Die Sehnsucht des Minnesängers als Grundlage für das Konzept der Hohen Minne in den deutschen Strophen der Carmina Burana


Seminararbeit, 2006

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Das Motiv der Sehnsucht in der Hohen Minne

3. Das Konzept der Hohen Minne anhand der deutschen Strophen der Carmina Burana

4. Die Bedeutung der „vrowe“ als Quelle der unerfüllten Sehnsüchte

5. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

Die Carmina Burana sind eine der berühmtesten überlieferten Sammlungen mittelalterlicher Dichtung aus dem 13. Jahrhundert, die Anfang des 19. Jahrhundert im bayrischen Kloster Benediktbeuern entdeckt wurde. In den wenigen deutschen Strophen des Codex Buranus zeigen sich verschiedene Formen mittelhochdeutscher Liebeslyrik. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Minnesang. Ebenso gibt sie Aufschluss darüber, welche Rolle der Minnesänger in dieser Art der Liebeslyrik einnimmt und wie die Figur der sehnsüchtig umworbenen „vrowe“ zu verstehen ist. Da das Konzept der Hohen Minne sehr prägend für den Minnesang ist, ist es notwendig, dieses anhand der deutschen Strophen zu erläutern und den damit einhergehenden Begriff der Sehnsucht in seiner damaligen und heutigen Bedeutung zu klären. Das sehnsuchtsvolle Werben des Minnenden kann als Vorraussetzung für die damit einhergehende Leiderfahrung gesehen werden und erfüllt somit gänzlich den Gedanken des Hohe-Minne-Konzeptes. Weiterhin erklärt diese Arbeit das vermutliche Paradoxon der vom Minnenden ersuchten Versagung durch die Frau.

2 Das Motiv der Sehnsucht in der Hohen Minne

Das Motiv der Sehnsucht spielt im Minnesang eine zentrale Rolle[1]. Wenn auch heute der Begriff „Sehnsucht“ einen sehr starken Wunsch nach etwas oder jemandem beschreibt und somit auch das Verlangen auf Erfüllung dieses Wunsches hervorsehnt[2], deckt er doch nicht gänzlich die Auffassung des Konzeptes der Hohen Minne im damaligen Minnesang. Sprach der Minnende im Hohe-Minne-Gedicht von der Sehnsucht nach der Geliebten, so hatte er zwar das starke Verlangen nach ihr und erlitt die damit einhergehenden seelischen Leiden, wünschte jedoch nicht, dass die Erlösung seines Leidens durch die Erfüllung seines Wunsches geschah. Der Minnende wirbt um eine sittlich höher gestellte, für ihn unerreichbare Frau, erleidet Unmengen von seelischen Qualen aus Sehnsucht nach ihr, bittet sie um Erlösung, wird aber andererseits durch ihre Ablehnung ethisch erhöht und dadurch anerkannt.[3] Der klagende Mann hofft zwar auf Erlösung seiner Sehnsüchte, würde aber durch die Erreichbarkeit der Frau, und somit Erfüllung seines Wunsches, nicht mehr dem angesehenem Konzept der Hohen Minne entsprechen. Die Erfüllung des Konzeptes liegt also in der Nichterfüllung der männlichen Sehnsucht und seines Verlangens[4].

Auch in dieser Strophe wird die Frau als umworbenes Objekt von dem Minnesänger verehrt und angebetet. Der männliche Sprecher zeigt also deutlich einen „Verehrungsdrang, [sowie eine] Verehrungsbereitschaft“[5] in dieser Strophe. Durch seine Anbetungsbereitschaft ist er auch bereit aus Sehnsucht nach seiner Umworbenen zu leiden. Andererseits bittet er sie um Gnade und fleht sie an ihn zu erlösen: „Edile vrowe min,| gnade mane ih dich!| […] sůze vrowe, gnade, alde ich pin tot!“ (CB 115a). Betrachtet man allein das lexikalische Material und lässt das dahinterstehende Konzept der Hohen Minne außer Acht, wird deutlich, dass der Minnende eine Lohnerwartung hegt[6] und dadurch auf Erfüllung und Erfolg seines Werbens hofft:

[…] ih diene dir, so ih beste chan;

des wil dih verdriezen.

nu will du mine sinne

mit dime gewalte sliezen.

nu woldih diner minne

vil sůze wunne niezen. (CB 153a)

Der Mann deutet also an, dass er für seinen Frauendienst eine Belohnung ihrerseits erwarten könne, sagt aber trotzdem im weiteren Verlauf, dass er ihrer Schönheit ausgeliefert sei und ihn nichts davon abhalten kann, weiter um sie zu werben, obwohl er keine Erlösung seiner Sehnsucht erwartet.

3. Das Konzept der Hohen Minne anhand der deutschen Strophen der Carmina Burana

Einen weiteren Aspekt im Minnesang stellt das Konzept der Hohen Minne, auch „fin amor“[7] genannt, welches besonders für die zweite Entwicklungsphase der Minnesangentwicklung typisch ist, dar. Dieses Konzept verlangt einen meist männlichen Sprecher, „der außerhalb der […] sanktionierten […] Ehe eine [ihm höhergestellte] Frau begehrt“[8] und umwirbt. Man muss sich hierbei diese Frau als Besitz eines anderen Mannes, als unverheiratetes Mädchen von Stand oder als verheiratete Dame vorstellen[9]. Die Geschlechterbeziehung gestaltet sich nach dem Interaktionsmuster, wie es zwischen einer Herrin und einem ihr sozial untergeordnetem, ihr dienendem Mann im Lehnswesen der Fall war[10]. Die begehrte Frau wird also zur Minneherrin, die zur höfischen Vollkommenheit idealisiert wird, weil der Minnesang nicht primär persönliche Probleme der Autoren, sondern die der damaligen Gesellschaft behandelt[11]. Der Mann bemüht sich, indem er sich in ihren Dienst begibt, die Zuneigung seiner Umworbenen zu erlangen. Die Minne des Mannes vollzieht sich also als „Frauendienst“[12]. Er wirbt um die Erfüllung seiner Liebe, die jedoch prinzipiell als ausgeschlossen gilt, da die Frau dem Mann unerreichbar gegenübersteht. Aus dieser Unerreichbarkeit resultiert oftmals Leiderfahrung, (welche sich in der Minneklage des Mannes ausdrückt), wie auch Frustration, vergebliches Flehen und Verzweiflung. Interessant ist allerdings, dass der Minnesänger, obwohl er einerseits um Erlösung seiner Sehnsüchte bittet, andererseits nichts mehr fürchtet, als von der Frau erhört zu werden. Der Frauendienst, die Kontrolle im Affekt, seine Leiderfahrung und die Fähigkeit, seine Frustration zu bewältigen, führen den Mann nämlich zu sittlicher Vervollkommnung und zu gesteigertem Ansehen vor der Gesellschaft[13]. Somit ergibt sich ein Paradoxon, da zwar die Leiderfahrung vom Mann beklagt wird, aber gleichzeitig genau diese notwendig ist, um ihn ethisch zu erziehen und dadurch sittlich zu erhöhen. Die Erfüllung des Hohe-Minne-Modells liegt also in der Nichterfüllung des männlichen Begehrens. Der Hohe Minnesang beschreibt damit die Thematik des ethischen Verzichts, indem die Beteiligten in der fiktiven Minnewelt[14] zum Ausdruck bringen, sie können auf ihren angedeuteten Wunsch ebenso verzichten. An dieser Stelle spricht man von einer Art Selbsterziehungskonzept, welches zwar auf einen in Wort gefassten Wunsch verweist, aber gleichzeitig suggeriert, es könne durch die hohe ethische Kraft des Minnenden ebenso auf diesen verzichtet werden. Durch dieses Konzept strebt das männliche Ich nun nicht einzig das erotische Ziel an, sondern hofft in der erfolglosen Werbung und durch die damit verbundene ästhetische Seinserfahrung auf einen eigenen ethischen Wert und die einhergehende sittliche Läuterung[15].

[...]


[1] Vgl. Ingrid Kasten: Minnesang. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 605.

[2] Vgl. Reinhard Müller: Sehnsucht nach dem Geliebten. Deutsches Literaturlexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. S. 334.

[3] Vgl. Ingrid Kasten: Minnesang. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 605.

[4] Vgl. Ebd. S. 605.

[5] Günther Schweikle: Die frouwe der Minnesänger. Zu Realitätsgehalt und Ethos des Minnesangs im 12. Jahrhundert. S.264.

[6] Vgl. Ebd. S.259.

[7] Vgl. Ingrid Kasten: Minnesang. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S.604.

[8] Ebd. S.605.

[9] Vgl. Günther Schweikle: Die frouwe der Minnesänger. S. 247.

[10] Vgl. Friedrich Neumann: Der deutsche Minnesang. S. 13.

[11] Vgl. Günther Schweikle: Die frouwe der Minnesänger. S.264 ff.

[12] Vgl. Friedrich Neumann: Der deutsche Minnesang. S. 13.

[13] Vgl. Ingrid Kasten: Minnesang. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 605.

[14] Vgl. Günther Schweikle: Die frouwe der Minnesänger.: „Im Minnesang wurde eine rein geistige, fiktionale Welt eigener Gesetzlichkeit geschaffen.“ S.261.

[15] Vgl. Ingrid Kasten: Minnesang. Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. S. 604- 605.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Sehnsucht des Minnesängers als Grundlage für das Konzept der Hohen Minne in den deutschen Strophen der Carmina Burana
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Carmina Burana
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V151797
ISBN (eBook)
9783640637423
ISBN (Buch)
9783640637539
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minnesang, Sehnsucht, Carmina Burana, Hohe Minne, vrowe, vrouwe
Arbeit zitieren
Elisabeth Jung (Autor), 2006, Die Sehnsucht des Minnesängers als Grundlage für das Konzept der Hohen Minne in den deutschen Strophen der Carmina Burana, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151797

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