Eine bildungswissenschaftliche Einordnung des Betreuungsbegriffes scheint dringend erforderlich angesichts aktueller Diskurse gesellschaftlicher Anforderungen wie Chancengerechtigkeit und Inklusion an das Feld der Kindertagesbetreuung. Diese hat neben dem Bildungsauftrag denn auch einen Betreuungsauftrag zu erfüllen. Als Leitung einer Kita erlebe ich häufig Aussagen wie „Dann könnt ihr die Kinder nur betreuen und nicht fördern“, wenn es bei Personalknappheit eng wird. Dies impliziert eine Abwertung von Betreuung gegenüber hochwertiger pädagogischer (Bildungs-)Arbeit. Für mich als Leitung eines Teams pädagogischer Fachkräfte zumindest ein fragwürdiges Argument. Was genau ist mit Betreuung gemeint? Offensichtlich eine weniger aufwendige Tätigkeit als Förderung oder Bildungsarbeit. Die vorliegende Arbeit möchte den Begriff der Betreuung präziser einordnen. Eine bildungswissenschaftliche Kontextuierung von Betreuung könnte eine Aufwertung der geleisteten pädagogischen Arbeit bedeuten sowie zur Professionalisierung des Berufsfeldes in den Kindertageseinrichtungen beitragen. Gleichzeitig stellt sich für die Disziplin der allgemeinen Bildungs- und Sozialwissenschaft eine Möglichkeit dar, begriffliche Verhältnisse, Abgrenzungen und Zusammenhänge der Trias der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung darzustellen und eine moderne Einordnung des Betreuungsbegriffes beispielsweise in die sozialkonstruktivistische Bildungstheorie vorzunehmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bildungswissenschaftliche Relevanz
3 Perspektiven auf den Betreuungsbegriff
3.1 Betreuung als Dienstleistung
3.2 Betreuung als Teil der Trias frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE)
3.3 Betreuung und Resonanz
4 Forschungsstand
4.1 Theoretischer Diskurs
4.2 Empirische Forschung zu Betreuung
4.3 Forschungslücken und Desiderate
4.4 Zwischenfazit
5 Betreuung als professionelle Bildungsarbeit
6 Fazit
7 Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, den aktuell unscharf verwendeten Begriff der „Betreuung“ im Kontext der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) bildungswissenschaftlich präziser einzuordnen und theoretisch zu fundieren, um die professionelle pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen aufzuwerten.
- Theoretische Kontextualisierung des Begriffs „Betreuung“ in der Elementarpädagogik
- Abgrenzung von Betreuung als reine Dienstleistung gegenüber professioneller Bildungsarbeit
- Verknüpfung von Betreuungsqualität mit dem sozialkonstruktivistischen Bildungsverständnis
- Integration von Hartmut Rosas Resonanzbegriff zur Beschreibung responsiver Sorgepraktiken
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen quantitativem Ausbau, Fachkräftemangel und pädagogischem Qualitätsanspruch
Auszug aus dem Buch
3.3 Betreuung und Resonanz
Bei näherer Betrachtung steckt im Begriff Betreuung mehr, wie beispielsweise Ludwig Liegle beschreibt. Es handelt sich dabei um die „umfassende Sorge für das leibliche und seelische Wohl und das Wohlbefinden der Kinder, Zeit für Kinder, Aufmerksamkeit für ihre Signale und Bedürfnisse, Zuwendung und Anerkennung“ (Liegle, 2013, S. 54). Hartmut Rosa hat mit seiner soziologischen Perspektive auf den aus der Physik entlehnten Resonanzbegriff eine Idee entwickelt, welche sich theoretisch für eine professionelle und zugleich entwicklungspsychologische Einordnung des Betreuungsbegriffs als besonders geeignet darstellt. Rosa arbeitet die Bedeutung von Perspektivübernahme sowie wechselseitigem Verständnis für die Persönlichkeitsentwicklung heraus (Rosa, 2016, 2019, S. 246). Dabei führt Rosa Erkenntnisse aus der Empathie-Forschung, der Theory of Mind sowie philosophischer Erkenntnisse zusammen.
Signifikant für den Betreuungsbegriff in der vorliegenden Arbeit ist die Bedeutung der Qualität intersubjektiver Wechselwirkung beziehungsweise Ko-Konstruktion für die kindliche Entwicklung sozialer Fähigkeiten (Rosa, 2016, 2019, S. 247). „Resonanzbeziehungen können sich jedoch prozesshaft auch in wechselseitigen Anpassungsbewegungen entfalten, die sich als ein aufeinander Einschwingen verstehen lassen (Rosa, 2016, 2019, S. 282). Hartmut Rosa spricht von der Qualität der Resonanzfähigkeit, die sich fördernd auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt (Rosa, 2016, 2019, S. 247) und somit einen Hinweis auf die Qualität von Betreuung und die pädagogische Ausgestaltung von Kindertagesbetreuung darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die begriffliche Unschärfe von „Betreuung“ im gesellschaftlichen Diskurs und fordert deren bildungswissenschaftliche Einordnung zur Professionalisierung des Berufsfeldes.
2 Bildungswissenschaftliche Relevanz: Es wird die Notwendigkeit einer theoretischen Bestimmung von Betreuung vor dem Hintergrund steigender gesellschaftlicher Anforderungen an die Qualität der Kindertagesbetreuung begründet.
3 Perspektiven auf den Betreuungsbegriff: Dieser Abschnitt beleuchtet Betreuung aus rechtlicher, historischer und fachlicher Sicht, unterteilt in Dienstleistungsaspekte, die Trias FBBE sowie Resonanzbeziehungen.
4 Forschungsstand: Er gibt einen Überblick über aktuelle theoretische Diskurse und empirische Studien zur Qualität in der institutionellen Kindertagesbetreuung sowie bestehende Forschungslücken.
5 Betreuung als professionelle Bildungsarbeit: In diesem zentralen Teil wird Betreuung als prozesshafte, professionelle Bildungsarbeit sowie als Voraussetzung für Bildungsprozesse definiert und theoretisch unterfüttert.
6 Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine moderne Definition von Betreuung notwendig ist und sich diese am ehesten über ein Resonanzverständnis fassen lässt.
7 Ausblick: Es wird auf zukünftige Herausforderungen, wie den Fachkräftemangel und das Spannungsfeld zwischen Betreuungszeiten und Qualitätsansprüchen, eingegangen.
Schlüsselwörter
Betreuung, frühkindliche Bildung, Kindertagesbetreuung, Bildungsqualität, Prozessqualität, Erziehung, FBBE, Professionalisierung, Resonanzbegriff, Elementarpädagogik, pädagogische Fachkräfte, Sozialkonstruktivismus, Sorgebeziehungen, Bildungsauftrag, kindliche Entwicklung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den inflationär gebrauchten Betreuungsbegriff im Bereich der institutionellen Kindertagesbetreuung und arbeitet dessen pädagogische Bedeutung heraus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Betreuung, die Qualität pädagogischer Arbeit, professionelle Bildungsstandards und die Trias aus Bildung, Betreuung und Erziehung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine bildungswissenschaftliche Einordnung und präzise (Arbeits-)Definition von Betreuung, um diese als professionelle Bildungsarbeit aufzuwerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Aufarbeitung bestehender Diskurse, empirischer Studien und bildungstheoretischer Ansätze, um eine eigenständige Definition des Betreuungsbegriffs abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung verschiedener Betreuungsperspektiven, die Analyse des aktuellen Forschungsstands und eine kritische Auseinandersetzung mit der professionellen Bildungsarbeit in Kitas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Betreuung, frühkindliche Bildung, Prozessqualität, Resonanzbegriff und professionelle Bildungsarbeit definieren.
Wie soll laut der Autorin der Betreuungsbegriff neu verstanden werden?
Betreuung soll nicht länger nur als notwendige Dienstleistung oder reine Beaufsichtigung gesehen werden, sondern als prozesshafte, professionelle Sorge, die die Voraussetzung für kindliche Bildungsqualität darstellt.
Inwiefern spielt der Resonanzbegriff von Hartmut Rosa für die Argumentation eine Rolle?
Der Begriff dient als theoretisches Modell, um die emotionale Qualität der Wechselwirkung und das feinfühlige „Einschwingen“ der Fachkraft auf das Kind greifbar zu machen.
- Arbeit zitieren
- Jeannette Städter (Autor:in), 2024, Betreuung. Eine begriffliche Einordnung in die Praxis der frühkindlichen Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1524016