William Shakespeares The Tempest ist bis heute eines der bekanntesten und zugleich vielschichtigsten Stücke des Dramatikers, geprägt durch seine thematische Offenheit und sprachliche Mehrdeutigkeit, die unzählige Interpretationen zulässt. Margaret Atwood, eine der renommiertesten kanadischen Autorinnen, nutzt diese Besonderheit in ihrer modernen Adaption Hag-Seed, in der sie Shakespeares Themen in ein zeitgenössisches Setting überträgt. Die vorliegende Arbeit analysiert Atwoods Interpretation der Figuren und beleuchtet insbesondere die Frage, ob das zentrale Gedankenkonstrukt des Protagonisten Felix eher mit der Figur der Miranda oder mit dem Geist Ariel aus The Tempest vergleichbar ist. Die Analyse setzt Shakespeares Originalfiguren in Beziehung zu Atwoods Charakteren, insbesondere in ihren Konstellationen zu Prospero bzw. Felix, und untersucht, wie Atwood diese komplexen Identitäten und Beziehungen adaptiert und neu interpretiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleichscharaktere der Miranda
2.1. Das Original: Die Miranda aus The Tempest
2.1.1 Erziehung und Bildung als zentrale Elemente der Vater-Tochter-Beziehung
2.1.2 Doppelte Funktion der Eheschließung von Miranda und Ferdinand
2.2 Atwoods fluide Figurenkonzeption der Miranda
2.2.1 Gegenüberstellung der Töchter von Prospero und Felix
2.2.1 Die Besetzung der Miranda durch Anne-Marie Greenland
3. Vergleichscharaktere des Ariels
3.1. Das Original: Der Luftgeist Ariel aus The Tempest
3.1.1 Konzeptionelle Bestimmung des Luftgeistes
3.1.2 Ariels Geschlechtereinordnung
3.2 Atwoods fluide Figurenkonzeption des Ariels
3.2.1 Gegenüberstellung von Felix‘ Tochter und dem shakespeareschen Ariel
3.2.2 Die Besetzung des Ariels durch 8Handz
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die differenzierte Figurenkonzeption der Charaktere Miranda und Ariel in Shakespeares The Tempest im Vergleich zu ihren fluiden Entsprechungen in Margaret Atwoods Romanadaption Hag-Seed, um zu analysieren, wem Felix’ Gedankenkonstrukt nähersteht und welche Funktion die Schauspieler Anne-Marie und 8Handz übernehmen.
- Transformation des Shakespeare-Dramas in eine zeitgenössische Romanstruktur.
- Analyse der Vater-Tochter-Konstellationen und Erziehungskonzepte.
- Dekonstruktion von Geschlechterrollen und ontologischen Status der Figuren.
- Untersuchung von Traverbewältigung, Schuldgefühl und Isolation.
- Vergleich der Rollenverteilung zwischen Originalvorlage und moderner Adaption.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Erziehung und Bildung als zentrale Elemente der Vater-Tochter-Beziehung
Mirandas Identität ergibt sich „within a larger social matrix of family and community“. Sie ist ein Konstrukt ihrer Relationen. In ihrer familiären Konstellation nimmt Miranda keine klassische Tochterrolle an, die sich in blindem Gehorsam und Loyalität ausdrückt. Das Konzept einer devoten Frau und Tochter, deren Bildung auf religiöse Instruktionen restringiert zu sein hat, rekurriert auf biblischen Vorstellungen des Mittelalters. Ergänzt wurde dieses Konstrukt in der Renaissance um das Ideal der gelehrten Adelsfrau. Miranda „owes something to three traditions, to the Elizabethan woman of the Golden Age, and to the time; yet she belongs entirely to none of them“. Das scheint von ihrem Vater durchaus so gewollt. Als einziges erziehendes Elternteil, das die Welt und Gesellschaft außerhalb der Insel kennt, weiß Prospero um die geltenden Erziehungsvorgaben der Renaissance und weicht teils bewusst von ihnen ab. Einerseits ermahnt er sie der Einhaltung diverser christlicher Konventionen „of women‘s virtues, such as obedience, silence, and virginity“, andererseits hat er sie gelehrt, ihre Meinung auszudrücken und zu vertreten. Von einem starken Willen ihrerseits zeugt beispielsweise ihre vehemente Verteidigung Ferdinands vor der strengen Hand ihres Vaters. An dieser Stelle bricht Miranda auf ganzer Linie mit Ge- und Verboten ihres Vaters, die sich an den Konzepten der Renaissance orientieren. Angefangen mit dem Übertritt der Vorgabe, dass eine Frau nicht mit Fremden reden solle, zügelt Miranda weder ihre Neugierde noch ihre Zunge im Gespräch mit Ferdinand. Auch wenn sie weiß, dass sie wider ihres Vaters Willen handelt – „But I prattle / Something too wildly, and my father’s precepts / I therein do forget“ – lässt sie sich davon nicht abbringen, trotz ihres offensichtlich schlechten Gewissens: „Oh my father, / I have broke your hest to say so“. Dieses Vergehen ihrerseits ist jedoch von Prospero insgeheim inszeniert und erwünscht, denn nur so gelingt seines geheimer Plan.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Shakespeares The Tempest und seine Adaption Hag-Seed von Margaret Atwood ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Figurenkonzeptionen.
2. Vergleichscharaktere der Miranda: In diesem Kapitel wird Mirandas Entwicklung von einer klassischen, tugendhaften Figur der Renaissance hin zu Atwoods fluidem Gedankenkonstrukt bei Felix analysiert.
3. Vergleichscharaktere des Ariels: Die Analyse konzentriert sich auf den Luftgeist Ariel in Shakespeares Stück und seine Entsprechungen bei Atwood, wobei Fragen der Geschlechtlichkeit und aktiven Unterstützung diskutiert werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Atwoods Figurenkomposition komplex mit der Vorlage verflochten ist und durch die neue Thematik von Schuld und Trauer motiviert wird.
Schlüsselwörter
The Tempest, Hag-Seed, Margaret Atwood, William Shakespeare, Miranda, Ariel, Felix, Figurenkonzeption, Adaptionsvergleich, Vater-Tochter-Beziehung, Schuld, Trauer, Fluidität, Renaissance, Geschlechterrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie die Figuren Miranda und Ariel aus Shakespeares The Tempest in Margaret Atwoods Roman Hag-Seed als fluide Identitäten neu konzipiert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die Analyse von Erziehungsidealen, die Darstellung von Schuld und Trauer sowie die Auswirkungen des modernen Settings auf klassische literarische Archetypen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist herauszufinden, ob Felix’ Gedankenkonstrukt in Hag-Seed eher der ursprünglichen Miranda oder dem Luftgeist Ariel nachempfunden ist und welche Rollen die Schauspieler Anne-Marie und 8Handz einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt Literaturanalyse durch den direkten Vergleich von Charaktereigenschaften, Funktionen und den Beziehungen zur Hauptfigur (Prospero/Felix).
Welche Aspekte werden im Hauptteil speziell behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Untersuchung der originalen vs. adaptierten Figurenkonzeptionen von Miranda und Ariel, inklusive ihrer jeweiligen Besetzungen in der Romanbühne.
Was charakterisiert die Arbeit inhaltlich am stärksten?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Verknüpfung von traditionellen Renaissance-Frauenbildern mit modernen psychologischen Interpretationen von Trauerbewältigung aus.
Warum spielt die Krankheit Meningitis eine Rolle für die Figur der Felix’ Miranda?
Der frühe Tod der Tochter aufgrund dieser Erkrankung schafft das Sujet von Schuld und Trauer, das Felix dazu veranlasst, Miranda als idealisiertes Gedankenkonstrukt in seinem Leben wiederaufleben zu lassen.
Inwiefern unterscheidet sich Anne-Marie Greenlands Miranda vom Gedankenkonstrukt des Felix?
Während Felix' Miranda ein unselbstständiges, naives Konstrukt seiner Fantasie ist, wird Anne-Marie Greenland als eine eigenständige, sozial integrierte und selbstbewusste Persönlichkeit dargestellt.
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- Anonym (Author), 2020, Ariel und Miranda: Zu einer Figurenkonstellation in Shakespeares "The Tempest" und ihrer Umgestaltung in Margaret Atwoods Roman "Hag-Seed", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1516256