Reformmodelle in der Krankenversicherung: Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie


Bachelorarbeit, 2010

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Probleme im derzeitigen Krankenversicherungssystem
2.1 Erosion der Finanzierungsbasis
2.2 Die lohnbezogene Finanzierung
2.3 Zweigeteilter Versicherungsmarkt
2.4 Moral Hazard Problematik
2.5 Zukünftige Probleme durch die demographische Entwicklung

3 Überblick über die Reformvorschläge

4 Bürgerversicherung
4.1 Merkmale
4.1.1 Modell der SPD
4.2 Mögliche Probleme
4.2.1 Veränderung der Ausgabenstruktur
4.2.2 Übergangsprobleme PKV
4.2.3 Mobilität von Kapitaleinkommen

5 Gesundheitsprämie
5.1 Merkmale
5.2 Die mögliche Entlastung des Faktors Arbeit
5.2.1 Auswirkungen der Einführung eines Kopfpauschalen-Systems auf die individuelle Grenzbelastung
5.2.1.1 Analyse von Buchholz (2005)
5.2.1.2 Analyse von Haufler (2004)
5.3 Vorteile auf der Ausgabenseite
5.3.1 Stärkung des Wettbewerbs
5.3.2 Selbstbehalttarife

6 Das Modell der Pauschalen Bürgerversicherung
6.1 Äquivalenz zwischen Bürgerversicherung und Kopfpauschale
6.2 Merkmale der Pauschalen Bürgerversicherung

7 Schlußbetrachtung

1 Einleitung

In Anbetracht der Probleme im deutschen Krankenversicherungssystem wurde 2002 die „Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungs- systeme“ einberufen („Rürup-Kommission“). Die Mitglieder konnten sich nicht auf ein Modell einigen und als Ergebnis entwickelten sich zwei unterschiedliche Modelle: Die Bürgerversicherung und die Kopfpauschale bzw. Bürgerprämie. Im Folgenden werden die Begriffe Gesundheitsprämie und Kopfpauschale synonym verwendet.

Das politische Lager ist in zwei Seite gespalten. SPD und Gewerkschaften fa- vorisieren die Bürgerversicherung, bei der alle Bürger in das Versicherungssystem integriert sind und einen einkommensabhängigen Beitrag bezahlen. FDP und Tei- le der CDU/CSU befürworten die sogenannten Gesundheitsprämie, bei der jeder Bürger einen fixen, einkommensunabhängigen Beitrag bezahlt und Geringverdiener über einen Steuer-Transfer-Mechanismus bezuschusst werden.

Diese Arbeit soll die Merkmale dieser beiden Konzepte darstellen, ihre Auswir- kungen analysieren und Gemeinsamkeiten aufdecken. Schwerpunkt der Arbeit ist die Analyse von der Finanzierungsseite her.

Kapitel 2 nennt die bedeutsamsten Probleme des deutschen Krankenversiche- rungssystems und Kapitel 3 kategorisiert die Reformoptionen. Kapitel 4 beschreibt die Merkmale und Auswirkungen der Bürgerversicherung. Dabei wird im Detail auf das von einer SPD-Arbeitsgruppe entworfene Modell einer solidarischen Bürgerver- sicherung eingegangen. Kapitel 5 beschreibt die Merkmale der Gesundheitsprämie. Dabei wird im Detail auf die oft propagierte Entlastung des Faktors Arbeit einge- gangen und anhand theoretischer Ergebnisse gezeigt, unter welchen Bedingungen mit einer Entlastung zu rechnen ist. Kapitel 6 stellt das Modell der Pauschalen Bür- gerversicherung vor, das als Kombination von Bürgerversicherung und Gesundheits- prämie verstanden werden kann. Als ein Beispiel einer Kombination beider Konzepte wird das Modell der Pauschalen Bürgerversicherung dargestellt. Kapitel 7 fasst die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit zusammen und schließt mit einer persönlichen Einschätzung zu den Reformoptionen im deutschen Krankenversicherungssystem.

2 Probleme im derzeitigen Krankenversicherungs- system

Auch wenn es keinen gesellschaftlichen Konsens über die richtige Lösung der Proble- me des derzeitigen Krankenversicherungssystemes gibt, so herrscht doch weitgehende Einigkeit über die Notwendigkeit einer Reform. Wie in allen Bereichen des deutschen Sozialstaates - hier ist neben der Krankenversicherung vor allem die Problematik in der Rentenversicherung zu nennen - steht auch das Krankenversicherungssystem seit einiger Zeit massiv unter Druck. Der Bundeszuschuss stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an1 und es ist absehbar, dass das derzeitige System keine Lösung für die jetzigen und vor allem nicht für die zukünftigen Probleme ist.

Problematisch ist auch das deutliche Anwachsen der Beitragssätze zur Gesetzli- chen Krankenversicherung (GKV). Lagen diese 1970 noch bei 8,2 Prozent des bei- tragspflichtigen Einkommens, so sind sie im Jahr 2010 bereits auf 14,9 Prozent2 gestiegen. Dies ist eine Steigerung um 81,7 Prozent.

In der allgemeinen Diskussion wird oft argumentiert, dass ein Problem des deut- schen Krankenversicherungssystem die gestiegenen Ausgaben wären. Es ist anzu- merken, dass die Steigerung der Ausgaben nicht außergewöhnlich hoch ist. Tabelle 1 zeigt, dass die Entwicklung mehr oder weniger parallel zur Steigerung des Brut- toinlandsproduktes, d.h. ungefähr im Rahmen der Inflation, lag. Andererseits ist es nicht zu verleugnen, dass der medizinisch-technische Fortschritt, der Behandlungen aufgrund immer komplexerer Behandlungsmethoden verteuert, die Finanzierung des Krankenversicherungssystems erschwert.

Tabelle 1

Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datenquelle: Daten des Gesundheitsministerium, BMG 2009

Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Lebenserwartung und den Quotienten aus den gesamten Gesundheitsausgaben und dem BIP in ausgewählten Industriestaaten. Die Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 10,5 Prozent sind jedoch deutlich über dem Durchschnitt von 9,6 Prozent. Diese Zahl ist innerhalb der verglichenen Länder nur in Frankreich, der Schweiz und den USA3 höher.

Das Deutsche Gesundheitssystem ist also verhältnismäßig teuer. Dies ist an sich jedoch noch nichts negatives, könnte daraus eine höhere Lebenserwartung resultie- ren. Betrachtet man jedoch die Lebenserwartung ab der Geburt in Deutschland, so sieht man dass diese mit 79,8 Jahren leicht unter dem Durchschnitt von 80,2 Jahren liegt. Deutschland gibt also deutlich mehr aus als andere Länder, und trotz- dem ist die Lebenserwartung unterdurchschnittlich. Dies spricht für eine ineffiziente Verwendung der Einnahmen.

Tabelle 2

Gesundheitsausgaben und Lebenserwartung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datenquelle: OECD Health Data 2009 - Version: November 09

2.1 Erosion der Finanzierungsbasis

Hauptprobleme des deutschen Gesundheitssystem ist die Wachstumsschwäche der Finanzierungsbasis. Breyer et al. (2004, S. 89f.) argumentieren, dass sich dies in der unterschiedlichen Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes pro Erwerbstätigen im Vergleich zu den beitragspflichtigen Einnahmen je Mitglied begründet. Seit Anfang der 1980er steigt das BIP pro Erwerbstätigem weit stärker an als die Finanzierungs- basis. Folglich sind die Zuwachsraten anderer Einkommensarten, wie z.B. Kapital- erträge oder Miet- und Pachteinnahmen höher. Da diese nicht zur Finanzierung der GKV herangezogen werden, wirkt sich das Anwachsen dieser Einkommensquellen negativ auf die Finanzierungsbasis aus. Auch die anhaltende Massenarbeitslosigkeit und die dadurch ausfallenden Beiträge belastet das GKV-System.

2.2 Die lohnbezogene Finanzierung

Im gegenwärtigen System der deutschen GKV werden die Beiträge prozentual vom Bruttoarbeitslohn erhoben. Dadurch sind die Beiträge direkt an die Löhne gekop- pelt und verteuern somit den Faktor Arbeit. Dieser führt zu Verzerrungen auf dem Arbeitsmarkt. Es entsteht ein Excess Burden der dazu führt, dass das Arbeitsan- gebot unter dem optimalen Level liegt und Wohlfahrtsverluste entstehen. Vor allem der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung spricht sich seit langem regelmäßig für eine Entlastung des Faktors Arbeit aus.

Ein weiter Kritikpunkt der lohnbezogenen Finanzierung ist die Besserstellung von Personen, die ihr Einkommen aus anderen Einkünften als des Lohnes bezie- hen (z.B. Kapitaleinkommen, Mieteinkünfte). Betrachtet man zwei Personen mit selbem, jedoch aus unterschiedlichen Quellen generierten Einkommens, sieht man, dass derjenige, der vor allem Lohneinkommen erhält verhältnismäßig höhere Beiträ- ge zur GKV bezahlen wird als der, der den Großteil aus anderen Einkommensarten bezieht.

2.3 Zweigeteilter Versicherungsmarkt

Ein Charakteristikum des deutschen Krankenversicherungsmarktes ist die geschicht- lich gewachsene Zweiteilung des Krankenversicherungsmarktes in gesetzliche und private Krankenkassen.

Im jetzigen System ist es Personen, deren Einkommen die Versicherungspflicht- grenze (4.162,50 Euro pro Monat) übersteigt sowie bestimmten Berufsgruppen (v.a. Selbständige) erlaubt, sich der Pflicht zur gesetzlichen Versicherung zu entziehen und sich privat zu versichern. Momentan sind ca. 90 Prozent gesetzlich und 10 Pro- zent privat versichert. Gesetzliche Versicherung erheben lohnabhängige Beiträge, private risikoabhängige Beiträge. Durch die Wahlfreiheit für oben angeführte Perso- nengruppen entsteht die Gefahr einer Risikoentmischung. Der Abschluss einer pri- vaten Versicherung ist vor allem für Personen mit geringem Erkrankungsrisiko und damit verbundenen geringen Gesundheitskosten und hohem Einkommen lohnend. Lukrativ ist der Wechsel vor allem dann, wenn es keine (in der GKV beitragsfrei) mitzuversichernde Familienangehörige gibt. Durch den Wechsel dieser ökonomisch sehr leistungsfähigen Personen wird die Finanzierungsbasis ohne Grund verkleinert und dadurch der Solidarausgleich in der GKV geschwächt. Der Sachverständigenrat argumentiert, dass es durch die Trennung zu „allokativen und distributiven Verwer- fungen“kommt (Sachverständigenrat (2008), Ziffer 678)

2.4 Moral Hazard Problematik

Viele Versicherungsmärkte sind durch die Moral Hazard Problematik (Verhaltens- risiko) gekennzeichnet. Ursache für diese Problematik ist, dass durch die Vollversi- cherungen und die daraus resultierende „kostenlose“Behandlung Anreize entstehen zu wenig Bemühungen in die Vermeidung der Notwendigkeit einer Behandlung zu stecken (Moral Hazard ex ante) oder im Schadensfall die Ressourcen übermäßig zu beanspruchen (Moral Hazard ex post).

Tabelle 3 veranschaulicht Daten, die Auskunft über das Ausmaß dieses Verhal- tens in Deutschland und anderen Industriestaaten. So deutet eine hohe Anzahl von Arztbesuchen sowie eine große Zahl an Krankenhausbetten darauf hin, dass die Res- sourcen der Gesundheitsversorgung stark ausgelastet sind. Die letzte Variable gibt Auskunft über die Höhe des Anteils an den Behandlungskosten, den die Versicher- ten selbst tragen müssen. Ist dieser Wert relativ hoch, müssen die Versicherten einen höheren Teil der Behandlungskosten selbst tragen. Es ist anzunehmen, dass dadurch der Anreiz zur übermäßigen Beanspruchung der Ressourcen sinkt. Man sieht, dass Deutschland mehr Krankenhausbetten anbietet und die Einwohner öfters zum Arzt gehen als anderswo. Gesundheitsressourcen werden also in Deutschland übermäßig beansprucht werden. Ein weiteres Argument dafür ist, dass, der Selbstanteil in Pro- zent der Gesamtgesundheitsausgaben geringer ist als der Durchschnitt. Deutsche Versicherte müssen also relativ weniger an den Behandlungen selbst bezahlen, was zu oben angesprochenem Verhalten führen kann.

Tabelle 3

Beanspruchung von Ressourcen im Gesundheitssystem und Selbstanteile

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datenquelle: OECD Health Data 2009 - Version: November 09

2.5 Zukünftige Probleme durch die demographische Ent- wicklung

Ein Problem aller deutscher Sozialversicherungssystem ist der zukünftige demogra- phische Wandel. Aufgrund sinkender Geburtenquoten und vor allem durch die ge- stiegene Lebenserwartung, wird sich der Anteil älterer Einwohner in Deutschland in Zukunft immer mehr erhöhen.

[...]


1 Der Bundeszuschuss zur Gesetzlichen Krankenversicherung beträgt im Jahr 2010 11,8 Milliar- den Euro zuzüglich 3,9 Milliarden Euro zur Kompensation krisenbedingter Mindereinnahmen in der GKV (Deutscher Bundestag, Haushaltsgesetz 2010, S. 2072f)

2 Dabei teilen Arbeitnehmer und Arbeitgeber 14 Prozent paritätisch untereinander auf, 0,9 Prozent sind vom Arbeitnehmer selbst zu tragen.

3 Der herausstechende Wert in den Vereinigten Staaten ist in großem Maße durch die hohe Zahl an Klagen wegen Behandlungsfehlern bedingt.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Reformmodelle in der Krankenversicherung: Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie
Hochschule
Universität Konstanz  (Wirtschaftsfakultät)
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V152071
ISBN (eBook)
9783640640423
ISBN (Buch)
9783640640287
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krankenversicherungssystem, Kopfpauschale, Gesundheitsprämie, Bürgerversicherung, GKV
Arbeit zitieren
Matthias Müller (Autor), 2010, Reformmodelle in der Krankenversicherung: Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152071

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