Zur pädagogischen Bedeutung der Wagnis- und Sicherheitserziehung im Schulsport am Beispiel des Windsurfens

Welche zentralen Kompetenzen der Wagnis- und Sicherheitserziehung können beim Windsurfen im Schulsport bei Schülerinnen und Schülern ausgebildet werden?


Examensarbeit, 2008
75 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Problemaufriss
1.2 Intention der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit

2. Windsurfen
2.1 Begriffe
2.2 Geschichtliche Entwicklung des Windsurfens
2.3 Surfen im Schulsport
2.4 Zielgruppe

3. Pädagogische Grundlagen
3.1 Richtlinien und Lehrpläne des Schulsports in Nordrhein- Westfalen
3.1.1 Die pädagogische Perspektive „Etwas wagen und verantworten“ und der Bezug zum Windsurfen
3.1.2 Inhaltsbereiche und Bewegungsfelder
3.1.3 Außerunterrichtlicher Schulsport
3.1.4 Zusammenfassung
3.2 Sicherheitserziehung im Schulsport
3.2.1 Vorschriften und Hinweise
3.2.1.1 Besondere Sicherheitsvorgaben für das Windsurfen
3.3 Das sportliche Wagnis
3.3.1 Definition
3.3.2 Motive für Wagnissport / Risikosportarten
3.3.2.1 Personenbezogene Motivlage
3.3.2.2 Gesellschaftsbezogene Motivlage
3.3.2.3 Zusammenfassung
3.3.3 Sportpädagogische Bedeutung sportlicher Wagnisse
3.3.4 Wagnissport im Schulsport
3.3.4.1 Vorraussetzungen
3.3.4.2 Umsetzung
3.3.5 Kritik am Wagnissport
3.4 Sicherheits- und Wagniserziehung im Schulsport

4. Anwendung der pädagogischen Grundlagen auf das Windsurfen im Schulsport
4.1 Sicherheitsbezogene Kompetenzentwicklung beim Windsurfen
4.1.1 Zusammenfassung
4.2 Wagniserziehung im Windsurfen
4.3 Prinzipien der Vermittlung bei Wagnis- und Sicherheitserziehung
4.4 Praxisempfehlungen zur Organisation von Windsurfunterricht an Schulen

5. Schlussbetrachtung
5.1 Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

1.1 Problemaufriss

Im Sport ist in den letzten Jahren eine zunehmende Erlebnisorientierung zu erkennen, bei der spektakuläre Erlebnisse und besondere Herausforderungen und Nervenkitzel gesucht werden. Hierfür werden Begriffe wie Abenteuersport, Risikosport, Thrillsport oder Wagnissport verwendet (vgl. NEUMANN 2002, S.237). Neumann (1999, S.3) sieht Wagnissport besonders in „Natursportarten“ verbreitet, aber ebenso in anderen sportlichen Tätigkeiten. Aus dem städtischen Freizeitbereich lassen sich Skateboarden, Inline-Skating oder BMX-Fahren als Beispiele für wagnisreiche Sportarten nennen. Dabei eröffnen diese Sportarten den Sporttreibenden eine große Bewegungsvielfalt. Sie rufen immer wieder neue, herausfordernde, anspruchsvollere und erstaunlichere Bewegungsanforderungen hervor, die in ihren extremen Formen ansonsten nur von Profisportlern beherrscht werden. Scholz (2005, S.8) merkt an, dass sportliche Wagnisse „ nicht nur in den so genannten Extremsportarten “ zu finden sind. Auch weniger extreme sportliche Tätigkeiten können wagnisreiche Situationen enthalten und die Sporttreibenden herausfordern.

Erlebnis- oder Abenteuerorientierung im Sport resultieren unter anderem aus Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen. Solche Entwicklungen zeichnen seit den 1990er Jahren eine verstärkte Suche nach Erlebnissen und besonders aufregenden Gefühlszuständen ab, bei denen immer wieder Neues, Spannendes oder etwas Besonderes auftreten soll. Die Suche nach Erlebnissen wird für viele wichtiger Bestandteil des Alltags. In diesem Zusammenhang wird der Begriff der „Erlebnisgesellschaft“ verwendet (vgl. NEUMANN 1999, S.3).

Das Phänomen der Erlebnissuche ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung (vgl. SCHOLZ 2005, S.24) und wird vor allem von kommerziellen Anbietern genutzt, um „Vergnügungswilligen“ (NEUMANN 1999, S.3) durch Achterbahnfahrten, Bungee-Springen Adrenalinschübe oder besonders spannende „Kicks“ zu bieten. Kritisch kann diese Erlebnissuche dann werden, wenn sie übersteigert zur Selbst- und Fremdgefährdung wird (vgl. SCHOLZ 2005, S.25) oder kriminelle Verhaltensweisen ausgeübt werden. Dann kann der Wunsch nach Geschwindigkeitserleben und Spannungsmomenten in illegalen Auto- und Motorradrennen oder S-Bahn-Surfen enden (vgl. SCHWIER 1998, S.18).

Bereits bei Kindern kann eine Suche nach „Abenteuern“ beobachtet werden. Sie suchen im Freien Spiel nach herausfordernden Situationen, wollen diese meistern und lernen so ihre Möglichkeiten und Grenzen kennen (vgl. HECKER 1989, S.329). Bei älteren Kindern und Jugendlichen findet diese Suche häufig in der Freizeit und im Sport statt. Für die Schule stellt sich deswegen die Frage, ob Wagnisse pädagogisch bedeutsam sein können und inwieweit Wagnissport in pädagogische Vorstellungen von Schule integriert werden kann.

In den Richtlinien und Lehrplänen des Faches Sport in Nordrhein-Westfalen wird mit der pädagogischen Perspektive „Etwas wagen und verantworten“ der Versuch unternommen, die erzieherischen und bildungsrelevanten Potentiale, die wagnisreiche Situationen enthalten können, im Sportunterricht zu nutzen.

1.2 Intention der Arbeit

Mit dieser Arbeit soll die Bedeutung von Windsurfen im Schulsport dargestellt werden. Die Sportart soll einen Beitrag zur Wagniserziehung und Sicherheitsförderung in Schule leisten.

Ich gehe dem allgemeinen Interesse an Wagniserziehung nach und zeige den Zusammenhang zu der für den Schulsport geforderten Sicherheitserziehung auf. Sicherheits- und Wagniserziehung stellen die Grundlage für die Thematisierung des gewählten Beispiels Windsurfen dar. Mein verstärktes Interesse liegt darin, darzulegen, ob und wie Windsurfen ein Teil des Schulsports sein kann. Dabei sollen praxisrelevante Möglichkeiten herausgestellt werden, die Sportart vorrangig unter Sicherheits- und Wagnisaspekten zu betrachten. Überlegungen wie

- Welche Sicherheitsaspekte sind hinsichtlich des Windsurfens relevant?
- Welche Wagnisse gibt es im Windsurfen?
- Welche Besonderheit kommt Wagnissen beim Surfen zu?
- Wie reagieren die Sporttreibenden auf Unsicherheiten?
- Welches Verhalten wird von Schülern erwartet?
- Welche Erkenntnisse sind für den Schulsport bedeutend?

münden somit in die zentrale Fragestellung:

Welche zentralen Kompetenzen der Wagnis- und Sicherheitserziehung können beim Windsurfen im Schulsport bei Schülerinnen und Schülern ausgebildet werden?

Die Arbeit gibt hierauf die Antwort durch die Benennung konkreter Zielkompetenzen, um damit einen Beitrag zur generellen Sicherheits- und Wagniserziehung leisten zu können. Im Weiteren werden sportartspezifische Kompetenzen benannt, die bei Schülern entwickelt werden sollen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Der Aufbau der Arbeit zeigt das methodische Vorgehen. Zunächst wird auf die vier wesentlichen Begriffe der Fragestellung eingegangen: Windsurfen, Schulsport, Sicherheitserziehung, Wagnissport. Die Erarbeitung der Grundlagen soll im Hauptteil auf das Windsurfen übertragen werden, um daran konkrete Kompetenzen der Wagnis- und Sicherheitserziehung aufzuzeigen.

Sodann wird die Sportart Windsurfen begrifflich erläutert und in ihrer Entwicklung dargestellt. Es werden erste Bezüge zum Schulsport und zu Adressatengruppen aufgezeigt. Die pädagogischen Grundlagen beziehen sich auf den Schulsport und curricularen Rahmen, wobei dieses Kapitel verdeutlichen soll, wie Windsurfen im Schulsport einen Platz finden kann.

Im Weiteren wird die Forderung nach Sicherheitserziehung in Schule und Schulsport formuliert und es werden entsprechende Ziele benannt. Daraus werden zu erlernende Fähigkeiten sicherheitsbewussten Sporttreibens abgeleitet. In diesem Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit Sicherheitsvorgaben, die sich allgemein auf den Schulsport und speziell auf Wassersport beziehen.

Ein weiterer Teil der pädagogischen Grundlagen ist die Auseinandersetzung mit Wagnissport. Neben einer praktikablen Arbeitsdefinition wird nach Motiven von Sporttreibenden gefragt, Wagnisse im Sport einzugehen. Für die Thematisierung sportlicher Wagnisse im Schulsport können die Motive wichtig sein. Für den Schulsport geht es um die Frage, welche pädagogische Bedeutung Wagnisse im Sport haben können und wie eine adäquate Vermittlung aussehen soll. Wagnissport wird in dieser Arbeit aber auch kritisch betrachtet, insbesondere im Hinblick auf den Sportunterricht.

Im Folgenden werden die Grundlagen zusammengeführt.

Im Hauptteil dieser Arbeit findet ein Transfer der pädagogischen Grundlagen statt, welcher an Hand des Beispiels Windsurfens Sicherheitsförderung und Wagniserziehung konkretisiert. Es werden Kompetenzen der Sicherheitsförderung genannt und erläutert, die im Windsurfen angestrebt werden sollen. Wagnisse im Windsurfen werden thematisiert, beispielhafte Wagnissituationen erläutert, denen sich Surfanfänger stellen können. Dabei bieten die pädagogischen Grundlagen Orientierung hinsichtlich konkreter Lernziele sportlicher Wagnisse. Danach wird der Versuch unternommen, geeignete Wege der Vermittlung von Sicherheits- und Wagniserziehung im Windsurfen zu finden.

Praxisempfehlungen werden für die Schule abgeleitet.

In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse zusammengetragen, um eine Antwort auf die Fragestellung der Arbeit zu geben und die Bedeutung der Wagniserziehung herauszustellen.

Die Arbeit endet mit einem Ausblick.

2. Windsurfen

In dem Kapitel Windsurfen werden die im Text verwendeten Begriffe erklärt, die Entstehung des Windsurfens dargestellt und ein erster schulischen Bezug zu der Sportart skizziert.

2.1 Begriffe

Die Ausdrücke Windsurfen oder Surfen werden in dieser Arbeit synonym verwendet, obwohl unter letzterem häufig das hier nicht untersuchte Wellenreiten ohne Segel verstanden wird. Segelsurfen wird im deutschen Sprachgebrauch nur noch selten verwendet, obwohl die Formulierungen der Richtlinien und Lehrpläne des Landes Nordrhein-Westfalens diesen Begriff der Sportart verwenden.

Das Sportgerät besteht aus einem Surfbrett[1] und dem Rigg (Einheit aus Mast, Segel und Gabelbaum u.a.). Das Volumen des Surfbrettes richtet sich nach dem Können und Gewicht des Sportlers. Im Anfängerbereich sollte das Surfbrett möglichst viel Volumen (160 bis 220 Liter) und damit Auftrieb haben, da es dann wesentlich kippstabiler ist. Für Surfanfänger sind breite Bretter mit zusätzlichem Schwert (ähnlich dem Kiel eines Bootes) empfehlenswert, da diese für bessere Kippstabilität sorgen und dem Abtreiben auf dem Wasser entgegenwirken. Die Finne am Heck des Surfbrettes dient der Kurshaltung.

Die Segelgröße wird in Quadratmetern angegeben. Für Schulungszwecke sind Segelgrößen zwischen 3 und 4,5 m² geeignet[2], in Abhängigkeit von Körpergröße und -gewicht der Schüler.

In unseren Breiten werden beim Surfen generell Neoprenanzüge zum Schutz gegen Kälte getragen. Je dicker ein Neoprenanzug ist, desto mehr Wärme gibt er an den Körper ab. Die Dicke des Neoprens wird in Millimetern angegeben. Kurze Anzüge, so genannte „Shorties“ sind zwei bis drei Millimeter dick und sind nur bei wärmeren Wassertemperaturen (ab ca. 25°C) geeignet. Drei bis vier Millimeter dicke Neoprenanzüge sind für Kinder und Jugendliche geeignet (vgl. CHRISMAR, ERBE 2003, S.43).

Alle Fachausdrücke sind im Anhang bebildert dargestellt.

2.2 Geschichtliche Entwicklung des Windsurfens

Das Wellenreiten existierte bereits lange vor dem Windsurfen und gab den Denkanstoß für die Erfindung eines neuen Sportgerätes. Newman Darby hatte 1964 die Idee, ein Surfbrett mit Windkraft fortzubewegen. Dies wird als Vorläufer des Windsurfens gesehen.

1967 testeten die Amerikaner Jim Drake und Hoyle Schweitzer ihr erstes Surfbrett, an dem ein bewegliches Segel über ein Gelenk (Mastfuß) montiert war. Sie gelten als Erfinder des Windsurfens, was früher auch Stehsegeln genannt wurde. Drake und Schweitzer meldeten 1969 das Patent für ihren Windsurfer an und kurz danach wurden weitere Windsurfer in den Vereinigten Staaten produziert.

In der Mitte der 1970er Jahre etablierte sich das Windsurfen in größerer Breite und differenzierte sich weiter aus (vgl. VERCH 2007, S.40). Auch in Europa wurde Windsurfen populärer und im Zuge der Entwicklung wurde die neue Sportart zum Massenphänomen der Freizeitindustrie. Es kam zur Austragung von Regatten und Wettkämpfen. „ In Deutschland fanden die ersten Windsurf-Regatten im Jahre 1972 vor Sylt und1973 am Starnberger See statt... “(PFÖRRINGER 1989, S.29). 1984 wurde die Sportart erstmals olympische Disziplin in Los Angeles.

Innerhalb der Sportart Windsurfen gibt es mittlerweile verschiedene (Wettkampf-) Disziplinen (z. B. Speed, Slalom, Wave, Freestyle) und zahlreiche Facetten, die jeweils spezifische Anforderungen an den Sportler und das Material stellen. So gibt es für jeden Einsatzbereich entsprechende Brett- und Segeltypen. An der Entwicklung des Sportgeräts wird ständig weitergearbeitet. In den 1970er Jahren wurde das Trapez entwickelt. Mit diesem Hüftgurt konnte man sich in das Rigg einhaken, um insbesondere bei starkem Wind die Haltekräfte reduzieren zu können. Außerdem wurden Fußschlaufen für höhere Standfestigkeit und Sprünge auf die Bretter montiert.

Zahlreiche Innovationen und technischer Fortschritt lassen die Bretter und Riggs leichter und schneller werden, wodurch es sich einfacher surfen lässt. Diese Entwicklung hält bis heute an. Das Material ist nicht mehr nur auf Leistung ausgelegt, der unkomplizierte Freizeitspaß rückt wieder in den Vordergrund.

Windsurfen galt in den 1970er und 1980er Jahren als eine Trendsportart und sorgte für ein verändertes, neues Lebensgefühl. Über das Sporttreiben hinaus lebten viele Surfer einen innovativen Lebensstil, der für Unabhängigkeit, Abenteuer und Freiheit stand. Es bildete sich eine Windsurfing-Szene mit eigener Mode und speziellen Fachzeitschriften.

Der Sport entwickelte sich in den folgenden Jahren zur Massenbewegung und wird heute unter teilweise extremen Bedingungen zum Leistungssport. In vielen Bereichen ist eine Extremisierung der Sportart zu erkennen. Viele Windsurfer streben nach immer höheren Sprüngen (Waveriding), höheren Geschwindigkeiten (Slalom, Speed), längeren Strecken (Long-Distance-Race), wodurch Windsurfen extremer, risikoreicher und gleichzeitig interessanter für Medien und Zuschauer wird.

In diesem Jahrtausend erlebt der Windsurfsport durch neue, attraktive Disziplinen wie dem Indoor-Surfen, Freestyle, oder Neuauflage des Slaloms einen erneuten Begeisterungsschub (190.000 Besucher beim Windsurf-Worldcup vor Sylt 2007) (Quelle).

2.3 Surfen im Schulsport

Windsurfen findet als Folge der Massenbewegung in den späten 1980er und 1990er Jahren Einzug in den Sport deutscher Schulen. Dennoch stellt es für viele Schulen, trotz neuer Curricula, eine eher selten unterrichtete Sportart des Schulsports dar. Es lässt sich nicht genau ermitteln, wann diese Sportart erstmals in deutschen Schulen unterrichtet wurde. In Mecklenburg-Vorpommern findet die Idee, Segeln und Surfen als Wahlpflichtteil des Sportunterrichts anzubieten, seit 1992 Beachtung. Zu diesem Zweck wurden Vorschläge seitens des Landessportbundes, des Deutschen und Landes-Seglerverbandes und des Kultusministeriums zusammengeführt. „ Vor allem sollten die Erfahrungen der Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Berlin ausgenutzt werden “ (GRASSMANN, MÄRZHÄUSER 1993, S.172). So ist davon auszugehen, dass Schulen dieser Länder bereits Erprobungen mit Windsurfen im Schulsport gemacht haben und über Erfahrungen verfügen. Einige Bundesländer, darunter auch Nordrhein-Westfalen, das im Vergleich zu Küstenländern relativ wenige Surfreviere vorweist, zeigen in speziellen Handreichungen für den Schulsport, dass Windsurfen auf verschiedenste Weise Inhalt des Schulsports sein kann. „ In nahezu allen Bundesländern kann Windsurfen im Rahmen des (außer-) unterrichtlichen Schulsports unterrichtet werden {…} “ (VERCH 2002, S.34). Schwierigkeiten bereitet meist der organisatorische Rahmen (zeit- und kostenaufwändig). „ Vor allem der hohe zeitliche Aufwand ist ein starkes Argument gegen Wassersport, besonders im schulischen Kontext “ (SIEBE, SINNING 2007, S.5).

Man sieht jedoch auch das erzieherische Potential der Sportart Windsurfen:

Der Umgang mit dem Element Wasser, die Beherrschung des Sportgeräts {…} „Board“ unter den stets wechselnden, labilen Bedingungen der Elemente, das Spiel mit Geschwindigkeit und Gleichgewicht, das Erlebnis eines an sich verhältnismäßig ruhigen, umweltverträglichen Sports in der Natur, der sich jedoch aufgrund seiner Entwicklung zum Massensport umweltgefährdend auswirken kann, das alles birgt besondere pädagogische Möglichkeiten. Auch die besondere Art der Körpererfahrung, die Möglichkeit spezifischer Selbsteinschätzung in einem neuen, eher ungewohnten Umfeld, der pflegliche Umgang mit dem (meist teuren und empfindlichen) Sportgerät sowie die Verantwortung gegenüber denjenigen, die mit einem {...} dasselbe Board benutzen – das alles kann dazu beitragen, die Aufgaben, die der Schulsport bei der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen übernommen hat, in besonderer Weise zu erfüllen “ (Landesinstitut für Schule und Weiterbildung 1994, S.7).

2.4 Zielgruppe

Windsurfen im Schulsport zielt meist auf Anfängerschulung, da andere Bereiche oder Teildisziplinen dieser Sportart (Kapitel 2.2) sich im Schulsport kaum realisieren lassen. Für jene sind bestimmte Revierbedingungen (z. B. Brandung, höhere Windstärken) notwendig und es wird eine höhere Beherrschung des Sportgerätes verlangt. „{ …} […] Der Wassersport [bleibt] für viele Menschen und vor allem für Kinder etwas ganz außergewöhnliches “ (SIEBE, SINNING 2007, S.5), so dass davon ausgegangen werden muss, dass nur wenige Schüler über Vorerfahrungen mit diesem Sport verfügen.

Die Betrachtung liegt also auf der Anfängerschulung und bezieht sich in der Arbeit auf Adressaten der Sekundarstufe II: Jugendliche im Alter zwischen siebzehn und zwanzig Jahren. Die pädagogische Perspektive „Etwas wagen und verantworten“ wird in den Lehrplänen weiterführender Schulen und der gymnasialen Oberstufe erläutert und richtet sich ebenso an diese Adressatengruppe.

Aber auch für Kinder der Sekundarstufe I kann das Erlernen des Windsurfens eine Möglichkeit darstellen, Kompetenzen der Wagnis- und Sicherheitserziehung zu entwickeln. Für jüngere Schüler wäre entsprechendes Kindermaterial erforderlich, das sich durch leichtere Materialien, dünnere Masten und Holmdurchmesser der Gabelbäume auszeichnet. Damit sind sie den Körperverhältnissen angepasst, um Überforderungen zu vermeiden. „ Die richtige Materialwahl beeinflusst einerseits die Sicherheit und andererseits den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler “ (SALZMANN 1994, S.41).

3. Pädagogische Grundlagen

3.1 Richtlinien und Lehrpläne des Schulsports in Nordrhein-Westfalen

Die Richtlinien und Lehrpläne des Schulsports in Nordrhein-Westfalen geben die Richtung des Faches vor, indem sie Informationen zu Inhalten und pädagogischen Leitzielen liefern. Ihre Funktion besteht darin, Orientierung für Lehrkräfte zu bieten, zur Legitimation des Unterrichts beizutragen und den Schulsport durch Innovationen zu verändern (vgl. Thiele 2001, S.47). Fachdidaktische Leitidee der Richtlinien und Lehrpläne ist der Doppelauftrag des Schulsports: „ Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport und Erschließung der Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur “ (MSWWF NRW 1999, XXIX). Mit dieser Formulierung wird ein deutlich erzieherischer Schwerpunkt für die Entwicklungsförderung und Bildung der Kinder und Jugendlichen gesetzt, der sich ausdrücklich als ganzheitlicher Ansatz versteht. Darüber hinaus soll auf den Sport außerhalb der Schule an exemplarisch ausgewählten Beispielen hingeführt werden (vgl. ebd., XXX). Schulsport zielt auf die Förderung sportlicher Handlungsfähigkeit und will in den Sport als Teilbereich einer Kultur einführen.

Zur Verdeutlichung des Doppelauftrags von Schulsport werden sechs pädagogische Perspektiven formuliert, wobei diese besonders auf das Anliegen der Entwicklungsförderung durch Bewegung, Spiel und Sport zielen. Sie umfassen unterschiedliche Sinngebungen sportlicher Handlungen und betonen den erzieherischen Anspruch von Schulsport (vgl. MSWWF NRW 1999, XXX).

A Wahrnehmungsfähigkeit verbessern, Bewegungserfahrungen erweitern
B Sich körperlich ausdrücken, Bewegungen gestalten
C Etwas wagen und verantworten
D Das Leisten erfahren, verstehen und einschätzen
E Kooperieren, wettkämpfen und sich verständigen
F Gesundheit fördern, Gesundheitsbewusstsein entwickeln

Es sei darauf hingewiesen, dass die Angaben A bis F keine Rangfolge bezüglich der Bedeutung der Perspektive darstellen. Die verschiedenen Perspektiven sollen möglichst gleichgewichtig im Sportunterricht zur Geltung kommen, um die geforderte Mehrperspektivität von Lehren und Lernen im Sportunterricht hervorzuheben (vgl. THIELE 2001, S.47). „ Durch den Bezug auf mehrere Perspektiven soll erfahren werden, wie sportliche Aktivitäten mit unterschiedlichem Sinn belegt werden können und sich dadurch verändern.“ (MSWWF NRW 1999, XLV). Die Perspektiven rücken die Bedeutung konkreter einzelner Inhalte tendenziell in den Hintergrund und ebnen somit den Weg für Unterrichtsinhalte und pädagogische Potentiale des außerschulischen Sports (vgl. GEßMANN 2000, S.64). Jede Perspektive kann die Ambivalenz des Sports herausstellen. „ Das heißt: Die Entwicklungschancen, die im Sport liegen, können nicht nur verfehlt werden; ihnen stehen auch Gefahren gegenüber. Daraus ergeben sich Hinweise für eine pädagogisch verantwortliche Gestaltung des Sports in der Schule.“ (MSWWF NRW 1999, XXXVI).

3.1.1 Die pädagogische Perspektive „Etwas wagen und verantworten“ und der Bezug zum Windsurfen

Wer etwas wagt, sucht aus eigener Entscheidung eine herausfordernde Situation mit unsicherem Ausgang auf und bemüht sich, diese im Wesentlichen mit den eigenen Fähigkeiten zu bestehen. Insofern ist das Wagnis eine Situation der Bewährung. Daher suchen junge Menschen das Wagnis und sie gehen es nicht ein, obwohl, sondern weil es sie an ihre Grenzen führt. Jedes Wagnis enthält Proben für die Selbsteinschätzung und Anreize, das eigene Können weiterzuentwickeln. “ (MSWWF NRW, XXXII).

In den Richtlinien und Lehrplänen werden Überlegungen angestellt, wie die Gestaltung wagnisreicher Situationen die Entwicklung von Schülern positiv beeinflussen kann. Die hinter der Perspektive stehende Intention richtet sich auf verantwortungsbewusstes Verhalten in wagnisreichen Situationen und entsprechend kompetenten Umgang darin. Die Begründung, Windsurfen unter der pädagogischen Perspektive „Etwas wagen und verantworten“ zu thematisieren, wird dann besonders deutlich, wenn man sich die Formulierung zur Perspektive in den Richtlinien und Lehrplänen für das Land Nordrhein- Westfalen anschaut:

Besonders dann, wenn der feste Stand auf dem Boden, die gewohnte Position im Raum aufgegeben wird, wenn sich erhöhte Anforderungen an das Gleichgewicht und die Steuerungsfähigkeit stellen, liegt es nahe, die Situation als Wagnis zu empfinden. Insofern ist das Wagnis typisch für viele Bereiche des Sports, z. B. im Schwimmen, Tauchen und Springen, in Turnen, Klettern und Akrobatik, beim Balancieren, Gleiten und Fahren.“ (MSWWF NRW 1999, XXXIII).

Windsurfen ist ein mögliches Beispiel für eine Sportart sportlicher Wagnisse, da wie bei allen Wassersportarten kein fester Stand auf dem Boden möglich ist. Außerdem werden erhöhte und dazu ungewohnte Anforderungen an das Gleichgewicht und die Steuerungsfähigkeit gestellt. Der Umgang mit Sicherheitsmaßnahmen spielt vor, während und nach dem Sporttreiben eine wichtige Rolle. Windsurfen „ bietet Möglichkeiten zu Gleit- und Gleichgewichtserfahrungen, Abenteuer- und Erlebnisräume dank eines starken Naturbezuges und breite Einsatzmöglichkeiten auf vielen Gewässern “ (VERCH 2007, S.40).

3.1.2 Inhaltsbereiche und Bewegungsfelder

Aus den Formulierungen der Lehrpläne resultiert eine Öffnung und Erweiterung der Inhaltsbereiche, die im Kontext der pädagogischen Perspektiven eine Veränderung der Rolle der Sportarten bedeutet (vgl. GEßMANN 2000, S.81). Die Sportarten lassen sich im Zuge der Öffnung des Schulsports in Bewegungsfelder einordnen und richten den Blick auch auf außerschulische Sportarten. Die Richtlinien und Lehrpläne des Faches Sport umfassen zehn Bewegungsfelder beziehungsweise Inhaltsbereiche, in denen die pädagogischen Perspektiven Anwendung finden sollen:

1) Den Körper wahrnehmen und Bewegungsfähigkeiten ausprägen
2) Das Spielen entdecken und Spielräume nutzen
3) Laufen, Springen, Werfen – Leichtathletik
4) Bewegungen im Wasser – Schwimmen
5) Bewegungen an Geräten - Turnen
6) Gestalten, Tanzen, Darstellen – Gymnastik/Tanz, Bewegungskünste
7) Spielen in und mit Regelstrukturen – Sportspiele
8) Gleiten, Fahren, Rollen – Rollsport, Bootssport, Wintersport
9) Ringen und Kämpfen – Zweikampfsport
10) Wissen erwerben und Sport begreifen

(MSWWF NRW 1999, XXXVIII)

Die Bewegungsfelder 1 und 2 „ sind als sportbereichsübergreifende Bewegungsfelder von grundlegender Bedeutung für die Entwicklungsförderung durch Bewegung und schaffen damit auch Vorraussetzungen für die Arbeit in den Inhaltsbereichen 3 bis 9. “ (MSWWF 1999a, S. XXXVII). Sie beziehen sich auf die Grundlagenbildung von Bewegungsgestaltung wie Körperwahrnehmung, Körperbildung, Bewegungsbildung, Spielerziehung und unterstützen somit die übrigen Bewegungsfelder (vgl. GEßMANN 2000, S. 68).

Der Inhaltsbereich 10 „Wissen erwerben und Sport begreifen“ weißt darauf hin, „ dass das motorische Lernen für die Schülerinnen und Schüler ein bewusster, von Kenntnissen und Einsichten begleiteter Vorgang sein muss.“ (ebd., S.70). „ Inhalt dieses Bereichs ist das weite Feld des für den Schulsport relevanten sportbezogenen Wissens. Kenntnisse von {...} Bewegungsstrukturen und Lernwegen sollen zu einem besseren Verständnis und Gelingen des Bewegungsvollzuges verhelfen.“ (MSWWF NRW 1999, XLIV). Dieser Inhaltsbereich fordert fachliches Wissen und die bewusste Reflexion der Schüler, die in die Bewegungsfelder integriert werden kann. Es besteht insbesondere für die gymnasiale Oberstufe die Möglichkeit, den Inhaltsbereich 10 explizit zu thematisieren, um somit fachliche Kenntnisse in den Mittelpunkt der Betrachtung von Sportunterricht zu rücken. Sportbezogene Kenntnisse des Windsurfens werden im Zusammenhang zur Sicherheitserziehung relevant.

Das in den Richtlinien und Lehrplänen aufgeführte Bewegungsfeld 8 „Gleiten, Fahren, Rollen“ bezieht sich auf Roll-, Boots- und Wintersport, zu dessen Inhalten Windsurfen gehören kann. Konkret wird dies unter dem Gesichtspunkt „Gleiten auf dem Wasser“, worunter auch Sportarten wie Rudern, Wasserski, Segeln oder Kanu zu fassen sind. Die Inhaltsbereiche 1 und 10 spielen ebenfalls eine wichtige Rolle für die Thematisierung des Windsurfens, da sie wesentliche Vorraussetzungen für das Erlernen dieser Sportart enthalten. Plant man ein Unterrichtsvorhaben zum Windsurfen und ließe sich dieses zeitlich-organisatorisch mit den Bedingungen des Sportunterrichts vereinbaren, so ist dies unter den curricularen Vorrausetzungen im Bewegungsfeld 8 möglich. Die Verbesserung der Wahrnehmung wird in diesem Inhaltsbereich explizit in die Betrachtungsweise einbezogen:

Die Wahrnehmungsfähigkeit, insbesondere im Zusammenwirken mehrerer Sinne, und das ästhetische Spiel mit Bewegungsideen werden in diesem Inhaltsbereich besonders angesprochen.“ (MSWWF NRW 1999, XLIII). Hinzu kommt, dass dem Aspekt der Sicherheitserziehung in diesem Bewegungsfeld besonders Beachtung geschenkt wird. „ Die Erziehung zu sicherheitsbewusstem und verantwortlichem Umgang mit Partnerinnen bzw. Partnern und Material hat in diesem Bewegungsfeld eine hohe Bedeutung “ (ebd.).

3.1.3 Außerunterrichtlicher Schulsport

Der Sportunterricht ist an zeitliche Vorgaben gebunden und die Ausübung des Windsurfsports ist mit Auf- und Abbau sehr zeitaufwändig. Deshalb liegt es nahe, die Sportart in den außerunterrichtlichen Schulsport zu verlagern (vgl. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung 1994, S.11). „ Dabei bieten die pädagogischen Perspektiven, das Spektrum der Inhaltsbereiche und die Prinzipien des erziehenden Unterrichts Orientierung “ (MSWWF NRW 1999, XLVII). Geeignete Windsurfbedingungen - entsprechendes Gewässer und Surfmaterial - stehen in unmittelbarer Schulnähe selten zur Verfügung, so dass sich zur Realisierung Schulprojekte und Schulfahrten wie Wandertage und Klassenfahrten mit sportlichem Schwerpunkt empfehlen. „ Schulsporttage und Schulfahrten mit sportlichem Schwerpunkt bieten Möglichkeiten, die Schülerinnen und Schüler mit Formen des Sporttreibens bekannt zu machen, die sie im Unterricht oder sonstigen schulsportlichen Veranstaltungen z. B. aus zeitlichen und räumlichen Gründen nicht kennen lernen und betreiben können. Die außerunterrichtlichen Aktivitäten reichen hier von eintägigen Sporttagen einer Klasse, Jahrgangstufe oder Schule über mehrtägige Kompaktkurse, die einen sportlichen Schwerpunkt setzen bis hin zu längeren Schulfahrten, in die sportliche Aktivitäten integriert sind.“ (ebd., L).

Es können entsprechende Arbeitsgemeinschaften (AG) oder Ferienfreizeiten angeboten werden, die jedoch von den jeweiligen Schulbedingungen abhängig sind. Dabei ist es empfehlenswert, den Windsurfunterricht von einer fachlich ausgebildeten Lehrkraft durchführen zu lassen. Eine Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern ist ebenso denkbar wie praktikabel (vgl. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, S.12). „ Kooperationen mit Vereinen, Surfschulen oder auch Hochschulsporteinrichtungen der Universitäten könnten das zumeist fehlende eigene Material bzw. Revier ersetzen “ (VERCH 2007, S.40).

3.1.4 Zusammenfassung

Die Auswahl der Perspektive auf den Unterrichtsgegenstand stellt eine exemplarische Betrachtungsweise dar und kann im Verlauf des Unterrichts anderen pädagogischen Perspektiven gegenüber gestellt und mit ihnen verglichen werden. In dieser Arbeit soll nicht der Eindruck entstehen, dass Windsurfen im Schulsport ausschließlich unter der Perspektive des Wagnisses thematisiert werden kann, obwohl „ der Inhaltsbereich 8 es besonders nahe legt, Bewegungen sowohl als Wagnisse wie auch als Kunststücke zu erfahren und gestalten.“ (vgl. MSWWF NRW 1999, XLIII). Windsurfen im Schulsport sollte Aspekte nicht nur der Wagnis-, sondern auch der Sicherheitserziehung im Blick haben. „ Hecker (1993), der vom „guten Sinn der Unsicherheit“ spricht, plädiert u.a. für ein schulsportliches Angebot von Natursportarten. “ (NEUMANN 2003, S.51).

Aber auch der außerunterrichtliche Schulsport bietet gute Möglichkeiten, die Sportart Windsurfen aufzugreifen und neue Bewegungserfahrungen auf dem Wasser zu gewinnen. Darüber hinaus scheint er besonders geeignet, Schüler an der Verantwortung von Planung und Organisation des Sportangebotes zu beteiligen.

3.2 Sicherheitserziehung im Schulsport

Im Bundesland Nordrhein-Westfalen gehört es zum allgemeinen Erziehungsauftrag von Schulen, einen Beitrag zur Sicherheitserziehung zu leisten. Schulen sind für die Sicherheit ihrer Schüler verantwortlich und dazu angehalten, zur Unfallverhütung in Schule, Schulleben und Umgebung beizutragen (vgl. HUNDELOH 1994, S.7). Hierzu zählen technische und organisatorische Maßnahmen der Unfallvorbeugung (vgl. ebd.). Begrifflich wurde bei dem Erziehungsvorhaben das einst technische Verständnis von Unfallverhütung zu Sicherheitserziehung erweitert und dann in Sicherheitsförderung modifiziert (vgl. BALZ 2003, S.35)[3].

Über die präventive Unfallvorsorge hinaus sollen Schüler für den Umgang mit gesundheitlichen Risiken sensibilisiert werden. Sicherheitserziehung in Schulen beinhaltet die Förderung von verantwortungsbewusstem Handeln von Kindern und Jugendlichen in risikoreichen Situationen (vgl. HUNDELOH 1994, S.7). Die erzieherischen Maßnahmen zielen auf sicherheits- und risikobewusstes Verhalten, welches die Schüler zu einem kompetenten Umgang mit gesundheitlichen Gefahren befähigen soll (vgl. ebd., S.8). Sicherheitserziehung richtet ihren Blick auf das schulische wie außerschulische Lebensfeld von Kindern und Jugendlichen und will auf das spätere Leben in Beruf und Freizeit vorbereiten. Schule stellt ein zentrales Lebensfeld von Kindern, Jugendlichen und Lehrern dar. „ Die Gestaltung dieses Lebensraums in baulicher, organisatorischer und sozialer Hinsicht kann wesentlich das Sicherheits- und Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen beeinflussen.“ (MSJK NRW 2002, S.21). Pädagogische Maßnahmen sollten folglich die räumlichen und sozialen Verhältnisse einer Schule in Verbindung zu verhaltensbezogenen Interventionen sehen.

Dabei sollen sowohl fächerübergreifende als auch fachbezogene sicherheitsorientierte Kompetenzen ausgebildet werden. In den Richtlinien und Lehrplänen des Faches Sport wird darauf hingewiesen, dass der Sportunterricht und außerunterrichtliche Schulsport wesentliche Beiträge zu überfachlichen Bildungsaufträgen liefern können. Insbesondere kann der Schulsport gegenwärtig bedeutsame Erziehungsaufgaben leisten, die den allgemeinen Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule stützen. Darunter fallen neben Gesundheits-, Verkehrs- und Umwelterziehung auch Beiträge zur Sicherheitserziehung (vgl. MSWWF NRW 1999, S.XXXVI). Eine intensive Auseinandersetzung hiermit kann aufschlussreich sein und mögliche Zusammenhänge von Erziehungsaufgaben im Schulsport herausstellen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Sicherheitsförderung auch Teil einer bewussten Gesundheitserziehung sein kann, wenn es gelingt, Gefährdungen beim Sporttreiben zu erkennen und sachgerecht damit umzugehen (vgl. HUNDELOH 1994, S.16). Verantwortung für Sicherheit und Unversehrtheit aller am Sporttreiben Beteiligten muss die pädagogische Gestaltung des Unterrichts unabhängig von weiteren Erziehungszielen grundsätzlich bestimmen. „ Der Schulsport soll u. a. die Gesundheit der Schülerinnen und Schüler fördern. Dieses Ziel kann nur realisiert werden, wenn es gelingt, mehr Sicherheit im und durch Schulsport zu erreichen.“ (MSJK NRW 2002, S.18).

Im Schulsport sind im Vergleich zu anderen Lernfeldern auf Grund des Bewegungslernens spezielle Vorraussetzungen zur Sicherheitsförderung, aber auch ein höheres Unfallrisiko gegeben. „ Die Unfallzahlen im Schulsport sind sehr hoch. Jährlich werden in NRW über 120.000 Schulsportunfälle gemeldet “ (HUNDELOH 1994, S.8). „ Die technisch orientierte Sicherheitsforschung hat zwar zu einem hohen Ausstattungsstandard bei den Sportstätten und der Geräteausstattung geführt; der Erwerb sicherheitsbezogener Kompetenzen beschränkte sich jedoch vor allem auf den fachgerechten Umgang mit Geräten und Anlagen.“ (vgl. u. a. SMIRKA 1988, S.77f in HÜBNER 2000, S.139). Der überwiegende Teil der Sportunfälle ist jedoch nicht auf gerätespezifische Defizite, sondern vor allem auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen (vgl. HÜBNER 2000, S.139).

Der Schulsport hat die pädagogische Aufgabe, die Bewegungssicherheit der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Im Sportunterricht und im außerunterrichtlichen Schulsport sind daher Maßnahmen der Unfallverhütung und Sicherheitserziehung, d. h. die technische und organisatorische Unfallvorbeugung sowie die Ausbildung von Sicherheitskompetenzen, in besonderer Weise gefordert

(http://www.sichere-schule.info/rechtsvorschriften/pdf/erlass_sicherheit-schulsport.pdf).

Sicherheitserziehung erhält im schulischen Kontext einen ambivalenten Charakter. Bewegung, Spiel und Sport können „ ein wertvolles psychomotorisches „Sicherheitstraining“ bieten und generell als unfallverhütend angesehen werden, obwohl dort besonders viele Unfälle passieren.“ (HUNDELOH 1994, S.10).

Ziele

Sicherheitserziehung im Schulsport möchte eine Überbehütung der Schüler vermeiden und vielmehr in Abhängigkeit zu den eigenen Fähigkeiten eine realistische Einschätzung möglicher Gefahrenlagen fördern. So soll ein „Schonraum“ für Kinder und Jugendliche vermieden werden und im Umgang mit „dosiertem Risiko“ gelernt werden, wie mit Gefahren umgegangen werden kann (vgl. HECKER, 1989b, S.387 in PFITZNER 2003, S.40). Dosiertes Risiko impliziert eine realistische Bewältigungschance und dass ein Scheitern keine schwerwiegenden Konsequenzen wie Verletzungen mit sich führt (vgl. ERDMANN 1990, S.113 in PFITNER 2003, S.40). Gefährdungen sollen bereits im Vorfeld vermieden und Reglementierungen getroffen werden, doch können unsichere Bewegungssituationen im Sport die Sensibilisierung für Gefährdungssituationen fördern (vgl. HUNDELOH 1994, S.11). Sie können das realistische Einschätzungsvermögen verbessern und spielen für das Entwickeln von Sicherheitsbewusstsein eine wichtige Rolle.

Ziel von Sicherheitserziehung ist es „ {...} Selbständigkeit, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Risikobewusstsein aufzubauen und so wesentliche Vorraussetzungen für ein aktives und situationsgerechtes Sicherheitsverhalten zu schaffen “ (ebd.). Diese Vorraussetzungen können dahingehend konkretisiert werden, als die Einschätzung motorischer, emotionaler und kognitiver Fähigkeiten für ein sicherheitsgerechtes Handeln gelernt werden soll. In diesem Sicherheitsverständnis wird die Eigenverantwortlichkeit betont. Schüler sollen lernen in risikoreichen Situationen selbständig zu urteilen, entscheiden und verantwortungsbewusst zu handeln. Sicherheitsbewusstsein ist individuell unterschiedlich und kann sich infolge von Lern-, Sozialisations- und Entwicklungsprozessen verändern. Es stellt somit keinen statischen Zustand dar, sondern unterliegt persönlichen Veränderungen (vgl. MSJK NRW 2002, S.19). Verantwortliches Handeln in subjektiv wahrgenommenen gefährlichen Situationen kann als „Risikokompetenz“ bezeichnet werden (vgl. ebd. S.22). „ Unter Risikokompetenz wird die Fähigkeit und Bereitschaft verstanden, Risiken und Gefahren zu erkennen, zu bewältigen und ggf. zu beseitigen, um dadurch neue Sicherheit zu gewinnen. Schülerinnen und Schüler müssen diese Kompetenz im Rahmen der schulischen Sicherheitsförderung mit zunehmendem Alter erwerben.“ (ebd.).

Konsequenzen

Die Zielvorstellungen der Sicherheitserziehung lassen die Forderung nach der Ausbildung bestimmter Kompetenzen zu. Im Folgenden werden wichtige Kompetenzen der Sicherheitsförderung im Schulsport skizziert. Hübner formuliert zu erlernende Fähigkeiten, die er aus empirischen Erkenntnissen über das Unfallgeschehen im Schulsport ableitet (vgl. PFITZNER 2003, S.42). Diese werden berücksichtigt und mit weiteren Dimensionen der Sicherheitsförderung in sechs Bereiche eingeteilt. Diese Bereiche werden nicht isoliert voneinander gesehen, sondern tragen auf Grund ihrer Abhängigkeit zueinander zu sicherheitsbewusstem Verhalten bei.

[...]


[1] Umgangssprachlich auch: Surfboard oder Board

[2] Fortgeschrittene wählen die Segelgröße nach den Windverhältnissen (große Segel bis 12 m² bei wenig Wind, kleine Segel von 3 bis 5 m² bei Sturm).

[3] Sicherheitserziehung und Sicherheitsförderung stehen begrifflich jedoch nicht für unterschiedliche Inhalte, so dass in dieser Arbeit beide Begriffe gleichermaßen verwendet werden.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Zur pädagogischen Bedeutung der Wagnis- und Sicherheitserziehung im Schulsport am Beispiel des Windsurfens
Untertitel
Welche zentralen Kompetenzen der Wagnis- und Sicherheitserziehung können beim Windsurfen im Schulsport bei Schülerinnen und Schülern ausgebildet werden?
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
75
Katalognummer
V151766
ISBN (eBook)
9783640639762
ISBN (Buch)
9783640640041
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Surfen, Windsurfen, Schulsport, pädagogische Bedeutung, Wagnis, Sicherheit im Schulsport
Arbeit zitieren
Paul Hüchtebrock (Autor), 2008, Zur pädagogischen Bedeutung der Wagnis- und Sicherheitserziehung im Schulsport am Beispiel des Windsurfens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151766

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