Mensch - Maschine, Maschine Mensch?

Die Rolle des Sports als Steigbügelhalter und Vorreiter bei der Entwicklung von Robotik und Künstlicher Intelligenz


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. „Alter Geist am Ende ?“ vs. Neuer „Geist“ durch künstliche Intelligenz ?

2. Citius – Altius - Fortius in Wirtschaft und Sport: Leistungsoptimierung und Profitmaximierung

3. Vorläufer des künstlichen Menschen

4. Der „Homo-Mensura-Satz“, „Amateure“ und weitere falsche Annahmen

5. Pars pro toto I: Zwei Beispiele zum Nachdenken

6. Pars pro toto II: Die Robo-Cups – Wie wird aus Sport wieder Spiel?

7. Finale

Literatur

1. „Alter Geist am Ende ?“ vs. Neuer „Geist“ durch künstliche Intelligenz ?

Was im Folgenden, auf wenigen Seiten zur Themenstellung entworfen und gesagt werden kann, wird am Ende vermutlich im Unentschieden bleiben müssen zwischen Skylla und Charybdis. Da gibt es einerseits der Position des Herbert George Wells[1], der 1945, noch vor den Atombombenabwürfen über Japan, seinen grundsätzlichen Zweifeln an der Überlebensfähigkeit der Menschheit Ausdruck gab und zu dem Schluss kam, die Frist des Homo Sapiens sei abgelaufen. Sein Buch “Mind at the End of its Tether” (1945), mit deutschem Titel: “Der Geist am Ende seiner Möglichkeiten[2] gibt davon beredtes Zeugnis.

Auf der anderen Seite haben wird es mit den erstaunlichen (und/oder auch furchterregenden) Vorstellungen und Thesen des amerikanischen Erfinders und Futuristen Raymond Kurzweil zu tun, der davon überzeugt ist, dass es „in nicht all zu ferner Zukunft zu einem evolutionären Bruch [kommt], bei dem der technische Fortschritt in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Nanotechnologie sowie Biotechnologie das Vermögen des menschlichen Geistes sprunghaft übertreffen wird. Es wird etwas gänzlich Neues entstehen, Arten von Superintelligenzen, die durch ihre Überlegenheit den rasanten technischen Fortschritt weiter (eventuell sogar exponentiell) beschleunigen.“[3]

Für Kurzweil, der die sogenannte Singularität [4] für 2045 vorhersagt, „das Ereignis also, hinter das wir von heute nicht weiter in die Zukunft schauen können, da dann artifizielle Intelligenz die menschliche überholen wird“[5], handelt es sich dabei a priori keineswegs um Schreckensvisionen in Verbindung mit Weltherrschafts- oder Endzeitszenarien. Dem „führenden Vertreter des Transhumanismus“[6] ist zunächst vielmehr die Vorstellung der prinzipiellen Möglichkeit von der Unsterblichkeit des Menschen weder fremd noch befremdlich. Diese Vorstellung wird nachvollziehbar, wenn man wie Kurzweil „den Menschen als informationsverarbeitende Intelligenz definiert, die noch an eine biologische Plattform gebunden ist, (..).“[7] Sobald aber der Umbruch erfolgt, technologische Singularität genannt, die laut Kurzweil schon im Jahre 2019 bevorsteht, wird menschliche Intelligenz auf die elektronische Plattform umgestellt sein und der Mensch damit potenziell unsterblich.[8]

Kurzweil ist derart überzeugt vom Eintreffen seiner Prognosen, dass er täglich bis zu 250 Aufbaumittel schluckt, um seinen Körper bis zum Erreichen der technologischen Singularität fit zu halten. Seine Lebenserwartung veranschlagt er auf maximal ca. 500 Jahre, um es anders auszudrücken: er selber wünscht nicht viel länger als 500 Jahre zu leben, denn dann könnte es aus intellektueller Sicht irgendwann langweilig werden.[9]

Man bedenke, dass alle diese Gedanken nicht etwa irgendeinem futurologischen Kabarett entnommen sind, sondern vielmehr Gegenstand aktueller Debatte. Kurzweils Modelle zur radikalen technologischen Beschleunigung beruhen u.a. auf dem von Gordon Moore 1965 erstmals formulierten „Gesetz“, welches ursprünglich besagte, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Nach Raymond Kurzweil ist das Mooresche „Gesetz“ (es ist eher Faustregel als Gesetz im streng wissenschaftlichen Sinne) indes nur ein Spezialfall eines allgemeineren Gesetzes, nach dem die gesamte technologische Evolution verläuft. Wenn das Potenzial einer speziellen Technologie ausgeschöpft ist, so wird sie von einer neuen abgelöst.[10] Nun scheinen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit den Propheten der künstlichen Intelligenz (zum Teil wenigstens) Recht zu geben: Zumindest die 1990 von Kurzweil getroffene Voraussage, Schachcomputer können Schachweltmeister besiegen, ist im Mai 1997 bei der historischen Partie „Deep Blue“ vs. Kasparow Wirklichkeit geworden.[11]

Nun kann man argumentieren, Kurzweils Optimismus bezüglich der Künstlichen Intelligenz sei eigentlich religiös begründet, habe seinen Ursprung im jüdischen Messianismus und selbst sein Glaube, dass es künftig des Ersatzsinnstifters, der Religion gar nicht mehr bedürfe, weil Transzendenz durch die rasante technologische Entwicklung irgendwann ausgedient haben werde, selbst dieser Glaube sei eben auch wiederum nur Glaube und neue Religion. Dabei könnte man es bewenden lassen, in der Annahme, auch die neue Religion, eine „Mischung aus Wassermannzeitalter und (..) Zeugen Jehovas“ werde „(..) ihre Endzeitverheißungen (..) verschieben“[12] müssen.

Dagegen steht der gewichtige Einwand, der da lautet, in den Vorstellungen Kurzweils komme eben nicht nur eine persönliche Meinung zum Ausdruck, vielmehr „ein geistiger Strom innerhalb unserer Kultur, der sich mit Macht zu realisieren sucht“.[13] Werden wir also der Dinge harren müssen, die da auf uns zukommen mögen? Werden wir einfach sehen, was da in der Zukunft auf uns wartet?

Damit uns beim Warten nicht langweilig wird, damit es „kurzweilig“ bleibt, werfen wir doch, nach einem kurzen Ausflug zu den entstehungsgeschichtlichen Zusammenhängen zwischen Industrialisierung und der Herausbildung des Hochleistungssports, einen Blick auf die Vorläufer und frühen Erscheinungsformen des künstlichen Menschen, beginnend bei Homer, um anzukommen bei Robo-Cups und der Robo-WM, die in diesem Jahr 2010 in Singapur ausgetragen wird.

2. Citius – Altius - Fortius in Wirtschaft und Sport: Leistungsoptimierung und Profitmaximierung

Um im weiten Feld „Mensch – Maschine“ nicht über Fallstricke zu stolpern oder in Beliebigkeit zu enden, ist man gut beraten, sich an einem Oberbegriff zu orientieren, der zugleich als kleinster gemeinsamer Nenner taugt. Ob wir nun also definitorisch Automaten von Robotern oder Computern unterscheiden, Mutanten von Homunculi oder Golems, Cyborgs von Androiden oder Hightech-Gladiatoren, Nanotechnologie von genetischer oder biologischer Forschung, immer geht es bei der Anthropologie des künstlichen Menschen um den Versuch, „den natürlichen Menschen in irgendeinem Sinne [zu] überholen, übertreffen, überbieten, sowohl physisch als auch geistig.“[14] Es geht um also um die sogenannte „Anthropotechnik“, um „Anthropomaximierung“[15], die in einer Optimierungskultur wie der gegenwärtigen besonders gut gedeiht.

Und hier drängt sich die direkte Verbindung zum Hochleistungssport geradezu auf, in dem es bekanntermaßen ja um kontinuierliche Leistungssteigerung geht, um „citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) und um ein permanentes Hinausschieben der Leistungsgrenzen. Lassen sich da nicht auch a priori interessante Parallelen entdecken zum Wachstumsdiktat unserer Wirtschaftsordnung und einer quasi systemisch angelegten Profitmaximierung (die Kehrseite der Medaille sind dem Wahlvolk auferlegte Kürzungen und Sparprogramme wegen exorbitanter Schulden von Banken und Staaten), die inzwischen fast alle Bereiche des privaten wie öffentlichen Lebens erfasst hat?[16]

Die jüngere Geschichte des Sports in Europa, ja in der ganzen westlichen Welt steht in unmittelbarer Verbindung mit der ökonomischen und soziokulturellen Entwicklung seit dem Beginn von Industrialisierung und Urbanisierung. Die Herausbildung des modernen Sports, (das, was wir heutzutage unter „Sport“ verstehen[17] ) hat sich erst im 19. Jahrhundert vollzogen. In ihrer fundierten Arbeit „Körperkultur und Moderne, Robert Musils Ästhetik des Sports“ zeigt Anne Fleig auf, wie sich „die spielerische Lust an der schönen, zweckfreien Bewegung“ im Zuge der Industrialisierung allmählich verflüchtigte und abgelöst wurde durch eine Sportkonzeption, die basierte und weiter basiert auf technisch-naturwissenschaftlicher Rationalität, welche eine zunehmende „Technisierung der Messverfahren, Sportgeräte und Sportplätze“ mit sich brachte, welche aber auch den menschlichen Körper selbst auf eine „mechanische Grundlage von Kraft und Arbeit“ stellte. Der Körper des Sportlers diente dabei quasi als Prototyp und der Sportler selbst wurde dargestellt „als Sinnbild für Muskelkraft, Disziplin und Leistungsbereitschaft, die die industrielle Entwicklung und damit den gesellschaftlichen Fortschritt vorantrieben. Der Körper, der nicht ermüdet, avancierte zur Utopie des 19.Jahrhunderts.“[18]

[...]


[1] Meistens in der Schreibweise: H.G. Wells, 1866–1946, englischer Schriftsteller, Philosoph, Historiker, herausragender Vertreter der Sciencefiction innerhalb der englischen Literatur, sein Debütroman „The Time Machine“ (1895) ist weltbekannt; aus seinem „Krieg der Welten“ macht Orson Welles (1915-1985) die legendäre, vielzitierte Hörspielfassung, die 1938 angeblich eine Panik in den USA auslöst: Während und nach der pseudo-dokumentarischen Radiosendung glaubt man vielerorts in Amerika, die Außerirdischen seien tatsächlich auf der Erde gelandet.

[2] Den gesamten Wortlaut der 50seitigen Schrift kann man nachlesen unter: http://rudolf-bahro.de/W/Wells-HG/Start.htm

[3] http://herrjensen.blogsport.de/2009/03/20/die-technologische-singularitaet/ Eintrag: Dinge, 20. März 2009 Die technologische Singularität

[4] David J.Chalmers schreibt in: http://consc.net/papers/singularity.pdf: The term “singularity” was introduced by the science fiction writer Vernor Vinge in his 1993 article “The Coming Technological Singularity”, and has been popularized by the inventor and futurist Ray Kurzweil in his 2005 book The Singularity is Near.

[5] 2005 erscheint Kurzweils „The Singularity is Near“, in dem diese Prognosen formuliert sind, siehe: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.2.2008, Nr.46, S. Z6: Im Gespräch: Ray Kurzweil „Werden wir ewig leben, Mister Kurzweil?“ Von Tobias Hülswitt

[6] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Ein-Achtel-Leben-Ray-Kurzweil-zum-60-Geburtstag-179037.html,

[7] ebd.

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz

[11] Siehe:Garry Kasparov vs. Deep Blue, May 1997: http://www.chessbase.com/columns/column.asp?pid=146#7. The road to hell. Andere Prophetien, Autos seien ab 2000 selbsteuernd unterwegs, und Kriege würden ab 2009 nur noch von Maschinen geführt, sind dagegen (noch) nicht (vollständig) eingetroffen.

[12] vgl. http://www.heise.de/tp/blogs/3/147440 Werden wir ewig leben?

[13] Zoran Perowanowitsch, in: http://www.kitesh.de/Der_Kamp_um_die_menschliche_Mitte_I.html („Kamp“ sic, natürlich ist „Kampf“ gemeint)

[14] Ränsch-Trill, Barbara, Einleitung – Zur Anthropologie des künstlichen Menschen, in: Lämmer, Manfred; Ränsch-Trill, Barbara (Hrsg.), Der »künstliche Mensch« – eine sportwissenschaftliche Perspektive? S.9

[15] Der Begriff „Anthropomaximierung“ ist wenig verbreitet, dagegen spricht man theatertheoretisch, im kritischen Sinne, durchaus von „Maximierung (des) Mensch(en)“. Ein zeitgenössisches Autorenfestival mit interdisziplinärer Diskussionstagung, das vom 7.6. - 12.6.2010 zum wiederholten Male in Trier veranstaltet wird, trägt diesen Namen. Siehe: http://www.maximierung-mensch.de/

[16] Der Aufsatz des Mainzer Sporthistorikers und –soziologen Norbert Müller erhellt den Ursprung der Devise „citius, altius, fortius“ und beleuchtet eine auf Profitmaximierung ausgerichtete Politik des IOC, das den „Gebrauch der Devise für kommerzielle Zwecke strikt untersagt“. (§32 der IOC-Satzung von 1949) siehe: http://www.sport.uni-mainz.de/mueller/Texte/DIDON.pdf

[17] Man könnte sagen: Das Verständnis des heutigen Sports beruht im wesentlichen auf der medialen Aufbereitung des professionell betriebenen Wettkampfs, bei dem es um viel Geld geht, es handelt sich um ein Verständnis von Sport, dem im Breiten- und Vereinssport nachgeeifert wird. Was zählt, ist der Erfolg, wofür man bereit ist, zu investieren und alles zu geben, wenn es sein muss sogar die eigene Gesundheit.

[18] Fleig, Anne, Körperkultur und Moderne, Robert Musils Ästhetik des Sports, Walter de Gruyter, Berlin, New York 2008, S.28

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Mensch - Maschine, Maschine Mensch?
Untertitel
Die Rolle des Sports als Steigbügelhalter und Vorreiter bei der Entwicklung von Robotik und Künstlicher Intelligenz
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Sportwissenschaften
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V152187
ISBN (eBook)
9783640664955
ISBN (Buch)
9783640665198
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mensch, Maschine, Rolle, Sports, Steigbügelhalter, Vorreiter, Entwicklung, Robotik, Künstlicher, Intelligenz, Künstliche Intelligenz, Mensch Maschine, Sportphilosophie
Arbeit zitieren
Nikolaos Jäger (Autor), 2010, Mensch - Maschine, Maschine Mensch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152187

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Mensch - Maschine, Maschine Mensch?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden