Im Gegensatz zur russischen Presse- und Fernsehlandschaft, in der eine starke Zensur besteht und in der kaum öffentlich über Probleme diskutiert wird, findet in der russischen Literatur eine starke Auseinandersetzung mit den Problemen der heutigen Zeit statt. Ein Beispiel für diese Auseinandersetzung ist der Roman Kys’ von Tat’jana Tolstaja, der im Jahr 2000 in Russland erschien.
In der vorliegenden Hausarbeit soll untersucht werden, wie Tat’jana Tolstaja in ihrem Roman die russische Politik und Gesellschaft kritisiert.
Um zunächst einen Eindruck von der heutigen russischen Gesellschaft zu bekommen, wird diese zunächst charakterisiert werden. Danach werden die einzelnen im Roman angesprochenen Punkte genauer untersucht. Am Schluss soll genauer auf die Funktion des Wesens Kys’ eingegangen werden.
Aus Platzgründen wurde auf eine Inhaltsangabe verzichtet, der Inhalt des Romans Kys’ wird als bekannt vorausgesetzt. Bezüglich der wissenschaftlichen Transliteration ist zu sagen, dass wörtliche Zitate, da sie aus der deutschen Übersetzung des Romans entnommen wurden, eben so übernommen wurden. Sonst wurden die Eigennamen transliteriert.
Inhaltsverzeichnis
1. Kurze Charakterisierung der postsowjetischen Gesellschaft
2. Darstellung der Probleme der russischen Gesellschaft im Roman Kys’
2.1. Das Problem der Entfremdung von der Vergangenheit
2.2. Die kulturelle Rückständigkeit der Schätzchen
2.2.1. Das Feuer
2.2.2. Die Sprache
2.3. Moral
2.4. Kritik an der heutigen russischen Gesellschaft
2.4.1. Diebstahl
2.4.2. Gewalt
2.4.3. Alkoholkonsum
2.5. Politische Kritik – Kritik am Staat
2.5.1. Der Personenkult
2.5.2. Unmündigkeit der Bürger
2.5.3. Korruption, Reichtum der Obrigkeit
2.5.4. Keine Veränderung nach dem Machtwechsel
2.5.5. Die altgedruckten Bücher
2.6. Die Funktionen der Kys’
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung der Autorin Tat’jana Tolstaja mit der sowjetischen und postsowjetischen Politik und Gesellschaft in ihrem Roman "Kys’". Dabei liegt der Fokus auf der Analyse zentraler gesellschaftlicher Missstände, die durch das Stilmittel der Übertreibung veranschaulicht werden.
- Analyse der postsowjetischen Gesellschaft und Identitätssuche
- Kritik an der kulturellen Rückständigkeit und dem Verlust von Werten
- Untersuchung von Gesellschaftsproblemen wie Diebstahl, Gewalt und Alkoholkonsum
- Kritische Beleuchtung staatlicher Strukturen, des Personenkults und der Zensur
- Funktionsanalyse des mythologischen Wesens "Kys’" als Symbol für Ängste und Erkenntnis
Auszug aus dem Buch
2.5.2. Unmündigkeit der Bürger
Die Bürger von Fedor Kuz’mičsk werden als unmündig vorgeführt. Sie sind autoritär erzogen, obrigkeitshörig und eigenständig zu denken fällt ihnen schwer. Wenn sie von dem vom Staat vorgegebenen Denken abweichen, wird es als Eigensinn bezeichnet. Die ukasy sind sehr detailliert geschrieben. Was nicht im ukas steht, ist gegen das Gesetz und darf nicht getan werden. So erlässt Fedor Kuz’mič ein Gesetz, das den Frauentag einführt. An diesem pflücken die Frauen Weidenzweige und stellen sie in Töpfen in die Arbeits-Isba. Auch dem Leiter der Isba haben sie einen Topf auf den Tisch gestellt, doch der hat ihn mit der Begründung, dass im ukas nichts von Weidenzweigen steht, zu Boden geworfen.
Durch die Beschreibung des Zahltages wird die von Staatsseite erwartete Unterwürfigkeit der Schätzchen deutlich: Wenn Zahltag ist, stellen sich die Schätzchen zunächst die Frage, ob der Zahl-Mursa überhaupt kommt. „Geruht er, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, dann kriegen die Schätzchen ihren Lohn.“ Es folgt ein langes Warten vor den Zahlschaltern. Wenn der Mursa kommt, muss man sich bücken, um seinen Lohn zu erhalten: „Und dann hat mans noch zu dem Behuf ersonnen, dass wir uns bis zur Erde vor ihm neigen, ihm Demut bezeugen…“ Es wird also Unterwürfigkeit der Schätzchen vor dem Staat erwartet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kurze Charakterisierung der postsowjetischen Gesellschaft: Dieses Kapitel erläutert den gesellschaftlichen Zerfall, die Orientierungslosigkeit und den Identitätsverlust nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
2. Darstellung der Probleme der russischen Gesellschaft im Roman Kys’: In diesem Hauptteil wird analysiert, wie Tolstaja spezifische gesellschaftliche und politische Defizite innerhalb des Romans durch ein groteskes Gesellschaftsbild kritisiert.
2.1. Das Problem der Entfremdung von der Vergangenheit: Der Abschnitt thematisiert den Verlust des kulturellen Gedächtnisses und die Unfähigkeit der Protagonisten, historische Werte sinnvoll in die Gegenwart zu integrieren.
2.2. Die kulturelle Rückständigkeit der Schätzchen: Hier wird der Mangel an Zivilisation und Bildung anhand der Symbole "Feuer" und "Sprache" untersucht.
2.3. Moral: Die fehlende Moral und das daraus resultierende egoistische Verhalten der Bewohner von Fedor Kuz’mičsk werden als Folge des sozialen Niedergangs dargestellt.
2.4. Kritik an der heutigen russischen Gesellschaft: Dieses Kapitel beleuchtet explizite soziale Probleme wie Diebstahl, Gewalt und den exzessiven Alkoholkonsum als Alltagskonstanten.
2.5. Politische Kritik – Kritik am Staat: Der Abschnitt analysiert die Machtstrukturen, den Personenkult um den Herrscher sowie die staatlich verordnete Unmündigkeit und Zensur.
2.6. Die Funktionen der Kys’: Dieses Kapitel interpretiert das zentrale Fabelwesen des Romans als Symbol für Ängste, Erkenntnis und die Flucht vor der Realität.
Schlüsselwörter
Tat’jana Tolstaja, Kys’, postsowjetische Gesellschaft, russische Literatur, Gesellschaftskritik, Identitätsverlust, Personenkult, Totalitarismus, Kulturverlust, Sozialistischer Realismus, Entfremdung, Zensur, Allegorie, Wertewandel, Machtmissbrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Aufarbeitung der russischen Politik und Gesellschaft durch Tat’jana Tolstaja im Roman "Kys’".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit thematisiert den Verlust von Werten, die kulturelle Rückständigkeit der Protagonisten, politische Repression und den Umgang mit der Vergangenheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Tolstaja in ihrem Roman aktuelle gesellschaftliche Missstände in Russland durch Stilmittel wie die Übertreibung anprangert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman auf Basis historischer und gesellschaftspolitischer Kontexte interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung gesellschaftlicher Probleme, der Rolle der Moral, der Kritik am politischen System und der symbolischen Deutung des Wesens "Kys’".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Postsowjetische Gesellschaft, Identität, Personenkult, Zensur und der literarische Kontext des Romans.
Welche Funktion hat das Wesen "Kys’" im Roman?
Es fungiert als ein naives Konstrukt für die Ängste der Menschen, dient als Symbol für das verlorene kulturelle Gedächtnis und steht metaphorisch für das unangenehme Erwachen aus einer Scheinwelt.
Wie wird das Verhältnis zwischen Bürger und Staat im Roman dargestellt?
Das Verhältnis ist geprägt von Unterwürfigkeit, mangelnder Mündigkeit und der religiösen Überhöhung der Obrigkeit, was die Autorin unter anderem durch Anspielungen auf das Vater Unser verdeutlicht.
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- Ute Drechsler (Author), 2008, Politische Kritik und Gesellschaftskritik in Tatjana Tolstajas Roman Kys’, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152000