Die Verbalisierung von Bewegungsereignissen im Deutschen

Studie an deutschsprachigen Vier- und Fünfjährigen sowie der Vergleich mit anderen Altersgruppen


Seminararbeit, 2009

50 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Thema und Ziel der Seminararbeit

2 Forschungsstand
2.1 Theorien des Spracherwerbs
2.2 Ausdruck von Bewegungsereignissen im Deutschen

3 Experiment an deutschsprachigen Vier- und Fünfjährigen
3.1 Die Methode
3.1.1 Probanden
3.1.2 Design
3.1.3 Vorgehen
3.2 Datenauswertung
3.2.1 Analyse der gewonnenen Daten
3.2.2 Ergebnisse der Vier- und Fünfjährigen
3.2.3 Vergleich mit Zehnjährigen und Erwachsenen

4 Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit

5 Weiterer Forschungsbedarf

1.Thema und Ziel der Seminararbeit

Untersucht man die Bedeutung von Raumausdrücken in Sprachstrukturen, werden diverse Fragen aufgeworfen. Wie lernen Kinder sich selbst und ihre Umwelt mithilfe von Sprache einem Raum zuzuordnen? Und wie wird dieser Raum ausgedrückt, wenn ein Bewegungsereignis hinzukommt? Zielsetzung dieser Seminararbeit ist herauszufinden, wie vier- und fünfjährige deutschsprachige Kinder Bewegungsereignisse verbalisieren. Da gerade auf diesem Themengebiet noch Forschungsbedarf besteht, beschäftigt sich unter anderem auch eine aktuellen Studie namens Die Repräsentation des Raumes bei Kindern damit. Vor ihrem Hintergrund ist ein Experiment durchgeführt worden, welches den kindlichen Sprachausdruck bei Bewegungsereignissen untersuchte und anschließend mit dem von zehnjährigen und erwachsenen Probanden verglich. Als Hinführung zum Inhalt der Studie soll zunächst ein grober Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu dieser Thematik gegeben werden. Im Anschluss daran wird das realisierte Experiment sowie seine Untersuchungsergebnisse vorgestellt, woraufhin diese denen von älteren Probanden gegenüber gestellt werden. Das Ende bildet sowohl die Zusammenfassung der Ergebnisse, als auch ein Fazit, ebenso wie ein abschließender Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf.

2.Forschungsstand

Zur räumlichen Darstellung wurden seit den 1950er Jahren einige Studien durchgeführt, wobei das Augenmerk hauptsächlich auf der englischen Sprache lag. So erfolgten Studien unter anderem zum Thema, wie koreanisch- und englischsprachige Probanden Bewegungsereignisse ausdrücken1. Wie diese nun im Deutschen von verschiedenen Altersgruppen verbalisiert werden, wurde explizit noch nicht untersucht. Allerdings beschäftigte sich Dan Slobin damit, welche sprachlichen und kognitiven Faktoren Bewegungsarten zu einer Salienz verhelfen2. Len Talmy hatte dazu bereits Sprachen in verb-framed und satellite-framed languages eingeteilt, was auch heute noch hilft, die Grundstrukturen von Sprachen zu verstehen. Slobin stellte am Ende seiner Studie fest, dass alle Menschen die gleichen Dinge wahrnehmen können und sich letztlich nur ihre sprachliche Ausdrucksweise unterscheidet. Alle bislang durchgeführten Studien beschäftigten sich also nur ansatzweise, aber nie direkt mit dem hier untersuchten Forschungsgegenstand.

2.1 Theorien des Spracherwerbs

Zu Beginn der durchgeführten Studie über die kindliche Repräsentation des Raumes, ist zunächst die Frage nach dem generellen Vorgang des Spracherwerbs zu beantworten. Dazu sollen die wichtigsten Inhalte der angesehensten Spracherwerbstheorien kurz vorgestellt werden, die da wären: Behaviorismus, Interaktionismus, Kognitivismus, Nativismus und schließlich das usage-based model.

Der Behaviorismus wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den amerikanischen Psychologen John Broadus Watson begründet und fand in den 1950er Jahren seinen wohl bekanntesten Vertreter in Burrhus Frederic Skinner3. In dieser Theorie wird der Spracherwerb als Konditionierung verstanden, wobei nur durch die eigene Erfahrung ein Lernen vonstatten gehen kann. Kritiker bemängeln jedoch, dass psychische Vorgänge und Erkenntnisprozesse im Behaviorismus nicht berücksichtigt werden.

Eine weitere Spracherwerbstheorie ist der Interaktionismus. Jerome Burner gilt als vorrangiger Begründer dieser Theorie, welche besagt, dass Kinder nur „durch Kommunikation und Interaktion mit direkten Bezugspersonen […] ihre Erstsprache erwerben.“4 Die Funktionalität der Sprache, wie sie hier vorliegt, äußert sich unter anderem in der Anpassung des Sprachniveaus eines Kindes, woraufhin eine Elaboration folgt, bis die finale „Erwachsenensprache„ erreicht ist. Veranlagungen des Kindes werden dabei jedoch nicht berücksichtigt, weswegen es zweifelhaft bleibt, ob dieses Modell für alle Kulturen angewendet werden kann5.

Der Kognitivismus geht auf Jean Piaget (1896-1980) zurück und verdrängte in den 1960er Jahren den vorherrschenden Behaviorismus6. Kernaussage dieser Theorie ist, dass die sprachliche Entwicklung eng mit der kognitiven Entwicklung des Kindes verbunden ist7. Der Spracherwerb selbst wird dabei als logischer Denkprozess dargestellt, wobei die Entwicklungsprozesse stufenförmig verlaufen. Um die Entwicklung erklären zu können, spielen Akkomodation, Assimilation und Äquilibration eine entscheidende Rolle8.

Kritisiert wird jedoch häufig, dass diese Theorie nicht mit dem U-shaped learning vereinbar ist und eine zu starke Konzentration auf die geistigen Verarbeitungsprozesse stattfindet, wobei körperliche Fähigkeiten eher in den Hintergrund rücken9.

Nativistische, bzw. generative Ansätze, als deren Hauptvertreter Noam Chomsky und Steven Pinker gelten, gehen davon aus, dass das Sprachverhalten mit seinen speziellen kognitiven Modellen jedem Menschen angeboren ist, die ihm erlauben, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben10. Außerdem existiert eine Universalgrammatik, bei der Kinder ihr angeborenes Wissen über sprachliche Strukturen, z.B. durch das Hören erwerben und schließlich anwenden. Kritiker bemängeln jedoch die Unterschätzung der Rolle des Inputs und der Lernmechanismen.

Am meisten anerkannt ist derzeit das usage-based model, mit dessen Hilfe auch das U-shaped learnig gut erklärbar ist. Dieser gebrauchsbasierte Ansatz besagt, dass Kinder die Sprachstrukturen so erlernen, wie sie in der Sprache vorkommen; sie also beispielsweise die Sprache ihrer Eltern übernehmen. Dieses Modell steht im Gegensatz zu dem Nativismus, da es davon ausgeht, dass die menschliche Kapazität, Sprache zu lernen, nicht angeboren ist, sondern sich erst später entwickelt. Allerdings besteht bislang noch Forschungsbedarf auf Themengebieten wie der Repräsentation bei Erwachsenen und Kindern sowie zur Mehrsprachigkeit. Der Spracherwerb wird somit einerseits durch universelle und sprachspezifische Faktoren, wie zum Beispiel durch die kognitive Komplexität bestimmter Konzepte, beeinflusst, andererseits aber auch durch sprachtypologische Faktoren, wie sie Talmy, Slobin und Bowerman vertreten.

2.2 Ausdruck von Bewegungsereignissen im Deutschen

Um zu verstehen, wie im Deutschen Bewegungsereignisse ausgedrückt werden, soll zunächst auf die unterschiedlichen Raumbeziehungen eingegangen werden. Auf Basis ihrer werden entweder Präpositionen zum Ausdruck des Raumes verwendet (statische Raumbeziehung) oder, bei der dynamischen Raumbeziehung, Verben, die eine Eigen- oder Fremdbewegung (z.B. fahren, bzw. ziehen), bzw. eine unfreiwillige Bewegung (z.B. fallen) ausdrücken. Bewegungsereignisse beinhalten laut Talmy auch bestimmte Beziehungen, wie figure (Objekt), ground (Referenzobjekt), path (Weg), motion (Bewegung an sich) und manner, bzw. cause (Bewegungsart, bzw. Kausalität), wobei die letzten beiden als externe Events abgegrenzt von den anderen stattfinden11.

Des weiteren muss berücksichtigt werden, dass das Deutsche eine satellite-framed language ist, was bedeutet, dass sich die Bewegungsart im Verb manifestiert (z.B. springen), der Bewegungsweg aber mithilfe von Satelliten (z.B. hinaus, herauf) und Präpositionalphrasen (z.B. an der Mauer entlang) enkodiert wird. Dabei kommt es jedoch häufig vor, dass ein alleinstehender Satellit den path ausdrückt (z.B. er ging hinaus). Im Deutschen werden also motion und manner im Verb, und path mithilfe von Satelliten artikuliert12. Dabei existieren im Deutschen ferner auch noch path-manner-Verben (z.B. humpeln), die je nach Hilfsverb ihren Bedeutungsschwerpunkt auf manner (sie hat gehumpelt) oder auf path (sie ist gehumpelt) haben.

3. Experiment an deutschsprachigen Vier- und Fünfjährigen

Derzeit wird unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Maya Hickmann ein vom französischen Forschungs- und Bildungsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütztes Projekt durchgeführt, welches sich unter anderem der Produktion von Raumausdrücken bei Kindern widmet. Ausgehend von Piagets Annahme, dass die Entwicklung mit den ersten senso-motorischen Schemata beginnt, sich in den topologischen Vorstellungen fortsetzt und schließlich mit der Konstruktion projektiver und euklidischer Beziehungen ihren Abschluss findet, haben immer mehr komparative Studien gezeigt, dass die Reihenfolge, in der solche Ausdrücke erworben werden, je nach Sprache stark variiert. Nachdem die Entwicklung der räumlichen Kognition bei Kindern mit unterschiedlicher Muttersprache noch nicht ausreichend untersucht wurde, bezieht sich die folgende Teilstudie auf die Ausdrücke von Bewegungen und statischen Beziehungen im Raum bei vier- und fünfjährigen deutschsprachigen Kindern.

3.1 Die Methode

In den folgenden Punkten werden nun die Probanden, das Design und das Vorgehen erläutert, durch welche die Untersuchungsergebnisse gewonnen wurden.

3.1.1 Probanden

Für die durchgeführte Teilstudie wurden insgesamt zehn Kinder im Alter von vier und fünf Jahren getestet, davon drei Jungen im Alter von 3;8 bis 4;9 sowie vier Jungen und drei Mädchen im Alter von 4;11 bis 5;8 Jahren. Alle waren monolinguale Kindergartenkinder ohne sprachliche Auffälligkeiten.

3.1.2 Design

Das bei der Studie verwendete Material bestand aus handelsüblichem Spielzeug, mit welchem den Probanden festgelegte Aktionen, die eine Änderungen des Ortes und der Lage enthielten, vorgeführt wurden.

3.1.3 Vorgehen

Jedes der zu testenden Kinder wurde einzeln in einen ruhigen, vom Rest des Kindergartens abgesonderten Raum geführt, in dem sich das Spielzeug und Aufnahmegeräte, wie ein Laptop und eine Digitalkamera, befanden. Letztere diente jedoch ausschließlich zur Tonaufzeichnung. Videos von den Kindern wurden nicht angefertigt. Jedem Kind wurde die Aufnahmesituation genau erklärt, woraufhin in einer vorher festgelegten Reihenfolge begonnen wurde, Aktionen mithilfe des bereitgelegten Spielzeugs auszuführen. Dazu standen zwei Reihenfolgen zur Verfügung, wobei die zweite Reihenfolge in entgegengesetzter Abfolge zur ersten durchgeführt wurde. Jede Reihenfolge bestand aus vier Kategorien. Kategorie A sah Aktionen vor, bei der ein Gegenstand auf einen anderen traf; Kategorie B enthielt Bewegungsereignisse, die eine Puppe inkludierten; Kategorie C beinhaltete Aktionen mit Legos, Perlen oder Noppers und Kategorie D Aktionen, bei denen ein Gegenstand in einen anderen hinein getan wurde. Pro Kind sollte eine Sitzung ungefähr 30 Minuten dauern. Jedoch zeigte die Praxis, dass für das Experiment maximal zehn Minuten pro Kind erforderlich waren. Alle Probanden wiesen darüber hinaus eine hohe Motivation und Freude an der Studie auf.

3.2. Datenauswertung

Nach Beendigung des Experiments wurden die Tonbandaufzeichnungen mithilfe des Programms CHILDES transkribiert und schließlich auf Gemeinsamkeiten und Abweichungen analysiert. Zur genaueren Analyse wurden dazu mehrere Excel-Tabellen erstellt13. Die daraus resultierenden Ergebnisse sollen nun im weiteren Verlauf vorgestellt werden.

3.2.1 Analyse der gewonnenen Daten

Alle 40 Aktionen, die den Probanden vorgeführt wurden, können in vier vereinfachte Kategorien unterteilt werden14:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um die Ergebnisse der Teilstudie analysieren zu können, wurde jede Aktion mitsamt der jeweiligen Antwort eines Probanden tabellarisch zusammengefasst15. Folgende Kriterien wurden dabei zur Datenauswertung des Experiments festgelegt:

(a)Der Ausdruck von Bewegungsereignissen mithilfe von manner-Verben oder path- Partikeln (sog. Satelliten) sowie der Einsatz der light-Verben machen und tun.
(b)Der beobachtete allgemeine sprachliche Ausdruck der Probanden.

3.2.2 Ergebnisse der Vier- und Fünfjährigen

(a)In der Kategorie 1 darauf/hinunter wurden bei den vier- und fünfjährigen Testpersonen folgende Beobachtungen gemacht: Von insgesamt zehn Aktionen lag in nur zwei von zehn Fällen die Quote, in der die Probanden die light-Verben machen oder tun gebrauchten, bei 80% (A1b, A2a), in einem Fall sogar bei 90% (A1a). Dabei fanden bei beiden Aktionen das gleiche Prinzip, bzw. für die Kinder leicht als ähnlich zu erkennende Bewegungsereignisse statt. Bei Aktion B1a wurden manner-path-conflated-Verben wie an-, über-, aufziehen und aufsetzen bevorzugt (80%). Dabei wurde der gegebenen Bewegung entsprechend der Satellit auf-/drauf- zu 60% verwendet. Das Partikelverb aufziehen, bzw. anziehen wurde dabei direktional eingesetzt. Es herrscht ein deutlicher Bezug der Bewegungsrichtung zur Origo. Interessant ist aber, dass die Kinder die Bewegung nicht als eindeutiges Anziehen empfanden. Durch den Ausdruck von auf- statt anziehen versuchten die Probanden wohl explizit auf eine von oben, über den Puppenkopf kommende Bewegung hinzuweisen. Das gleiche Prinzip verfolgte auch Aktion B3, wobei die Ergebnisse mit denen von B1 nahezu übereinstimmten. Path-Satelliten wurden bei beiden Aktionen zu 100% verwendet, wobei der Hut als eindeutig bekanntere Kopfbedeckung (im Vergleich zur weniger vertrauten Kappe) nun auch zu 70% die erwartete Antwort aufsetzen einfuhr. Innerhalb der Aktionen, welche die Puppe einschlossen, wurde festgestellt, dass manner-path-conflated-Verben bevorzugt wurden, wohingegen die Bewegungsereignisse mit „leblosen“ Objekten (wie Legos, Pflaster oder Stiftkappen) hauptsächlich durch path-Partikel und light-Verben ausgedrückt wurden. Eine Begründung dafür wäre, dass die Testkinder die Bewegungsabläufe, wie das An- und Abziehen eines Hutes von sich selbst kennen und in ihrem Alltag als an- und ausziehen im Gespräch mit ihrer Umwelt erlernten17. Bei nahezu allen Aktionen wurde indes beobachtet, dass sich einige Kinder damit schwer taten, das oppositionelle Bewegungsereignis einer Aktion auszudrücken (u.a. Proband J14, J07 und J19) Anstelle einer gegenteiligen Beschreibung der Bewegung, wurden oftmals abstrakte Wortneuschöpfungen eingesetzt, auf die im späteren Verlauf noch einmal eingegangen werden soll.16

In der Kategorie 2 zusammen/auseinander wurden bei den Vier- und Fünfjährigen Folgendes beobachtet: Bei insgesamt zehn Aktionen waren die Probanden angehalten, das simple Zusammenstecken und wieder Auseinanderziehen zweier Objekte zu beschreiben. Dabei wurden entweder beide Objekte gleichermaßen aneinander geführt oder nur eines, welches auf das zweite traf, das mit der anderen Hand fixiert wurde. Von den zehn Bewegungsereignissen lag die light-Verb-Quote in drei Fällen bei 60% (C1a, C2a, C3a) , in einem Fall sogar bei 70% (C5b) und in den restlichen Fällen hielt sie sich hauptsächlich bei 50%. Auffällig war, dass beim erstmaligen Zusammenführen der Legos, Perlen und Nopper eindeutig die light-Verben machen und tun präferiert wurden. Diese sind zwar inhaltlich „leere“ Verben, doch weisen sie auch Kausalität auf, indem sie Ursache und Wirkung einer Bewegung miteinander verknüpfen18. Ein Grund für den hohen Anteil der light-Verben im ersten Durchlauf könnte die Einfachheit des Bewegungsereignisses sein, welches bei allen zehn Aktionen zu 100% mithilfe von path-Satelliten beschrieben wurde. Komplexe Bewegungen, die unbekannte Objekte einschlossen oder das Anziehen einer Puppe, könnten auch komplexere Sprachausdrücke erfordern, um welche das Kind bemüht ist. Einfache Aktionen, die mit vertrautem Spielzeug durchgeführt wurden, könnten dem Kind hingegen suggerieren, dass seine Umwelt die Bewegungsabläufe ebenfalls kennt und es so nur noch den path beschreiben muss, um einen schlüssigen Sprachausdruck zu kreieren; die manner setzt es möglicherweise als bereits bekannt bei der Umwelt voraus.

Bei den a-Aktionen lag der path-Partikel zusammen mit bis zu 90% (C3a) eindeutig vorne, wobei Bewegungsverben wie zusammenstecken oder -kleben relativ selten vorkamen. Doppelpartikelverben wie auseinander- + Verb erschienen auffallend oft in den b-Aktionen, was zeigt, dass die Probanden verstanden hatten, das oppositionelle Ereignis auszudrücken, auch wenn es meist nur mit einem light-Verb einherging.

In der Kategorie 3 hinein/heraus wurden bei den Probanden folgende Untersuchungsergebnisse erzielt: Von zehn Aktionen erreichte die light-Verb-Quote in drei Fällen je 80% (D1, D2b) und 100% (D2a). Die Quote der übrigen Aktionen hielt sich jedoch ebenfalls bei starken 60% (D4a, D5) und 70% (D3, D5b). Auch der Rest gelangte nie unter die 50% Marke. Bei allen Aktionen fiel im Besonderen auf, dass die Probanden die Bewegungsereignisse in neun von zehn Fällen mit 100% Satelliten ausdrückten. Besonders markant erschien dabei die häufige Verwendung der Partikelverben rein-, bzw. raustun/-machen, die in einigen Fällen bis zu 90% betrugen (u.a. D1b, D2a). Das Beschreiben dieser Aktionen schien den Kindern besonders leicht zu fallen. Das Verlassen eines Bereiches mithilfe der path-Partikel rein oder raus auszudrücken, stellte für sie keinerlei Probleme dar. Die manner, wie das Legen, Schmeißen, Fallen oder Werfen des Spielzeugs in ein anderes wurde von ihnen jedoch weitestgehend vernachlässigt. Auch hier schien die Einfachheit der Ereignisse ein Grund dafür zu sein, dass deren allgemeine Vertrautheit ein näheres Beschreiben der manner nicht erforderlich zu machen schien. Eine andere Theorie könnte jedoch auch sein, dass die Probanden aus Unsicherheit und Angst, ein falsches manner-Verb zu gebrauchen, keine Verben benutzten, die die Bewegungsarten charakterisierten.

In der Kategorie 4 daran/ab wurde bei den vier- und fünfjährigen Testpersonen Folgendes beobachtet: Von insgesamt zehn durchgeführten Aktionen betrug die Quote für die light-Verben machen und tun in nur einem Fall 60% (A4b). In allen anderen Fällen kam sie nicht über die 40%-Marke. Bei vier Aktionen wurden sogar keinerlei light-Verben verwendet (A5, B5). Sechs von zehn Aktionen wurden mithilfe einer Puppe durchgeführt (B2, B4, B5). Gerade bei diesen Bewegungsabläufen fiel ein rapider Anstieg der manner- Verben, wie anziehen (B5a ‹ 100%) und ausziehen (B5b ‹ 90%) auf. Aus dieser Übereinstimmung der Antworten lässt sich schließen, dass sich die Kinder bei diesen vertrauten Bewegungsabläufen in ihrem Sprachausdruck sicherer waren. Einige Schwierigkeiten gab es jedoch bei Aktion B2, bei welcher der Puppe ein Schuh angezogen wurde. Wie schon zuvor bei Unsicherheiten der Kinder beobachtet, stieg der Anteil der light-Verben auf 40% an, wobei der Gebrauch von manner-Verben gleichzeitig auf 60% sank. Gleiches konnte bei Aktion A4b beobachtet werden, bei der der light-Verben-Anteil von 10% (A4a) auf 60% stieg.

Einige Probleme bereitete den Kindern auch die Aktion „Schal von Puppe“ (B4b). Zwar erkannten noch 80% das Bewegungsereignis in B4a als path-Partikel xy + binden, jedoch sank diese Quote beim Abbinden des Schals auf 50%. Dabei entstanden aus Unsicherheit in 30% der Fälle sogar falsche Wortbildungen wie rausbinden oder wegbinden (und auch wegschmeißen). Hier wollten die Kinder also wieder vermehrt die Bewegungsart beschreiben, weswegen sie vermehrt Partikelverben verwendeten (abbinden ‹ 30%).

Aktion A4a (Saughaken an die Wand) stellte die Kinder nach anfänglicher Verwunderung über das zumeist noch unbekannte Objekt vor keine Schwierigkeiten. 70% beschrieben das Bewegungsereignis mithilfe des manner-Verbs kleben oder umgangssprachlich pappen, wobei ebenfalls 70% dazu den path-Partikel dran, bzw. an gebrauchten. Manner-path-conflated-, bzw. Partikelverben kamen zu 90% vor. Wurde der Saughaken wieder von der Wand gelöst (A4b) benutzten alle Kinder einen Satelliten in Kombination mit einem Verb. Dabei lagen die manner-Verben jedoch nur noch bei 40%, die light-Verben stiegen auf 60%. Dies bekräftigt abermals die These, dass die Vier- und Fünfjährigen gerade bei den b-Aktionen Unsicherheiten aufwiesen und diese durch light- Verben auszugleichen versuchten. Gleiches war auch bei Aktion A5 (Jacke an Haken) zu beobachten. Während für A5a noch 100% der Kinder ein manner-Verb wählten, fiel diese Quote bei A5b auf 80%, wobei nur noch 20% die Bewegung als ein Abhängen erkannten.

[...]


1 Vgl. Choi, S. & Bowerman, M. 1991. „Learning to express motion events in English and Korean: the influence of language-specific lexicalization patterns." In: Cognition 41, S. 83-121.

2 Vgl. Slobin, Dan I. 2006. „What makes manner of motion salient. Explorations in linguistic typology, discourse and cognition." In: Hickmann, Maya; Robert, Stéphane (Hg.): Space across languages: linguistic systems and cognitive categories. Amsterdam: John Benjamins, S. 59-81.

3 Vgl. Bußmann, Hadumod (Hg.). 2002. Lexikon der Sprachwissenschaft. 3. Aufl. Stuttgart: Kröner, S. 120.

4 Vgl. http://homepage.rub.de/Daniela.Elsner/Interaktionismus.pdf (19.4.09).

5 Vgl. Handout vom 3.12.08 (Überblick über die verschiedenen Spracherwerbstheorien).

6 Vgl. http://www.edit.uni-essen.de/lp/kognitiv/kognitiv.htm (19.4.09).

7 Vgl. Klann-Delius, Gisela. 1999. Spracherwerb. Stuttgart: Metzler, S. 93ff.

8 Vgl. Handout vom 3.12.08 (Überblick über die verschiedenen Spracherwerbstheorien).

9 Vgl. http://ki.informatik.uni-wuerzburg.de/forschung/publikationen/studienarbeiten/faulhaber/kap2-2-2- 3-2.html (19.4.09).

10 Vgl. Bußmann, Hadumod (Hg.). 2002. S. 458.

11 Vgl. Talmy, Lenoard. 1985. „Lexicalization Patterns. Semantic structure in lexical forms“, in: Shopen, T. (Hg.): Language Typology and syntactic description. Grammatical Categories and the Lexicon. Cambridge: Cambridge Univ. Press, Bd. 3, S. 57-149.

12 Vgl. Curse D.A., Lutzeier Peter Rolf. 2005. Lexikologie. Ein internationales Handbuch zur Natur und Struktur von Wörtern und Wortschätzen (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 2. Halbband). Berlin: de Gruyter, S. 1706.

13 Vgl. Anlage 1,2,3,4.

14 Vgl. Anlage 1.

15 Vgl. Anlage 2,3,4.

16 Vgl. Anlage 2.

17 Z.B. Eltern zu Kind: Zieh bitte deine Mütze an, es ist kalt.

18 Zur Erklärung: Weil ein Legostein auf einen anderen gesteckt wird (Ursache), haften beide aneinander (Wirkung). Dieses Stecken lässt sich ohne Probleme auch mit einem light-Verb beschreiben, da die Information des paths durch einen Satelliten ausgedrückt werden kann. Die Kausalität des verwendeten light-Verbs bleibt aber trotzdem erhalten.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Die Verbalisierung von Bewegungsereignissen im Deutschen
Untertitel
Studie an deutschsprachigen Vier- und Fünfjährigen sowie der Vergleich mit anderen Altersgruppen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
50
Katalognummer
V152253
ISBN (eBook)
9783640649228
ISBN (Buch)
9783640649099
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Es handelt sich um eine sehr gute Arbeit, die allen Ansprüchen einer Proseminararbeit gerecht wird. Das gewählte Thema wurde sehr gut bearbeitet, die Untersuchungen souverän durchgeführt und die Daten vorbildlich in Tabellen transkribiert. Der Aufbau der Arbeit ist gut. Im Theorieteil wird die relevante Fachliteratur verwendet."
Schlagworte
Bewegungsereignisse, Studie, Kindergartenkinder, Spracherwerb, Spracherwerbstheorien
Arbeit zitieren
Lisa Ungewiss (Autor), 2009, Die Verbalisierung von Bewegungsereignissen im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152253

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