Politische Kritik und Gesellschaftskritik in Tatjana Tolstajas Roman Kys’


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Kurze Charakterisierung der postsowjetischen Gesellschaft

2. Darstellung der Probleme der russischen Gesellschaft im Roman Kys’
2.1. Das Problem der Entfremdung von der Vergangenheit
2.2. Die kulturelle Rückständigkeit der Schätzchen
2.2.1. Das Feuer
2.2.2. Die Sprache
2.3. Moral
2.4. Kritik an der heutigen russischen Gesellschaft
2.4.1. Diebstahl
2.4.2. Gewalt
2.4.3. Alkoholkonsum
2.5. Politische Kritik – Kritik am Staat
2.5.1. Der Personenkult
2.5.2. Unmündigkeit der Bürger
2.5.3. Korruption, Reichtum der Obrigkeit
2.5.4. Keine Veränderung nach dem Machtwechsel
2.5.5. Die altgedruckten Bücher
2.6. Die Funktionen der Kys’

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Gegensatz zur russischen Presse- und Fernsehlandschaft, in der eine starke Zensur besteht und in der kaum öffentlich über Probleme diskutiert wird, findet in der russischen Literatur eine starke Auseinandersetzung mit den Problemen der heutigen Zeit statt.[1] Ein Beispiel für diese Auseinandersetzung ist der Roman Kys’ von Tat’jana Tolstaja, der im Jahr 2000 in Russland erschien.

In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, wie Tat’jana Tolstaja in ihrem Roman die russische Politik und Gesellschaft kritisiert.

Um zunächst einen Eindruck von der heutigen russischen Gesellschaft zu bekommen, wird diese zunächst charakterisiert werden. Danach werden die einzelnen im Roman angesprochenen Punkte genauer untersucht. Am Schluss soll genauer auf die Funktion des Wesens Kys’ eingegangen werden.

Aus Platzgründen wurde auf eine Inhaltsangabe verzichtet, der Inhalt des Romans Kys’ wird als bekannt vorausgesetzt. Bezüglich der wissenschaftlichen Transliteration ist zu sagen, dass wörtliche Zitate, da sie aus der deutschen Übersetzung des Romans entnommen wurden, eben so übernommen wurden. Sonst wurden die Eigennamen transliteriert.

1. Kurze Charakterisierung der postsowjetischen Gesell­schaft

Im Folgenden sollen die Probleme in der postsowjetischen Gesellschaft genannt und kurz beschrieben werden: Haumann schreibt, dass die Gesellschaft in scheinbar beziehungslose Einzelteile zerfalle und dass Erscheinungen offener Gewalt zunähmen und weiter, dass in der heutigen russischen Gesellschaft Orientierungslosigkeit herrsche, die darauf zurückzuführen sei, dass die kommunistische Doktrin weggefallen ist. Es habe nun eine Suche nach neuen Identitäten begonnen, da die alten Werte verloren gegangen seien.[2]

Engel präzisiert, dass der Zerfall der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre von vielen als Zerfall der Identität erlebt wurde. Viele hätten den Wunsch nach einer intakten nationalen Identität. Durch die Frage nach dem „wer sind wir“ angeregt, würden alte Debatten nach dem typisch Russischen wieder aufleben und dabei auch an die Argumentationen der Slavophilen und der Westler anknüpfen. Diese Suche, so Engel, reiche weit in die Geschichte Russlands hinein, sogar bis ins Kiever Reich. Weiter attestiert Engel der russischen Öffentlichkeit Unbehagen, mangelnde Diskussion über die gesellschaftlichen Umbrüche, sowie Verdrängungsstrategien. Die russische Gesellschaft vermeide zurzeit eine kritische Aufarbeitung der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Dies beträfe sowohl die Revolution, als auch die Stalin- und die Sowjetzeit, sowie die Ereignisse in der postsowjetischen Umbruchszeit.[3]

Die Orientierungslosigkeit und Identitätssuche nach dem Zusammenbruch der SU hatte zur Folge, dass die Religion wieder einen größeren Stellenwert bekommen hat. Die Religionen haben den Menschen ein Identifikationsangebot gemacht, denn Zugehörigkeit zu einer Religion bedeute sowohl eine nationale, als auch kulturelle Zugehörigkeit.[4]

In der Bildungspolitik gab es nach 1990 zahlreiche Reformen. Es wurde eine Humanisierung der autoritären Pädagogik angestrebt, um eine freie Persönlichkeitsentwicklung der Individuen zu gewährleisten. Es gab rasche Erfolge, doch aufgrund des überstürzten Tempos und der mangelhaften Vorbereitung kam es auch zu erheblichen Leistungs- und Qualitätsverlusten, sowie Einbußen in der Bildungsgerechtigkeit. Dies wurde durch den Rückzug des Staates aus dem Bildungsbereich verstärkt.[5]

Ein weiteres Problem in der heutigen russischen Gesellschaft ist die Armut. Der Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft verhalf einigen zu plötzlichem Reichtum und stürzte viele in soziale Unsicherheit und Armut. Der soziale Wandel wurde ausgelöst durch die Hyperinflation und die Privatisierung, beides wesentliche Elemente der marktwirtschaftlichen Reformen. Die hohen Preissteigerungsraten zwischen 1992 und 1995 vernichteten die Ersparnisse der Bevölkerung und verringerten die Gehälter und die Renten. Die traditionelle „sowjetische Mittelschicht“ musste erhebliche Einkommenseinbußen hinnehmen. Den Rentnern erging es schlecht, da die Rentenhöhe nicht an die Inflation angepasst wurde.[6]

2. Darstellung der Probleme der russischen Gesellschaft im Roman Kys’

2.1. Das Problem der Entfremdung von der Vergangenheit

Die im vorigen Kapitel genannte Argumentation der Slavophilen und der Westler spiegelt sich auch in Kys’ wider: die Figur des Nikita Ivanyč lässt sich als Slavophiler identifizieren, die des Lev L’vovič als Westler: „Der Westen wird uns helfen!“ – „ Wir müssen es selber schaffen, aus eigner Kraft.“[7]

Die „Vorigen“ bemühen sich darum, dass die Vergangenheit erinnert wird, insbesondere Nikita Ivanyč, der Pfähle mit den Straßennamen früherer Moskauer Straßen in Fedor Kuz’mičsk aufstellt. Nikita Ivanyč bemüht sich um die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses. Er sagt: „Solange ich lebe […] wünsche ich einen angemessenen Beitrag zum Wiederaufbau er Kultur zu leisten.“[8] Doch die „Schätzchen“, wie Tolstaja die Einwohner Fedor Kuz’mičsks nennt, begreifen den Zweck der Pfähle nicht und verwenden sie als Feuer- oder Bauholz.

Die im vorherigen Kapitel genannte Orientierungslosigkeit spiegelt sich darin wider, dass keine einfache Einteilung der Bewohner Fedor Kuz’mičsk in „gut“ oder „böse“ möglich ist. Weder hat Benedikt, der Protagonist des Romans, nur schlechte Züge, noch kann man behaupten, Nikita Ivanyč sei eine durchweg „gute“ Person. Dies wird bspw. deutlich, wenn die beiden Vorigen, Lev und Nikita, Terentij Petrovič, die Transgeburt, zunächst mit den Worten „Machen Sie mir die Freude, seien Sie mein Gast!“[9] ins Haus bitten, ihn aber später fesseln und hinauswerfen[10], oder wenn Nikita am Ende des Romans die Schätzchen als „verfickte Hurensöhne“[11] bezeichnet.

Es lässt sich also feststellen, dass auch die Vorigen nicht richtig wissen, wie man leben sollte und was es zu bewahren gilt. Es wirkt z. B. grotesk, wenn Viktor Ivanyč bei der Beerdigung einer Vorigen nach Relikten der Vergangenheit fragt und damit Lottoscheine, Gebrauchsanweisungen und anderes meint.[12] Man kann dies einerseits so deuten, dass auch die Vorigen nicht wissen, was es Lohnenswertes zu bewahren gilt, als auch so, dass ihnen die alte Zeit so wertvoll ist, dass sie selbst so alltägliche Dinge wie Bedienungsanleitungen als Schatz ansehen und damit die Vergangenheit überhöhen.

Auch daran, dass allgemeingültige Werte verdreht oder ins Absurde verkehrt werden, wird deutlich, dass die Schätzchen keinen kulturellen Rückhalt haben, sie können die Werte nicht in einen sinnvollen Kontext bringen. Nachdem Terentij, der für gewöhnlich Benedikts Schlitten zieht, sich nicht in Benedikts Sinne verhält, denkt er: „Nikita Iwanytsch hat ganz richtig gesagt: Achtung muss man vor den Menschen haben, gerecht muss man sein! Und dieses Vieh achtet den Menschen nicht, mach sich einen Dreck aus ihm.“[13] Dabei erkennt er nicht, dass Terentij auch ein Mensch ist, der diese Achtung verdient hat, und kein Mensch zweiter Klasse, ein Sklave oder ein Tier.

[...]


[1] Pleines, Heiko, Christine Engel u. a.: Kultur und Bildungswesen. In: Informationen zur politischen Bildung 281 (2003), S. 37-48, S. 39 f.

[2] Haumann, Heiko: Geschichte Russlands. München (u. a.): Piper, 1996, S. 646 f.

[3] Pleines u. a. (2003), S. 39 f.

[4] Ebd. S. 42.

[5] Ebd. S. 44.

[6] Pleines, Heiko: Aspekte der postsowjetischen Gesellschaft. In: Informationen zur politischen Bildung 281 (2003), S. 23-28, S. 24 f.

[7] Tolstaja, Tatjana: Kys. Berlin: Rowohlt, 2003, S. 256.

[8] Ebd. S. 33 f.

[9] Ebd. S. 261.

[10] Ebd. S. 264.

[11] Ebd. S. 350.

[12] Ebd. S. 144.

[13] Ebd. S. 197.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Politische Kritik und Gesellschaftskritik in Tatjana Tolstajas Roman Kys’
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V152000
ISBN (eBook)
9783640638253
ISBN (Buch)
9783640638185
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tatjana Tolstaja, Kys, Russland, Gesellschaft, Literatur, 20. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Ute Drechsler (Autor:in), 2008, Politische Kritik und Gesellschaftskritik in Tatjana Tolstajas Roman Kys’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152000

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