Molières Le Misanthrope

Problematik der Komödie auf Grund der Bedrohung der Enthebbarkeit des Scheiterns


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Le misanthrope : Problematik der Komödie

2. Bedingungen des Komischen
2.1. Überblick über Elemente der Komik
2.2. Die Enthebbarkeit des komischen Falls

3. Aspekte der Bedrohung der Enthebbarkeit in Le misanthrope
3.1. „Schmerzendes“ Scheitern
3.2. Isolation des komischen Faktums von der Vorgeschichte des Scheiternden
3.3. Konsequenzen des Scheiterns auf die Lebenswelt des Helden
3.4. Reintegration des komischen Helden in die Gesellschaft
3.5. Stabilisierung der gegebenen Handlungswelt

4. Die Wiederherstellung der Enthebbarkeit

Bibliographie

1. Le misanthrope : Problematik der Komödie

Molières Stück Le misanthrope ou l’atrabilaire amoureux, uraufgeführt am 4. Juni 1666 in Paris stellt wohl eines seiner am meisten diskutierten Werke dar. So wird in der Literatur wiederholt auf die hohe Komplexität des Stückes sowie seine kontroverse Interpretationsgeschichte hingewiesen (Stenzel 1987, 192).

Einerseits bezieht sich diese Diskussion auf den semantischen Inhalt des Werkes aus einer politischen und sozialen Perspektive (Mahler 1988) sowie auf die Suche nach autobiographischen Zügen, die über das Leben, die Gefühle und das Menschenbild des Autors Aufschluss geben sollen (Stenzel 1987, 192). Andererseits geht es darum, gattungstheoretisch die Komik des Misanthrope zu untersuchen und herauszufinden, welche Elemente dazu führen, dass das Werk komisch wirkt bzw. welche Komponenten des Stücks der Komik entgegen- oder sogar tragisch wirken (Gutkind 1928, 112 ff.). Beide Perspektiven sind freilich nicht losgelöst voneinander untersuchbar, sondern gehen ineinander über und bedingen sich gegenseitig.

Ein Grund für die eingehende Analyse der Komik des Misanthrope sind die gemischten, eher negativen Reaktionen des Publikums von la cour et la ville bei der Premiere des Stücks. Diese Reaktionen waren vermutlich teilweise durch die Aufführungspraxis ausgelöst: offenbar hat Molière, der wie in früheren Stücken die Hauptfigur selbst dargestellt hat, den Alceste bei weitem nicht so komödiantisch ausgespielt, wie das Publikum es von ihm gewohnt war und seine Zuschauer damit vor den Kopf gestoßen (Mahler 1988, 295). Doch bis in die heutige Zeit führen sich diese gemischten Reaktionen fort. Offenbar wohnt dem Misanthrope trotz einer Fülle an Elementen der klassischen Komik eine gewisse Problematik inne, die dazu führt, dass das Stück oft nicht als ein rein komisches Werk aufgefasst wird.

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass ein wichtiger Grund für die Problematik des Misanthrope als Komödie darin besteht, dass die Enthebbarkeit des komischen Scheiterns, die eine Grundvoraussetzung für die Komik darstellt, an vielen Stellen des Stückes bedroht ist.

Zu diesem Zweck wird zunächst ein Überblick über einige klassische Elemente der Komik die im Misanthrope ihre Anwendung finden sowie eine theoretische Definition der Enthebbarkeit komischen Scheiterns gegeben. Im Anschluss daran wird die These in ihren Teilbereichen unter Zuhilfenahme der Komiktheorie Stierles sowie weiterer gattungstheoretischer Texte anhand konkreter Szenen argumentiert. Abschließend wird dargestellt, wodurch die Enthebbarkeit in Abhängigkeit von der Zuschauerperspektive trotz ihrer Bedrohung an einigen Stellen wieder hergestellt werden kann.

2. Bedingungen des Komischen

2.1. Überblick über Elemente der Komik

Molière hat Alceste, den Protagonisten des Misanthrope, mit einer Fülle an klassischen Elementen der Komik versehen. Einige dieser Elemente sollen hier zum späteren Verständnis als Grundbegriffe kurz erläutert werden.

Grundsätzlich besteht eine Komödie aus Syntagma und Paradigma, wobei das Syntagma die umfassende, anderweitige Handlung bezeichnet, in die sich das Paradigma als Reihe von komischen Handlungen eingliedert. Warning greift bei seinen Hypothesen über die Theorie des Komischen auf die Poetik des Aristoteles zurück, wonach das komische Paradigma sich aus der Imitiatio lächerlicher Fehlhandlungen (hamartemata) zusammensetzt, die „weder ihrem Träger noch dessen Umwelt ernsthaften Schaden zufügt“ und verweist desweiteren auf den Tractatus Coisilianus, einem spätantiken Katalog lächerlicher Abweichungen von der Norm (Warning 1976, 285). Beispielsweise durch die vollkommene Ablehnung der zeitgenössischen, höfischen Verhaltensweisen und dem Ideal des honnête homme durch den Protagonisten Alceste greift Molière im Misanthrope auf diese lächerliche Normabweichung zurück.

Stierle definiert die Fremdbestimmtheit des Handelns, durch welche das Scheitern einer Handlung hervorgerufen wird als eine wesentliche Quelle des Komischen (Stierle 1976, 38 ff.). Auch dieses Element findet sich in den Verhaltensweisen des Alceste, dessen ganzes Handeln und Denken fremdbestimmt wird durch das ihm innewohnenden Metasubjekt der Misanthropie einerseits, und durch seine Liebe zu Célimène, die all seinen Idealen widerspricht, andererseits.

Diese Fremdbestimmtheit Alcestes führt zu einem der Komikkriterien, die Henri Bergson hervorhebt: der répétition (Bergson 1972, 555). Auch Warning betont die Wichtigkeit der Wiederholung für die Komödie (Warning 1976, 290). Zu beobachten ist die Komik der répétition im Werk Molières an vielen Stellen, so z.B. als Alceste immer wieder den Vorsatz fasst, mit Célimène ein klärendes Gespräch zu führen und bis zum Ende des Stückes jedes Mal seinen romantischen Gefühlen für letztere erliegt (I, 2 V. 241 ff.; IV, 2 V. 1274 ff.; V, 2 V. 1603 ff.).

Weiteres für diese Diskussion wichtiges von Stierle erläutertes Element der Komik ist das Scheitern der Sprachhandlung. Die Sprache, so Stierle, bietet durch ihre Konventionalität ein besonders großes Potenzial für komisches Scheitern (Stierle 1976, 254, 255). Dieses Scheitern führt schließlich zu einem Gegensinn, der sich in der Komödie gegen den komischen Helden richtet. Im Misanthrope scheitert Alceste sprachlich zu Beginn von I, 2, als er vergeblich versucht, das Freundschaftsangebot Orontes auszuschlagen, dieser die Rede Alcestes jedoch lediglich konventionskonform als Zeichen von Höflichkeit und Bescheidenheit interpretiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Abwehrversuch Alcestes scheitert und verkehrt sich ins Gegenteil, als Oronte ihm nun nicht nur die Freundschaft anbietet, sondern in der Folge zusätzlich um Kritik für sein Sonnett bittet.

Ein weiteres Element der Komik, das Warning zitiert, sind die lazzi, die der Commedia dell’arte entstammen (Warning 1976, 288). Im Gegensatz zu anderen Werken Molières, wie z.B. L’école des femmes oder Le médecin malgré lui, wird im Misanthrope weitestgehend darauf verzichtet; der einzige physische lazzo findet sich in IV, 4 V. 1473/74, als Alcestes Diener Du Bois vermutlich länger als nötig nach der Nachricht an Alceste sucht und somit dessen Abgang verzögert. Neben der Bedrohung der Enthebbarkeit ist der Verzicht auf diese komödiantischen Einlagen sicherlich als ein Grund für den geringen Erfolg des Misanthrope beim zeitgenössischen Publikum von la cour et la ville zu werten.

2.2. Die Enthebbarkeit des komischen Falls

Bereits in der aristotelischen Poetik wird hervorgehoben, dass ein Scheitern nur dann lächerlich wirken kann, wenn es sowohl für den Scheiternden, als auch für die ihn umgebenden Personen keine weiteren Folgen nach sich zieht. Komisches Scheitern schmerzt nicht und ist durch seine Konsequenzlosigkeit nichtig (Warning 1976, 285).

Diesen Punkt führt Stierle weiter aus: er proklamiert, dass alle zuvor genannten Elemente der Komik nur unter der Bedingung der Enthebbarkeit des Scheiterns komisch und nicht etwa tragisch wirken. Enthebbar wird das Scheitern, wenn es sich als komisches Faktum isolieren lässt: Voraussetzung für die Enthebbarkeit ist demnach, dass dieses Scheitern losgelöst sowohl von der vorangehenden Lebensgeschichte, als auch von der Zukunft der scheiternden Figur ist. Sobald eine dritte Person sich durch die Umstände des Scheiterns aufgerufen fühlt, dem Scheiternden zu helfen oder Mitleid mit ihm zu haben, ist das Scheitern nicht mehr als enthebbar zu betrachten. Durch die Enthebung, so Stierle „wird das komische Faktum irrealisiert“ (Stierle 1976, 252).

Weitere Voraussetzungen für die Enthebbarkeit des komischen Faktums ist laut Stierle die tatsächliche oder zumindest potenzielle Reintegration des komischen Helden in die Gesellschaft.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Molières Le Misanthrope
Untertitel
Problematik der Komödie auf Grund der Bedrohung der Enthebbarkeit des Scheiterns
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V152028
ISBN (eBook)
9783640637904
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Molière, Komödie, Enthebbar, Scheitern, komischer Held, Misanthrope, Misanthrop, Komik, Lachen
Arbeit zitieren
Christina Stanislawski (Autor), 2010, Molières Le Misanthrope, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152028

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