Menschen besitzen zahlreiche psychische Eigenschaften. Ein für das Zusammenleben sehr bedeutsamere Komplex psychischer Eigenschaften sind die sozialen Kognitionen. Diese betreffen jedes Wissen und Denken über mentale Vorgänge, soziale Geschehnisse und Beziehungen. Ein viel diskutiertes und untersuchtes Konstrukt in diesem Feld ist die Empathie. Hier wird die Kapazität verstanden, sich in andere Menschen und deren Situation hineinzudenken und hineinzufühlen. Demnach setzt sich Empathie aus zwei Komponenten zusammen: einem kognitiven und einem emotionalem Anteil. Der emotionale Aspekt der Empathie umfasst das Erleben einer affektiven Reaktion im eigenen Inneren, die durch den Zustand einer anderen Person hervorgerufen wird. Es wird mitgefühlt und eine emotionale Verbindung mit der Person hergestellt. Kognitive Empathie hingegen meint allein die Fähigkeit, die Gedanken und Gefühle anderer Personen zu erkennen und zu verstehen, ohne notwendigerweise z.B. Mitleid zu empfinden. Die Fähigkeit zur kognitiven Empathie wird häufig auch als „Theory of Mind“ (ToM) bezeichnet. Der Terminus lässt sich nicht gut ins Deutsche übersetzen und ist etwas irreführend, weil es sich nicht um eine Theorie sonder um eine Fähigkeit handelt, sich selbst und anderen geistige Zustände zuschreiben zu können und somit in der Lage zu sein zu folgern, was im eigenen und im Geiste anderer vor sich geht. In der Literatur wird die erste Nennung des Begriffs „Theory of Mind“ oder auch „soziale Intelligenz“ Premack und Woodruff zugeschrieben (1978). Sie definierten ToM als eine Fähigkeit, sich selbst und anderen geistige Zustände zuschreiben zu können, Intentionen und Überzeugungen anderer ableiten zu können. Sie verstanden Theory of Mind in dem Sinne, dass ToM eine Theorie über die geistigen Zustände mittels Zuschreibung ist und grenzten den Begriff Empathie davon ab. Unter Empathie verstanden sie die Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinversetzen zu können. Premack und Woodruff (1978) prägten den Begriff ToM im Zusammenhang mit Tierstudien. Sie führten mit der Schimpansin Sarah eine Reihe von Tests zur ToM durch. Sie zeigten Sarah eine Serie von Filmen, in denen eine Person versuchte Probleme zu lösen. Die Schimpansin sollte anschließend ein Foto aussuchen, das die richtige Problemlösung zeigte. Sarah zeigte meistens auf das richtige Foto, war also in der Lage die Absichten der Darsteller im Film zu verstehen. Sie verfügte also über eine ToM.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Messung von ToM
Stand der Forschung zur Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Theory of Mind (ToM)-Leistungen bei schizophrenen Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen, um zu klären, ob die beobachteten kognitiven Defizite spezifisch mit dem Wahnerleben assoziiert sind oder allgemeine Störungsausprägungen widerspiegeln.
- Grundlagen der Theory of Mind und soziale Kognition
- Methodische Ansätze zur Erfassung von ToM-Kompetenzen
- Zusammenhang zwischen Schizophrenie, Wahn und ToM-Defiziten
- Einfluss neurokognitiver Variablen und Konfundierung
Auszug aus dem Buch
Stand der Forschung zur Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie
Soziale Kognition bezeichnet das Verständnis mentaler Prozesse, die dem sozialen Verhalten der Menschen zugrunde liegen, also das Verständnis der Gedanken, die Menschen über andere Menschen bilden. Genau dieses soziale Kognitionsniveau ist bei Schizophrenen und autistischen Kindern stark eingeschränkt. Theory of Mind ist ein Hauptbereich sozialer Kognitionen, der gegenwärtig intensiv erforscht wird. Die Defizite des sozialen Funktionsniveaus bei Schizophrenen gleichen denen autistischer Störungen. Bei autistischen Kindern wurde dieses Defizit auf die Einschränkungen in Theory of Mind zurückgeführt, daher kommt die Idee, dass die sozialen Kognitionsdefizite bei Schizophrenen auch im Zusammenhang mit ToM-Defiziten stehen könnten.
Patienten mit Schizophrenie besitzen Schwierigkeiten in Situationen, die einen Perspektivenwechsel, das Einfühlen in eine andere Person oder die Zuschreibung geistiger Vorgänge erfordern (Brüne 2005b, Frith, 2004, Harrington et al. 2005a, Harrington et al. 2005b, Sprong 2007). Doch auch wenn es klinisch offensichtlich ist, dass Patienten mit Schizophrenie über defizitäre soziale Fertigkeiten verfügen, bleibt der genaue Einfluss von Theory of Mind noch unklar. Ferner sind Defizite der Theory of Mind auch bei anderen psychiatrischen Störungen anzutreffen und die Frage ihrer spezifischen pathogenetischen Bedeutung für die Schizophrenie ist nicht abschließend geklärt (Garety & Freeman 1999).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Begriff der sozialen Kognition und die Theory of Mind ein, erläutert deren Bedeutung für die Schizophrenie-Forschung und nennt erste Modelle zur Erklärung sozialer Defizite.
Messung von ToM: Hier werden gängige Testverfahren zur Operationalisierung der Theory of Mind vorgestellt, von klassischen Aufgaben für Kinder wie dem „Sally-Anne-Experiment“ bis hin zu spezialisierten Tests für Erwachsene wie dem „Reading the mind in the Eyes“-Test.
Stand der Forschung zur Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie: Dieser Abschnitt bietet eine detaillierte Literaturübersicht über die Studienlage zu ToM-Leistungen bei Schizophrenie, diskutiert die Spezifität von Defiziten bei wahnhaften Patienten und hinterfragt die Konsistenz bisheriger Ergebnisse.
Schlüsselwörter
Theory of Mind, ToM, Schizophrenie, Wahn, Soziale Kognition, Empathie, Psychopathologie, Neurokognition, Sally-Anne-Aufgabe, Reading the Mind in the Eyes, Konfundierung, Symptomatik, Remission, State, Trait.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Beeinträchtigungen der Theory of Mind bei Patienten mit einer Schizophrenie-Diagnose und der Frage, inwieweit diese Defizite mit dem Auftreten von Wahn in Verbindung stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Kognition, die operationalisierte Messung von mentalen Zuschreibungsleistungen sowie die differenzierte Betrachtung von schizophrener Symptomatik im Kontext kognitiver Leistungsfähigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der direkte Vergleich der ToM-Leistungen zwischen schizophrenen Patienten und gesunden Kontrollpersonen, um den Einfluss von Störungsausprägungen und weiteren Konfundierungsvariablen zu klären.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine umfassende Literaturanalyse und den Vergleich zahlreicher existierender Studien (Meta-Analyse-Charakter) zu verschiedenen ToM-Testverfahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den aktuellen Forschungsstand, evaluiert diverse Messinstrumente und untersucht kritisch die bisherige Befundlage hinsichtlich ihrer Reliabilität und methodischen Schwächen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Theory of Mind, Schizophrenie, Wahn, Soziale Kognition und neurokognitive Variablen.
Gilt die Beeinträchtigung der Theory of Mind als angeboren oder erworben?
Im Gegensatz zum Autismus, wo Defizite angeboren scheinen, wird bei Schizophrenen häufig diskutiert, ob es sich um einen „State“ handelt, der mit dem Krankheitsausbruch auftritt und in Remission wieder abklingen kann.
Warum ist die Vergleichbarkeit bisheriger Studien problematisch?
Die Studienlage ist inkonsistent, da sehr unterschiedliche Testinstrumente eingesetzt wurden, Stichproben oft ungenau in „wahnhaft“ oder „nicht wahnhaft“ unterteilt wurden und neurokognitive Einflussfaktoren oft nicht ausreichend kontrolliert wurden.
- Quote paper
- Gabor Nagy (Author), 2010, Theory of Mind, Wahn und Schizophrenie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152004