Christian Wilhelm Dohm - ein Antijudaist?


Seminararbeit, 2007

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Rechtliche Stellung der Juden in Brandenburg-Preußen 1671 - 1781

3 Dohms Kernthesen

4 Dohm – ein Antijudaist?
4.1 Reuven Michaels Aufsatz
4.2 Robert Liberles’ Aufsatz
4.3 Horst Möllers Standpunkt

5 Problemorientierte Diskussion

6 Fazit

7 Verwendete Monographien, Aufsätze und Quellen

1 Einleitung

Am 11. März 1812 wurde unter dem preußischen Kanzler Hardenberg nach langem Ringen ein Gesetz verabschiedet, das die Verbesserung der Lebensbedingungen der Juden in dem nur noch drittklassigen, unter französischer Besatzung leidenden Rumpfstaat zum Ziele hatte. An dem Zustandekommen des „Emanzipationsgesetzes“ hatte der damalige Kanzler maßgeblichen Einfluss. Jenes Gesetz war Teil der Preußischen Reformen, welche nach der katastrophalen Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 mit dem Zwecke der Staatskonsolidierung und Abwehr einer Revolution notwendig geworden waren.

Dem Edikt waren zahlreiche Diskussionen und verschiedene Entwürfe vorangegangen. Knapp 30 Jahre zuvor wurde die Debatte von Christian Wilhelm Dohm angestoßen, der mit seiner revolutionären Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ eine neue Argumentationsgrundlage geboten hatte. Diese Arbeit entzündete 1781 eine breite Diskussion, wie und ob die Juden zu nützlicheren Gliedern der Gesellschaft erzogen werden konnten. Dieser Gedankengang spielte nach 1806 naturgemäß eine gewaltige Rolle, da der König und die Regierung bei ihrem Vorhaben, das französische Joch abzuschütteln, alle Teile des Volkes mobilisieren mussten.

Es soll im Folgenden der epochale Charakter von Dohms Schrift verdeutlicht werden. Um diese herausragende Wichtigkeit allerdings fundiert darstellen zu können, ist es notwendig, sich kurz die rechtliche Stellung der Juden von ihrer förmlichen Wiederaufnahme in der Mark Brandenburg 1671 bis zum Tode Friedrich II. 1786 anzusehen. Hinzukommend sollen Dohms wichtigsten Thesen ausführlich herausgearbeitet werden, um so seine Argumentationsstruktur nachvollziehbar darstellen zu können. Viele der Gedankengänge des preußischen Beamten erscheinen uns heute sicher als Selbstverständlichkeit. Für die damalige Zeit waren sie dies eben nicht. Daher darf der historische Blick bei der Untersuchung nicht verloren gehen. Dieser ist darüber hinaus dahingehend ausschlaggebend, dass anschließend eruiert werden soll, inwieweit Dohms Schrift antijüdische Tendenzen oder gar Antijudaismus nachgewiesen werden kann. Unter Einbeziehung verschiedener Forschungsmeinungen können und dürfen der historische Kontext sowie andere zeitgenössische Auffassungen nicht unberücksichtigt bleiben.

Dohm nahm mit seinem Werk einen ganz entscheidenden Einfluss auf die gesellschaftliche und rechtliche Stellung vieler europäischer Juden. Trotzdem sollte die rechtliche Gleichstellung zwischen Juden und Christen in Gesamtdeutschland erst mit der Reichsgründung 1871 erreicht werden. Nichtsdestotrotz blieben die alten Vorurteile, mit denen sich schon Dohm beschäftigen musste, in der Bevölkerung verwurzelt, die immer dann stärker zum Vorschein traten, wenn es wirtschaftliche und / oder soziale Probleme im Reich gab. Gerade weil diese wichtige und viel rezensierte Schrift den Anfangspunkt der gesetzlichen Judenemanzipation darstellt, ist die Literatur zum Thema – vor allem in Verbindung mit dem 1812er Edikt – reichlich. Demgegenüber muss nach Literatur, die sich mit den Stereotypen über Juden in dem Werk auseinandersetzt, ausführlicher gesucht werden. Die herangezogene Sekundärliteratur wird vergleichend dazu verwendet, die Frage nach dem Vorhandensein von antijüdischen Tendenzen in Dohms Aufsatz fundiert beantworten zu können.

Auf die allgemeinen Zeitumstände zwischen dem Erscheinen der Schrift 1781 und dem Verkünden des „Emanzipationsgesetztes“ kann aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Es werden diese daher als in groben Zügen bekannt vorausgesetzt.

2 Rechtliche Stellung der Juden in Brandenburg-Preußen 1671 - 1781

Christian Wilhelm Dohm kann durchaus als ein Freund von zeitgemäßen Reformen bezeichnet werden. Er war aufklärerisch gebildet und brachte den Staatsschriften seiner Zeit viel und reges Interesse entgegen. Doch beließ er es nicht beim Lesen und Studieren anderer Schriften. 1781 wurde er von seinem Freund Moses Mendelssohn gebeten, eine Denkschrift über die drückende Lage der elsässischen Juden an den französischen Staatsrat zu verfassen. Dohm nutzte diese Gelegenheit, um seiner Schrift über die Lage der Juden im Elsass eine Reformschrift voranzustellen, in der er sich auf 154 Seiten darüber äußerte, wie seiner Meinung nach die Regierungen der europäischen Staaten die Juden zu gesellschaftlich nützlichen Bürgern erziehen könnten.

„Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“ erregte großes Interesse, Aufsehen und Streit in der gebildeten Öffentlichkeit und förderte über lange Sicht die Emanzipationsbereitschaft der deutschen Staaten. Auch der Werdegang des unter Kanzler Hardenberg verabschiedeten „Emanzipationsediktes“ vom März 1812 war von diesem Buch maßgeblich geprägt. Doch sind die Diskussionen um Dohms Werk und der weitere legislative Weg in Preußen nur verständlich, wenn die Vorgeschichte der Judengesetzgebung und die rechtliche Stellung der meisten Juden 1781 bekannt sind.

Nachdem die Juden 1573 aus der Mark vertrieben worden waren, nahm der Große Kurfürst 1671 fünfzig wohlhabende, aus Wien geflohene jüdische Familien in Brandenburg auf. Diese sollten die Wirtschaft des Landes vorantreiben und somit Geld in die Kassen des immer noch unter den Folgen des 30-jährigen Krieges leidenden Staates spülen. Diese Familien genossen weitgehende Freiheiten. Die Nachfolger des Großen Kurfürsten strebten ab 1688 anderen Haupttendenzen in der Judengesetzgebung nach. Schon Friedrich III. (I.) glaubte nicht mehr an die Nützlichkeit des jüdischen Handels. Einerseits wuchsen daher die finanziellen Belastungen, andererseits wurden die rechtlichen Beschränkungen für die Juden ausgebaut.

1714 bestätige Friedrich Wilhelm I. die Entwicklungen seit 1671 in einem Edikt. Trotzdem blieb die Lage der preußischen Juden verhältnismäßig günstig. Über die Jahre zog unter Friedrich Wilhelm I. eine Animosität in die Gesetzgebung ein, die 1730 in seinem Hauptjudengesetz gipfelte. Der König war der Ansicht, dass die Juden ein Übel für Staat und Gesellschaft darstellten und verschärfte daher die finanziellen Belastungen erheblich, schließlich wollte er nicht auf die jüdischen Steuergelder verzichten. Begleitend wurden wieder zusätzlich die rechtlichen Restriktionen verschärft. Sein Nachfolger, Friedrich II., blieb dieser Politik treu. Er war von der Schädlichkeit der Juden überzeugt und durchdrungen. Sein „Generalreglement“ von 1750 regelte detailliert, wie sich die Juden in Preußen zu verhalten hatten und blieb im Kern bis 1812 und teilweise noch darüber hinaus in Preußen in Kraft. Es verschärfte abermals die Lebenssituation der meisten Juden in Preußen. Dieses Gesetz bildete 1781, als Dohm seine Schrift verfasste, den rechtlichen Hintergrund für die Juden. Dieser hatte sich in den 110 Jahren seit 1671 kontinuierlich verschlechtert. Der Tiefpunkt dieser Entwicklung soll im Folgenden kurz beschrieben werden, um die Wirkung von Dohms Buch besser nachvollziehen zu können.

Als erstes sind die Bemühungen des Königs zu nennen, die Bevölkerungszahl der Juden durch Reglementierungen immer möglichst gering zu halten. Ein ordentlicher Schutzjude durfte nur ein Kind „ansetzen“, auf das er sein Schutzprivileg übertragen konnte. Zudem war die Zahl der ordentlichen Schutzjuden stark begrenzt. Auch konnte nur diese Gruppe innerhalb des preußischen Judentums einen selbständigen Handel führen.

Auch im Berufsleben waren die Juden starken Einschränkungen unterworfen. So war ihnen jede Laufbahn in einem Staatsamt, in einem öffentlichen Lehramt, im Militär und anderen Berufen verwehrt. Sie waren von fast allen Handwerken ausgeschlossen und durften sich nicht in der Landwirtschaft betätigen. Hinzukommend waren sie im Handel mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Juden mussten viele Schikanierungen und Sonderbelastungen über sich ergehen lassen. Ein relativ bekanntes und gleichsam makaber schikanierendes Beispiel dafür ist die „Porzellanjudensteuer“ . Um den Absatz der königlichen Porzellanmanufaktur zu heben, war den Juden befohlen worden, Waren bei bestimmten Anlässen von dort zu erwerben, um diese im Ausland zu veräußern und somit bekannt zu machen. Solche Gesetze waren 1671 noch undenkbar.

Ein anderes Beispiel für eine entwürdigende Gesetzgebung war der Leibzoll. Dieser zwang Juden bei interprovinzialen Reisen, sich selbst wie eine Ware oder wie ein Stück Vieh zu verzollen. Auch die von dieser Abgabe befreiten Juden mussten sich der Zolluntersuchung stellen und fanden dort zuweilen erniedrigende Schikanierungen seitens der Zollbeamten. Es soll noch ein Wort zu der politischen Verfassung der Juden in Preußen gesagt werden.

Der Staat besteuerte nicht einzelne Juden, sondern die Gesamtheit einer Gemeinde, weil Einzelne zum Teil die drückenden Steuerlasten nicht mehr aufbringen konnten. Andere Gemeindemitglieder mussten für diese finanziell einspringen. Auch konnte die gesamte jüdische Gemeinde für das Vergehen eines Einzelnen haftbar gemacht werden. Daraus resultierend waren die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde ständig gezwungen, aufeinander aufzupassen. So kam es, dass sich die Juden über die Jahre regelrecht zu Solidargemeinden zusammenschließen mussten, die das Ausmaß eines Staates im Staate annahmen. Die meisten Juden waren also völlig von ihrer gesellschaftlichen Umwelt ausgeschlossen und das nicht nur rechtlich. Durch Religion, Kleidung, Bartwuchs, Namen und andere Dinge hoben sie sich schon rein äußerlich von den Christen ab.

[...]

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Details

Titel
Christian Wilhelm Dohm - ein Antijudaist?
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Antisemitismus im internationalen Vergleich
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V151698
ISBN (eBook)
9783640633722
ISBN (Buch)
9783640633999
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Daniel Sosna (Autor), 2007, Christian Wilhelm Dohm - ein Antijudaist?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151698

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