Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Frauenbild in der sizilianischen Gesellschaft und Literatur im 20. Jahrhundert. Im ersten Teil soll der Frage nachgegangen werden, welche Rolle die sizilianische Frau in der Gesellschaft um 1900 und um 1989 gespielt hat und welche Fortschritte sie bei ihrer Emanzipation erreichen konnte.
Im zweiten Teil werden die beiden literarischen Beispiele L’esclusa von Luigi Pirandello und Volevo i pantaloni von Lara Cardella daraufhin untersucht werden, wie die Frau im Roman dargestellt wird und welche Funktion sie dabei übernimmt.
Den Schluss bildet ein Versuch, auf der Basis des ersten Teils und in Form eines Vergleichs beider untersuchter literarischer Werke die der Arbeit immanente Frage zu beantworten, ob es eine positive Entwicklung, eine Emanzipation der sizilianischen Frau zu verzeichnen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Die soziale Lage der Frau in Sizilien
1.1. Einführung und Definition
1.2. Die Rolle der Frau in der Familie
1.3. Die Rolle der Familie in der sizilianischen Gesellschaft
1.4. Die Mann-Frau-Beziehung: Ehrkonzept und rechtliche Lage
1.5. Weibliche Berufstätigkeit
1.5.1. Das neue Bildungsgesetz und der Beruf der Lehrerin
1.6. Entwicklung der Emanzipation in Sizilien
1.6.1. Frauen kämpfen für ihre Rechte
1.6.2. Frauen werden emanzipiert
1.6.3. Gründe für die verspätete Emanzipation in Sizilien
2. Literarische Beispiele
2.1. L’esclusa von Luigi Pirandello
2.1.1. Fragestellung und Inhaltsübersicht
2.1.2. Einordnung in den literarischen Kontext
2.1.3. Die Darstellung der Frauen
2.1.4. Die Darstellung der Männer und Mannesehre
2.1.5. Martas Exklusion und Emanzipation
2.1.6. Ist Marta eine moderne Figur?
2.1.7. Modernisierungsprozess als Thema in L’esclusa
2.2. Volevo i pantaloni von Lara Cardella
2.2.1. Fragestellung und Inhaltsübersicht
2.2.2. Die Darstellung der Frauen
2.2.3. Darstellung der Männer
2.2.4. Annas Exklusion
2.2.5. Textaussage
2.2.6. Rezeption
3. Vergleich und Zusammenfassung
3.1. Vergleich
3.2. Situation heute
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Frauenbild in der sizilianischen Gesellschaft und Literatur im 20. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt auf der Analyse des Wandels von der traditionellen Rolle um 1900 bis zur Emanzipationsbewegung um 1989 liegt und anhand zweier literarischer Fallbeispiele kritisch hinterfragt wird.
- Historische Entwicklung der sozialen Stellung der Frau in Sizilien (1900–1985)
- Rolle der patriarchalischen Familie und Ehrvorstellungen
- Einfluss von wirtschaftlichem Wohlstand und Bildung auf die Emanzipation
- Literarische Analyse von Pirandellos L’esclusa und Cardellas Volevo i pantaloni
- Vergleich der Emanzipationsansätze und aktuelle gesellschaftliche Situation
Auszug aus dem Buch
2.1.4. Die Darstellung der Männer und Mannesehre
Kennzeichnend für Francesco Ajala sind seine Wutausbrüche, für die ein geringer Anlass genügt. Er verlangt von den Familienmitgliedern großen Respekt und übt eine starke Autorität aus. Wenn jemand einen Gegenstand zerbricht, gerät er in großen Zorn, weil er der Meinung ist, dass der Gegenstand aus Mangel an Respekt ihm gegenüber, der den Gegenstand gekauft hat, zerstört wurde. Andererseits kann es vorkommen, dass er selbst in seiner Wut den halben Hausrat vernichtet. Manchmal schließt er sich für mehrere Wochen in einen schwarzen, stummen Zorn ein. (18 f.)
Nachdem Signora Ajala ihren Mann in der Gerberei aufgesucht hat, um mit ihm über Martas Unglück zu sprechen, sagt er: „Che sei venuta a far qui? Che vuoi? Chi sei? Non conosco nessuno io; non ho più nessuno; né famiglia né casa! Fuori tutti! Fuori! Schifo mi fate, schifo! Vàttene via! via!’ E le diede un violento spintone.“ (20) Er behandelt seine Frau geringschätzig und wendet ihr gegenüber Gewalt an. Die Schande, die Marta ihm seiner Meinung nach zugefügt hat, belastet und beschämt ihn so sehr, dass er seine Familie am liebsten verlassen würde. Doch dann beschließt er, sich zu Hause einzuschließen: Rientro con te in casa; sarà, d’ora in poi, la mia e la tua prigione. Non ne uscirò che morto!” (22) Er verlässt das Haus und sein Zimmer nicht, bis er einen Schlaganfall erleidet und stirbt.
Der Grund dafür, dass Signor Ajala sich einschließt, ist, dass Rocco eine Tatsache geschaffen hat, indem er Marta aus dem Haus gejagt hat. Ob Marta Rocco wirklich betrogen hat, ist dabei irrelevant. Francesco sieht seine Ehre dadurch beschmutzt und traut sich daher nicht mehr aus dem Haus. Es wird deutlich, dass der Ehrenkodex das geltende Gesetz ist, welches eine wesentlichere Bedeutung hat als die Wahrheit selbst. Francesco leidet so stark an dem verinnerlichten Ehrenvorstellungen, dass er den Tod als Ausweg wählt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die soziale Lage der Frau in Sizilien: Untersucht den historischen Wandel der Rolle der Frau innerhalb der sizilianischen Gesellschaft und Familie, geprägt durch patriarchale Strukturen und den Einfluss des wirtschaftlichen Wohlstands.
2. Literarische Beispiele: Analysiert das Frauenbild in den Romanen L’esclusa und Volevo i pantaloni hinsichtlich der Darstellung von Emanzipation, Tradition und des Konflikts mit dem Ehrenkodex.
3. Vergleich und Zusammenfassung: Gegenüberstellung der literarischen Werke und Einordnung der im Roman dargestellten Missstände in die soziale Realität der späten 1980er Jahre in Sizilien.
Schlüsselwörter
Sizilien, Emanzipation, Frauenbild, Patriarchat, Ehrkonzept, L’esclusa, Volevo i pantaloni, Luigi Pirandello, Lara Cardella, Familie, Sozialer Wandel, Geschlechterrollen, Literaturanalyse, Moderne, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung des Frauenbildes in Sizilien im 20. Jahrhundert und untersucht, wie sich die gesellschaftliche Rolle der Frau über einen Zeitraum von rund 90 Jahren gewandelt hat.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Schwerpunkte liegen auf der sozialen Lage der Frau, dem Einfluss des patriarchalen Wertesystems und des Ehrenkodex sowie der Rolle von Bildung und Erwerbsarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist zu beantworten, ob und wie eine positive Entwicklung bzw. eine echte Emanzipation der sizilianischen Frau im 20. Jahrhundert stattgefunden hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine soziologische Analyse des historischen Kontexts mit einer literaturwissenschaftlichen Untersuchung zweier exemplarischer Romane verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-soziologische Untersuchung der sizilianischen Lebensverhältnisse und eine detaillierte Romananalyse, die die literarische Darstellung des sozialen Wandels auswertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Kernbegriffe sind Sizilien, Emanzipation, Patriarchat, Ehrkonzept sowie der Vergleich zwischen literarischer Fiktion und historischer Realität.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Frau bei Pirandello von der bei Cardella?
Während Pirandello die Frau in einem gesellschaftskritischen Kontext als Spiegel der Moderne und der verkrusteten Tradition einsetzt, nutzt Cardella eine eher drastische, provokative Erzählweise, um auf fortbestehende Missstände der 1980er Jahre aufmerksam zu machen.
Welche Rolle spielt die Mafia oder das Umfeld bei der Emanzipation?
Die Arbeit stellt dar, dass archaische Strukturen wie der Familienclan oder die Mafia als Hemmfaktoren wirken, da sie ein Interesse am Erhalt der traditionellen Rollenverteilung haben, um ihre patriarchalische Macht zu sichern.
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- Ute Drechsler (Author), 2009, Das Frauenbild in der sizilianischen Literatur und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151997