In der vorliegenden Arbeit wird die Bedeutung der Räume in Judith Hermanns Roman "Sommerhaus, später", der 1988 erschienen ist, untersucht. Dabei wird analysiert, welche Räume beschrieben werden, ob bestimmte Räume einander gegenübergestellt werden und ob Grenzüberschreitungen gemäß dem Modell der Raumtheorie Lotmans zwischen den Räumen stattfinden.
Mit dem Spatial Turn, auch als topologische Wende bekannt, wurde Ende der 1980er Jahre ein Paradigmenwechsel vollzogen, infolge dessen der Raum als kulturelle Größe wahrgenommen wurde. Seitdem wird dem Raum in der Literatur zunehmend Bedeutung beigemessen, sodass bei der Analyse literarischer Werke neben der Zeit auch der Raum als bedeutendes Untersuchungskriterium herangezogen wird. Anhand des Romans Sommerhaus, später wird betrachtet, welche Räume dargestellt werden und welche sozialen Gefüge innerhalb dieser Räume bestehen. Zudem wird untersucht, wie sich Figuren in bestimmten Räumen fühlen und inwieweit der Raum das Verhalten der Figuren beeinflusst.
Die Annahme, dass in der Regel jede Person einem Wohnraum zugeordnet ist, gilt heutzutage als selbstverständlich; andernfalls würde in Fragebögen nicht allein nach der Adresse, sondern zunächst danach gefragt werden, ob eine Person überhaupt über eine Wohnung verfügt. Allein die Tatsache, dass gesetzliche Grundlagen für Regelungen in einem Wohnraum bestehen, demonstriert die Bedeutsamkeit des privaten Wohnraums. So gibt es etwa Einrichtungen wie den Mieterschutzbund, und Mieter haben gesetzlichen Anspruch auf eine Mindesttemperatur in der Wohnung. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint die Hinwendung zum Raum in der Literatur als mehr als berechtigt, da der Wohnraum zum festen Bestandteil des heutigen Lebens gehört.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Räume im Roman „Sommerhaus,später“
2.1 Der Freundeskreis
2.2 Das Taxi als Wohnraum
2.3 Das Sommerhaus
3. Analyse des Sommerhauses nach der Raumtheorie Lotmans
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Räumen in Judith Hermanns Roman „Sommerhaus, später“ und analysiert das Verhalten des Protagonisten Stein in Bezug auf seine räumliche Umgebung sowie Grenzüberschreitungen nach der Raumtheorie von Lotman.
- Die Funktion verschiedener Lebensräume wie Freundeskreis, Taxi und Sommerhaus.
- Die Analyse des Sommerhauses als Extremraum und Wendepunkt.
- Die räumliche Opposition zwischen Stadt und Land.
- Der Einfluss von Räumen auf das soziale Verhalten und die Identitätsfindung der Figuren.
Auszug aus dem Buch
2.3 Das Sommerhaus
„Das Sommerhaus ist das Haus, das Stein,eine Zufallsbekanntschaft, die dem Ich immer wieder begegnet, auch als ihre Liebesbeziehung vorüber ist, nach langer Suche in Canitz bei Angermünde findet und kauft. Stein übergibt dem Ich die Schlüssel und schickt regelmäßig Karten, um es über den Fortgang seiner Instandsetzung auf dem Laufenden zu halten. Das Haus- wie auch der Name des Besitzers- steht für einen festen Ort, für eine gemeinsame Zukunft“ (Meise 2005:127).
Stein der nie einen festen Wohnsitz besessen hat, kauft nun eine heruntergekommene Ruine im Umland Berlins. Dies ist ein Wendepunkt innerhalb der Geschichte, denn der Kauf des Hauses ist eine für Stein unübliche Handlung und widerspricht seinem bisherigen und unkonventionellem Lebensentwurf, in den Tag hinein zu leben, ohne eine dauerhafte Bindung an Ort und Personen. Mit dem Kauf des Hauses, welches laut Meise für einen festen Ort und eine gemeinsame Zukunft mit dem Ich steht, ist der Auftakt für Steins Lebenswandel gemacht. Ebenso weckt der Name des Protagonisten „Stein“, Assoziationen mit etwas unvergänglichem, stabilen und einem festen Ort. Der Name der Figur, welche im Freundeskreis den Anfang für eine festgelegte Zukunft macht, ist also keineswegs zufällig gewählt worden. Durch die Wirkung des Namens der Figur „Stein“ wird der Kauf des Sommerhauses, als Festlegung auf eine bestimmte Zukunft, noch deutlicher. Das heißt, dass Stein durch den Kauf des Sommerhauses zeigt, dass er bereit ist, sich auf eine Möglichkeit der Gestaltung seiner Zukunft festzulegen und sich nicht wie vorher alle Möglichkeiten offen lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Räume und räumliche Modellierungen nach Lotman in Judith Hermanns Roman die Entwicklung des Protagonisten Stein sowie das soziale Gefüge beeinflussen.
2. Die Räume im Roman „Sommerhaus,später“: Untersuchung der drei prägenden Räume – Freundeskreis, Taxi und Sommerhaus – und deren Bedeutung für Steins Position als Beobachter und Suchender.
3. Analyse des Sommerhauses nach der Raumtheorie Lotmans: Anwendung der raumtheoretischen Modelle von Lotman, um die Opposition von Stadt und Land sowie die Grenzüberschreitungen des Protagonisten als Metaereignis zu deuten.
4. Fazit: Zusammenführung der Ergebnisse zur räumlichen Mobilität, zur Symbolik des Sommerhauses als gescheiterte Chance und zur Rückkehr des Protagonisten in die rastlose Ungebundenheit.
Schlüsselwörter
Judith Hermann, Sommerhaus später, Raumtheorie, Lotman, Stein, Stadt-Land-Gegensatz, Grenzüberschreitung, Identität, Mobilität, Wohnraum, Protagonist, Literaturanalyse, Extremraum, Lebensentwurf, soziale Isolation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Bedeutung verschiedener Räume im Roman „Sommerhaus, später“ von Judith Hermann und beleuchtet, wie der Protagonist Stein durch diese Räume in seiner Lebensführung und sozialen Identität beeinflusst wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Raumtheorie der Literatur, die Dynamik zwischen Stadt und Land, soziale Isoliertheit innerhalb von Freundeskreisen und die Suche nach einem festen Lebensentwurf.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, welche Räume beschrieben werden, wie diese in Opposition zueinander stehen und ob bzw. wie Grenzüberschreitungen gemäß des Modells von Lotman stattfinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die raumtheoretischen Ansätze von Juri Lotman, insbesondere die Konzepte der topographischen und raumsemantischen Opposition sowie das Modell des Extremraums zur literaturwissenschaftlichen Analyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Freundeskreis, das Taxi als mobiler Wohnraum und das Sommerhaus als zentraler Ort des Handelns detailliert analysiert und anschließend auf Basis der Raumtheorie bewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Raumtheorie, Lotman, Stadt-Land-Gegensatz, soziale Isolation, Identitätsfindung und Mobilität maßgeblich bestimmt.
Warum wird das Taxi in der Analyse als „Wohnraum“ betrachtet?
Obwohl das Taxi ein Fahrzeug ist, fungiert es für Stein als Ersatz für eine fehlende Wohnung, da er dort schläft, sein Privatleben führt und seine Zeit verbringt, was seinen rastlosen Lebensstil unterstreicht.
Welche Bedeutung kommt dem Sommerhaus als „Extremraum“ zu?
Das Sommerhaus markiert einen Wendepunkt, da Stein durch dessen Kauf seine Rolle als ungebundener Beobachter aufgibt, womit das Haus zu einem Katalysator für eine intendierte, jedoch letztlich gescheiterte Lebensänderung wird.
- Arbeit zitieren
- Eva Langguth (Autor:in), 2013, Die Bedeutung der Räume im "Sommerhaus, später" für den Protagonisten Stein. Der Freundeskreis, das Taxi und das Sommerhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1516198