorifizierung der eigenen Nation abstellt. Diese auf Festigung der inneren Einheit gerichtete Abgrenzung richtet sich leider häufig auch gegen Minderheiten im eigenen Land. Nationalismus und ein entsprechendes Nationalbewusstsein eignen sich also dafür, soziale Grossgruppen zu integrieren oder voneinander abzugrenzen, wobei der Nationalismus sowohl intern als auch extern sich als provokativ und problematisch präsentieren kann; er ist schlicht das Mittel zur Ausbildung einer eigenen Nation. Denn wie wir bereits gesehen haben ist die Idee der Nation historisch gesehen stark verbunden mit der Idee politischer Selbst-Bestimmung und erst die Formung des modernen Nationenverständnisses liess ein sozialintegratives und ideologiefähiges Bewusstsein der Zugehörigkeit zu der im Staat organisierten sozialen Grossgruppe entstehen.

In Anlehnung an Isaiah Berlins Verwendung des Terms Nationalismus , birgt diese Position vier zentrale Überzeugungen in sich: die Charaktere von Menschen werden massgeblich durch deren Gruppenzugehörigkeit beeinflusst; diese Gruppen sind quasi-organischer Natur; die Ziele der Individuen sind als Werte der entsprechenden nationalen Gruppierung zu interpretieren; die Interessen der Nation gelten als übergeordnet.8 Es ist allerdings festzuhalten, dass es sich hierbei nicht um eine naturalistische Sichtweise handelt, wo Nationalismus eine elementare Kraft ausserhalb unseres menschlichen Einflussbereiches ist und uns unbewusst lenkt. So spricht sich denn auch Neil Mac Cormick für ein generisches und dynamisches Konzept von Nationalismus aus, nämlich Nationalismus als ein Prinzip, wonach jene, die zu einer bestimmten Nation dazu gehören, ihre eigene Regierung, auf der Basis ihrer eigenen unterschiedlichen Gesetze, bilden können; Die Nation ist dann die höchste Form menschlicher Assoziation, aber eine Dominanz einer höheren Gesellschaft über eine tiefere ist moralisch inakzeptabel.9

Die 'gedankliche' Weiterführung zum Nationalstaat , eine idealistische Vorstellung einer Übereinstimmung von ethnischer Gemeinschaft (Nation) und territorialer Herrschaft (Staat), ist jedoch durch seinen Absolutheitsanspruch gegenüber anderen Nationen und seine Intoleranz gegenüber Minderheiten stark negativ belastet. Die ethnische und kulturelle Homogenität wird zwar im Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung des Nationalstaates bezeichnet, wurde jedoch in der Realität noch nie so umgesetzt, d.h. ist nicht wirklich umsetzbar. Den Gegensatz hierzu bildet folglich der Vielvölkerstaat , der innerhalb eines Staates Angehörige verschiedener Nationen vereint.

Mit Hilfe von David Millers Worten möchte ich an dieser Stelle nochmals klar machen, dass es mir nicht darum geht eine weitere ‚Nationalismus-Theorie’ aufzustellen, welche die Herkunft und Funktionalität nationaler Identitäten erklärt, sondern wie man über Nationalismus denken und welche Haltung man adaptieren soll:

„By this I mean a philosophy which, rather than dismissing ordinary beliefs and sentiments out of hand unless they can be shown to have a rational foundation, leaves them in place until strong arguments are produced for rejecting them. [...] In moral and political philosophy, in particular, we build upon existing sentiments and judgements, [...]. [...] What we can do is to start from the premise that people generally do exhibit such attachments and allegiances, and then try to build a political philosophy which in incorporates them.”10

Das Gegenstück zum Nationalismus in dieser Arbeit ist der Liberalismus . Der Begriff des Liberalismus ist jedoch wesentlich weniger komplex. Er bezeichnet eine Geisteshaltung, die die Freiheiten des Individuums und damit die freie Entfaltung des einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt, also die individuelle Freiheit als normative Grundlage der Gesellschaftsordnung anstrebt. Im Zentrum der politischen Philosophie des Liberalismus stehen vier Prinzipien:11

1. „Das Recht auf Selbstbestimmung auf der Basis von Vernunft und Einsicht“
2. „Die Beschränkung politischer Macht“
3. „Die Freiheit gegenüber dem Staat“
4. „Die Selbstregulierung der Wirtschaft auf der Basis persönlichen Eigentums“

Was den Liberalismus vom Anarchismus unterscheidet, ist seine Auffassung, dass der Staat, wenn auch möglichst dezentral und im Hintergrund, zur Sicherung von Freiheit und Eigentum notwendig ist. Auf der Basis dieser Sichtweise, dass jegliche externe, insbesondere staatliche Gewalt dort zu enden hat, wo sie die Freiheit des Individuums berührt, wurde die Emanzipation der individuellen Freiheit als Grundnorm begründet. Obschon die Gewalt des Staates grundsätzlich darauf beschränkt ist, den Erhalt von Recht und Freiheit zu sichern, ist er berechtigt einzugreifen, wenn die Freiheit von Individuen gefährdet wird. Wie, wann und wo genau der Staat sich einmischen darf, werde ich im weiteren Verlauf beantworten.

Grundsätzlich gibt es zwei Strömungen des Liberalismus, eine politische und eine ökonomische. Im politischen Liberalismus geht es um die Machtbeschränkung des Staates, der den Menschen nicht vorschreiben darf, was sie denken oder tun sollen. Das Motto lautet: Tun können was man will, solange man die Rechte anderer nicht beschneidet. Der wirtschaftliche Liberalismus fordert eine grundsätzliche Marktfreiheit. Zum Verhältnis dieser beiden Richtungen berufe ich mich auf den amerikanischen Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman (1912-2006): „Wirtschaftliche Freiheit ist eine notwendige Voraussetzung für politische Freiheit.“ Selbstverständlich ist diese Beziehung nicht sorgenfrei und einfach zu erklären, jedoch möchte ich mich in dieser Angelegenheit nicht weiter mit dem Verhältnis dieser beiden Ansätze beschäftigen, sondern die Auswirkungen des politischen Liberalismus klären und im Rahmen dieser Untersuchung nicht weiter auf den wirtschaftlichen Liberalismus eingehen.

2.4.1 Ethischer Partikularismus & Universalismus

Um dem weiteren Rahmen dieser Arbeit gerecht zu werden, werde ich im nachfolgenden noch den ethischen Partikularismus vom Universalismus abheben. Der ethische Partikularismus ist eigentlich das Gegenteil des Universalismus und bezeichnet ein Bestreben innerhalb eines Ganzen stets der kleineren Einheit den Vorzug zu geben. Diese Theorie besagt, dass zwischenmenschliche Beziehungen relevante Aspekte in der Moral sind und dass fundamentale Moralprinzipien direkt mit diesen in Verbindung stehen (müssen). Man könnte den ethischen Partikularismus auch als ein System beschreiben, worin das Untergeordnete gegenüber dem Übergeordneten stetig an Gewicht gewinnt. Das partikulare Interesse bezeichnet dementsprechend die Ziele und Wahrnehmungen von Gruppen innerhalb eines grösseren Ganzen. Dies zeichnet sich meist dadurch aus, dass das Eigeninteresse mit Priorität behandelt wird, während übergreifende Gesichtspunkte meistens aussen vorgelassen werden. Das Partikularinteresse steht somit dem Gemeinwohl gegenüber. Wichtig hierbei ist, dass das Partikularinteresse nicht für ein einzelnes Individuum steht, sondern für eine Interessengruppe (Kollektiv). Dementsprechend ist das ethische Leben eines Partikularisten pluralistisch: Wo wir zu entscheiden haben wem zu helfen ist, muss man die verschiedenen Ansprüche abwägen auf der Basis meiner Beziehung zu der entsprechenden Person und den Vorteilen die ein jeder erhalten würde. Wir stehen aufgrund unserer allgemeinen Menschlichkeit in einer gewissen Beziehung zu allen anderen Menschen; das Problem ist daher zu erkennen, was für ethische Pflichten sich aus diesen unterschiedlichen Beziehungen ergeben, denn genaugenommen ist es dem ethischen Partikularismus zufolge gar nicht möglich, gültige Moralprinzipien zu begründen, da sich zu jedem vorgeschlagenen Prinzip Ausnahmen finden lassen.

Im Unterschied zum ethischen Partikularismus ist der Universalismus keine exklusive Theorie, sondern beansprucht Gültigkeit für alle Menschen. Der eigentliche Begriff Universalismus ist vom lateineischen Wort universalis (= allgemein) abgeleitet und wird als eine Anschauung verstanden, die das Ganze oder Allgemeine dem Einzelnen überordnet und von der Perspektive der Ganzheit her zu erklären versucht, d.h. auf ein einzelnes, oberstes Prinzip zurückführt, was die Handlungsorientierung des Individuums beschreibt. Der Universalismus betrachtet Akteure unabhängig ihrer Beziehungen mit oder Vereinbarungen zu anderen Menschen. Die Moralprinzipien dieser Theorie sind universell in ihrer Form, d.h. dass nur generelle Umstandsfakten in Überlegungen zur Pflichtenverteilung miteinbezogen werden können. Ein solches Prinzip kann beispielsweise sein: Menschen in Not muss geholfen werden. Wenn nun also eine Person P sich in Not befindet und ich über die nötigen Hilfs-Ressourcen verfüge, dann ist es meine Pflicht zu helfen. Selbst wenn diese Person P mein Bruder oder ein Bekannter wäre, würde aus universalistischer Sicht diese spezielle Beziehung keine Relevanz besitzen, wenn es darum geht meine grundsätzlichen Pflichten dieser Person P gegenüber zu bestimmen. Individuelle und psychologische Aspekte gelten also vom universalistischen Standpunkt aus nie als Rechtfertigung oder Begründung einer Handlung. Nur Handlungen, die von einem objektiven und unpersönlichen Standpunkt aus getroffen wurden, gelten als rational begründet. Das Problem des Universalismus ist also, ob Normen und moralische Grundsätze verallgemeinerbar sind und einen rechtfertigbaren Anspruch auf universelle Gültigkeit haben. Darüber hinaus stellt sich auch das Problem des obersten (auffindbaren) Prinzips, denn dass man über rationale Überlegungen zu basalen Prinzipien mit universellem Charakter gelangt, birgt auch die Gefahr in sich, eine unreduzierbare Menge solcher ethischen Prinzipien zu finden.

Die generelle Kritik am Universalismus lautet daher, dass er ein unplausibles und die menschliche Kapazität übersteigendes Bild des moralischen Akteurs als Verantwortungs- und Pflichtenträger entwirft. Da man seine Pflichten nur anhand abstrakter Reflexion und Abstrahierung der eigenen Persönlichkeit erkennen kann, wird im Unterschied zum ethischen Partikularismus einerseits zu streng unterschieden zwischen der moralischen Handlung und der persönlichen Identität, und andererseits zwischen dem moralischen Akteur und der persönlichen Motivation; wenn wir also moralisch handeln, dann nur aus Rücksicht auf diese rationalen Überlegungen: “[…] universalism rests upon an implausible account of ethical motivation. When I act on moral principle, I am supposed to act simply out of a rational conviction that I am doing what morality requires of me. I am not to be influenced by my sentiments towards the object of my duty […].”12 Aus solch abstrakter Reflexion gewonnene rationale Überzeugungen, die in ihrer Reichweite unbestimmt sind, besitzen nicht die gleiche motivationale Stärke, wie Prinzipien, die mit den eigenen Gefühlen und der eigenen Sozialisation im Einklang stehen.

3. DAS PRINZIP DER NATIONALITÄT (PdN) NACH DAVID MILLER

3.1 PRINZIP DER NATIONALITÄT (PdN)

Um grundsätzlichen Problemen und Missverständnissen vorzubeugen, schliesst Miller von Anfang an ein bestimmtes Verständnis von Nationalismus aus, nämlich jenes vom Nationalismus als elementare Kraft, als naturphänomen, das ausserhalb der menschlichen Kontrolle liegt: Es ist weder eine primitive Deformität irrationaler Wesen (Einstein), noch eine unheilbare, moderne Krankheit.13 Im Gegenteil, die Nation als ethisch relevante Gemeinschaft, als Quelle weitreichender Solidarität, konzipiert Millers Kernmotivation, um dem Liberalismus eine Alternative zu unterbreiten. Ich stimme mit Miller völlig überein, dass der Liberalismus das Phänomen 'der Nation als wichtige Form von Solidarität' nicht anerkennen kann und somit einen wichtigen Bestandteil unseres Alltagsverhalten und unserer Alltagsmoral unterschlägt. Die Leitfrage, an der es sich zu orientieren gilt, lautet demnach: Wie lässt sich ein Nationalitäten-Konzept (PdN) formulieren, das sowohl unserer nationalen Identität und der Nation als ethisch relevante Gemeinschaft Rechnung trägt, als auch mit liberalem Denken verträglich ist?

Wie bereits erwähnt, geht es Miller bei seiner Nationalitäten-Konzeption um Überlegungen zum Stellenwert unserer nationalen Kultur und Identität bei Handlungen, sowie die Frage, welches Pflichtensystem daraus abzuleiten ist. Diesen Annahmen folgend stellt er sein Prinzip der Nationalität (PdN) auf, das aus drei unterschiedlichen, aber von einander abhängigen Position besteht, sowie rationale Handlungsanleitung bieten soll:

1. Subjektive Position

Nationalität kann, muss aber nicht, ein konstitutives Element der persönlichen Identität sein und kann sich auf mehrere Objekte beziehen. Die nationale Identität konfligiert aber nicht mit anderen Identitäten, da sie eine inklusive Identität ist: „It does not say that we are rationally required to make our nationality a constitutive part of our personal identity, or that having a national identity excludes having collective identities of other kinds. Nor does it say that a person's national allegiances must always have a single object.“14

2. Ethische Position

Nationen sind ethische Gemeinschaften, was das Moralverständnis beeinflusst und spezielle Pflichten gegenüber den Mitbürgern einschliesst, die extensiver sind als Pflichten gegenüber Mitmenschen allgemein. Dies bedeutet nicht, dass man Menschen gegenüber im allgemeinen nicht verpflichtet ist: „The duties we owe to our fellow- nationals are different from, and more extensive than, the duties we owe to human beings as such. This is not to say that we owe no duties to humans as such.“15

3. Politische Position

Nationale Gemeinschaften mit einem ihnen zugehörigen Territorium haben ein Recht auf politische Selbst-Bestimmung. Solche Gemeinschaften müssen aber nicht zwingend einen souveränen Staat bilden: „there ought to be put in place an institutional structure that enables them to decide collectively matters that concern primarily their own community. [...] I have [...] not asserted that the institution must be that of a sovereign state. [...] there are cases where it must be realized other than through a sovereign state, [...].“16

Diese Prinzip der Nationalität bedeutet also, dass wir uns verstehen müssen als Mitglieder einer bestimmten Nation, die für uns ethische Relevanz besitzt und uns gegen Aussen definiert und abgrenzt. Was für Konsequenzen ergeben sich aber nun daraus gegenüber Co-Mitgliedern oder Fremden, die ausserhalb dieses Kreises stehen? Mit seiner Annahme dieser drei obigen Positionen des PdN, kauft sich Miller allerdings auch etliche schwierige Fragen und Probleme ein, wie etwa inwiefern der Wunsch nach Abspaltung oder der Anspruch auf fremdes Territorium gerechtfertigt werden kann, oder generell wieweit das Recht auf politische Autonomie und Souveränität überhaupt gehen darf? Wieso sollte es gegenüber Co-Nationals extensivere Pflichten geben und wieweit dürfen diese eingefordert werden? Grundsätzlich geht es also um die individuelle Freiheit innerhalb einer politisch organisierten Gemeinschaft mit ethischer Relevanz (Solidarität).

[...]


1 siehe Wörterbuch der philosophischen Begriffe „Nation“

2 David Miller, On Nationality , S. 30

3 Klaus Schubert/Martina Klein: Staat

4 Georgi Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch , S. 662f.

5 A. D. Smith: The Ethnic Origins of Nations , S. 32

6 Ethnizitätstheorie = Theorie der Inkongruenz von Ethnos und Kultur: Ein soziokulturelles System kann mehrere Ethnien umfassen und strukturelle Gemeinsamkeiten herausbilden, die dann von seinen Angehörigen als zusammengehörend aufgefasst werden und in Abgrenzung zu den Nachbarn, den Anderen, tradiert werden.

3 Synergie-Effekt = Beim vollständigen Zusammenschluss einzelner Entitäten ist der Gesamtwert grösser als die Summe aller Entitäten.

7 siehe Brockhaus, Der Brockhaus Geschichte

8 Isaiah Berlin, Nationalism: Past Neglect and Present Power, S. 341-345

9 siehe Neil Mac Cormick, Nation and Nationalism

10 David Miller, In Defence of Nationality , S. 4

11 Klaus Schubert/Martina Klein: Liberalismus

12 David Miller, On Nationality , S. 57

13 siehe David Miller, On Nationality , S. 5f.

14 siehe David Miller, On Nationality, S.10f

15 ebd., S.11

16 siehe David Miller, On Nationality , S.11

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Liberales Denken auf der Basis nationaler Identitäten
Untertitel
Eine Analyse der Möglichkeit eines praktischen und moralischen liberalen Nationalismus
Hochschule
Universität Zürich
Note
5.5
Autor
Jahr
2009
Seiten
95
Katalognummer
V151540
ISBN (eBook)
9783640636570
ISBN (Buch)
9783640636440
Dateigröße
838 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liberalismus, Nationalismus, liberaler Nationalismus, Partikularismus, Universalismus, Freiheit, Autonomie, Staat, Nation, National-Staat, Individuum, Kollektiv, politische Selbstbestimmung, kultureller Pluralismus, nationale Identität, persönliche Identität, ethische Gemeinschaft, Kultur, Ethnie, Religion, Sprache
Arbeit zitieren
Liz. Phil. Michael Eugster (Autor), 2009, Liberales Denken auf der Basis nationaler Identitäten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151540

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