Analyse und Vergleich einer französischen und einer deutschen Rede im Hinblick auf ihre prosodischen Merkmale


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beschreibung des Höreindrucks
2.1 Wirkung
2.2 Struktur

3 Analyse
3.1 Charles de Gaulle: Appel du 22 juin
3.1.1 Sprechgeschwindigkeit
3.1.2 Pausen
3.1.3 Intonation
3.2 Oscar Lafontaine: Bundestagsrede zum Bundeshaushalt
3.2.1 Sprechgeschwindigkeit
3.2.2 Pausen
3.2.3 Intonation
3.3 Vergleich der Analyseergebnisse

4 Fazit

5 Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur

6 Anhang : Transkriptionen
6.1 Charles de Gaulle : Appel du 22 juin
6.2 Oscar Lafontaine : Bundestagsrede zum Bundeshaushalt

1 Einleitung

Die gesprochene Sprache hat sich in den letzten Jahren als ein zentraler Aspekt der linguistischen Forschung etabliert. In dem Seminar „Gesprochene Sprache in der Romania“ haben wir dieses aktuelle Thema aufgegriffen und französische, spanische, italienische und deutsche Sprachdaten im Hinblick auf die enthaltenen Merkmale untersucht, wie sich die gesprochene von der geschriebenen Sprache unterscheidet.

In dieser Hausarbeit analysiere ich eine französische und eine deutsche Rede auf ihre prosodischen Merkmale hin, wobei ich mich auf Sprechgeschwindigkeit, Pausen sowie Intonation konzentrieren werde. Dabei untersuche ich, inwieweit die Redner die Prosodie einsetzen, um Lexik und Syntax ihres Vortrags zu unterstützen. Anschließend werde ich aus meinen Ergebnissen folgern, ob es sich bei den Reden um einen gesprochenen oder einen geschriebenen Text handelt.

Bei der französischen Rede handelt es sich um den « appel du 22 juin 1940 » von Charles de Gaulle. Mit dieser Rede sprach de Gaulle von London aus über den Radiosender BBC zum französischen Volk und appellierte an dieses, trotz der Besetzung Paris’, die einige Tage zuvor stattgefunden hatte, weiterzukämpfen. Frankreich habe zwar eine Schlacht verloren, nicht jedoch den Krieg. In Frankreich konnte man diesen Appell zuerst am 18. Juni 1940 um 19 Uhr hören, aufgezeichnet wurde allerdings erst der « appel du 22 juin 1940 ».[1]

Als deutsche Rede habe ich einen Ausschnitt aus Oscar Lafontaines Bundestagsrede zum Bundeshaushalt 2008 vom 12. September 2007 gewählt. Hier geht es um die damalige außenpolitische Situation: Der Redner übte diesbezüglich Kritik an der Regierung und forderte eine neue Außenpolitik. Die Rede wurde im Übrigen zur Rede des Jahres 2007 gekürt.

In Kapitel 3.3 werde ich die Ergebnisse der beiden Analysen miteinander vergleichen, bevor ich meine Arbeit mit einem Fazit beende[s1] .

2.2 Beschreibung[s2] des Höreindrucks

2.1 Wirkung

Die Rede von de Gaulle scheint zunächst relativ gleichmäßig, vordergründig vielleicht sogar eintönig zu sein. De Gaulle spricht sehr langsam und kontrolliert. Er macht sehr viele Pausen, vor allem innerhalb der Sätze, die offensichtlich bewusst eingesetzt werden. Diese Pausen scheinen im Lauf der Rede jedoch kürzer zu werden.

… De Gaulles Stimme scheint im Verlauf der Rede geringfügig höher zu werden. Er spricht sehr betont, fast schon akzentuiert, was er er durch Lautstärke und Dehnungen erreicht und was zum Ende seines Beitrags hin mehr wird. Ein bisschen klingt es so, als wolle er seine Zuhörer beschwören. Die Sprechgeschwindigkeit scheint im Verlauf der Rede ebenfalls leicht anzuziehen. In der Musik würde man hier von einem langsam aufgebauten Crescendo sprechen. Insgesamt bekommt man beim ersten Hören den Eindruck, dass die Rede rhetorisch sehr durchdacht und strukturiert ist.

Lafontaine spricht relativ schnell. Er spricht laut, akzentuiert und betont deutlich. Auffallend ist zudem seine Wortwahl: Einerseits benutzt er Fachtermini (z.B. Enduring Freedom, Satz 13), andererseits weist sein Vortrag an mehreren Stellen umgangssprachliche Ausdrücke auf (z.B. sonst wo, Satz 25, oder vorbeimogeln, Satz 14); teilweise sind die Sätze auch nicht vollständig (z.B. Satz 11: „Dasselbe gilt auch für Afghanistan.“). Dies vermittelt den Eindruck, Lafontaine halte keine vorbereitete, sondern eine spontane Rede. Zudem ist bei ihm Emotionalität spürbar; er wirkt energisch, engagiert, teilweise auch, durch die Lautstärke bedingt, aggressiv.

2.2 Struktur

Die Rede von Charles de Gaulle läuft mehr oder weniger durch und wird nicht unterbrochen. Dies ist darin begründet, dass es sich um eine Radioansprache handelt, die nicht von Zuhörern unterbrochen werden kann. Sie dauert 347 Sekunden.

Demgegenüber steht der Ausschnitt aus der Bundestagsrede zum Bundeshaushalt 2008 von Lafontaine, die er „live“ im Deutschen Bundestag hielt. Die gesamte Rede dauerte 20 Minuten 15 Sekunden; der ausgewählte Ausschnitt steht am Ende des Vortrags und hat eine Länge von 169 Sekunden. Der Vortrag wurde, wie es bei Reden im Bundestag üblich ist, immer wieder von Applaus unterbrochen und lässt sich so in kurze Redepassagen von einer Dauer zwischen 17 und 44 Sekunden gliedern.

Innerhalb eines Abschnitts sind Tempo und Lautstärke jeweils zu Beginn gemäßigt bzw. normal und steigern sich dann; dies ist oft der Fall, wenn ein Redeabschnitt zu Ende geht (z.B. Satz 10). Jedoch drosselt Lafontaine das Tempo auch; dies ist an den Stellen der Fall, an denen er Kritik an der Regierung übt bzw. ihr Vorwürfe macht (z.B. Sätze 6 und 7) oder an denen ein neuer Redeabschnitt beginnt (z.B. Satz 11).

Oftmals werden die Passagen zum Ende eines Abschnitts hin kürzer: So bestehen z.B. die Sätze 10, 18 und 26 aus nur noch acht Wörtern, die sehr betont und mit starkem Druck artikuliert werden. Die Lautstärke passt sich also dem Spannungsaufbau und der jeweiligen Steigerung bis zum Finale an.

3 Analyse

3.1Charles de Gaulle: Appel du 22 juin 1940

3.1.1 Sprechgeschwindigkeit

Hört man sich die ersten Sätze von Charles de Gaulles « appel du 22 juin

1940 » an, fällt auf, dass das Sprechtempo relativ langsam ist und sich nicht wesentlich zu verändern scheint. Bei einer Messung der Sprechgeschwindigkeit als Durchschnittswert über den gesamten Text, jedoch ohne Sprechpausen zwischen den Abschnitten, habe ich, mit Hilfe der Software Praat, eine Artikulationsrate von 270 Silben pro Minute (4,51 Silben pro Sekunde) ermittelt.

Betrachtet man nun beispielsweise die eingeschobene Infinitivgruppe im ersten Satz (« après avoir demandé l’armistice »), so hat diese einen untergeordneten Status und müsste daher normalerweise schneller gesprochen werden (Schwitalla 2006: 73). Diesen Eindruck hat der Hörer zunächst nicht. Bei einer Messung der Sprechgeschwindigkeit dieser Einheit stellt sich heraus, dass der Satz insgesamt eine Sprechgeschwindigkeit von 5,82 Silben pro Sekunde aufweist; der erwähnte Einschub hingegen wird mit 6,76 Silben pro Sekunde deutlich schneller gesprochen. Dies bedeutet, dass de Gaulle den syntaktischen Aufbau des Satzes in der gesprochenen Sprache durch das Sprechtempo umsetzt.

Ein ähnliches Phänomen ist auch in Satz 14 zu beobachten: De Gaulle spricht den gesamten Satz in einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4,38 Silben pro Sekunden; den eingeschobenen Relativsatz (« qui nous ont fait battre par cinq mille avions et six mille chars ») hingegen artikuliert er mit 4,41 Silben pro Sekunde geringfügig schneller.

Auch lexikalische Merkmale setzt de Gaulle phonisch um. So habe ich in Satz 9 eine durchschnittliche Sprechgeschwindigkeit von 3,85 Silben pro Sekunde ermittelt; das Hörersignal „ Oui “ jedoch, das den Satz einleitet, hat lediglich eine Geschwindigkeit von 2,16 Silben pro Sekunde.

In Satz 18, eine Frage und damit Kontaktsignal, verhält es sich ähnlich: Diese weist eine Sprechgeschwindigkeit von 3,99 Silben pro Sekunde auf, was bedeutend langsamer ist als die durchschnittliche.

Abschließend werde ich im Hinblick auf die Sprechgeschwindigkeit noch zwei Sätze vom Ende der Rede untersuchen: Satz 26 ist ein klarer Appell an die Franzosen, sich General de Gaulle anzuschließen und ihm zu folgen. Man könnte vermuten, dass de Gaulle diesen Satz in einem Tempo gesprochen hat, das über dem Durchschnitt liegt, um seine Hörer mitzureißen. Dies ist auch tatsächlich der Fall: Die Messungen ergeben eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 5,01 Silben pro Sekunde.

Satz 27 (« Vive la France libre dans l’honneur et dans l’indépendance! ») wirkt zunächst nicht wesentlich langsamer auf den Hörer. Eine Messung ergibt jedoch, dass die Sprechgeschwindigkeit mit 3,75 Silben pro Sekunde beträchtlich unter der durchschnittlichen Geschwindigkeit des gesamten Textes liegt.

De Gaulle kontrolliert sein Sprechverhalten stark. Er ist sich seines Rederechts sicher; er muss nicht verhindern, unterbrochen zu werden. Ein weiterer Grund für die von ihm gewählte Sprechgeschwindigkeit ist die Relevanz des Gesagten: Von Rednern als zentral empfundene Inhalte werden i.d.R. eher langsam gesprochen (Schwitalla 2006: 73). De Gaulle stufte die von ihm gesprochenen Inhalte als sehr wichtig ein und sprach daher auch Einheiten untergeordneten Status langsam, um sicherzugehen, dass das von ihm Gesagte möglichst von jedem Zuhörer verstanden wird.

3.1.2 Pausen

Pausen sind Phrasierungen, durch die Intonationseinheiten voneinander getrennt werden können (Meisenburg 1998: 164) und erhöhen den Eindruck von Langsamkeit (Schwitalla 2006: 72). Charles de Gaulle macht in seiner Rede viele Pausen. Deutlich wahrnehmen kann man diese beispielsweise in Satz 17:

(1) « Nul [Pause] ne peut prévoir [Pause] si les peuples [kleine Pause] qui sont neutres aujourd’hui, [Pause] le resteront demain. »

Die Pausenlängen dabei betragen 0,568, 0,960, 0,312 sowie 0,720 Sekunden. Laut Messungen ist noch eine weitere Pause vorhanden, die jedoch vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen wird (0,104 Sekunden innerhalb des Wortes resteront). Weiterhin habe ich in diesem Satz den Rede- und den Pausenanteil ermittelt: Die Messungen ergeben einen Redeanteil von 65,81 % und einen Pausenanteil von 34,19 %.

[...]


[1] http://www.charles-de-gaulle.org/pages/l-homme/dossiers-thematiques/1940-1944-la-seconde-guerre-mondiale/l-appel-du-18-juin/documents/l-appel-du-22-juin-1940.php (Stand: 09.03.2010)

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Details

Titel
Analyse und Vergleich einer französischen und einer deutschen Rede im Hinblick auf ihre prosodischen Merkmale
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Gesprochene Sprache in der Romania
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V152149
ISBN (eBook)
9783640638307
ISBN (Buch)
9783640638338
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prosodie, Rede, prosodisch, Analyse, Vergleich, de Gaulle, Lafontaine, Sprechgeschwindigkeit, Pausen, Intonation
Arbeit zitieren
Xandra Fritz (Autor:in), 2010, Analyse und Vergleich einer französischen und einer deutschen Rede im Hinblick auf ihre prosodischen Merkmale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152149

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