Die Darstellung des Agricola bei Tacitus


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kapitel 24 und 25 des „Agricola“
2.1 Einordnung der Kapitel in den historischen Kontext
2.2 Einordnung der beiden Kapitel in das Gesamtwerk

3 Die Darstellung des Agricola durch Tacitus

4 Wertung

5 Zusammenfassende Schlussbetrachtungen

6 Ausgewählte Bibliographie

7 Anhang

1 Einleitung

Clarorum virorum facta moresque posteris tradere[1] – das Überliefern der Taten und Charakterzüge von berühmten Männern – sind die ersten Worte des Proömiums des taciteischen „Agricola“. Der Autor stellt seinen Schwiegervater also in eine Reihe von berühmten Männern, deren Taten so ruhmesvoll waren, dass sie als überlieferungswürdig erscheinen. Doch was genau waren dies für Leistungen und Charakterzüge Agricolas, von dem wir ansonsten nur marginale literarische Erwähnungen bei anderen Autoren und bestenfalls spärliche archäologische Zeugnisse und Quellen überliefert bekommen haben? Welche Motive hatte Tacitus, sein (wohl)[2] erstes literarisches Werk seinem bereits verstorbenen Schwiegervater zu widmen? Welches Bild übermittelt uns der berühmte Historiker von dem Manne, der laut Tacitus’ eigener Aussage Britannien völlig für Rom bezwungen hatte?[3] Und, wie sind seine Leistungen aus heutiger Sicht zu beurteilen?

Die aufgeworfenen Fragen stehen unter der Gesamtfragestellung, welche Rolle der Feldherr Agricola in Tacitus’ gleichnamigem Werk einnimmt oder welche Rolle ihm Tacitus zuschreibt. Denn bei der Lektüre des antiken Historikers sollte immer im Hinterkopf bleiben, dass Tacitus’ Geschichtsschreibung diktiert ist „von dem Willen, zu zeigen, wie es zur Unterdrückung der alten römischen Freiheit und zur Zerrüttung des alten römischen Bürgersinns gekommen ist.“[4] Des Weiteren interessierte er sich nicht „für die Verhältnisse in den Provinzen um ihrer selbst willen, sondern nur im Gedanken an Rom“[5].

Dabei wird interessant sein zu schauen, wie der Autor das sprachlich und stilistisch realisiert. Um dies herauszufinden, sollen zwei ausgewählte Kapitel des „Agricola“ (24 und 25) stellvertretend zur tiefgründigen und umfangreichen Analyse dienen, wobei jedoch der Blick auf das Gesamtwerk – dabei vor allem auf die wichtige Schlacht am Berge Graupius – nicht verloren gehen wird. Diese Analyse bildet danach die Grundlage, die Darstellungsweise in beiden Kapiteln eingehend zu beurteilen, um abschließend in einem beurteilenden Fazit Aussagen über die Rolle des Agricola in Tacitus gleichnamigem Werk zu treffen.

2 Kapitel 24 und 25 des „Agricola“

24 (1) Quinto expeditionum anno nave prima transgressus ignotas ad id tempus gentes crebis simul ac prosperis proeliis domuit; eamque partem Britanniae quae Hiberniam aspicit copiis instruxit, in spem magis quam ob formidinem, si quidem Hibernia, medio inter Britanniam atque Hispaniam sita et Gallico quoque mari opportuna, valentissimam imperii partem magnis in vicem usibus miscuerit. (2) Spatium eius, si Britanniae comparetur, angutius, nostri maris insulas superat. Solum caelumque et ingenia cultusque hominum haud multum a Britannia differunt, in melius aditus portusque, per commercia et negotiatores cogniti. (3) Agricola expulsum seditione domestica unum ex regulis gentis exceperat ac specie amicitiae in occasionem retinebat. Saepe ex eo audivi legione una et modicis auxiliis debellari obtinerique Hiberniam posse; idque etiam adversus Britanniam profuturum, si Romana ubique arma, et velut e conspectu libertas tolleretur.

25 (1) Ceterum aestate, qua sextum officii annum incohabat, amplexus civitates trans Bodotriam sitas, quia motus universarum ultra gentium et infesta hostili exercitu itinera timebantur, portus classe exploravit; quae ab Agricola primum adsumpta in partem virium sequebatur egregia specie, cum simul terra, simul mari bellum impelleretur, ac saepe isdem castris pedes equesque et nauticus miles mixti copiis et laetitia sua quisque facta, suos casus attollerent, ac modo silvarum ac montium profunda, modo tempestatum ac fluctuum adversa, hinc terra es hostis, hinc victus Oceanus militari iactantia compararentur. (2) Britannos qouque, ut ex captivis audiebatur, visa classis obstupefaciebat, tamquam aperto maris sui secreto ultimum victis perfugium clauderetur. (3) Ad manus et arma conversi Caledoniam incolentes populi magno paratu, maiore fama, uti mos est de ignotis, oppugnare ultro castellum adorti, metum ut provocantes addiderant, regrediendumque citra Bodotriam et cedendum potius quam pellerentur ignavi specie prudentium admonebat, cum interim cognoscit hostes pluribus agminibus inrupturos. (4) Ac ne superante numero et peritia locorum circumiretur, diciso et ipse in tres partes exercitu incessit.[6]

Textkritische Anmerkungen:

Die Fassung des Textes, die für die vorliegende Arbeit verwendet wird, folgt bis auf eine kleine Ausnahme der textkritischen Ausgabe von Delz (siehe Literaturverzeichnis). Diese hier vorgenommene Abweichung seiner Vorlage sowie eine strittige Textstelle werden nachfolgend kurz benannt und erläuternd begründet.

In Kapitel 25,1 wurde das von Delz favorisierte hostibus exercitus durch das bei Städele auftauchende hostili exercitu ersetzt. Delz hat sich vermutlich für ersteres entschieden, da die Stelle so in H, A und B überliefert ist und hostili exercitu nur in H später von zweiter Hand am Rand hinzugefügt worden ist (Hm). Tacitus – so Delz und andere – könne die aufrührerischen Stämme kaum als ‚feindliches Heer’ bezeichnet haben und deshalb müsse es sich dabei um sein eigenes Heer handeln.[7] Gerade weil danach die Wegrouten erwähnt werden, die durch dieses Heer ja erst gefährlich werden, und um den Sinn erzeugenden Ausdruck hostilis exercitus nicht zu trennen, überzeugt dies jedoch nicht. Es erscheint die von Heubner und Städele vorgeschlagene Variante hier als geeigneter und wird deshalb abweichend von Delz übernommen.

In Kapitel 25,3 wird hingegen das von Delz favorisierte castellum beibehalten – im Gegensatz zu Ogilvie, der sich für die Pluralvariante castella entschied. Während der Plural in den Schriften Hm, A und B vorkommt, taucht castellum lediglich in H und in einer Variante von A (Av.l.) auf. Es wird hier davon ausgegangen, dass – um Panik zu verbreiten – der Angriff auf ein einziges Kastell genügt haben wird, da eine mehrere Kastelle angreifende Offensive große Truppenbewegungen vorausgesetzt hätte, die von den Römern gewiss nicht unbemerkt geblieben wären oder auch logistisch von den britannischen Stämmen nicht zu bewerkstelligen waren. Es erscheint wahrscheinlich, dass das folgende magno paratu, maiore fama die Feigheit stärker betonen sollte, was wiederum für den Singular spricht.[8] Da castellum zudem grammatisch keinerlei Probleme bereitet, wird diese Variante beibehalten.

Übersetzung:

24 (1) Im fünften Jahr der Feldzüge setzte er zum ersten Mal mit dem Schiff über und bezwang bis zu diesem Zeitpunkt (noch) unbekannte Stämme durch häufige und zugleich erfolgreiche Schlachten. Den Teil von Britannien, der nach Irland blickt, versah er mit Truppen, mehr aus Hoffnung als aus Furcht, weil (nämlich) Irland – mitten zwischen Britannien und Spanien gelegen und leicht zugänglich vom Gallischen Meer – den außerordentlich einflussreichen Teil des Reiches zu großem wechselseitigen Vorteil verbinden könnte. (2) Seine Größe ist, wenn man es mit Britannien vergleicht, geringer, übertrifft (jedoch) die Inseln des Mittelmeeres. Der Boden und das Wetter sowie die Anlage und Bildung der Menscher differieren nicht sehr zu denen Britanniens – Zufahrten und Häfen sind durch Handel und Kaufleute bekannt. (3) Agricola hatte einen Häuptling aus diesem Volke aufgenommen, der durch einen Aufstand im Inneren vertrieben worden war, und hielt ihn sich durch den Anschein der Freundschaft für eine günstige Gelegenheit (zu einem Angriff auf die Insel) bereit. Ich habe des Öfteren von ihm gehört, dass Irland mit einer einzigen Legion und geringen Auxiliareinheiten niedergekämpft und besetzt werden könne. Und das werde auch dem gegenüberliegenden Britannien nützlich sein, wenn römische Waffen überall herrschten und die Freiheit wie aus der Nähe erhoben würde.

25 (1) In dem Sommer aber, in welchem er das sechste Jahr sein Kommando innehatte, wandte er sich den Stämmen zu, die jenseits der Bodotria siedelten, und weil eine allgemeine Unruhe jenseits des Bodotria sowie bedrohliche Wegrouten infolge eines feindlichen Heeres gefürchtet wurden, erforschte er mit seiner Flotte die Häfen. Diese – von Agricola erstmalig als Teil seiner Streitkräfte eingesetzt – folgte ihm und durch den überwältigenden Anblick preisten – als der Krieg gleichzeitig zu Lande und zu Wasser angetrieben wurde – die oftmals im selben Lager vereinigten Fußsoldaten und Reiter sowie Schiffssoldaten bei reichlichen Vorräten und in fröhlicher Stimmung ihre Taten und ihre Schicksal. Bald wurde die Tiefe der Wälder und Gebirge, bald (wurden) die Widrigkeiten von Stürmen und Fluten, (wurde) vom einen das Land und der Feind, (wurde) vom anderen das bezwungene Meer in der soldatischen Angeberei (miteinander) verglichen. (2) Wie er von einem Gefangenen erfuhr, machte die römische Flotte auch auf die Britannier großen Eindruck, gleichwie die letzte Fluchtmöglichkeit, falls sie unterlägen, durch ihr zugängliches und abseitiges Meer versperrt würde. (3) Die Völker, die in Kaledonien beheimatet waren, entschlossen sich zum Kampf und begannen mit großer Schlagkraft und noch größerem Gerücht, wie es so bei unbekannten Sachverhalten immer ist, ein Kastell zu belagern und da sie ja Panik hervorriefen, rieten die Feiglinge sich weise gebend, dass man sich über die Bodotria zurückziehen müsse und lieber weichen solle, als vertrieben zu werden. Zwischendurch erfuhr aber Agricola, dass der Feind mit mehr als einer Kolonne einfallen würde. (4) Und um nicht infolge ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit und ihrer Kenntnis der Örtlichkeiten eingeschlossen zu werden, marschierte er weiter, nachdem er auch seinerseits das Heer in drei Teile geteilt hatte.

[...]


[1] Tac. Agr. 1,1.

[2] Vgl. zur Diskussion um Tacitus’ Erstlingswerk zusammenfassend Beck, Jan-Wilhelm: „Germania“ – „Agricola“: Zwei Kapitel zu Tacitus’ zwei kleinen Schriften. Untersuchungen zu ihrer Intention und Datierung sowie zur Entwicklung ihres Verfassers, Hildesheim / Zürich / New York 1998, S. 72ff.

[3] Tac. Agr. 10,1.

[4] Stackelberg, Jürgen von: Tacitus, in: Die Grossen. Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt. Bd. II/1, S. 404-417, hier S. 407.

[5] Ebd.

[6] Entgegen dem Text von Delz werden alle Satzanfänge für diese Arbeit – zur besseren Übersicht – mit Majuskeln begonnen.

[7] Vgl. Heubner, Heinz: Kommentar zum Agricola des Tacitus, Göttingen 1984, S. 78.

[8] Vgl. ebd., S. 79f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Agricola bei Tacitus
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V151703
ISBN (eBook)
9783640631940
ISBN (Buch)
9783640631766
Dateigröße
1783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Agricola, Tacitus
Arbeit zitieren
Daniel Sosna (Autor), 2009, Die Darstellung des Agricola bei Tacitus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151703

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