Sehnsucht nach dem Vater

Die Mutter-Kind-Familie in Benno Pludras 'Das Herz des Piraten'


Seminararbeit, 2007

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kinderliteratur in der DDR

3. Die Familie in der DDR

4. Die Familie in „Das Herz des Piraten“

5. Die „ideale“ Familie

6. Vermittlung des Ideals

7. Problembewältigung

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

10. Siglenverzeichnis

1. Einleitung

Benno Pludra wurde am 01. Oktober 1925 in der Niederlausitz geboren. Seine Tätigkeit als Kinderbuchautor begann 1951 mit der Teilnahme am „Preisausschreiben zur Förderung der sozialistischen Kinderliteratur” des DDR-Ministeriums für Volksbildung. Die im damali- gen Realismusverständnis geschriebene Erzählung „Ein Mädchen, fünf Jungen und ein Traktor” fand dort große Anerkennung. An den späteren Werken des Autors lässt sich ex- emplarisch die Entwicklung der DDR-Kinderliteratur nachvollziehen. Nach und nach setzt sich dort die Rolle des Individuums durch und auch Konfliktfelder wie zum Beispiel das der gefährdeten Familie werden zunehmend enttabuisiert1. In „Insel der Schwäne” (1980) und „Das Herz des Piraten” (1985), um das es hier gehen soll, löst sich Pludra dann endgül- tig von Tendenzen der Harmonisierung.

In dem zuletzt genannten Roman erzählt er die Geschichte des etwa zehnjährigen Mäd- chens Jessika. Sie hat Sehnsucht nach ihrem Vater Jakko, den sie nie kennen gelernt hat. Eines Tages findet sie am Strand einen leuchtenden Stein, der mit ihr redet und sie wärmt. Doch keiner außer ihr nimmt das wahr. Im Dialog mit dem Stein, dem Herz eines Piraten, erzählt sie von ihrem größten Wunsch, einmal ihren Vater kennen zu lernen. Im Laufe der Geschichte erfüllt sich dieser, doch der lang ersehnte Vater bleibt nicht, sondern zieht wei- ter mit dem Wanderzirkus, für den er als Kunstreiter arbeitet.

Auffällig an dem Werk ist die Thematisierung der Mutter-Kind-Beziehung. Das Mädchen Jessika ist ausgesprochen reif und selbstständig für ihr Alter. Sie geht einkaufen, spült das Geschirr und schüttet die Kohlen ins Kellerloch, während ihre Mutter auf einer Hühnerfarm arbeitet. Meiner Meinung nach stellt Pludra damit eine typische Familiensituation in der DDR dar, was im Verlauf der Hausarbeit zu belegen ist. Dazu soll der Ist-Zustand der Fa- milie im Buch sowie in der Gesellschaft der DDR dargestellt und verglichen werden.

Die Mutter-Kind-Familie wird im Roman allerdings keineswegs als positiv dargestellt. Pludra entwirft darum auch das Bild einer idealen Familie, nämlich die Familie mit Vater. Auch wenn diese in der Geschichte nicht verwirklicht wird, bleibt die Option offen, dass der neue Freund der Mutter ein Vaterersatz wird. In der Mitte dieser Hausarbeit soll darum der Soll-Zustand einer Familie in Buch und Gesellschaft dargestellt werden. Da viele Kin- der in der DDR diesen Zustand nicht oder nicht ihre ganze Kindheit über erleben dürfen, ist das Buch auch als Lebenshilfe zu verstehen, was am Ende der Arbeit gezeigt werden soll.

2. Kinderliteratur in der DDR

Die Kinderliteratur der DDR unterscheidet sich in vielfacher Weise von der Kinderliteratur der BRD zu gleicher Zeit. Anna Katharina Ulrich nennt dafür die Zensur als Grund, sowohl die Zensur von außen, als auch die im Kopf des Autors. Diese hatte nicht nur inhaltliche Veränderungen zur Folge, sondern auch stilistische: „Der Zwang zum mehrmaligen Durch- arbeiten mochte gelegentlich Spuren von pedantischem Formulieren geben, ließ aber nicht selten formal sehr dichte, inhaltlich stimmige Texte entstehen.“2 Das trifft auch bei Pludras Roman zu, wie noch in einem späteren Kapitel (Vermittlung des Ideals) erläutert werden soll.

Oft werden in DDR-Kinderbüchern Landschaften beschrieben, „die dem deutschsprachigen Westen abhanden gekommen waren”3, wie zum Beispiel der Bodden an der Ostsee. Auch hier findet man eine Übereinstimmung zu Benno Pludras „Das Herz des Piraten“ - nachfol- gend mit „HP“ abgekürzt. Die Geschichte spielt „an einem nördlichen Meer“ (HP 5). Auch norddeutsche Namen wie „Hannes Hüsing“, Ausdrücke wie „Söting“ (HP 54), die teilweise im norddeutschen Dialekt verfasste wörtliche Rede, wie z. B. „Na, du swarter Dunnerslag“ (HP 12) und die Existenz der DDR-Handelskette „Konsum“ (HP 91) weisen auf die Ostsee als Ort des Geschehens hin. Das maritime Motiv taucht in Erzählungen Pludras häufiger auf, da er als junger Mann mehrere Jahre zur See fuhr. Aus diesem Grund bevorzugt er als Handlungsort in seinen Werken auch Bodden, Küste und Meer statt seiner Heimatland- schaft wie andere Autoren aus der Lausitz dies taten4.

Weiter spricht Ulrich davon, dass die Kinderliteratur der DDR den Kindern als „Lebenshil- fe”5 dienen konnte. Gleichzeitig zeichne sich eine Einschätzung der jungen Adressaten ab, die sich deutlich vom Leserbild der westlichen Kinderliteraturen unterscheidet: es wird Durchhaltevermögen vor- ausgesetzt bei den Lesern, die in anderer Hinsicht vielleicht weniger erwachsen genommen werden als bei uns. Mit Selbstverständlichkeit wird vorausgesetzt, dass ein Kind sich seiner Lehrpflicht zu stellen hat, so gut wie jeder Erwachsene seiner Arbeit. 6

Das DDR-Kinderbuch soll seinen jungen und vorausgesetzt aufmerksamen Lesern also etwas lehren, eventuell das Ideal einer intakten Familie mit Mutter, Vater und Kind(ern)?

Pludra selbst nutzt dazu den Konflikt, der die Kinder zum Denken anregen soll: „Kinder und ihre Bücher brauchen beides, die goldenen Träume, die Konflikte.“7 Die Konflikte in „Das Herz des Piraten“ sind vor allem folgende: der fehlende Vater, die arbeitende Mutter und deren neue Beziehung. Deren Darstellung erfolgt im Roman wirklichkeitsgetreu, im Gegensatz zu ihrer Bewältigung durch Jessika, die erst im Dialog mit dem Phantasiewesen William Reds, dem Herz des Piraten, eine Lösung findet.

Wie die Wirklichkeit der Familie in der DDR aussah und wie sie im Buch dargestellt wird, sollen die beiden folgenden Kapitel klären.

3. Die Familie in der DDR

Zur Zeit der Entstehung Pludras Buches befand sich die Gesellschaft in Ost und West im Wandel. Im „Zeitalter der Automation“8 wurde das Arbeitsleben immer hektischer, die Produktivität zunehmend wichtiger. Auch das Privatleben war in Folge dessen einer Wand- lung unterworfen. Man spricht dabei von einer Pluralisierung der Lebensformen9. Die eige- ne Lebensplanung unabhängig von herrschenden Traditionen rückte immer mehr in den Mittelpunkt, was auch zur Folge hatte, dass neben der traditionellen Familie andere Famili- enformen an Häufigkeit gewannen. Die privaten Beziehungen verloren zum Teil an Stabili- tät und Sicherheit10. Unterscheidet man nach Popenoe zwischen partner- und kindorientier- tem Beziehungsverhalten11, wird deutlich, dass im Osten Deutschlands die partnerorientier- te Beziehungsform vorherrschte. Partnerorientiert bezeichnet das Leben in nichtehelicher Gemeinschaft mit und ohne Kinder, kindorientiert die traditionelle Kleinfamilie. Das be- deutet, dass zum einen der Anteil der alleinerziehenden Mütter zunahm, ebenso aber auch lockere Familienverbände abseits der Ehe.

Während es in Westdeutschland möglich war, ein unabhängiges Leben zu führen ohne Kinder zu haben, war in Ostdeutschland die frühe Familiengründung unabdingbar für den Übergang in das Erwachsenenalter und in die Unabhängigkeit von den Eltern. Ehepaaren mit Kind, später aber auch unverheirateten Müttern und auch Unverheirateten mit Kind standen verschiedene Vergünstigungen zu, unter anderem der Zugang zu einer eigenen Wohnung. Folglich bekamen ostdeutsche Mütter im Vergleich zu westdeutschen ihr erstes Kind schon relativ früh und auch der Anteil an unehelich geborenen Kindern war wesent- lich höher.

[...]


1 Vgl. Kinder- und Jugendliteratur - Ein Lexikon. Hrsg. v. Kurt Franz, Günter Lange, Franz-Josef Payrhuber. Meitingen: Corian Verlag 1995ff., S. 2.

2 Anna Katharina Ulrich: Zur Kinderliteratur in der ehemaligen DDR. In: Fundevogel 83/1991, S. 9.

3 Ebd., S. 10.

4 Vgl. Kinder- und Jugendliteratur - Ein Lexikon. Hrsg. v. Kurt Franz, Günter Lange, Franz-Josef Payrhuber. Meitingen: Corian Verlag 1995ff., S. 1.

5 Vgl. Anna Katharina Ulrich: Zur Kinderliteratur in der ehemaligen DDR. In: Fundevogel 83/1991, S. 10.

6 Ebd., S. 9.

7 Benno Pludra: Wo die eine Geschichte endet, beginnt die nächste… In: Almanach zur Kinderliteratur in der DDR. Bücher und Bilder. Hamburg 1989, S. 68.

8 Vgl. Christian Alt: Kindheit in Ost und West. Wandel der familialen Lebensformen aus Kindersicht. Opla- den: Leske + Budrich 2001, S. 16.

9 Vgl. ebd., S. 26.

10 Vgl. ebd., S. 27.

11 Vgl. ebd., S. 119

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sehnsucht nach dem Vater
Untertitel
Die Mutter-Kind-Familie in Benno Pludras 'Das Herz des Piraten'
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V151629
ISBN (eBook)
9783640630424
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benno Pludra, Herz des Piraten, DDR-Literatur, Familie
Arbeit zitieren
Jessica Rohrbach (Autor:in), 2007, Sehnsucht nach dem Vater, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151629

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