Neben dem Erwerb der Zieldimensionen der Filmbildung kultureller Handlungsfähigkeit und Filmlesefähigkeit strebt der Umgang mit Filmen auch die Förderung des literarischen Lernens an. Die kulturelle Handlungsfähigkeit soll SchülerInnen die Teilhabe am kulturellen Bereich des Films ermöglichen. Die Filmlesefähigkeit zielt darauf ab, SchülerInnen darin zu stärken, audiovisuelle Texte wahrzunehmen und sie sich zu erschließen. Zusätzlich sollen die Aspekte des literarischen Lernens dazu dienen, Lernprozesse zu initiieren, die in Verbindung mit literarischen Elementen im audiovisuellen Text stehen. Durch die vertiefte Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Aspekten der Figuren sollen deren Gefühle, Gedanken, Wünsche, Ängste, Motive usw. erschlossen und nachvollzogen werden. Dies fördert nicht nur das Verständnis für die Figuren, sondern stärkt auch die Empathiefähigkeit der SchülerInnen.
Im Kontext dieser Überlegungen stellt sich die Frage, ob der Einsatz des Spielfilms „Nur eine Frau“ (2019), trotz seines dokumentarischen Stils und seiner inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Ehrenmord, geeignet ist, das filmische und literarische Lernen der SchülerInnen zu fördern. Dabei werden folgende Thesen aufgestellt: 1. Der Spielfilm ist gerade aufgrund seiner gesellschaftlich relevanten Thematiken und der Darstellung eines auf wahren Begebenheiten beruhenden Ereignisses sowohl für die Förderung des filmischen als auch des literarischen Lernens geeignet. 2. „Nur eine Frau“ (2019) weist auf visueller, auditiver und narrativer Ebene Besonderheiten auf, welche für die Förderung der Filmlesefähigkeit und des literarischen Lernens unterstützend sein können. 3. Der Spielfilm ermöglicht den SchülerInnen, Einblicke in eine ihnen fremde Tradition, die sie anderenfalls aufgrund kultureller, geschlechtlicher, sozioökonomischer oder religiöser Differenzen möglicherweise nicht erlangen würden.
Die ausführliche Untersuchung dieser Thesen könnte zu einer genaueren Einschätzung darüber führen, ob der Spielfilm tatsächlich dazu geeignet ist, das filmische und literarische Lernen der SchülerInnen zu fördern. Um dieser Forschungsfrage nachzugehen, wurde eine didaktische Erprobung durchgeführt. Dabei wurde eine Unterrichtsreihe zum Spielfilm „Nur eine Frau“ (2019) entwickelt und in der Jahrgangsstufe neun erprobt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung audiovisueller Medien im Deutschunterricht für den Erwerb kultureller Handlungs- und Filmlesefähigkeit
3. Filmisches und literarisches Lernen mit dem Medium Film im Deutschunterricht
4. Planung von Filmunterricht und Kriterien bei der Filmauswahl
5. Die Analyse des Spielfilms „Nur eine Frau“ (2019)
5.1. Zusammenfassung der Filmhandlung
5.2. Das Genre des Spielfilms
5.3. Der besondere Montagestil des Spielfilms
5.4. Einführung in die Handlung
5.5. Besonderheiten in Bezug auf die Erzählinstanz
5.6. Die symbolische Bedeutung der Räume
5.7. Figurenanalyse Aynur
5.8 Figurenanalyse Tarik und Nuri
6. Didaktische Begründung des Spielfilms „Nur eine Frau“ (2019)
7. Der Spielfilm „Nur eine Frau“ (2019) im Deutschunterricht ‒ Ein Praxisbeispiel aus dem Filmunterricht
7.1. Aufbau und Ziel der Unterrichtsreihe
7.2 Unterrichtsverlaufspläne mit didaktischer Erläuterung
8. Forschungsdesign und -methode des Filmprojekts
8.1. Eingesetzte Materialien
8.2 Ergebnisse der Filmjournale
9. Diskussion der Ergebnisse
10. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit der Spielfilm „Nur eine Frau“ (2019) im Deutschunterricht eingesetzt werden kann, um sowohl filmische Kompetenzen (Filmbildung) als auch literarisches Lernen bei Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe zu fördern und das Verständnis für komplexe gesellschaftliche Themen zu schärfen.
- Bedeutung audiovisueller Medien für die Medienkompetenz.
- Didaktik und methodische Herangehensweise der Filmbildung.
- Analyse der narrativen und ästhetischen Mittel des Films „Nur eine Frau“.
- Verknüpfung von filmischem Lernen mit literarischen Lernprozessen.
- Evaluation von Schülernutzung und Rezeptionserfahrungen in der Unterrichtspraxis.
Auszug aus dem Buch
5.5. Besonderheiten in Bezug auf die Erzählinstanz
Die Handlung wird in Form einer Rückblende aus Aynurs Perspektive erzählt, was durch Voice-Over realisiert wird. Innerhalb des Films wird dieser Erzählmodus stringent beibehalten, sodass die ZuschauerInnen die mentalen Prozesse der Hauptfigur mitverfolgen können (vgl. Staiger 2019, S. 55). Der Erzählmodus des Films ist eine Besonderheit und kann als wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von Realität und Fiktion hinzugezogen werden (vgl. Anders/Staiger 2019, S. 17). Denn Aynur erzählt ihre eigene Geschichte, obwohl sie bereits verstorben ist.
Im Film heißt es: Mein Bruder hat mich erschossen im Februar 2005. Ich war ein Ehrenmord. Der erste, der so richtig fett Presse hatte. Vielleicht erinnert ihr euch, vielleicht war ich euch damals schon egal, vielleicht denkt ihr: „Na und, alles schon so lange her, kann die nicht einfach tot bleiben?“ Stimmt, ich bin tot. Habe ich mir auch anders vorgestellt, aber eine Sache ist gut daran ‒ ihr sitzt vor mir und hört zu. Also willkommen, willkommen in Deutschland (NUR EINE FRAU, 00:00:35- 00:01:14).
Die Protagonistin erzeugt durch die persönliche Ansprache der ZuschauerInnen Nähe und Verbundenheit. Außerdem erzählt sie, was ihr im Februar 2005 widerfahren ist, sodass die ZuschauerInnen genau wissen, wann die Tat begangen wurde und wer dafür verantwortlich war. Durch die Aussage „habe ich mir auch anders vorgestellt“ (NUR EINE FRAU, 00:01:04), wirkt es so, als ob die Protagonistin noch am Leben sei. Dies führt dazu, dass ZuschauerInnen den Fall nicht als abgeschlossen betrachten und emotional stärker betroffen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz audiovisueller Medien im Alltag von Jugendlichen und benennt das Ziel der Arbeit, den Einsatz von Filmen methodisch im Deutschunterricht zu begründen.
2. Die Bedeutung audiovisueller Medien im Deutschunterricht für den Erwerb kultureller Handlungs- und Filmlesefähigkeit: Dieses Kapitel erläutert den Stellenwert digitaler Medien und betont die Notwendigkeit, Filmbildung als Teil der Medienkompetenz curricular zu verankern.
3. Filmisches und literarisches Lernen mit dem Medium Film im Deutschunterricht: Hier wird die didaktische Einbindung des Films in Lehrpläne kritisch analysiert und das Filmkompetenzmodell der Länderkonferenz Medienbildung vorgestellt.
4. Planung von Filmunterricht und Kriterien bei der Filmauswahl: Der Abschnitt diskutiert pädagogische und formale Kriterien, die Lehrkräfte bei der Auswahl von Filmen für spezifische Altersgruppen berücksichtigen sollten.
5. Die Analyse des Spielfilms „Nur eine Frau“ (2019): Dieses Kapitel analysiert zentrale Aspekte wie Handlung, Genrezugehörigkeit, Montagestil und Symbolik sowie die Figurenkonstellation für ein tieferes Filmverständnis.
6. Didaktische Begründung des Spielfilms „Nur eine Frau“ (2019): Hier wird begründet, warum der Film trotz seiner kontroversen Thematik geeignet ist, fachübergreifende Lernprozesse und die Auseinandersetzung mit Grundwerten zu initiieren.
7. Der Spielfilm „Nur eine Frau“ (2019) im Deutschunterricht ‒ Ein Praxisbeispiel aus dem Filmunterricht: Der Autor stellt das konkrete Projekt in einer 9. Klasse vor, inklusive Phasenmodell und Zielsetzung der Unterrichtsreihe.
8. Forschungsdesign und -methode des Filmprojekts: Dieses methodische Kapitel beschreibt die Untersuchung der Schülerergebnisse durch qualitative Inhaltsanalyse der erstellten Filmjournale.
9. Diskussion der Ergebnisse: Die Resultate der Unterrichtserprobung werden reflektiert und zeigen die Chancen sowie die Grenzen beim Fördern von Filmlesefähigkeit auf.
10. Fazit und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Bedeutung von Filmen im Deutschunterricht zusammen und gibt Empfehlungen für weiterführende fachdidaktische Forschungen.
Schlüsselwörter
Filmbildung, Filmlesefähigkeit, Deutschunterricht, Literaturdidaktik, Nur eine Frau, Ehrenmord, Medienkompetenz, Bildungsauftrag, Filmanalyse, narrative Erzählstruktur, Dokudrama, kulturelle Handlungsfähigkeit, Sekundarstufe I, Mediendidaktik, Filmjournal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob und wie der Spielfilm „Nur eine Frau“ (2019) im Deutschunterricht der Sekundarstufe I eingesetzt werden kann, um filmische und literarische Lernprozesse zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der Filmdidaktik, die Analyse filmischer Gestaltungsmittel (wie Montage und Kameraperspektive) sowie die Verbindung von Filmverstehen mit literarischen Kompetenzen wie dem Perspektivwechsel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist zu evaluieren, ob ein kontroverser Film über einen sogenannten Ehrenmord geeignet ist, bei Schülern Kompetenzen in der Filmanalyse aufzubauen und gleichzeitig das Fremdverstehen sowie das Nachdenken über gesellschaftliche Werte anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Untersuchung gewählt?
Der Autor führte ein Unterrichtsprojekt in einer 9. Klasse durch und wertete die gesammelten Schüler-Filmjournale sowie Briefe an die Regisseurin mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Filmanalyse, die didaktische Begründung des gewählten Films sowie die detaillierte Darstellung und Auswertung der erprobten Unterrichtsreihe.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Filmbildung, Filmlesefähigkeit, medienbezogene Kritikfähigkeit, literarisches Lernen, Perspektivübernahme und Dokumentarcharakter von Filmen.
Wie unterscheidet sich das Genre „Dokudrama“ im Film von anderen Formen?
Das Dokudrama vermischt laut der Arbeit faktuale Elemente (authentisches Material, reale Ereignisse) mit fiktionaler Inszenierung (schauspielerische Darstellung, narrative Struktur), wodurch eine besondere Form der Authentizität und emotionalen Nähe erzeugt wird.
Welche Herausforderungen bei der Filmanalyse wurden bei den Schülern festgestellt?
Viele Schüler konnten filmische Mittel zwar benennen, hatten jedoch Schwierigkeiten, deren spezifische Wirkung, z. B. die Bedeutung einer bestimmten Kameraeinstellung für die dramaturgische Handlung, tiefgründig zu interpretieren.
- Arbeit zitieren
- Yeganeh Khodaparast (Autor:in), 2023, Filmisches und literarisches Lernen am Beispiel des Spielfilms "Nur eine Frau" (2019), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1520134