Zu Zeiten der Industrialisierung entwickelten sich differente Methoden im Umgang mit Ar-men und Hilfebedürftigen. Dazu zählten u.a. Zucht-, Arbeits- und Armenhäuser. Deren Auf-gabe war es, vorhandene Armut zu beseitigen und auffällige Bürger zur Vernunft zu bringen. Dabei wurden Art und Weise wenig mit Aufmerksamkeit bedacht (vgl. Kunstreich 2002, Müller 2006).
Den Zucht-, Arbeits- und Armenhäusern standen die in England entstandenen Settlements gegenüber, die eine Lösung der Armutsproblematik ohne Gewalt und Drohung forderten. Die Settlementbewegung wollte einen Beitrag zum Umdenken leisten, indem sie den Menschen die Möglichkeiten gab, sich zu bilden, in Gemeinschaft zu leben und zu lernen, wechselseitige Beziehungen zu führen und so die Kompetenz für ein selbstbestimmendes Lebens zu erlangen. Das zu erreichen und auf längere Zeit oder gar auf Dauer zu halten, zog es die Settler in die Armen- und Arbeiterviertel der Städte, um sich vor Ort ein Bild der Problemlage zu ver-schaffen und sich dieser anzunehmen.
In Großbritannien waren dies das Pfarrerehepaar Henrietta und Samuel Barnett, als sie im Londoner Stadtteil Whitechapel Toynbee Hall als erstes Settlement gründeten. Es galt als Vorbild für einen deutlich besseren Umgang mit den Hilfebedürftigen und wurde schnell über England hinaus bekannt, was das Interesse von Jane Addams weckte, deren Kindheitstraum etwas Vergleichbares war. Nach einem Besuch nahm sie die Idee mit in die USA und gründe-te in Chicago Hull House (vgl. Kunstreich 2002, Müller 2006).
Beide Häuser legten den Grundstein für die heute bekannte Gemeinwesenarbeit und es ließe sich behaupten, dass die Settlements die erste Form dessen gewesen waren, aufgebaut mit einfachsten Mitteln und doch auch in der heutigen Zeit als Möglichkeit der Sozialen Arbeit aktuell.
Im Folgenden werde ich kurz einen historischen Überblick (1.0) geben, im Anschluss daran die Settlements (2.0) sowie die Gemeinwesenarbeit (3.0) erörtern. Danach werde ich den Kontext (4.0) darstellen und mit Schlussbemerkungen (5.0) enden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Überblick
3. Die Settlementbewegung
3.1 Definition
3.2 Henrietta und Samuel Barnett – Toynbee Hall
3.3 Jane Addams – Hull House
4. Gemeinwesenarbeit
4.1 Definition
4.2 Merkmale und Ziele, Methodenvielfalt (und Grenzen)
5. Kontext
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Wurzeln der Gemeinwesenarbeit in der Settlementbewegung des 19. Jahrhunderts und analysiert deren theoretische sowie methodische Übertragbarkeit auf aktuelle soziale Herausforderungen in städtischen Räumen.
- Historische Einordnung der Industrialisierung und Armutsproblematik.
- Die Entstehung der Settlementbewegung durch Toynbee Hall und Hull House.
- Definition und methodische Vorgehensweisen der modernen Gemeinwesenarbeit.
- Der Wandel der Gemeinwesenarbeit im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen.
- Kritische Reflexion der Professionalisierung und politischer Einflussnahme.
Auszug aus dem Buch
3.2 Henrietta und Samuel Barnett – Toynbee Hall
Täglich waren die Barnetts mit dem Elend, welches in ihrer Gemeinde herrschte, konfrontiert und gleichermaßen entsetzt über den Umgang der Öffentlichkeit damit. Es ist erschreckend, dass „die Hilfebedürftigen (…) der privaten Wohltätigkeit wohlhabender Bürger und den materiellen und ideellen Zuwendungen ihrer Kirchgemeinde überlassen (wurden), sofern sie als treue und zuverlässige Kirchengänger galten“ (Müller 2006: 37). Die Personen, welche hier der Hilfe bedurften, bekamen also nur Unterstützung, wenn sie dem Glauben zugewandt waren und sich dazu bekannten. Das hatte m.E. zur Folge, dass Menschen mit einem festen Glauben vermeintliche Hilfen bekamen, allerdings immer vor dem Hintergrund der kirchlichen Abhängigkeit und die wohlhabenden Bürger dies als Druckmittel nutzten und die Personen, welche nicht davon überzeugen konnten, wurden missachtet. Eine makabere Vorstellung.
Die Barnetts fanden diese Art und Weise des Umgangs vollkommen inakzeptabel, da sie die immer tiefer greifende Abhängigkeit der Bedürftigen gegenüber den Wohlhabenden nicht als die Lösung der Problematik Armut sahen. Vielmehr war ihnen die Gemeinschaft, das gemeinschaftliche Leben als solches, von größerer Wirkung zur Verständigung mit den Armen. Im gemeinschaftlichen Leben ist es einem Menschen eher möglich sich meiner Meinung nach zu entwickeln und zu entfalten, sowie eigene Lösungswege aus der Misere zu erarbeiten. Angesichts dieser Situation sollte es doch möglich sein, die junge männliche Oberschicht zu erreichen, welche nicht mit Geldspenden, sondern mit Zeitspenden in den Elendsquartieren ihre soziale Kompetenz zeigten und auf diesem Weg überzeugen konnten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die historische Notwendigkeit von Settlementbewegungen als Antwort auf die Armutsproblematik der Industrialisierung und führt in das Thema der Gemeinwesenarbeit ein.
2. Historischer Überblick: Dieses Kapitel beschreibt die gesellschaftliche Spaltung des 19. Jahrhunderts sowie die prekären Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung als Auslöser für soziale Proteste.
3. Die Settlementbewegung: Es wird die Definition der Settlementbewegung erläutert und an den prägenden Beispielen von Toynbee Hall durch die Barnetts sowie dem Hull House durch Jane Addams veranschaulicht.
4. Gemeinwesenarbeit: Das Kapitel definiert den Begriff Gemeinwesenarbeit als sozialräumliche Strategie und beleuchtet deren methodische Vielfalt, Ziele und unterschiedliche Vorgehensweisen.
5. Kontext: Hier wird der Wandel der Gemeinwesenarbeit von ihren Anfängen bis zur heutigen Bedeutung in Industriegesellschaften sowie die Rezeption in Deutschland analysiert.
6. Schlussbemerkungen: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die anhaltende Relevanz der Gemeinwesenarbeit als Form des Empowerments und warnt vor einer drohenden methodischen Schwächung durch politische Zweckentfremdung.
Schlüsselwörter
Settlementbewegung, Gemeinwesenarbeit, Armut, Industrialisierung, Toynbee Hall, Hull House, Jane Addams, Henrietta Barnett, Samuel Barnett, Selbsthilfe, Empowerment, Sozialarbeit, Stadtteil, Sozialraum, Philanthropie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die historischen Ursprünge und die theoretische Fundierung der Gemeinwesenarbeit, ausgehend von der englischen und amerikanischen Settlementbewegung des späten 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die Geschichte der Sozialen Arbeit, die Entstehung der ersten Settlements, die methodischen Ansätze zur Aktivierung von Gemeinwesen sowie die heutige Bedeutung und die Gefahren der politischen Instrumentalisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch Beziehungsarbeit und Gemeinschaftsbildung – anstatt durch bloße finanzielle Almosen – Menschen dazu befähigt werden können, ihre Lebensumstände selbstbestimmt zu verbessern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturgestützte Analyse methodengeschichtlicher Konzepte und vergleicht theoretische Ansätze mit praktischen Ansätzen der Sozialen Arbeit.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Settlementbewegung (Toynbee Hall und Hull House) sowie eine systematische Erörterung der Begriffe, Ziele und Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinwesenarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Settlementbewegung, Gemeinwesenarbeit, Empowerment, Selbsthilfe, soziale Problemlage, historischer Wandel und sozialräumliche Strategien sind zentrale Begriffe.
Inwiefern unterschieden sich die Ansätze von Toynbee Hall und Hull House?
Während Toynbee Hall primär als akademische Wohn- und Bildungsgemeinschaft durch männliche Akademiker konzipiert war, setzte Jane Addams beim Hull House stärker auf die Einbindung weiblicher Expertinnen und eine anthropologisch ausgerichtete Begegnungsarbeit.
Warum sieht die Autorin die heutige Entwicklung der Gemeinwesenarbeit kritisch?
Die Autorin warnt davor, dass zunehmende politische Vorgaben und finanzielle Nöte die Gemeinwesenarbeit in ihrer methodischen Freiheit einschränken und sie Gefahr läuft, ihr eigenständiges, klientenzentriertes Wesen zu verlieren.
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- BA of Arts-Social Work Katharina Roth-Fingas (Author), 2010, Settlement und Gemeinwesenarbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151817