Demographischer Wandel im ländlichen Raum

Lösungsmöglichkeiten im Rahmen der Dorferneuerung am Beispiel des Generationenhauses Sontheim


Bachelorarbeit, 2009

46 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Hauptteil

1 Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Fragestellungen, Überblick und Lösungsweg

2 Der Demographische Wandel in Deutschland
2.1 Begriff „Demographischer Wandel“
2.2 Ursachen für den Demographischen Wandel
2.3 Folgen des Demographischen Wandels

3 Herausforderungen für die Gemeinden im ländlichen Raum
3.1 Der ländliche Raum
3.2 Probleme in der Daseinsvorsorge und Infrastruktur
3.3 Bauliche Entwicklungen
3.4 Soziale Problemstellungen

4 Lösungsmöglichkeiten durch die Dorferneuerung
4.1 Grundlagen
4.2 Trägerschaft
4.3 Strategie
4.4 Maßnahmen
4.5 Ablauf
4.6 Ziele
4.7 Innenentwicklung
4.7.1 Grundlagen
4.7.2 Aufgaben
4.7.3 Maßnahmen

5 Die Dorferneuerung in der Gemeinde Sontheim
5.1 Ausgangssituation und Geschichte
5.2 Veränderung der sozialen Strukturen
5.3 Die Dorferneuerung Sontheim
5.3.1 Ablauf
5.3.2 Dorferneuerungsmaßnahmen
5.3.3 Kosten und Finanzierung

6 Das Generationenhaus Sontheim
6.1 Grundidee und Entstehung
6.2 Trägerschaft
6.3 Finanzierung
6.4 Aktivitäten
6.5 Erfolge
6.6 Erfolgsfaktoren
6.7 Umsetzbarkeit für andere Gemeinden

Fazit

Bibliographie

Abbildungsverzeichnis

Anhang

Kurzfassung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand eines Beispieldorfes aufzuzeigen, welcheLösungsmöglichkeiten die Dorferneuerung bietet, um den Auswirkungen desDemographischen Wandels entgegenzuwirken. Dabei wurde folgendeVorgehensweise gewählt. Zu Beginn befasst sich die Arbeit mit den Faktoren, die denDemographischen Wandel in Deutschland bedingen. Der Rückgang derBevölkerungszahl und der Wandel der Altersstruktur hin zu einer älteren Gesellschaftbewirkt eine erhebliche Veränderung des sozialen Gefüges und stellt vor allem dieländlichen Regionen vor enorme Herausforderungen, die in der vorliegenden Arbeitbetrachtet werden. Das Bayerische Dorferneuerungsprogramm hat zum Ziel,Kommunen im ländlichen Raum bei der Bewältigung der genannten Probleme zuunterstützen. Aus den dargestellten Herausforderungen werden im FolgendenLösungsmöglichkeiten abgeleitet, die sich im Rahmen der Durchführung derDorferneuerungen herausgebildet haben. Zur genauen Recherche der

Lösungsansätze und Wirkung einer Dorferneuerung wurden Gespräche mit Expertengeführt. Zum einen gab Herr Y., Sachgebietsleiter für Land- undDorfentwicklung des Amtes für Ländliche Entwicklung Schwaben aus behördlicherSicht Auskunft über die bereits durchgeführten Dorferneuerung in der GemeindeSontheim im Unterallgäu; zum anderen konnte Herr Dr. X., Initiator desGenerationenhauses Sontheim, Auskunft geben, durch welchen Ansatz dieseEinrichtung den Auswirkungen der Folgen des Demographischen Wandels im sozialenBereich entgegenzuwirken versucht. Mithilfe der aus diesen Gesprächen am Beispielder Gemeinde Sontheim gewonnenen Ergebnissen und zusätzlichem ausLiteraturquellen erworbenem Fachwissen wird dargestellt, mit welchen Strategien eine

Reduzierung der Konsequenzen des Demographischen Wandels in den Gemeinden im ländlichen Raum herbeigeführt werden kann. Das Beispiel des Generationenhauses Sontheim zeigt wie mit Hilfe des Einsatzes der Bürgerinnen und Bürger der eigenen Gemeinde, eine sinnvolle und praktikable Lösung in der Versorgungsproblematik der Kinder und Senioren geschaffen werden konnte.

Abstract

The intention of this thesis is to show, on the base of a special example, how, by means of “regional planning and development” it is possible to work against the consequences of the demographic change.

The thesis first describes the factors which have caused that change in Germany. Theregression of the population and the alteration of the age distribution have turned out tobe a remarkable transformation of the social structure. This brings out an enormouschallenge which mainly the rural regions are confronted with. The present thesisdescribes these challenges and tries to find possible solutions for the problemsmentioned above.

The project of “regional planning and development” has the aim to substitute villages inthe rural areas. To get a picture of the development of such a project it wasnecessary to have conversations with local experts. At first Mr. Y., seniorcouncillor of the “Amt für Ländliche Entwicklung Schwaben”, provided some officialinformation about the regional planning and development in Sontheim (Unterallgäu),which has already been realized. Furthermore, Dr. X., the initiator of the“Generationenhaus” in Sontheim, could impart an idea how this institution tries toantagonize against the causes of the demographic change concerning social realms.Combining the results selected from these interviews with scientific literary knowledge,it can clearly be demonstrated which strategies are necessary to reduce theconsequences of the democratic change in the rural communities. The example of the“Generationenhaus” Sontheim shows, how, by the help of the inhabitants, it waspossible to create a reasonable and practicable solution for the provision of seniorsand children.

1 Einleitung

1.1 Motivation

Der Demographische Wandel in Deutschland beschäftigt die Politik gleichermaßen wiedie Bevölkerung und wird momentan offen diskutiert. Die Folgen durch dieVeränderungen der Struktur der Gesellschaft sind noch nicht zu hundert Prozentvorherzusehen, jedoch geben uns schon jetzt Prognosen Aufschluss über dieHerausforderungen, die auf uns zukommen werden. Auch die Bundesregierung hat dieNotwendigkeit des Handelns erkannt und fördert im sozialen Bereich Landkreise undkreisfreie Städte mit Projekten wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäusern. Deraktuellste Stand des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung gibt wieder,dass diese ein Kapital von 88 Millionen Euro zur Förderung derartiger Initiativenbereitgestellt hat.1 Am meisten sind die Gemeinden im ländlichen Raum betroffen, diedurch die eher schwächeren infrastrukturellen Voraussetzungen und im Hinblick aufdie soziale Versorgung der Alten und Kinder, die Daseinsvorsorge der Bevölkerungund die Veränderung der baulichen Entwicklung vor schwer lösbaren Aufgaben stehen.Um diesen Gemeinden eine Hilfestellung zu bieten, gibt diese Arbeit eine Übersichtdarüber, welche Probleme auf sie zukommen werden, und mit welchen Möglichkeitensie diesen Auswirkungen im Rahmen einer Dorferneuerung entgegenwirken können.

1.2 Fragestellungen, Überblick und Lösungsweg

Zu Beginn ist es notwendig, die Ursachen des Demographischen Wandelsdarzustellen. Informationen zu diesem Thema bieten das Statistische Bundesamt unddas Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, die sich mit dem Thema der

Bevölkerungsentwicklung auseinandersetzen. Über die allgemeinen Folgen des Demographischen Wandels für Deutschland gibt uns Bundespräsident Horst Köhler, der die Wichtigkeit des Themas bereits erkannt hat und in seinem Forum für Demographie die Folgen des Demographischen Wandels thematisiert, Auskunft. Eine Zusammenstellung der Ursachen und Folgen des Demographischen Wandels befindet sich in Kapitel 2. Resultierend daraus ergibt sich die Frage, vor welche Herausforderungen die Gemeinden im ländlichen Raum gestellt werden. Antwort darauf gabein Expertengespräch mit dem zuständigen Sachgebietsleiter für Land-und Dorfentwicklung des Amtes für Ländliche Entwicklung Schwaben Herr Y..Dieser zeigte zunächst auf, welche Auswirkungen die Gemeinden in den ländlichenRegionen in der Zukunft erfahren werden, was in Kapitel 3 dargestellt wird.Wie Kapitel 4 zeigt, konnte Herr Y. zudem Antworten auf die wichtigsteFragestellung nach den Lösungsmöglichkeiten zur Verminderung derAuswirkungen des Demographischen Wandels im ländlichen Raum geben. Darüberhinaus gibt auch die Literatur, die im Rahmen der Vorlesung Bodenordnung undLandentwicklung des gleichnamigen Lehrstuhls der Technischen UniversitätMünchen behandelt wird, strukturiert Aufschluss über die Dorferneuerung.Am Beispiel der bereits durchgeführten Dorferneuerung in der Gemeinde Sontheimin Schwaben, für das Herr Y. zuständig war, lässt sich in Kapitel 5veranschaulichen, wie die Gemeinde auf die Auswirkungen reagiert hat.In einem weiteren Gespräch mit Herrn Dr. X., der das im Zuge derDorferneuerung geschaffene Projekt Generationenhaus Sontheim mitentwickeltund aufgebaut hat, wird deutlich, welchen Beitrag die Bürgerinnen undBürger der Gemeinden leisten können, um ihr Dorf lebenswerter zu machen. InKapitel 6 wird beschrieben, wie das Generationenhaus entstand, wie es finanziertwurde, welche Aktivitäten veranstaltet werden, wer die Träger sind und welcheErfolge das Projekt erfahren konnte. Ebenfalls wird dargestellt, welche Faktoren denErfolg bedingten und inwieweit das Projekt auch für andere Gemeinden umsetzbar ist.

2 Der Demographische Wandel in Deutschland

2.1 Begriff „Demographischer Wandel“

Um sich mit dem Demographischen Wandel auseinandersetzen zu können, bedarf es zunächst der Klärung der Begrifflichkeiten. Der Begriff Demographie, der sich aus den griechischen Termini „demos“, „das Volk“ und „graphie“, „die Schrift“, zusammensetzt, lässt sich nach folgender lexikalischer Definition beschreiben:

„Demografie: (griech.) Demografie bezeichnet die wissenschaftliche Erforschung des Zustandes der Bevölkerung und ihrer zahlenmäßigen Veränderungen (Geburtenrate, Zu- und Abwanderungen, Altersaufbau etc.).“2

Demographie beschreibt also im elementaren Sinne die Gegebenheiten eines Volkesim Bezug zu seiner Bevölkerungszahl, dessen Veränderungen durch Fertilität(Geburtenrate), Mortalität (Sterberate) und durch Zu- und Abwanderungen geprägtwerden. Ferner werden die Verteilung der Altersstruktur der beschriebenen Populationund die Verteilung des Volkes innerhalb des Lebensraums erforscht.Der Begriff „Wandel“ lässt sich simpel als Synonym für das Wort „Veränderung“verstehen.

Der „Demographische Wandel“ lässt sich also als Veränderung der Zusammensetzung der Altersstruktur einer Gesellschaft bezeichnen. Der Begriff ist zunächst weder positiv noch negativ behaftet und kann sowohl auf eine Bevölkerungszunahme als auch eine Bevölkerungsabnahme angewendet werden.3

2.2 Ursachen für den Demographischen Wandel

Als Ursachen für den Demographischen Wandel in Deutschland kann man dreientscheidende Faktoren ausmachen. Zunächst einmal hat die niedrigere Fertilität, d.h.der Rückgang der Geburtenzahlen, maßgeblichen Anteil am DemographischenWandel. Wie man in Abbildung 1 nachvollziehen kann, ist die Anzahl der Kinder pro Frau in Deutschland im letzten Jahrhundert zurückgegangen. Während Ende des 19.

Jahrhunderts die Kinderzahl durchschnittlich noch weit über vier Kindern pro Frau lag,liegt die derzeitige Anzahl der Kinder pro Frau momentan bei durchschnittlich unterdem Wert von 1,4. Die Folge ist der Rückgang der Bevölkerungszahl in Deutschland.Das Bestandserhaltungsniveau würde bei durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frauliegen. 4

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung sieht die Ursache für diesen Rückgang im Aufschub der Geburt des ersten Kindes, da die Ausbildung, der Wunsch nach einer beruflichen Karriere nach dem Berufseinstieg und die Schaffung einer materiellen Basis für eine Familie zumeist der Gründung dieser im Weg steht. Das Elterndasein wird durch den nötigen Lebensstil als Karrieremensch erschwert oder verhindert. Im Extremfall bleiben die Eltern kinderlos.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Zusammengefasste Geburtenziffern in Deutschland, 1871 bis 2006 Quelle: Statistisches Bundesamt

Der zweite Faktor ist die geringere Mortalität, d.h. die geringere Sterblichkeit. Als statistischer Wert lässt sich die Mortalität gut in der Lebenserwartung bei der Geburtbeschreiben, welche sich in den letzten beiden Jahrhunderten mehr als verdoppelt hat.Wohingegen für Männer die Lebenserwartung bei der Geburt im Jahr 1886durchschnittlich noch bei 36 und für Frauen bei 39 Jahren lag, liegt der Wert fürMänner derzeit durchschnittlich bei 77 Jahren und für Frauen bei 82 Jahren. 6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Lebenserwartung bei der Geburt in Deutschland, 1991/93 bis 2004/2006 Quelle: Statistisches Bundesamt

In Abbildung 2 kann man den Anstieg der Lebenserwartung bei der Geburt nach derWiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland nachvollziehen. Alleine imZeitraum von nur 15 Jahren ist die Lebenserwartung um ca. 3-4 Jahre im Durchschnittangestiegen.

Als Ursachen für den Anstieg der Lebenserwartung nennt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung den medizinischen Fortschritt, die Verbesserung der hygienischen Bedingungen und die verbesserte Ernährungslage.7

Da die Zahl der Sterbefälle jedoch nach wie vor höher ist als die Zahl der Geburten, kann man in Deutschland derzeit einen Sterbefallüberschuss verzeichnen. Die Bevölkerungszahl geht also zurück.

Dieser Entwicklung wirkt der dritte Faktor, die Wanderungen über die Landesgrenzenhinaus, leicht entgegen. In diesem Kontext werden nur dauerhafte Verlagerungen desWohnortes betrachtet. Im Zusammenhang mit der Demographie im Bundesgebietbeschränken wir uns hier auf die Außenwanderungen, d.h. Zuzüge von Ausländernoder zurückkommenden Deutschen im Verhältnis zu den Abwanderungen ins Ausland.Das Verhältnis zwischen der Zu- und der Abwanderung wird als Wanderungssaldobezeichnet.8

Im 20. Jahrhundert haben die Zahlen des Saldos immer wieder variiert. Dies hattezumeist politische Hintergründe wie zum Beispiel das Anwerben von Gastarbeitern inden 1960er und Anfang der 1970er und den dann folgenden Anwerbestopp aus demJahr 1973. 9

Die derzeitigen Zahlen des Wanderungssaldos belegen einen Überschuss an Zuzügen. In den Jahren 1991 bis 2007 zogen jedes Jahr mehr Leute in das Bundesgebiet als aus dem Bundesgebiet wegzogen (Bsp.: 2007 waren es 43.912) Dieser Trend lässt jedoch allmählich nach.10

2.3 Folgen des Demographischen Wandels

Aufgrund der Abnahme der Bevölkerungszahl in Deutschland und dem Anstieg desDurchschnittalters spricht man von einer „Vergreisung der Gesellschaft“. In Abbildung

3 kann man die Entwicklung der Altersgruppen von 1950 bis 2050 ablesen. Darausergibt sich, dass der Anteil der über 60-jährigen immer größer wird, obwohl sich die Bevölkerung im Gesamten reduziert. Die Gruppen der unter 20-jährigen und der 20- bis 60-jährigen dagegen minimieren sich.11

Im Folgenden werden nun einige schwerwiegende Auswirkungen aufgezeigt, die dieÄnderung der Altersstruktur mit sich bringt. Der Arbeitsmarkt wird immer mehr unterdem Mangel an Personen im erwerbsfähigen Alter leiden. Die geringere Anzahl anSchülern und Studenten wird den Innovationsgehalt und die damit verbundeneinternationale Wettbewerbsfähigkeit vor eine große Herausforderung stellen. Dassoziale Sicherungssystem, das ursprünglich für eine junge und wachsendeBevölkerung konzipiert wurde, steht nun vor der Aufgabe, einer sinkenden Zahl vonBeitragszahlern und dem stark wachsenden Bedarf einer alternden Bevölkerunggerecht werden. Die Anzahl der Steuerzahler wird sinken. Für die öffentlicheInfrastruktur wird die Kostenbelastung pro Kopf tendenziell höher, da die Standards derDaseinsvorsorge und der Standortqualität aufrecht erhalten oder verbessert werdensollen, obwohl die Nachfrage bei sinkender Bevölkerung geringer ausfallen wird.Letztlich muss das Problem der Familie und der Versorgung der Senioren und Kindergenannt werden, sowie die erschwerten Bedingungen für die Bildung. 12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Die Entwicklung der Altersgruppen

Quelle: Forum Demographischer Wandel des Bundespräsidenten

3 Herausforderungen für die Gemeinden im ländlichen Raum

3.1 Der ländliche Raum

Die Raumkategorie ländlicher Raum wird in der Literatur meist negativ durch die Abgrenzung von städtischen Räumen definiert. Die Akademie der Raumforschung und Landesplanung nennt hierzu als Indikatoren die Bevölkerungsdichte oder weitere Verdichtungs- und Zentralitätsmerkmale. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) legt den Wert für die Abgrenzung der urbanen und ländlichen Räume auf 150 Einwohner pro km ² fest.13

Trotz seiner geringen Bevölkerungsdichte ist der ländliche Raum angesichts seinerenormen Flächenabdeckung von großer Bedeutung. Das Flächenland Bayern dienthierbei als Anschauungsbeispiel, was sich unter Zuhilfenahme von Abbildung 4illustrieren lässt. In Bayern umfasst der ländliche Raum 85% der Landesfläche unddient acht Millionen Menschen (60% der Bevölkerung) als Lebens-, Wirtschafts- undArbeitsraum. 14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Der Ländliche Raum in Bayern

Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie

3.2 Probleme in der Daseinsvorsorge und Infrastruktur

Die Versorgung der Bevölkerung mit Dienstleistungen und die dafür benötigten infrastrukturellen Voraussetzungen werden durch verschiedene Faktoren erschwert. Der mit dem Strukturwandel einhergehende Rückgang des primären Sektors führt zu zahlreichen Leerständen von Höfen am Ortsrand, welche häufig zu Wohnanlagen umfunktioniert werden. Die daraus resultierende Nachfrage nach Versorgung in den neuen Wohnkomplexen führt zu einer Ansiedlung von Gewerbe, bei welchem es sich zumeist um Filialen städtischer Großbetriebe handelt. Dies bedeutet einen erhöhten Konkurrenzdruck für die kleinen Betriebe im Ortskern, was zu zahlreichen Schließungen sogenannter „Tante-Emma-Läden“ führt. Dadurch verringert sich die finanzielle Leistungsfähigkeit der ländlichen Kommunen.15

Auch andere private und öffentliche Einrichtungen, die für die Grundversorgung vonNöten sind, sind von der gesunkenen Nachfrage mangels Bevölkerung und der damitsinkenden oder veränderten Auslastung betroffen. Dies sind Einrichtungen desGesundheitswesens, Kindergärten, Schulen, Bäder, Postfilialen, Banken, Gebäude deröffentlichen Verwaltung, usw. Zumeist mangelt es an Fachkräften, die Einrichtungensind wirtschaftlich nicht mehr rentabel und müssen eingeschränkt oder geschlossenwerden. 16

Aus der bereits diskutierten Problematik der Schwierigkeiten in der Grundversorgunglassen sich die Herausforderungen für die infrastrukturellen Voraussetzungen inländlichen Regionen ableiten. Die gesunkene Auslastung oben genannterEinrichtungen der Daseinsvorsorge führt zu einem Rentabilitätsverlust der Infrastruktur.Die Folge für die Bevölkerung wird ein ungewohntes Defizit in der verkehrlichenErreichbarkeit sein. Betroffen wird nicht nur das Straßennetz und der ÖffentlichePersonennahverkehr sein, sondern auch die Versorgung mit Wasser, Gas, Strom,Internet, usw. 17

3.3 Bauliche Entwicklungen

Herr Y. konnte verdeutlichen, welche Veränderungen des Ortsbildes, als Folge desBevölkerungsrückgangs und der Überalterung in den Dörfern, entstehen.Die ältere Bevölkerung ist häufig nicht mehr in der Lage, ihre Höfe finanziell undkörperlich zu unterhalten. Die nachfolgende Generation, die vorwiegend nicht mehrinnerhalb des Ortes lebt, zeigt aus unwirtschaftlichen Gründen kaum Interesse, dasHaus ihrer Eltern instand zu halten. Ferner kümmern sie sich um ihr eigenes Heim inden Städten oder in den Neubaugebieten am Ortsrand. Erbengemeinschaften werdensich oft nicht einig, was mit dem Nachlass passieren soll. Folglich bleibt der Hof sostehen, wie er ist. Viele Gebäude stehen daher leer oder werden nur noch teilweiseals Unterstand für Maschinen genutzt. Das Ergebnis ist ein Zerfall der Bausubstanz derHöfe. In den nächsten 10-15 Jahren wird sich das Ortsbild signifikant verändern. Auchder heutzutage oft verwendete „Toskana-Baustil“ mit seiner quadratischen Grundflächeder Häuser, der im krassen Gegensatz zu den traditionell langgezogenen Gebäudenmit ihrer zur Straße giebelständigen Ausrichtung steht, wird sich auf des Ortsbilderheblich auswirken.18

Herr Y. spricht hier nur eine Form städtebaulicher Auswirkungen an. Neben den von ihmerwähnten Gemeinden, die eine Bevölkerungsabnahme zu befürchten haben,haben Gemeinden in der Nähe von Ballungsräumen mit einem erhöhtenSiedlungsdruck zu kämpfen, wodurch die verbliebene Landwirtschaft eingeengt wird. 19 Der gestiegene Flächenverbrauch für Siedlungsgebiete in den strukturschwachenRegionen, vor allem in den Neubaugebieten an den Ortsrändern, stellt die Gemeindenvor große Herausforderungen. Von 1994 bis 2004 fand in Bayern ein Anstieg desWohnungsbestandes von 13,6 % statt. Verstärkt wird dieser Effekt durch dengestiegenen Wohnanspruch der Bevölkerung, der sich in den letzten 40 Jahrenverdoppelt hat. Die Folge ist die Gefährdung traditionell gewachsener Siedlungs- undLandschaftsbilder, insbesondere an den Ortsrändern, an denen die Neubaugebieteerrichtet werden. 20

3.4 Soziale Problemstellungen

Die sozialen Nachwirkungen des Demographischen Wandels machen sich in allenGenerationen bemerkbar. Am meisten sind davon jedoch die Kinder und Seniorenbetroffen.

Dr. X., der als Allgemeinmediziner in Sontheim tätig ist, schilderte die Probleme, die mit dem Wandel der Familienstruktur von der Großfamilie zur Kleinfamilieeinhergehen. Durch die Veränderung des Arbeitsmarktes im ländlichen Raum und den daraus entstandenen Druck auf die arbeitende Bevölkerung, mobil sein zu müssen, entsteht ein Mangel an Versorgern.

Die gute Infrastruktur wirkt dabei als Verstärker, da die Möglichkeiten zu pendeln im ländlichen Raum weitestgehend gut auszuschöpfen sind.

Neben der Probleme der Versorgung der Kinder und der Senioren keimen zudem psychische Konsequenzen auf.

Kinder bauen bis zu ihrem zehnten Lebensjahr ihr soziales Bewusstsein auf. Durchdas Fehlen der Eltern und die zumeist fehlende aktive Einbindung in dieOrtsgemeinschaft erhalten die Kinder häufig kein Bewusstsein für ihren Heimatort.Dieser Effekt wird durch die hohe Quote an alleinerziehenden Elternteilen verstärkt,der in einer defizitären Kindeserziehung resultiert. Die Folge ist eine häufigeAbwanderung mit dem Beginn der Beraufsausbildung oder bei der Gründung einerFamilie. 21 Ein weiterer Grund für den Wertewandel in der Bevölkerung ist dieAnziehungskraft des städtischen Lebensstils, der den Jungen die Möglichkeit zurSelbstentfaltung bietet und den Bezug zu ihrem Heimatort schmälert.22

Alte Menschen hingegen ziehen sich verstärkt zurück. Ihr Bewusstsein wird immereingeschränkter, ihre Welt immer kleiner und die Außenwelt immer fremder. DieKontaktfähigkeit nach außen verringert sich. Senioren fehlen die Werte in deren Leben.Die Liebe und Anerkennung, die der Mensch im Leben als Grundbedürfnis benötigt,bleibt aus. Hinzu kommt die eingeschränkte Mobilität durch die fehlende Bewegung,die immer mehr zur psychischen Belastung wird. Die Ernährung wird aus praktischenGründen einseitig. Die medizinische Versorgung ist schwer auf hohem Niveau zuhalten. Alten- und Pflegeheime gibt es in der Regel erst in der nächsten Stadt undwerden zumeist nur selten angenommen, die Wege zu Ärzten und Krankenhäusern werden länger und die Freizeitmöglichkeiten bleiben aufgrund der eingeschränkten Nachfrage vor Ort dürftig.23

Herr Y. berichtete in unserem Gespräch über weitere Faktoren, die zu sozialen Problematiken führen.

Im ländlichen Raum gibt es in der Regel keine Kinderkrippen. Kinder kommen erst mit 3-4 Jahren in den Kindergarten. In der Zeit bis dahin muss häufig ein Elternteil die Betreuung übernehmen, da die Großeltern der Kinder diesen Dienst oft nicht auf sich nehmen können oder wollen. Zum einen führt das Problem der räumlichen Trennung zu einer Hinderung der Versorgung durch die Großeltern, da viele Senioren innerhalb des Ortskerns leben und somit von ihren Kindern und Enkelkindern, die ja zumeist schon in den Neubaugebieten am Ortsrand oder in den Städten leben, separiert sind; zum anderen gibt es immer mehr Senioren, die der Freizeitgeneration angehören. Bedingt durch die hohe Fitness der Alten sind diese teilweise nicht mehr bereit, ihre Enkelkinder zu betreuen, da sie es vorziehen, zu reisen oder andere Freizeitaktivitäten wie Segeln, Bergsteigen oder Ähnliches zu unternehmen.24

Im nachfolgenden Kapitel werden nun die Möglichkeiten beschrieben, wie diesen Auswirkungen im Rahmen einer Dorferneuerung entgegengewirkt werden kann.

[...]


1 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung; Alt und Jung unter einem Dach; Online unter: http://www.bundesregierung.de/nn_65654/Content/DE/Artikel/2001-2006/2006/01/2006-01-11-alt-und-jung-unter-einem-dach.html; aufgerufen am 19.07.2009.

2 Schubert, K. / Klein, M.: Artikel „Demographie“; in: Das Politiklexikon (Bd. 4) Bonn / Dietz 2006; o.A.

3 Universität Kassel; Der Einfluss der demografischen Entwicklung auf die Nachhaltigkeit derFinanzpolitik; Online unter: http://www.ivwl.uni-kassel.de/reding/files/lehre/beier/verschuldung/Referate/Demografie.pdf; S. 3; aufgerufen am 26.06.2009.

4 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Fertilität; Online unter: http://www.bib- demographie.de/cln_090/nn_750722/DE/DatenundBefunde/Fertilitaet/fertilitaet__node.html? __nnn=true; aufgerufen am 28.06.2009.

5 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Kinderlosigkeit; Online unter: http://www.bib- demographie.de/cln_090/nn_750724/DE/DatenundBefunde/Fertilitaet/kinderlosigkeit.html; aufgerufen am 28.06.2009.

6 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Sterblichkeit; Online unter: http://www.bib-demographie.de/cln_090/nn_750724/DE/DatenundBefunde/Sterblichkeit/sterblichkeit __node.html?__nnn=true; aufgerufen am 28.06.2009.

7 Ebd.

8 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Wanderungen; Online unter: http://www.bib- demographie.de/cln_090/nn_750726/DE/DatenundBefunde/Wanderungen/wanderungen__node .html?__nnn=true; aufgerufen am 28.06.2009.

9 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Außenwanderung; Online unter: http://www.bib-demographie.de/cln_090/nn_750732/DE/DatenundBefunde/Wanderungen/aussenwanderung. html;aufgerufen am 28.06.2009.

10 Statistisches Bundesamt Deutschland; Wanderungen; Online unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelkerung/Wanderungen/Tabellen/Content50/WanderungenInsgesamt,templateId=renderPrint.psml; aufgerufenam 28.06.2009.

11 Vgl. Abb.3.

12 Forum Demographischer Wandel des Bundespräsidenten; Ursachen und Folgen; Online unter:http://www.forum-demographie.de/Ursachen-und-Fogen.20.0.html; aufgerufen am 28.06.2009.

13 Franzen, N./Hahne, U. u.a. (Hrsg.); Herausforderung Vielfalt - Ländliche Räume im Struktur- und Politikwandel; E-Paper der Akademie für Raumforschung und Landesplanung Nr. 4; Hannover 2008; S.1; Online unter: http://www.arl-net.org/pdf/publik/e-paper-der-arl-nr4.pdf; aufgerufen am 18.07.2009.

14 Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie; Der ländlicheRaum in Bayern; Online unter: http://www.laendlicherraum.bayern.de/der-laendliche-raum-in-bayern.html; aufgerufen am 30.06.2009.

15 Jahnke, P.; Dorferneuerung vor neuen Herausforderungen; in: Magel, H. (Hrsg.); Dorferneuerung vor neuen Herausforderungen (= Materialiensammlung 24); München 2000; S. 20.

16 Technische Universität Kaiserslautern; Herausforderungen des Demographischen Wandels für denLändlichen Raum; Online unter: http://www.region-suedlicher-oberrhein.de/wDeutsch/aufgaben/Grenzueberschreit_Zusam/PUSEMOR/Beitrag%20Troeger-Wei%DF.pdf; S. 11 ff.; aufgerufen am 30.06.2009.

17 Ebd.

18 Gespräch mit dem Sachgebietsleiter für Land- und Dorf Entwicklung Herr Y. am 17.06.2009 im Amt für Ländliche Entwicklung Krumbach.

19 Dirnberger, F.; „Ärmer, älter, bunter“ - Zur Zukunft ländlicher Kommunen - aus der Sicht des Bauensund Planens; in: Magel, H. (Hrsg.); „Ärmer, älter, bunter“ - Zur Zukunft ländlicher Kommunen und zu den(neuen) Möglichkeiten der Integrierten Ländlichen Entwicklung (= Materialiensammlung 34); München2005; S. 55 f.

20 Bayerisches Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten (Hrsg.); Ländliche Entwicklung in Bayern. Aktionsprogramm Dorf Vital (= Materialien zur Ländlichen Entwicklung); München 2006; S. 9.

21 Gespräch mit Herrn Dr. X. am 17.06.2009 in Sontheim. Jahnke;

22 Dorferneuerung; S. 20.

23 Gespräch mit Dr. X..

24 Gespräch mit Herr Y..

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Demographischer Wandel im ländlichen Raum
Untertitel
Lösungsmöglichkeiten im Rahmen der Dorferneuerung am Beispiel des Generationenhauses Sontheim
Hochschule
Technische Universität München
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
46
Katalognummer
V151807
ISBN (eBook)
9783668678019
ISBN (Buch)
9783668678026
Dateigröße
904 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dorferneuerung, Sontheim, Generationenhaus, Demographischer Wandel, Ländlicher Raum, Bayern
Arbeit zitieren
Ralf Bachmeier (Autor), 2009, Demographischer Wandel im ländlichen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151807

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