Die Propaganda der Tat

Der SDS, Rudi Dutschke und die Gewaltfrage


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

30 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Forschungs- und Quellenlage

3. Radikalisierungsphase des SDS
3.1 Abspaltung der SPD
3.2 Unterwanderung des SDS
3.3 Eier und Plakate

4. Das Gewaltkonzept des Rudi Dutschke: Interpretationsansätze
4.1 Die Konferenz von Hannover
4.2 Das Organisationsreferat
4.2.1 Gefahren des Organisationsreferates
4.3 Die Vietnamkonferent

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im September 1967 referierte der 27 jährige Studentenführer, Alfred Willi Rudi Dutschke, auf der Landesdeligiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), über die Notwendigkeit einer Guerillamentalität in westdeutschen Städten. In seiner Rede adaptierte er Che Guevaras Focustheorie und forderte in aller Öffentlichkeit, dass die Propaganda der Schüsse (Che) durch die Propaganda der Tat in den Metropolen vervollständigt werden müsse.

Im Jahr 1971 verfasste die ehemalige Konkret- Redakteurin und Mitglied der Roten-Armee- Fraktion (RAF) Ulrike Meinhof das Konzept Stadtguerilla, in welchem sie versuchte, terroristische Taten, als Teil eines internationalen Kampfes gegen den Imperialismus zu legitimieren.

Der Umstand eines Zusammenhanges zwischen den Studentenprotesten der späten 60’er Jahre und dem Terror der RAF, wird heute kaum noch angezweifelt.

In wie weit die führenden Köpfe dieses Protestes eine direkte Verantwortung an den brutalen und letztendlich vollkommen unpolitischen Aktionen des linken Terrors tragen, ist bis heute umstritten. Dies zeigt auch die erst kürzlich, hitzig geführte Diskussion um die Einweihung der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin.

Im weit linken Spektrum wird der charismatische Studentenführer, noch heute als gewaltverachtender Pazifist glorifiziert. Konservative Kritiker, allen voran die Springer- Presse, werfen ihm hingegen vor, Vordenker der RAF-Terroristen gewesen zu sein.

In dieser Arbeit soll analysiert werden, in wie weit Rudi Dutschke und der Berliner SDS eine Grundverantwortung für die Entfesselung der linksterroristischen Gewalt in den 70’er Jahren tragen. In diesem Zusammenhang wird untersucht, ob durch die Entwicklung von neuen Protestformen und der aktionistisch artikulierten Rhetorik des Rudi Dutschke eine Enttabuisierung von Gewalt provoziert wurde. Ferner soll untersucht werden, ob durch Führer der Außerparlamentarischen Opposition (APO) direkte Aufrufe zu terroristische Taten stattgefunden haben und in wie weit die Gründung einer Partisanengruppe innerhalb von westlichen Metropolen von ihnen intendiert war oder forciert wurde.

Als Ausgangslage für die Analyse, soll der Radikalisierungsprozess innerhalb des Berliner SDS und Rudi Dutschkes Einflussnahme auf den Verband skizziert werden. Hier werden anhand von Quellen und Augenzeugenberichten die Stimmung und die Entwicklung der Machstrukturen des Verbandes dargestellt. In einem Zwischenteil soll die subjektive Gewaltwahrnehmung des Rudi Dutschke interpretiert werden. Anhand dieser Informationen, werden die Kernpunkte des berühmten Organisationsreferates und anderen Aussagen Dutschkes und des Berliner SDS nach ihren möglichen Intentionen überprüft, um daraus Schlüsse auf ein mögliches Gewaltkonzept ziehen zu können.

2. Forschungs- und Quellenlage

Wenige Themen standen in Deutschland zuletzt mehr im Fokus der Forschung, als die Studentenproteste der 60’ Jahre und ihre Zusammenhänge mit der RAF. Unzählige Monographien, Aufsätze und Essays wurden verfasst, um die Ereignisse dieser Zeit akribisch analysieren. Zur Untersuchung der Gewaltphilosophien der Studentenbewegung und ihrer Verknüpfungen mit der RAF wurde im Jahr 1987 Frankfurter Schule und Studentenbewegung von Wolfgang Kraushaar veröffentlicht. Die dreibändige Chronik zeichnet sich vor allem durch eine genaue Analyse des berühmt berüchtigten Organisationsreferats, der so genannten Dutschke/Krahl Allianz aus. Kraushaar spezialisierte sich im Laufe der Vergangenheit zunehmend auf die Gewaltideologien der Studentenbewegung und verfasste 2005 den objektiv analysierten Aufsatz Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf. Nach der Veröffentlichung dieses Aufsatzes und im Zuge der Diskussion zur Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke Straße in Berlin, erschien in der Tageszeitung TAZ ein regelrechter Schlagabtausch zwischen Dutschkeanhängern und seinen Kritikern. In mehreren Artikeln diskutierten Klaus Meschkat, Wolfgang Kraushaar und Gerd Langguth die Frage, wie nah Rudi Dutschke dem Terrorismus tatsächlich gestanden hatte. Der ehemalige Bundesvorsitzende des RCDS, Gerd Langguth hatte schon im Jahre 2001 mit seinem Mythos 68 eine interessante Monographie veröffentlicht, welche ausführlich auf die Gewaltfrage innerhalb des SDS eingeht. Allerdings ist Langguth an dieser Stelle eine sehr einseitige und undifferenzierte Arbeit vorzuwerfen, da eine der Analyse unterworfene Intention, während der Lektüre zu offensichtlich wird.

Im Jahre 2007 veröffentlichte der ehemalige Landesvorsitzende des Berliner SDS, Tilman Fichter seine Kleine Geschichte des SDS in der zweiten Auflage. Zwar besitzen seine Darstellungen einen gewissen Quellenwert, allerdings ist auch ihm subjektive Berichterstattung vorzuwerfen. Des Weiteren verzichtet er vollständig auf Quellennachweise. Seit Mitte der 90’er Jahre kann in der Forschung vermehrt auf tatsächliche Primärquellen zum Thema zugegriffen werden So stützt KRAUSHAAR einige Dutschkekritische Aussagen auf neue Erkenntnisse aus dessen Nachlass, der Veröffentlichung seiner Tagebücher (2003) und den Berichten in Gretchen Dutschkes Werk: Wir hatten ein barbarisch schönes Leben (1996).

Besonders die Tagebuchaufzeichnungen und die Notizen aus seinem Nachlass, welche vom Hamburger Institut für Sozialforschung archiviert wurden, haben einen hohen Quellenwert. Dies trifft auch auf den Abdruck des Organisationsreferates von 1967 und auf die Erinnerungen des Dutschke Weggefährten Bernd Rabehl zu.

3. Radikalisierung des SDS

Um die Frage der Verantwortung für die linksterroristische Gewalt der 70’er Jahre nachhaltig beantworten zu können, ist eine genaue Analyse des Radikalisierungsprozess innerhalb des SDS von dringender Notwendigkeit.

Aus diesem Grund wird im Folgenden auf einige Vorgänge analytisch eingegangen, die einen offensichtlichen Radikalisierungsprozess innerhalb des Verbandes repräsentieren. Der Fokus wird vorerst auf der Zeit vor dem 2. Juni 1967 liegen, da die Ereignisse nach dem Tod Benno Ohnesorgs gesondert und in einem weiteren Kontext, an einer späteren Stelle dieser Arbeit, interpretiert werden müssen.

3.1 Abspaltung der SPD

Als wichtiger Einschnitt für den Radikalisierungsprozess des SDS gilt der Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD aus dem Jahre 1961. Führende Kräfte der SPD beanstandeten, dass der SDS seit 1958 immer mehr in das „ Fahrwasser extremer Kräfte geraten sei “.1 Ins Besondere wurde eine, zu sehr an der DDR und dem Wahrschauer Pakt orientierte, politische Ausrichtung der Studenten kritisiert. Diese lehnten zwar die stalinistischen Auswüchse im Osten ab, eine eindeutige Ablehnung des Kommunismus wurde allerdings nie deutlich artikuliert.2 Tatsächlich war es in den Jahren nach der Delegiertenkonferenz von 1958 zu einer erheblichen Annäherung der SDS an die „neue Linke“ und im Gegensatz dazu, zu einer endgültigen Abkehr vom Marxismus seitens der SPD gekommen.3 Hinzu kam, dass die SPD am 19.7.1960 jeglichen Kontakt zum Studentenbund abbrach. Letztendlich schlug der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner am 16. Oktober auf der Sitzung des Partei- und Fraktionsvorstandes vor, dass in Zukunft die Mitgliedschaft von SDS mit der Mitgliedschaft in der SPD unvereinbar sein sollte. Die Trennung von SDS und SPD war vollzogen.

Durch den Wegfall einer parteilichen Kontrollinstanz war der Studentenverband für radikale, innere Strömung sensibilisiert. Zwar blieb die Organisationsstruktur des SDS auch weiterhin bestehen, es handelte sich durchaus noch um eine demokratische Organisation, allerdings wurde durch den „Verlust“ der SPD die Voraussetzung, für ein breiteren Meinungs- und Richtungsspektrum geschaffen: Das beinhaltete durchaus auch radikalere Strömungen.

3.2 Unterwanderung des SDS

Eine dieser radikalen Strömungen und ihr bereits gewonnener Einfluss wurden bei dem so genannten Tomatenbombardement auf den kongolesischen Diktator Tschombe, am 18.12.1964, erstmals deutlich.4 Unter der Leitung von SDS Mitgliedern wurden Polizeiketten durchbrochen und das Auto des Präsidenten mit Eiern und Tomaten beschmissen. An dieser Aktion beteiligten sich unter anderem lateinamerikanische und afrikanische Studentengruppen.5

Von großem Interesse für die Fragestellung sind an dieser Stelle zwei Tatsachen. Zum Einen wurde die Aktion als erstes „Lebenszeichen“ des SDS nach der Abspaltung von der SPD in der Öffentlichkeit registriert.6 Zum Anderen waren an dieser, für die damaligen Zeiten extremen Protestaktion, unter anderem Rudi Dutschke und Bernd Rahbel, Mitglieder der „subversiven Aktion“, beteiligt und traten dort auch erstmals öffentlich in Erscheinung. Tilman Fichter und Claus-Dieter Krohn skizzieren beide die Annahme, Dutschke und Rabehl seien in der Folgezeit in den SDS eingetreten, um diesen zu unterwandern, ohne dies aber mit Quellen zu belegen.7 Allerdings gibt FICHTER einleuchtend zu bedenken, dass die beiden Akteure der Subversiven Aktion mit dem Vorhaben gescheitert waren, aktionsfähige Mikrozellen in Deutschen Städten zu gründen.8 9 Aus diesem Grund ist auch seine Annahme vertretbar, dass sie den SDS unterwandern wollten, um innerhalb des Verbandes eine „aktionistische Fraktion“ bilden zu können, so wie Gretchen Dutschke dies anhand der Tagebuchaufzeichnungen ihres Mannes belegt.10

Treffen diese Aussagen zu, kann sichergestellt werden, dass mit dem Eintritt von Rudi Dutschke und Bernd Rabehl ein geplanter und bewusster Radikalisierungsprozess des SDS begann. In wie weit die Beiden und vor allem Dutschke den Verband zur Verbreitung ihrer eigenen Aktionsbasis nutzen wollten (Ihn also lediglich zur Verwirklichung ihrer Ziele ausnutzen wollten) oder sie das tatsächliche Ziel hatten, den Verband radikal zu reformieren, kann nicht endgültig geklärt werden. Fest steht, dass den theoretischen Ideen und Diskussionen mit dem Beitritt Dutschkes erstmals tatsächliche Taten folgten.

Dutschkes Enthusiasmus über die radikale Art des Protestes gegen Tschombe und die Reaktion des SDS werden in seinen Tagebüchern ausführlich beschrieben.11

Seine revolutionäre, fast kindliche Begeisterung kann aus folgendem Zitat entnommen werden:

„ Der imperialistische Agent und Mörder von Lumumba ließ nicht lange auf sich warten. Wir donnerten voll los, Schwiedzik traf ihn voll in die Fresse“. 12

3.3 Plakate und Eier

In wie weit eine Radikalisierung des SDS bereits 1966 fortgeschritten war, aber auch in wie weit Konflikte innerhalb des Verbandes keimten, kann anhand der Aktion, einer Gruppe um Rudi Dutschke und der darauf folgenden Reaktionen veranschaulicht werden.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1966, am Vorabend der großen Studentendemonstration gegen den Vietnam-Krieg, wurden in Westberlin von ca. 40 Personen, unter ihnen SDS-Mitglieder, Plakate geklebt, auf denen Bundeskanzler Erhard als Mörder beschimpft wurde. Einige Verdächtige werden festgenommen, unter anderem die beteiligten SDS Mitglieder.13 Das Besondere an dieser Aktion war, dass durch sie zum ersten Mal tatsächlich führende Mitglieder des SDS in Polizeigewahrsam genommen wurden und durch radikale und extrem provokative Aussagen auf sich aufmerksam machten. Zum Anderen ist signifikant, dass die Aktion ohne die Autorisierung des Berliner Landesverbandes des SDS stattfand und die Planung ebenfalls im Geheimen vorgenommen wurde.14 Lediglich eine kleine Gruppe um Rudi Dutschke scheint von der Aktion gewusst zu haben.

[...]


1 Vgl. Tilman P. Fichter, Siegward Lönnendonker, Kleine Geschichte des SDS. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund von Helmut Schmidt bis Rudi Dutschke, Essen 2007, S. 111.

2 Ebda., S. 111.

3 Der Wandel der SPD von einer sozialistischen Arbeiterpartei hin zu einer Volkspartei kam mit dem Godesberger Programm zum Ausdruck.

4 Vgl. Thomas P. Becker, Ute Schröder (Hgg.), Die Studentenproteste der 60’er Jahre. Archivführer-Chronik- Bibliographie, Köln 2000, S. 96.

5 Fichter, Lönnendonker 2007, S. 140

6 Ebda., S. 115.

7 Vgl. Claus-Dieter Krohn, Die westdeutsche Studentenbewegung und das „andere Deutschland“, in: Schildt, Axel, Siegfried, Detlef, Lammer, Karl Christian (Hgg.): Dynamische Zeiten. Die 60’er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, 695-718, hier: S. 713. und Fichter, Lönnendonker 2007, S. 127

8 Vgl Fichter, Lönnendonker 2007, S. 127.

9 Zur ausführlichen Darstellung der Subversiven Aktion siehe: Frank Böckelmann/Herbert Nagel, Subversive Aktion. Der Sinn der Organisation ist ihr Scheitern, Frankfurt 1976.

10 Gretchen Dutschke, Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben. Rudi Dutschke. Eine Biographie, Köln 1996, S. 61.

11 Rudi Dutschke, Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979, Köln 2003, S. 22-24.

12 Ebda, S. 24

13 Becker, Schröder 2000, S. 102.

14 Vgl. Fichter, Lönnendonker 2007, S. 141.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Propaganda der Tat
Untertitel
Der SDS, Rudi Dutschke und die Gewaltfrage
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
30
Katalognummer
V151666
ISBN (eBook)
9783640631414
ISBN (Buch)
9783640630981
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rudi Dutschke, SDS, Sozialistischer Deutscher Studentenbund, RAF, Gewaltverständnis, Studentenbewegung, 68 er, Organisationsreferat, Stadtguerilla
Arbeit zitieren
Jonas Edler (Autor), 2008, Die Propaganda der Tat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151666

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Propaganda der Tat



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden