Kurt Tucholsky und die Fotografie


Hausarbeit, 2003

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurt Tucholsky und die Fotografie
2.1 Frühe Arbeiten und erste Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie
2.2 Die Tendenzfotografie

3. Deutschland Deutschland über alles
3.1 Die Entstehung
3.2 Einflüsse
3.2.1 John Heartfield und die Fotomontage
3.2.2 Georg Grosz
3.2.3 Alfons Goldschmidt: Deutschland heute
3.2.4 Linke illustrierte Blätter
3.3 Die Textanalyse
3.3.1 Die Fotostorie - Statistik, Nie allein
3.3.4 Die Bildüber- bzw. -unterschrift - Tiere Sehen dich an, Demokratie
3.4. Reaktionen und Kritik

4. Fazit

1. Einleitung

Kurt Tucholsky gilt als einer der bedeutendsten Gesellschaftskritiker und Satiriker der Weimarer Republik und ist dem Leser als scharfzüngiger und ebenso humorvoller Publizist und Chronist in Erinnerung geblieben. Mit seiner oft bissigen Kritik verfolgte er die Ziele einer demokratischen und humanen Gesellschaft.

Der promovierte Jurist Kurt Tucholsky beherrschte die kleine Form wie kein anderer und verfasste neben zwei Romanen, Gedichte und Kabarettsongs, unzählige Feuilletons zu den Themen Politik, Literatur und Justiz und wandte sich darüber hinaus der Theaterkritik und dem Alltagsleben zu. Ferner hat er sich mit den neuen Medien seiner Zeit beschäftigt.

Im Gegensatz zum Film, den Tucholsky zu Beginn ablehnte, stand er der Fotografie sehr aufgeschlossen gegenüber und sah in ihr eine wirksame publizistische Ausdrucksform. Tucholsky hat der künstlerischen Qualität dieses Mediums jedoch kaum Aufmerksamkeit geschenkt und beschäftigte sich hauptsächlich im Rahmen der politisch-agitatorischen Möglichkeiten mit der Thematik.

Im Folgenden werde ich mich diesem Aspekt in Tucholskys Werk widmen, insbesondere der Veröffentlichung „Deutschland Deutschland über alles“, die in Zusammenarbeit mit dem Dadaisten John Heartfield im Jahre 1929 entstand und als das Produkt der langjährigen Auseinandersetzung mit der Fotografie gewertet werden kann. Besonderes Gewicht werde ich auf die Entstehung des Deutschlandbuches legen, d.h. die Frage beantworten, welche Faktoren Tucholsky bei dieser Arbeit beeinflussten. Verlegt wurde die Satire im Neuen Deutschen Verlag, dem Willi Münzenberg vorstand, eine der wichtigsten Personen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung.

Das Deutschlandbuch ist Tucholskys schonungslose Abrechnung mit der Weimarer Republik, in der keine Demokratie heranwachsen wollte und sein letzter Versuch, das nahende Ende abzuwenden.

Das Buch und seine Rezeption werden nur vor dem Hintergrund der letzen Jahre der Weimarer Republik verständlich. Aus diesem Grund werde ich in meiner Arbeit nicht nur formale und inhaltliche Aspekt betrachten, sondern darüber hinaus näher auf historische und biographische Bezugspunkte eingehen.

2. Kurt Tucholsky und die Fotografie

2.1 Frühe Arbeiten und erste Auseinandersetzung mit dem Medium Fotografie

Im folgenden Kapitel möchte ich zunächst Tucholskys erste Erfahrungen mit dem Medium Fotografie nachzeichnen, denn schon früh entdeckte Tucholsky die großen publizistischen Möglichkeiten dieses Mediums. Die Umsetzung fanden seine Ideen dann im Deutschlandbuch, in dem die Technik der Fotomontage ein Element ist, um Kritik an der Weimarer Republik zu üben.

Doch zu Beginn war Tucholskys Interesse an der Fotografie lediglich von privater Natur. Es ist dokumentiert, dass er privat Fotografien sammelte, mit Vorliebe alte Fotografien, von denen er eine ganze Schachtel besaß. Er erwarb auch eine eigene Kamera, mit der er dann später seine Pyrenäenreise dokumentierte.[1]

Bereits im Jahre 1912, zu Beginn seiner publizistischen Karriere äußerte sich Tucholsky angeregt durch den Band „Naturaufnahmen“ aus der Mark Brandenburg zu Fotografien wie folgt:

„Wie verhält sich diese fast naturgetreue Wiedergabe zur Malerei? - Gar nicht! - Es sind inkommensurable Größen. Aber diese Fotographie geht bereits ihre eigenen Wege. Sie ist, im Gegensatz zur Malerei, ganz objektiv, nur anschaulich - aber eben dadurch erreicht sie, was der trockne, kitschige Begleittext nicht kann: sie regt an, du mußt so ein Bild lange ansehen, du wirst das tun, was sonst der Maler tat -: ergänzen, umfassen, zu verstehen suchen.“[2]

Im gleichen Jahr entdeckte Tucholsky für sich das große politische Potenzial der Fotografie und fordert im Magazin Vorwärts am 28. 6. 1912 die agitatorische Möglichkeit dieses Mediums zu nutzen: Mehr Fotografien![3] Angeregt wurde dieser Artikel durch Fotografien von durch Arbeitsunfälle verstümmelten Arbeitern und den in einer Wohnungsenquete der Ortskrankenkasse abgebildeten menschenunwürdigen Wohn- und Arbeitsbedingungen. Schon hier entwirft Tucholsky das Prinzip der Gegenüberstellung, wie er es später im Deutschlandbuch umsetzt. Es heißt:

„Eine Agitation kann gar nicht schlagfertiger geführt werden. […] Nichts beweist mehr, nichts peitscht mehr auf als diese Bilder. […] Systematisch muß gezeigt werden: so wird geprügelt, und so wird erzogen, so werdet ihr behandelt, und so werdet ihr bestraft. Mit Gegensätzen und Gegenüberstellungen. Und mit wenig Text. Etwa eine Serie: Illustrierte Kaiserworte . . .“[4]

2.2 Die Tendenzfotografie

Wenige Jahre später, 1918, während seines Aufenthalts in Bukarest, fordert Tucholsky in der Weltbühne zum ersten Mal eine Tendenzfotografie im großen Stil. Er vergleicht deutsche und französische Kriegsberichterstattung. Die Franzosen nutzen die Macht der Fotografie, um ihre emphatische Berichterstattung zu verstärken. Die Deutschen hingegen „verteidigen [sich] brav: veröffentlichen saubere Statistiken, wie gut unsere Schulen arbeiten, und wie viele Kriegsanleihen wir gezeichnet haben - eine Zeichnung von Raemaekers[5] wirft das alles um.“[6]

Wie diese Technik von der französischen Presse angewandt wird, beschreibt Tucholsky so:

„Das Rezept ist so: gegeben ist eine Tendenz, die offensichtlich werden soll. Sagen wir: die Deutschen sind gemeine Mörder. Dann wird dieser Satz an einer scheinbar harmlosen Fotografie demonstriert, an der Hausruine einer Pariser Vorstadt, in die eine Bombe fiel - und unter dem Bildchen steht dann: ce que leur ›héros‹ ont fait dans la ›forteresse‹ Paris. Und das vergißt kein Leser.“[7]

In diesem Jahr wagte Tucholsky seinen ersten eigenen polemischen Versuch mit der Fotografie: Er stellte in der Zeitschrift Ulk zwei Fotos gegenüber, jubelnde Massen 1914 und eine Menschenmasse 1918 vor dem Berliner Schloss, das ganze betitelt er mit Rausch und formulierte diese Verse dazu:

„1914 stoben die Funken.

Die Gasse lärmte kriegsbetrunken

1918 werden sie betroffen

etzliche spartakusbesoffen.

So sieht der kluge Leser leicht:

Mit Gebrüll wird nie etwas Gutes erreicht.“[8]

Anfang 1920 konnte Tucholsky seine Ideen dann in größerem Umfang ausprobieren. Einige seiner Artikel in der USPD-Zeitschrift Freie Welt wurden durch Fotos ergänzt und andere entstanden zu bereits vorhandenen Bildern, z. B. „O alte Burschenherrlichkeit“ und „Neue Sorgen der Bourgeoisie“[9]. Diese frühen Versuche gehen jedoch nicht über die damals weit verbreitete Technik der Fotoreportage hinaus. Das genügt Tucholsky nicht und im Jahre 1920 schreibt er zu diesem Thema in der Freiheit:

„(…) meiner Ansicht nach wird in Deutschland mit der Fotografie dasjenige viel zuwenig gemacht, was zum erstenmal unsere Freie Welt mit Erfolg begonnen hat: die Fotografie als Tendenzbild zu benutzen.[…] Das Bild sagt zum Leben »So siehst du aus!«“[10]

Seine ersten Ideen zur Tendenzfotografie greift Tucholsky 1925 wieder auf und wird nicht müde in der Weltbühne erneut ihren verstärkten Einsatz zu fordern.

Ausschlaggebend für diese Überlegung sind in diesem Fall die so genannten Witzblätter, respektive der Simplicissimus. Tucholsky beklagt:

„diese veraltete Technik, zu einem gleichgültigen Bild eine Unterschrift zu finden, die ein Witz sein soll-: alles das ist ganz und gar uninteressant […] ganz abgesehen davon ist auch die Technik dieser Blätter von vor- vorgestern. Es gäbe schon etwas Neues“[11]

Die Zukunft ist für Tucholsky die Tendenzfotografie, „ein sehr witziges politisches unendlich wirksames Kampfmittel“[12]. Für ihn ist es unverständlich, warum sich die Kommunisten dieses Medium nicht zu Nutze machen. „Die Fotografie ist unwiderlegbar. Sie ist gar nicht zu schlagen. Was allein mit fotografischen Gegenüberstellungen zu machen ist, weiß nur der, ders einmal probiert hat.“[13] Diese Forderung fand bei der kommunistischen Presse großes Gehör.

Weitere wichtige Texte zu diesem Thema sind „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“[14], erschienen 1926 und der Text „Sechzig Fotografien“[15] aus dem Jahre 1924. In ihnen betont Tucholsky noch einmal die Wirkung der Fotografie und verdeutlicht ihre Möglichkeiten:

„Und weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiß jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen: von der Reklame bis zum politischen Plakat schlägt das Bild zu, boxt, pfeift, schießt in die Herzen.“[16]

Die Forderung nach einer politischen Tendenz „Ich bin für Tendenz - feste, gib ihm.“[17], ist bei Tucholsky nicht auf die Fotografie begrenzt. In dem Text Interessieren sie sich für Kunst? beklagt er, „Kunst ist in gemäßigten Bürgerkreisen ein Gesellschaftsspiel“[18] und postuliert, „die Kunst fängt da an, wo Bankdirektoren aufhören: bei der tätigen und radikalen Politik.“ Da die Einkommen und die Lasten wohl niemals gleich verteilt sein werden, ist Kunst nicht nur überschätzt sondern auch unmoralisch, denn sie „ist die Ablenkung vom wesentlichen“[19].

[...]


[1] Hepp: Kurt Tucholsky. Biografische Annäherungen. S. 291

[2] Tucholsky: Die Mark Brandenburg in Farbenfotografie. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 9082 (vgl. Tucholsky-DT, S. 29)

[3] Tucholsky: Mehr Fotografien! Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S.407 (vgl. Tucholsky-GW Bd.1, S.47)

[4] Tucholsky : Mehr Fotografien . Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S.408 (vgl. Tucholsky-GW Bd.1, S.47)

[5] Raemaekers, Henri Francois (1887-1946), belgischer Karikaturist.

[6] Tucholsky: Briefbeilagen: Im Hinterzimmer. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 988 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 1, S. 304)

[7] Ebd. S. 987 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 1, S. 303)

[8] Tucholsky: Rausch. Ulk Nr.1, 3.1.1919, S.2, In Hepp: Kurt Tucholsky. Biografische Annäherungen. S.292

[9] Hepp: Tucholsky. Biografische Annäherungen. S. 293

[10] Tucholsky: Das politische Kino. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 9296 (vgl. Tucholsky-DT, S.169)

[11] Tucholsky: Die Tendenzfotografie. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 3640 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 105)

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Tucholsky: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 9886 (vgl. Tucholsky-DT, S. 542)

[15] Tucholsky: Sechzig Fotografien. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 3028 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 3, S. 385)

[16] Tucholsky: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 9888 (vgl. Tucholsky-DT, S. 544)

[17] Tucholsky: Auf dem Nachttisch. Digitale Biblioliothek Band 15: Tucholsky, S. 7502 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 139)

[18] Tucholsky: Interessieren Sie sich für Kunst -? Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4357 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 421)

[19] Tucholsky: Interessieren Sie sich für Kunst ? Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4361 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 423)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kurt Tucholsky und die Fotografie
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V15199
ISBN (eBook)
9783638203876
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kurt, Tucholsky, Fotografie
Arbeit zitieren
Ellen Schäpsmeier (Autor:in), 2003, Kurt Tucholsky und die Fotografie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15199

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