Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom


Diplomarbeit, 2003
45 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlegendes über ADS

3. Merkmale von ADS
3.1. Primäre und Sekundäre Symptome von ADS
3.2. Positive Eigenschaften von Kindern mit ADS

4. Verlauf des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms
4.1. Das ADS-Kind mit Hyperaktivität
4.1.1. Im Säuglings- und Kleinkindalter
4.1.2. Im Kindergartenalter
4.1.3. Im Grundschulalter
4.1.4. Im Jugendalter
4.1.5. Im Erwachsenenalter
4.2. Das ADS-Kind ohne Hyperaktivität
4.2.1. Im Säuglings- und Kleinkindalter
4.2.2. Im Kindergartenalter
4.2.3. Im Grundschulalter
4.2.4. Im Jugendalter
4.2.5. Im Erwachsenenalter

5. Ursachen für ADS
5.1. Biologische Ursachen
5.2. Einflüsse der Bioumwelt
5.2.1. Einfluss der Ernährung
5.2.2. Umweltgifte und Schwermetalle
5.2.3. Allergien
5.3. Einflüsse des sozialen Umfeldes

6. Häufigkeit und Diagnose von ADS

7. Behandlungsmethoden
7.1. Medikamentöse Behandlung
7.2. Psychotherapeutische Maßnahmen
7.2.1. Spieltherapie
7.2.2. Verhaltenstherapie
7.3. Ergotherapie
7.4. Mototherapie
7.5. Diät

8. Umgang mit einem ADS-Kind
8.1. In der Familie
8.2 Im Kindergarten

9. Schlusswort

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zunächst möchte ich hier erwähnen, dass ich mich primär für die Thematik des hyperaktiven Kindes interessiert habe, da ich in meiner Praxiszeit feststellen konnte, dass es offensichtlich immer mehr unruhige, leicht ablenkbare und konzentrationsschwache Kinder gibt. Ein weiterer Beweggrund für meine Wahl war hier auch, die oft vorschnelle Verurteilung von Kindern mit diesen Merkmalen seitens der Kindergartenpädagoginnen. Ich konnte z. B. beobachten, dass vor allem motorisch unruhige Kinder, welche sich nur schwer einer Sache widmen konnten, leichtfertig als hyperaktiv bezeichnet wurden. Tatsächlich wussten die Erzieherinnen jedoch oftmals nicht über die genauen Merkmale und Ursachen von Hyperaktivität Bescheid. Auch in einem Gespräch mit dem Vater eines 4-jährigen Jungen, den ich einige Tage in den Ferien betreute, erwähnte ich kurz, dass meine Diplomarbeit von diesem Thema handeln werde, woraufhin dieser mir mitteilte, dass die Familie ebenso die Vermutung anstellt, dass ihr Sohn hyperaktiv ist. Dies hat mich dann endgültig veranlasst, mich näher mit den Symptomen, Ursachen, usw. von Hyperaktivität zu beschäftigen. Im Zuge meiner Recherchen konnte ich dann aber feststellen, dass es nicht ausschließlich die sogenannten hyperaktiven Kinder mit auffälligem impulsivem und zappeligem Verhalten gibt, sondern dass ebenso eher verträumte, unaufmerksame und motorisch nicht äußerst unruhige Kinder von dieser Störung betroffen sein können. Es hat sich also hier mein Interesse von der Thematik des hyperaktiven Kindes auf „Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ verlagert. Ich besorgte mir hierzu dann noch neuere Literatur, welche sich nicht mehr ausschließlich mit Hyperaktivität, sondern mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) mit und ohne Hyperaktivität beschäftigt, denn es war mir ein großes Anliegen beide Formen dieses Syndroms in meiner Arbeit zu berücksichtigen.

Leider konnte ich mit dem erwähnten Jungen in den Ferien nur wenige Tage verbringen, so dass ich keineswegs Äußerungen anstellen kann, ob er jetzt primäre Symptome von ADS mit oder ohne Hyperaktivität zeigt. Doch ich denke, dass mir dies auch gar nicht zusteht. Denn ich halte es zwar für äußerst wichtig, dass man genaue Beobachtungen anstellt, um Kindern mit diesem auffälligem Verhalten zu helfen, doch es sollten meiner Meinung nach Etikettierungen in diesem Zusammenhang vermieden und die Diagnose nur in einem großen Kontext, also in Zusammenarbeit mit Ärzten, Pädagogen, Eltern, usw., gestellt werden.

2. Grundlegendes über ADS

Wie schon bereits in der Einleitung kurz angeführt, steht der Begriff ADS für den deutschen Ausdruck „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ bzw. auch „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ und beschreibt ein klinisches Syndrom, das durch Beeinträchtigungen der Konzentrations- und Daueraufmerksamkeit, durch eine Störung der Impulskontrolle sowie unter Umständen auch durch eine auffällige Unruhe oder Hyperaktivität gekennzeichnet ist. Entstanden ist diese Bezeichnung aus der Übersetzung des englischen Begriffs Attention Deficit Disorder (ADD).[1]

Bei der Beschäftigung mit dem Thema ADS bin ich auf eine Reihe weiterer Begriffe gestoßen, welche in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit verwendet wurden bzw. noch immer werden. MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion) war vor vielen Jahren eine häufig verwendete Bezeichnung, welche jedoch mittlerweile veraltet ist und nicht mehr in Gebrauch sein sollte, da sie bei den Betroffenen von einem oft nicht nachweisbaren Hirnschaden ausgeht.

In der Schweiz ist die Abkürzung POS (Psycho-organisches Syndrom) verbreitet. Bei dieser wird jedoch von einigen Fachleuten die Gefahr einer Verwechslung mit der Diagnose „Hirnorganisches Psychosyndrom“ gesehen. Der Grund dafür ist, dass unter dieser Bezeichnung alle psychischen Störungen verstanden werden, die bei Veränderungen im Gehirn wie z. B. bei Durchblutungsstörungen nach einem Schlaganfall eintreten können.[2]

Die in Deutschland oft noch üblichen Begriffe Hyperaktivität bzw. HKS (Hyperkinetisches Syndrom oder Hyperkinetische Störung) stehen für ADS-Kinder mit Hyperaktivität, wobei die beiden erst genannten Bezeichnungen zunächst das ständige Zappeln und die exzessive Ruhelosigkeit, jedoch nicht das von vielen Fachleuten titulierte primäre Problem der Unaufmerksamkeit in den Vordergrund stellen.[3] Dr. med. Elisabeth Aust-Claus und Dr. Petra-Marina Hammer kritisieren an diesem Diagnosebegriff weiters, dass die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität unberücksichtigt bleibt.[4]

Seit dem Jahr 2000 wird nun auch in Deutschland in wissenschaftlichen Kreisen vermehrt der Begriff „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS bzw. AD/HS) verwendet, welcher der Übersetzung von „Attention Deficit-/Hyperactivity Disorder“ (ADHD) aus dem Amerikanischen entstammt, und deutlich macht, dass es sich bei diesem Krankheitsbild primär um eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung handelt und die Hyperaktivität je nach Ausprägung hinzu kommen kann.[5]

Obwohl in mancher Literatur die Abkürzungen ADHD synonym für ADS mit Hyperaktivität und ADD für ADS ohne Hyperaktivität verwendet werden[6], möchte ich mich im Folgenden der Auffassung von Cordula Neuhaus anschließen, welche für ihre Ausführungen festlegt, dass sowohl bei hyperaktiven wie auch nicht hyperaktiven Personen von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung gesprochen wird. Dies scheint aus dem Grund auch für mich naheliegend, da sich diese Bezeichnung am international anerkannten Diagnosekriterium DSM IV orientiert und eine Unterscheidung in den vorwiegend unaufmerksamen, vorwiegend hyperaktiv-impulsiven oder den gemischten (hyperaktiv-impulsiven und unaufmerksamen) Typus vornimmt.[7] Mehr möchte ich dazu jedoch nicht vorwegnehmen, da ich dies in meiner Arbeit ohnehin bei der Diagnose von ADS ausführlicher anführen werde.

Wie ersichtlich ist, werden selbst in der Fachwelt unterschiedliche Begriffe für diese Störung verwendet und manche vertreten zum Beispiel die Ansicht, dass der Zustand als Verhaltenshemmung bezeichnet werden sollte, da anscheinend ein fehlendes Steuern von Hemmungen den Kern des Problems bildet, worauf ich bei den Ursachen noch näher eingehen werde.[8]

Angesichts dieser vielen Bezeichnungen und um eine weitere Verwirrung zu vermeiden, werde ich in meiner Arbeit hauptsächlich den Begriff des „Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms mit und ohne Hyperaktivität“ verwenden.

3. Merkmale von ADS

3.1. Primäre und Sekundäre Symptome von ADS

Neben dieser Vielzahl an Begriffen, welche im Zusammenhang mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom vorhanden sind, werden auch in den verschiedensten Literaturen unterschiedlichste Symptome angeführt. Hierbei möchte ich aber auch darauf hinweisen, dass ADS wie der Name schon sagt ein Syndrom ist und somit eine Ansammlung von Anzeichen also einige Merkmale immer, jedoch andere nur manchmal festzustellen sind.[9]

Nach gängiger Auffassung wird die Meinung vertreten, dass für ADS die primären Symptome Unaufmerksamkeit bzw. Aufmerksamkeits- und Konzentrationsunbeständigkeit sowie Impulsivität und in einigen, aber nicht allen Fällen Hyperaktivität oder Verträumtheit typisch sind.[10] Roswitha Spallek führt in ihrem Buch weiters an, dass ebenso immer Merkmale wie eine Störung der Wahrnehmung- und Informationsverarbeitung und auch Gedächtnisbildung, das heißt Abspeicherung und „Vernetzung“, bei diesem Krankheitsbild vorhanden sind.[11]

Die Unaufmerksamkeit kann dadurch zum Ausdruck kommen, dass diese Kinder durch äußere Reize leicht ablenkbar sind, unkonzentriert erscheinen und häufig Flüchtigkeitsfehler machen. Sie haben ebenso Schwierigkeiten die Aufmerksamkeitsspanne längere Zeit wie beispielsweise beim Spielen aufrechtzuerhalten, Anweisungen z. B. von Eltern zu befolgen und Aufgaben bzw. Aktivitäten zu organisieren. Bei Aufgaben kann weiters festgestellt werden, dass Kinder mit dieser Störung häufig solche, welche länger andauernde geistige Anstrengungen erfordern, vermeiden bzw. diese nur widerwillig ausführen und Dinge oft auch nicht zu Ende bringen. Typisch für diese Kinder ist außerdem, dass sie scheinbar häufig nicht zuhören bzw. unaufmerksam-zerstreut wirken, wenn man sie anspricht, oft Gegenstände wie z. B. Spielzeug verlieren und bei alltäglichen Tätigkeiten entsprechend dem „zerstreuten Professor“ häufig vergesslich sind.[12]

Entgegen diesen angeführten Merkmalen können jedoch ADS-Kinder in neuen, spannenden Situationen sehr wohl konzentriert und aufmerksam sein. Problematisch kann hierbei jedoch sein, dass diese Kinder oft nur wenig Einfluss darauf haben, welches Thema im Fokus ihrer Aufmerksamkeit steht.[13] Dies kann z. B. ein am Wegrand entdeckter Käfer sein, welcher die Aufmerksamkeit des Kindes so fesselt, dass es den Anschluss an die Kindergartengruppe zu verlieren droht.

Die Impulsivität beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist häufig durch unüberlegtes Handeln, ohne sich über Konsequenzen Gedanken zu machen, gekennzeichnet. Solche Kinder platzen oft auch schon mit Antworten heraus, bevor eine Frage zu Ende gestellt wurde und können nur schwer warten, bis sie an der Reihe sind. Davon können wie bereits erwähnt Gespräche aber auch Spielhandlungen betroffen sein, bei welchen diese Kinder häufig unterbrechen oder stören.[14] Ebenso achten sie oft nicht auf Gefahren bzw. erkennen diese nicht und rennen häufig einfach los, womit leider auch Unfälle verbunden sein können.[15] Die Impulsivität dieser Kinder kann sich jedoch nicht nur auf die Handlungsebene, sondern auch auf Gedanken bzw. Emotionen beziehen. Dies äußert sich beispielsweise wenn ein Kind (möglicherweise mit ADS ohne Hyperaktivität) im Kindergarten das Wort „Schmetterling“ hört und sofort in die Gedankenwelt zu seinem noch immer geliebten Buch von der „Kleinen Raupe Nimmersatt“ wegträumt. Sobald es sich jedoch gedanklich die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling in der Nacht vorstellt, kann es sein, dass das Kind sprunghaft bei dem Wort „Nacht“ plötzlich an seine Puppe im Puppenbett denkt.[16]

Die Hyperaktivität, welche bei einem Drittel der Betroffenen kaum oder gar nicht ausgeprägt sein kann[17], kann sich beispielsweise in mit Händen und Füßen zappeligem Verhalten und nicht still sitzen können ausdrücken. Ebenso scheinen diese Kinder ruhelos und laufen übermäßig umher oder verfügen über einen exzessiven Kletterdrang. Sie haben häufig auch Schwierigkeiten ruhig zu spielen und reden oft übermäßig viel und laut, was sich in einem sogenannten Sprechdurchfall äußern kann.[18] Wenn eine Vielzahl dieser genannten Symptome mit Impulsivität über einen längeren Zeitraum kombiniert auftreten, so kann man möglicherweise in diesem Zusammenhang von ADS mit Hyperaktivität sprechen.[19]

Beispiele für einige mögliche Verträumtheit bzw. Hypoaktivität dieser Kinder können sein, wenn sie Aufträge schnell vergessen oder Aufforderungen überhören wie auch für die Außenwelt schwer erreichbar sind und in ihrer eigenen Traumwelt leben.[20] Bei Vorliegen von diesem Erscheinungsbild mit den beschriebenen Merkmalen der Unaufmerksamkeit kann die Vermutung angestellt werden, dass ADS ohne Hyperaktivität vorliegt.[21]

Einige Autoren zählen auch Merkmale wie eine mangelnde Verhaltenskontrolle, Stimmungsschwankungen bzw. -labilität, ein mangelndes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten im Sozialverhalten und noch vieles mehr zu den primären und wichtigsten Symptomen des ADS.[22] Wobei ich hier auch darauf hinweisen möchte, dass nicht klar abgegrenzt werden kann, ob diese Merkmale nicht erst durch den Einfluss der zu Beginn genannten Kernsymptome in Interaktion des Kindes mit seiner Umwelt oder als direkte Folge von diesen auftreten.

Auf einer Homepage zum Thema ADS werden in diesem Zusammenhang beispielsweise auch Merkmale wie eine niedrige Frustrationstoleranz, Wutanfälle, Empfindlichkeit gegenüber Kritik, usw. genannt.[23]

Auch Henryk Holowenko führt in seinem Buch erst im Bereich der sekundären Symptome des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms Verhaltensschwierigkeiten, schlechte schulische Leistungen oder Lernschwierigkeiten, schlechte Beziehungen zu Gleichaltrigen und ein niedriges Selbstwertgefühl an.[24]

Ute Reimann-Höhn nennt in ihrem Buch ebenso weitere wichtige differentialdiagnostische Kriterien für eine Diagnose von ADS wie beispielsweise eine deutliche seelische Unreife (im Sinne einer seelischen Entwicklungsverzögerung bei körperlich und intellektuell altersgemäßer Entwicklung), eine schlechter werdende Schrift bei schnellem Schreiben, eine Hypersensibilität, usw.[25] Hierzu werde ich keine weiteren Ausführungen machen, da diese wie auch die vorhin genannten primären und sekundären Symptome beim Verlauf des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen besser zum Ausdruck kommen.

Abschließend möchte ich hier noch festhalten, dass viele Kinder in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung einige Probleme haben, impulsiv handeln und Mühe haben, aufmerksam zu sein oder still zu sitzen. Diese Merkmale können also sehr wohl altersgerechtem Verhalten entsprechen. Wenn jedoch all diese Probleme gehäuft, in ausgeprägter Intensität und während der Entwicklung eines Kindes gleichbleibend auftreten, so liegt bei häufig gleichzeitig vorhandenen Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen (inner- und außerfamiliär) die Diagnose des ADS nah.[26]

3.2. Positive Eigenschaften von Kindern mit ADS

Da bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität häufig nur die Rede von Defiziten und Störungen ist, möchte ich nun kurz darauf eingehen, welche positiven Eigenschaften Cordula Neuhaus bei ihrer langjährigen Arbeit mit den betroffenen Kindern feststellen konnte.

- Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom erweisen sich oft spontan als hilfsbereit und fürsorglich gegenüber ihren Mitmenschen, wenn sie deren Hilfsbedürftigkeit sehen.
- Außerdem verfügen sie über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Dies äußert sich leider fallweise auch so, dass sie ungerecht Empfundenes häufig laut zum Ausdruck bringen und sich dabei nicht der Situation angepasst verhalten.

Weitere gute Seiten vieler Kinder sind eine ausgeprägte Tier- und Naturliebe, wobei der richtige Umgang mit diesen oft erst erlernt werden muss.

Neuhaus beschreibt auch eine verblüffende Beobachtungsgabe, das heißt diese Menschen registrieren alles Mögliche und verfügen über eine gute Gedächtnisfunktion für beiläufige Kleinigkeiten.

Bereits bei kleinen Kindern fällt oft auch ein überraschend guter Orientierungssinn auf. Dies kann sich z. B. so äußern, dass ein Kind selbst nach Monaten noch weiß, dass man bei einem gelben Haus abbiegen muss, um zu seiner Tante zu gelangen.

Eine äußerst positive Eigenschaft ist der Enthusiasmus und die Begeisterungsfähigkeit in bestimmten Situationen. Hier wird dann aber oft auch „Zeit und Raum vergessen“, wodurch sich leider ebenso unerwünschte Folgen entwickeln können.

Obwohl bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom häufig deren mangelnde Sozialkompetenz beschrieben wird, verfügen diese dennoch ihren Mitmenschen gegenüber über Einfühlungsvermögen und sind bei Entschuldigung des Gegenübers oft rasch wieder versöhnt.

Weitere faszinierende Fähigkeiten sind eine ausgeprägte Phantasie und Erfindungsgeist.

Ältere Kinder und vor allen Dingen auch Erwachsene verfügen ebenso über eine manchmal sehr beeindruckende und gelegentlich auch erschreckende Intuition.

Cordula Neuhaus erwähnt zum Schluss noch die Zähigkeit dieser Kinder. Sie scheinen nicht unterzukriegen zu sein und wirken wie „Stehaufmännchen“.[27]

Auch Dr. med. Elisabeth Aust-Claus und Dr. Petra-Marina Hammer fordern einen Blick hinter die Fassade von ADS-Kindern mit den zunächst sichtbaren Symptomen „vergesslich, verträumt, impulsiv, unaufmerksam, unorganisiert, hyperaktiv und ablenkbar“ auf deren Sensibilität, Ideenreichtum und Kreativität.[28]

Ebenso berühmte Persönlichkeiten wie Mozart, Einstein und der Schauspieler Dustin Hoffmann weisen bzw. wiesen eindeutige Persönlichkeitsmerkmale eines „ADS-Typen“ auf.

Im Umgang mit Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist es wichtig, die positiven Anteile der Wesensmerkmale zu sehen, wenn man mit ihnen auskommen, ihnen helfen, sie verstehen und eine positive Integration in die Gesellschaft ermöglichen möchte. Denn durch die Ausgrenzung oder Verurteilung der Mitmenschen besteht die Gefahr, dass sich diese Kinder schließlich selbst als unzugänglich wie auch anders betrachten und es zur Entwicklung erheblicher sekundärer Störungen kommt.[29]

4. Verlauf des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms

4.1. Das ADS-Kind mit Hyperaktivität

Vorab möchte ich erwähnen, dass ich in diesem Kapitel der Einfachheit halber zum Teil auch den Begriff des hyperaktiven Kindes synonym für das ADS-Kind mit Hyperaktivität verwendet habe.

4.1.1. Im Säuglings- und Kleinkindalter

In der Literatur wird ausgeführt, dass bei diesen Kindern häufiger als bei anderen bereits Schwierigkeiten während der Schwangerschaft bzw. Geburt auftreten. Anhand der klinischen Erfahrung konnte jedoch festgestellt werden, dass der Schwangerschaftsverlauf wie auch die Geburt in der Regel ohne Komplikationen erfolgen. Manche Mütter schildern nur, dass ihr Baby bereits im Mutterbauch etwas unruhig wirkte.

Cordula Neuhaus hält in ihrem Buch weiters fest, dass etwa ein Drittel der Kinder ohne ersichtlichen Grund 14 Tage nach dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Die Säuglinge werden dann oft als anstrengend beschrieben, da sie sehr viel schreien und wenig schlafen. Auffällig ist auch, dass bereits das Baby im ersten Lebensjahr intensive Beschäftigung fordert und wenn diese nicht in dem gewünschten Ausmaß erfüllt wird, so reagiert es mit Unzufriedenheit, was wieder zu Schreianfällen führen kann.

Interessant habe ich gefunden, dass einige Kinder, bei welchen später Hyperaktivität diagnostiziert wurde, Körperkontakt nicht in dem Ausmaß wünschen, wie es ihre Eltern gerne hätten.

Sie beginnen auch schon sehr früh sich stramm hinzustellen. Das heißt, die Krabbelphase verläuft häufig sehr kurz oder wird sogar übersprungen und das Kind beginnt meist noch vor dem zwölften Lebensmonat frei zu laufen. Diese Errungenschaft des Kindes bedeutet nun auch, dass es auf Gegenstände hinaufklettern und in noch größerem Maße aktiv werden kann.

Cordula Neuhaus beschreibt in ihrem Buch, dass die Sprachentwicklung von hyperaktiven Kindern oftmals schon sehr früh beginnt und dass sich diese dann auch einen großen Wortschatz aneignen. Ein Teil der Kinder verfügt jedoch über eine verzögerte Entwicklung der Sprache und behält auch lange typische Kleinkindwörter wie z. B. „Saugstauber“ statt „Staubsauger“ bei.[30] Aus einer von Roswitha Spallek durchgeführten Umfrage geht sogar hervor, dass sich bei rund 50 % der Kinder mit ADS sehr häufig die Sprache deutlich verzögert und auffällig entwickelt.[31]

Ab dem zweiten Lebensjahr wird die übermäßig große Experimentier- und Entdeckungsfreude dieser Kinder mit hoher Risikobereitschaft jedoch geringem Gefahrenbewusstsein noch deutlicher, womit leider auch häufig kleinere Unfälle verbunden sind.

Schon sehr früh zeigt sich auch ein massives Trotzverhalten, was z. B. in heftigen Wutanfällen oder häufigem Weinen zum Ausdruck kommen kann.

Beim Kleinkind konnte auch beobachtet werden, dass es Schwierigkeiten hat, sich alleine zu beschäftigen. Dies kann vor allem am Morgen zu unliebsamen Überraschungen bei den Eltern führen, wenn das Kind zu diesem Zeitpunkt unbeaufsichtigt ist. Es scheint nur dann allein spielen zu können, wenn es von etwas absolut fasziniert ist.[32]

4.1.2. Im Kindergartenalter

Spätestens im Alter von ca. drei bis fünf Jahren führt das Verhalten eines ADS-Kindes im öffentlichen Bereich auch oft zu peinlichen Folgen für die Familie. Das heißt, es werden z. B. Familienfeste, Einkaufsbummel und Restaurantbesuche gemieden bzw. zeitlich verkürzt, da hierbei die Eltern häufig mit einem Kind konfrontiert sind, welches sich nicht an ihre Anweisungen hält und seinen Erkundungsdrang oft auch an unpassenden Orten auslebt.[33]

[...]


[1] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.17.

[2] Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[3] Vgl. Neuhaus 2002, S.13f. u. Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[4] Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[5] Vgl. http://www.ads-hyperaktivitaet.de/ADHS/adhs.html (03-04-04).

[6] Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[7] Vgl. Neuhaus 2002, S.15f.

[8] Vgl. Holowenko 1999, S.18.

[9] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.18.

[10] Vgl. Holowenko 1999, S.19., Vgl. http://www.s-line.de/homepages/ads/ (03-04-04). u. Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[11] Vgl. Spallek 2001, S.14fff.

[12] Vgl. Holowenko 1999, S.89f.

[13] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.19.

[14] Vgl. Holowenko 1999, S.91.

[15] Vgl. Spallek 2001, S.17f.

[16] Vgl. Neuhaus 2002, S.61. u. Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.18.

[17] Vgl. Fitzner/Stark 2000, S.27.

[18] Vgl. http://www.s-line.de/homepages/ads/ (03-04-04).

[19] Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[20] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.21.

[21] Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[22] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.21. u. Vgl. http://www.opti-mind.de/themen/ads_kind.html (03-04-04).

[23] Vgl. http://www.s-line.de/homepages/ads/ (03-04-04).

[24] Vgl. Holowenko 1999, S.27.

[25] Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.21.

[26] Vgl. Holowenko 1999, S.20. u. Vgl. Reimann-Höhn 2001, S.21.

[27] Vgl. Neuhaus 2002, S.39ff.

[28] Vgl. Aust-Claus/Hammer 2002, S.58.

[29] Vgl. Neuhaus 2002, S.42f.

[30] Vgl. Neuhaus 2002, S.18f.

[31] Vgl. Spallek 2001, S.220.

[32] Vgl. Neuhaus 2002, S.19f.

[33] Vgl. Krowatschek 2001, S.53. u. Vgl. Neuhaus 2002, S.20f.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
45
Katalognummer
V15186
ISBN (eBook)
9783638203777
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
Arbeit zitieren
Birgit Mayer (Autor), 2003, Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15186

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