Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Texte veröffentlichen, Rundum-Service genießen
Zur Shop-Startseite › Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Sympathie trotz Gewalt und Normverstößen

Eine Untersuchung der narratologischen Verfahren zur Sympathielenkung. Jörg Wickram "Der Goldtfaden"

Titel: Sympathie trotz Gewalt und Normverstößen

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2021 , 33 Seiten , Note: 1,7

Autor:in: Philipp Schönherr (Autor:in)

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Wie sichert Wickram seinem Protagonisten, der durch seinen sozialen Aufstieg, nicht nur gegen jede zeitgenössische Wahrscheinlichkeit verstößt, sondern auch ein Ordnungsprinzip jener Zeit infrage stellt, das Wohlwollen einer Leserschaft?
Diese Untersuchung zu Jörg Wickrams "Der Goldtfaden" befasst sich mit einem noch vergleichsweise jungen Teilbereich der germanistisch-mediävistischen Forschung, nämlich der Sympathielenkung. Das bedeutet konkret, dass narratologische Verfahren und Strategien untersucht werden, die darauf abzielen, bei einer Leserschaft Emotionen der Empathie, Sympathie und einem potenziellen Engagement gegenüber fiktiven Figuren zu erzeugen oder je nach Erfolg oder Misserfolg der Ausführung, Antipathie und Distanz hervorrufen.

Innerhalb der germanistisch-mediävistischen Forschung herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass, wie Waghäll es treffend zusammenfasst: "[Wickrams] Schriften [...] der Frage [gelten], wie man die Menschen und die Welt verbessern kann". Hinsichtlich dieses Anspruchs veranschaulichen Werke wie "Der Jungen Knaben Spiegel" oder der Roman "Von guten und bösen Nachbarn", die Bedeutung von Bildung, Ethik, Moral und Möglichkeiten eines friedlichen und produktiven Miteinanders, das auf Konzepten der Freundschaft, Ehe und alternativen Familienmodellen aufbaut. Wickrams Texte weisen dabei einen, besonders wenn es um die Erziehung der Jugend geht, belehrenden Ton und didaktischen Anspruch auf. Dementsprechend darf Wickram durchaus als ein kritischer Beobachter zeitgenössischer Erfahrungswelten betrachtet werden, der gesellschaftliche Probleme und Ungerechtigkeiten thematisiert und alternative Lebensentwürfe konzipiert und literarisch veranschaulicht. Dass ihm hierbei eine gesonderte Stellung zukommt, liegt unter anderem darin begründet, dass er bis dato der erste, namentlich bekannte volkssprachliche Autor ist, dessen Romane größtenteils keine direkten Vorlagen aufweisen. [...]

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Empathie und Sympathielenkung – Ein Überblick

3. Der Goldtfaden

3.1 Göttliche Prädestination und erste Umsetzung einer 'idealen' Herrschaft

3.2 Leufried bei Hofe – Karriere, Liebe und der Tun-Ergehen-Zusammenhang

3.3 Gewalt und ritterliche Taten eines Hirtensohnes

3.4 Realisierung einer Utopie und Überführung in bestehende Ordnung

4. Endergebnis

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die narratologischen Verfahren der Sympathielenkung in Jörg Wickrams Roman Der Goldtfaden. Dabei wird analysiert, wie der Erzähler trotz moralischer Normverstöße und Gewalttaten des Protagonisten Leufried Empathie- und Sympathiepotenziale bei der Leserschaft aktiviert und aufrechterhält.

  • Analyse narratologischer Strategien zur Sympathielenkung in frühneuzeitlicher Prosaliteratur.
  • Untersuchung der Spannung zwischen normwidrigem Verhalten und positiver Leserwertung.
  • Analyse der Bedeutung von göttlicher Vorherbestimmung und Tugendhaftigkeit für den sozialen Aufstieg.
  • Reflexion über soziale Mobilität und Ständediskurse in der Literatur des 16. Jahrhunderts.

Auszug aus dem Buch

3.2 Leufried bei Hofe – Karriere, Liebe und der Tun-Ergehen-Zusammenhang

Mit der Flucht aus bürgerlichen Sphäre und dem Übergang in eine adlige beginnt die eigentliche Karriere des Protagonisten.54 Das Glück ist Leufried hold, der ganz untypisch, möglicherweise aufgrund der vorangegangenen Anmaßung, sich mit dem bescheidenen Ziel, ein "reysiger knecht" (DG S.15) zu werden, eine Stelle bei Hof erhofft. Er findet eine Anstellung, da dem dort ansässigen Koch der Küchenjunge weggelaufen und Ersatz vonnöten ist. Binnen kurzer Zeit avanciert Leufried zum Liebling des Kochs, denn:

alles [...] griff er so frischlich an / als wann er all sein tag darbey wer gewesen. So er auch etwas schaffet / sang er gar dapffer / und frölich darzů / [...] sein meyster gewan ihn fast lieb (DG S.16)

Auch das Gesinde findet Gefallen an ihm, da er sich ihnen gegenüber "gantz underdienstbar" (DG S.16) verhielt, "das ein jeder umb ihn sein wolt" (DG S.17). Er wird von den Figuren positiv bewertet und seine Talente sichern ihm das Wohlwollen. Er ergreift neben seiner Anstellung das Handwerk des Poeten, indem er "anfieng von im selb künstliche Text und liedlin zu tichten" (DG S.17). Dies erfährt öffentliche Anerkennung, auch von "jungen Edelleuten" (DG S.17) und wird an spätere Stelle mit einer Beförderung belohnt. Dem Aspekt der Poetik wurde in der Forschung bereits eine exponierte Stellung zugesprochen, so besetzt Leufried damit bereits an dieser Stelle einen Raum, der zwischen Hofgesellschaft und Gesinde angesiedelt ist.55 Dass Leufried mit seiner Stellung als Küchenbube nicht identifiziert, zeigt sich aber auch frühzeitig, indem er – und darin zeigt sich wohl die hybride bürgerliche und adlige Identität Leufrieds – Geld spart, um "sehr köstliche und schöne kleyder" (DG S.17) zu kaufen, seiner inneren Gesinnung entsprechen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung verortet Jörg Wickrams Schaffen in der literaturwissenschaftlichen Forschung und formuliert die Forschungsfrage zur Sympathielenkung in Der Goldtfaden.

2. Empathie und Sympathielenkung – Ein Überblick: Dieses Kapitel ergründet theoretische Grundlagen der Sympathie- und Empathieforschung sowie deren Anwendungsmöglichkeiten auf literarische Texte.

3. Der Goldtfaden: Das Hauptkapitel analysiert die Erzählstruktur und die Figur Leufrieds im Kontext der Romanhandlung.

3.1 Göttliche Prädestination und erste Umsetzung einer 'idealen' Herrschaft: Hier wird der Einfluss göttlicher Zeichen und der Geburtsszene auf die Legitimation des Protagonisten und seine frühe soziale Stellung untersucht.

3.2 Leufried bei Hofe – Karriere, Liebe und der Tun-Ergehen-Zusammenhang: Fokus auf Leufrieds beruflichen Aufstieg am Hof und die narrative Strategie der Überwindung von Normverstößen durch Schicksalsglauben.

3.3 Gewalt und ritterliche Taten eines Hirtensohnes: Analyse der Motivik der Gewalt in verschiedenen Episoden und deren Funktion für die Heldenzeichnung.

3.4 Realisierung einer Utopie und Überführung in bestehende Ordnung: Abschließende Betrachtung, wie Leufried seine Visionen einer idealen Gesellschaftsordnung in die bestehende Ständestruktur integriert.

4. Endergebnis: Das Endergebnis fasst zusammen, wie trotz gravierender moralischer Fehltritte ein positives Bild der Hauptfigur geschaffen wird, um die Zielsetzung der Sympathiebildung zu erreichen.

Schlüsselwörter

Jörg Wickram, Der Goldtfaden, Sympathielenkung, Narratologie, Frühe Neuzeit, Leufried, Soziale Mobilität, Tugendadel, Literaturwissenschaft, Normverstoß, Moral, Erzählstrategie, Empathie, Idealschrift, Ständegesellschaft.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die narratologischen Mittel, mit denen Jörg Wickram in seinem Roman Der Goldtfaden das Wohlwollen der Leserschaft für seinen Protagonisten trotz dessen moralischer Verfehlungen sichert.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zentrale Themen sind die Sympathielenkung, der Zusammenhang von Normen und Werten, die Darstellung sozialer Mobilität sowie die Rolle von Gewalt und Tugendhaftigkeit in der frühneuzeitlichen Literatur.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Ziel ist es zu ergründen, wie Wickram es schafft, trotz der normabweichenden Lebensweise des Helden eine Identifikationsfigur zu schaffen, die beim zeitgenössischen Leser Sympathie und Engagement hervorruft.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Es handelt sich um eine narratologische Analyse, die textimmanente Strategien, Figurenkonzeptionen und Erzählerbewertungen als Grundlage für die Sympathieforschung heranzieht.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Sympathielenkung und eine detaillierte Analyse der Romanhandlung, unterteilt in Themenkomplexe wie göttliche Vorhersehung, Karriere, Gewaltdarstellung und Utopie-Realisierung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Sympathielenkung, frühneuzeitliche Prosa, Leufried, Normverstoß, soziale Mobilität und narratologische Analyse aus.

Warum wird Leufried trotz seiner Gewaltanwendung als positive Figur gezeichnet?

Der Autor argumentiert, dass der Erzähler Leufrieds Gewaltakte oft als notwendige Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung oder als Selbstverteidigung rahmt, wodurch sie moralisch relativiert werden.

Welche Rolle spielt der 'Tun-Ergehen-Zusammenhang' in Wickrams Roman?

Dieses Prinzip dient als Entlastungsstrategie; wenn Leufried Erfolg hat, wird dies oft als göttliche Belohnung für seine generelle Tugendhaftigkeit interpretiert, was seine kleineren Verfehlungen in den Hintergrund rückt.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Sympathie trotz Gewalt und Normverstößen
Untertitel
Eine Untersuchung der narratologischen Verfahren zur Sympathielenkung. Jörg Wickram "Der Goldtfaden"
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut der Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Zwischen Utopie, Didaktik und Realismus – Gesellschaftsentwürfe im Spätwerk Jörg Wickrams
Note
1,7
Autor
Philipp Schönherr (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2021
Seiten
33
Katalognummer
V1522887
ISBN (PDF)
9783389092552
ISBN (Buch)
9783389092569
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jörg Wickram der Goldtfaden 1557 Colmar Wickram-Forschung Poetologie Entwicklungsroman Frühe Neuzeit Frühneuhochdeutsch deutschsprachiger Autor Humanismus Reformation Ständegesellschaft ständische Gesellschaft Bauer Hirte Bürger Adel soziale Determination sozialer Aufstieg soziale Mobilität Didaktik Utopie Eintracht aller Stände Ständeharmonie Realismus Adoption Bildung göttliche Predestination göttliche Providenz Erziehung Karriere Exemplarizität Spätwerk Herrschaft durch Tugend legitime Gewalt illegitime Gewalt Gewalt Moral Moralvorstellungen Herrscherqualitäten illegitime Liebe Herrschaftsambivalenzen re pastore König der Hirten Heros Held Rehabilitation Leufried Angliana Lotzmann Erich Felicitas Hermann Walter der Graf Jacob Froelich Portugal Kastilien Literaturwissenschaft Mediävistik Sympathiesteuerung Sympathielenkung Medienwissenschaft Psychologie Interdisziplinarität Sympathie trotz Normverstößen Sympathie Antipathie Engagement Identifikation Distanz Empathie Breithaupt Manfred Pfister dynamisch-variables System Emotionen emotionale Reaktionen Rezipientenhaltung Wahrnehmungsmodi Wertungsakte Normen Werte Normverstöße Normbruch Sympathiepotenziale Tun-Ergehen Zusammenhang Chanson-de-Geste Modell Narration Doppelter-Kursus Motivation von hinten Wie-Spannung Was-Spannung narratologische Verfahren paradox amoureux Textanalyse Interpretation Erzählerebene Figurenebene Fokalisierung Handlungsebene Kompositionsebene Löwe Löwensymbolik Löwenallegorie Löwenmetapher Muttermal zeitspezifische Weltanschauung Weltanschauung Wertungsambivalenzen
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Philipp Schönherr (Autor:in), 2021, Sympathie trotz Gewalt und Normverstößen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1522887
Blick ins Buch
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.
Leseprobe aus  33  Seiten
Grin logo
  • Grin.com
  • Versand
  • Kontakt
  • Datenschutz
  • AGB
  • Impressum