Benno Pludras Tätigkeit als Kinderbuchautor begann 1951 mit der Teilnahme am „Preisausschreiben zur Förderung der sozialistischen Kinderliteratur” des DDR-Ministeriums für Volksbildung. Die im damaligen Realismusverständnis geschriebene Erzählung „Ein Mädchen, fünf Jungen und ein Traktor” fand dort große Anerkennung. An den späteren Werken des Autors lässt sich exemplarisch die Entwicklung der DDR-Kinderliteraturnachvollziehen. Nach und nach setzt sich dort die Rolle des Individuums durch und auch Konfliktfelder wie zum Beispiel das der gefährdeten Familie werden zunehmend enttabuisiert. In „Insel der Schwäne” (1980)und „Das Herz des Piraten” (1985), um das es hier gehen soll, löst sich Pludra dann endgültig von Tendenzen der Harmonisierung.
In dem zuletzt genannten Roman erzählt er die Geschichte des etwa zehnjährigen Mädchens Jessika. Sie hat Sehnsucht nach ihrem Vater Jakko, den sie nie kennen gelernt hat. Eines Tages findet sie am Strand einen leuchtenden Stein, der mit ihr redet und sie wärmt. Doch keiner außer ihr nimmt das wahr. Im Dialog mit dem Stein, dem Herz eines Piraten, erzählt sie von ihrem größten Wunsch, einmal ihren Vater kennen zu lernen. Im Laufe der Geschichte erfüllt sich dieser, doch der lang ersehnte Vater bleibt nicht, sondern zieht weiter mit dem Wanderzirkus, für den er als Kunstreiter arbeitet.
Auffällig an dem Werk ist die Thematisierung der Mutter-Kind-Beziehung. Das Mädchen Jessika ist ausgesprochen reif und selbstständig für ihr Alter. Sie geht einkaufen, spült das Geschirr und schüttet die Kohlen ins Kellerloch, während ihre Mutter auf einer Hühnerfarm arbeitet. Benno Pludra stellt damit eine typische Familiensituation in der DDR dar, was im Verlauf der Hausarbeit belegt wird. Dazu soll der Ist-Zustand der Familie im Buch sowie in der Gesellschaft der DDR dargestellt und verglichen werden. Die Mutter-Kind-Familie wird im Roman allerdings keineswegs als positiv dargestellt. Pludra entwirft darum auch das Bild einer idealen Familie, nämlich die Familie mit Vater.
Auch wenn diese in der Geschichte nicht verwirklicht wird, bleibt die Option offen, dass der neue Freund der Mutter ein Vaterersatz wird. In der Mitte dieser Hausarbeit soll darum der Soll-Zustand einer Familie in Buch und Gesellschaft dargestellt werden. Da viele Kinder in der DDR diesen Zustand nicht oder nicht ihre ganze Kindheit über erleben dürfen, ist das Buch auch als Lebenshilfe zu verstehen, was am Ende der Arbeit gezeigt werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kinderliteratur in der DDR
3. Die Familie in der DDR
4. Die Familie in „Das Herz des Piraten“
5. Die „ideale“ Familie
6. Vermittlung des Ideals
7. Problembewältigung
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Mutter-Kind-Familie in Benno Pludras Roman „Das Herz des Piraten“ vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Realität in der DDR. Ziel ist es, den Ist-Zustand der im Buch abgebildeten Familienkonstellation mit dem in der Erzählung entworfenen Idealbild einer intakten Familie abzugleichen und zu analysieren, welche Hilfestellungen der Text für Kinder in ähnlichen Lebenslagen bietet.
- Darstellung der familialen Lebensformen in der DDR
- Analyse der Mutter-Kind-Beziehung und der kindlichen Selbstständigkeit
- Die Funktion des märchenhaften Elements als Medium zur Problembewältigung
- Stilistische Mittel der Idealvermittlung (Symbolik der Zahl Drei, Farbsymbolik)
- Der Umgang mit unerfüllten Wünschen und die realistische Perspektive des Autors
Auszug aus dem Buch
Die Mutter-Kind-Familie in „Das Herz des Piraten“
Die in „Das Herz des Piraten“ dargestellte Mutter-Kind-Familie ist eigentlich ein typisches Beispiel für eine DDR-Familie. Die Mutter ist alleinerziehend und geht tagsüber ihrer Arbeit nach, während Jessika diese Zeit in der Schule oder - wie in diesem Fall in den Ferien - allein zuhause verbringt und die Mutter bei der Hausarbeit unterstützt. Dennoch wird diese Situation im Buch dargestellt als sei sie außergewöhnlich. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass sich die Geschichte auf dem Dorf abspielt, wo sich der Fortschritt in der Gesellschaft und die damit verbundenen familiären Veränderungen nicht ganz so drastisch auswirken wie in der Stadt. In Kapitel 13 des Buches spricht Jessis Freundin Tine Wagenführ ganz deutlich aus, was die Leute im Dorf über diese Situation denken:
„Ihr seid beide verrückt“, sagt Tine. (…) „Gekommen ist alles, weil du keinen Vater hast. Weil du den nicht hast. Nicht mal gesehen, nicht mal das. Da nimmst du dir darum den Stein.“ Sie beugt sich ein wenig vor, die Augen wieder weit geöffnet, wasserhell. „Habe ich recht? Es ist gekommen, weil du keinen Vater hast und deine Mutter keinen Mann. Ihr seid wie ein Hund ohne Schwanz.“ „Wer sagt so was?“ fragt Jessi, aber so leise, dass sie es selber kaum hört, und Tine sagt: „Das sagen alle.“ (HP 97)
In dem Dorf, in dem Jessi mit ihrer Mutter lebt, zählen noch traditionelle Werte, so auch der der intakten Kleinfamilie. Dass Pludra dieses Dorfbeispiel gewählt hat, deutet darauf hin, dass er die Leser des Buches an etwas erinnern möchte, was in den Städten der DDR zum Teil verloren gegangen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Autors Benno Pludra, Einführung in den Roman sowie Darlegung der Zielsetzung, die Familiensituation im Buch mit der DDR-Wirklichkeit zu vergleichen.
2. Kinderliteratur in der DDR: Analyse der Rahmenbedingungen wie Zensur und der Funktion von Literatur als „Lebenshilfe“, sowie Einordnung des Romans in den DDR-literarischen Kontext.
3. Die Familie in der DDR: Untersuchung der gesellschaftlichen Veränderungen und der Pluralisierung der Lebensformen im Osten Deutschlands im Vergleich zur BRD.
4. Die Familie in „Das Herz des Piraten“: Analyse der spezifischen Mutter-Kind-Situation im Roman und der Bewertung dieser Konstellation innerhalb der Dorfgemeinschaft.
5. Die „ideale“ Familie: Untersuchung des vom Autor entworfenen Gegenentwurfs zur alleinerziehenden Mutter durch die Idealisierung des abwesenden Vaters.
6. Vermittlung des Ideals: Erläuterung der stilistischen Mittel, wie die Symbolik der Zahl Drei, die den Wunsch nach einer klassischen Dreierfamilie unterstreichen.
7. Problembewältigung: Erörterung der kindlichen Reifungsprozesse und der Erkenntnis, dass das Leben auch ohne Idealzustand Bestand hat.
8. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Würdigung des Romans als inhaltlich wertvolle Hilfe zur Bewältigung kindlicher Alltagsprobleme in einer unperfekten Realität.
Schlüsselwörter
DDR-Kinderliteratur, Benno Pludra, Das Herz des Piraten, Mutter-Kind-Familie, Alleinerziehend, Sehnsucht, Ideale Familie, Literatur als Lebenshilfe, Sozialisation, DDR-Gesellschaft, Phantastik, Problembewältigung, Kindheit, Familiendynamik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie Benno Pludra in seinem DDR-Kinderbuch „Das Herz des Piraten“ das Familienleben und das Verhältnis zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tochter darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Vergleich zwischen dem Ist-Zustand der Familie im Buch und dem gesellschaftlichen Idealbild sowie die psychologische Verarbeitung der Vatersehnsucht durch die junge Protagonistin.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Roman Kindern hilft, sich in einer realen Familiensituation zurechtzufinden, die vom Ideal einer klassischen Kleinfamilie abweicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und literarischer Konventionen der DDR betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der DDR-Kinderliteratur, den Vergleich der Familienmodelle, die Untersuchung stilistischer Mittel wie Zahlensymbolik und die Erläuterung der Problembewältigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie DDR-Kinderliteratur, Alleinerziehung, Vatersehnsucht, Idealbild, Lebenshilfe und Realismus.
Welche Rolle spielt der Stein im Roman?
Der Stein, der das „Herz eines Piraten“ repräsentiert, fungiert als magischer Begleiter und emotionaler Stützpfeiler, der Jessi in Krisenmomente unterstützt und ihr ermöglicht, ihre unterdrückten Gefühle bezüglich des Vaters zu äußern.
Warum endet das Buch für die Protagonistin nicht mit einer klassischen Familienzusammenführung?
Pludra entscheidet sich bewusst gegen ein kitschiges Happy End, um der kindlichen Lebensrealität gerecht zu werden und zu vermitteln, dass auch ein Leben ohne anwesenden Vater „gut so ist, wie es ist“.
- Citation du texte
- Jessica Rohrbach (Auteur), 2007, Sehnsucht nach dem Vater, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151629