In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich erörtern, ob in mittelalterlichen Mären versucht wurde, mit Hilfe von Fassaden das Verhalten der Menschen im Rahmen der Ehe, aber auch in konkret sexuell aufgeladenen Situationen, zu verharmlosen oder gar zu verbergen.
Für meine Untersuchung habe ich zum einen „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ von Heinrich Kaufringer ausgewählt. Primär, um das Verständnis einer – vermeintlich – glücklichen Ehe darzustellen. Hier scheint mir der Aspekt der Zivilisation eine entscheidende Rolle zu spielen. Die Ehe als Fassade für katastrophale Verhältnisse innerhalb des familiären Kreises, scheint keine Besonderheit zu sein. Das Thema vom entdeckten und bestraften Ehebruch wird in dem betrachteten Märe um einige erstaunliche Merkmale erweitert. Das Verhalten der Männer gegenüber der erkannten Untreue gleicht einer Art kompensierenden Strafe. Muss, um die häusliche Ehre aufrecht zu erhalten, einer der beiden Ehepartner also regelmäßig Leid über sich ergehen lassen? Oberstes Ziel scheint zu sein, die Ehe zu erhalten, um keine öffentliche Ächtung zu erfahren. Man will dem gesellschaftlichen Normensystem entsprechen. Deshalb mein gewählter Begriff der Fassade, gemeint als eine Art Vorhang oder auch Mantel des „höfisch-kultivierten Scheins“ , wie es Edith Feistner ausdrückt.
Zum anderen „Die halbe Birne“ von Konrad von Würzburg, an der sich eine Metaphorisierung von Begierde und des eigentlichen Sexualaktes nachvollziehbar herausarbeiten lässt. Eben diese Sexualmetaphern dienen dazu, moralische Schwächen – insbesondere des weiblichen Geschlechts – zu umschreiben. Neben einem sexuellen Nebensinn der Früchte, stelle ich die Frage, ob eine weitere Zeichenhaftigkeit der von Konrad niedergeschrieben Geschichte ausgeht. Eine latent vorhandene Triebhaftigkeit, sowie animalisch wirkende Instinktgesteuertheit der beschriebenen Protagonisten, werden hierzu ebenfalls im Fokus meiner Arbeit stehen.
Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich mich mit der Eheproblematik beschäftigen. Dazu werde ich zunächst kurz den Inhalt des Märes „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ wiedergeben, und anschließend die Ehe als scheinbar beschönigende Institution aufdecken.
In Anknüpfung daran, spreche ich die Faszination des Verborgenen an...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Problem der Ehe in: „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“
2.1 Kurze Inhaltsangabe
2.2 Die Ehe als Fassade
2.3 Die Faszination des Verborgenen
3. „Die Halbe Birne“ als Metapher realer Lust
3.1 Kurze Inhaltsangabe
3.2 Die Darstellung der beiden Protagonisten im Zusammenhang mit Metapher für sexuell aufgeladene Situation
3.3 Das Epimythion der halben Birne
4. Fazit
5. Quellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern in mittelalterlichen Mären Fassaden genutzt werden, um das Eheleben und sexuell aufgeladene Situationen zu verharmlosen oder zu verbergen. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse psychologischer Mechanismen und metaphorischer Darstellungen in den Werken von Heinrich Kaufringer und Konrad von Würzburg.
- Eheproblematik und der Erhalt des höfischen Scheins
- Funktion der Fassade als Schutz vor öffentlicher Ächtung
- Metaphorisierung von Sexualität in mittelalterlichen Texten
- Psychologische Kompensation bei männlichem Versagen
- Interpretation der Rolle von Symbolen wie der "halben Birne"
Auszug aus dem Buch
3.1 Kurze Inhaltswiedergabe
In der halben Birne geht es um den Ritter Arnolt, der sich während eines aufwendigen Brautwerbungsturniers besonders profilieren kann und anschließend an den Tisch des Königs und seiner Tochter – der zukünftigen Braut – Platz nehmen darf. Als Dessert werden Birnen gereicht, je eine Birne für zwei Personen. Der Ritter greift gierig nach der Birne und verschlingt, fern von jeglicher höfischen Etikette, seine Hälfte ungeschält herunter. Dieser Regelverstoß wird von der Königstochter solange verspottet, bis er beschämt den Hof verlässt.
Nach Rücksprache mit seinem Knecht kehrt Arnolt jedoch verkleidet, als taubstummer und schmutziger Narr wieder zurück an den Hof. Ab der Hüfte unbekleidet, schafft er es als spaßiges Schauobjekt in die Kemenate der Königstocher einzudringen. Als sie merkt, dass sich sein „Wurm“ zum „Speer“ aufrichtet, wird sie von enormer Lust ergriffen. Da der maskierte Ritter sich unwillig zeigt, ihre Lust zu befriedigen, bittet sie die Anwesenden zu gehen.
Nur noch ihre Kammerzofe Irmgard soll in der Kammer bleiben und ihr den „Narren“ zwischen die Beine drücken. Mit einem Stock zwingt Irmgard Arnolt dazu sein Becken in die entsprechende Richtung zu bewegen, bis die Begierde der Königstocher gestillt ist. Als sie am nächsten Morgen beim Turnier den Ritter erneut verspottet, wiederholt er ihre Aufforderung der Zofe gegenüber, ihn mit dem Stock zu ‚pieksen‘. Daraufhin erschrickt und errötet die Dame wie eine Kirsche, und ist bereit Arnolt zu heiraten. Damit retten sie beide ihren Ruf und sind in lebenslangem Misstrauen miteinander verbunden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage, ob mittelalterliche Mären dazu dienten, eheliche und sexuelle Problematiken hinter einer Fassade des höfischen Scheins zu verbergen.
2. Das Problem der Ehe in: „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“: Dieses Kapitel analysiert Kaufringers Werk als Darstellung einer vermeintlich glücklichen Ehe, die in Wahrheit auf unterdrückten Konflikten und sadistischen Bußritualen basiert.
2.1 Kurze Inhaltsangabe: Es wird die Handlung des Märes zusammengefasst, in der ein Ehemann nach einem vollkommenen Paar sucht und dabei auf schockierende eheliche Geheimnisse stößt.
2.2 Die Ehe als Fassade: Dieser Abschnitt untersucht den Zwang der Eheleute, trotz gravierender zwischenmenschlicher Probleme den Anschein gesellschaftlicher Wohlanständigkeit zu wahren.
2.3 Die Faszination des Verborgenen: Hier wird beleuchtet, wie das Schreiben über Tabuthemen wie Ehebruch und sexuelle Begierde als Ventil für gesellschaftliche Ängste fungierte.
3. „Die Halbe Birne“ als Metapher realer Lust: Das Kapitel widmet sich Konrad von Würzburgs Werk und der Metaphorisierung des Sexualaktes sowie der Rolle der Protagonisten.
3.1 Kurze Inhaltswiedergabe: Darstellung der Geschichte des Ritters Arnolt, der nach einem Eklat verkleidet als Narr zurückkehrt, um die Königstochter zu erobern.
3.2 Die Darstellung der beiden Protagonisten im Zusammenhang mit Metapher für sexuell aufgeladene Situation: Analyse der erotischen Spannung zwischen Arnolt und der Königstochter sowie der symbolischen Bedeutung ihrer Interaktion.
3.3 Das Epimythion der halben Birne: Untersuchung der Schlussverse, die den Leser zur verharmlosenden Interpretation des Erzählten anleiten sollen.
4. Fazit: Die Arbeit resümiert, dass die intendierte Fassade in beiden Mären als literarisches Mittel zur Unterhaltung und zur diskreten Thematisierung gesellschaftlicher Tabus dient.
5. Quellen: Auflistung der für die wissenschaftliche Untersuchung verwendeten Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Mittelalterliche Mären, Eheproblematik, Fassade, höfischer Schein, Ehebruch, sexuelle Begierde, Metaphorisierung, Heinrich Kaufringer, Konrad von Würzburg, Narrenexistenz, Erotik, gesellschaftliche Normen, psychologische Kompensation, Frauenbild, Minne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie in mittelalterlichen Mären versucht wird, Konflikte in der Ehe und sexuelle Begierden hinter einer Fassade des höfischen Anstands zu verbergen oder zu verharmlosen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Inszenierung der Ehe als "Fassade", die Rolle der Sexualität in mittelalterlichen Kurzerzählungen sowie die psychologischen Aspekte der männlichen Versagensangst und Kompensation.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, ob die in den Mären dargestellten Fassaden bewusst intendiert sind, um delikate menschliche Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb der Ehe in einer gesellschaftlich akzeptablen Form zu verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine textnahe Analyse in Verbindung mit der Auswertung relevanter Sekundärliteratur zu den Themen Ehe, Trieb, Gewalt und geschlechtsspezifischer Rollenbilder im Mittelalter.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Heinrich Kaufringers "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar" und Konrad von Würzburgs "Die halbe Birne", wobei jeweils Inhaltsangaben, Charakterisierungen und die Interpretation von Metaphern im Fokus stehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie mittelalterliche Mären, Eheproblematik, Fassade, Ehebruch, Metaphorisierung und gesellschaftliche Normen beschreiben.
Welche Rolle spielt die „halbe Birne“ als Symbol im Text?
Die Birne fungiert als Schlüsselsymbol für sexuelle Begierde. Der unbedachte Umgang des Ritters mit ihr bricht die höfische Etikette und löst eine sexuelle Spannung aus, die den weiteren Handlungsverlauf dominiert.
Warum wird im Fazit die Rolle der Unterhaltung hervorgehoben?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass neben den tiefgründigen Analysen auch der Aspekt der "gelungenen Unterhaltung" und Komik der Erzählungen nicht unterschätzt werden darf, um den Texten nicht ihren Reiz zu nehmen.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2010, Die Darstellung sexueller Begierde in „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ von Heinrich Kaufringer sowie „Die halbe Birne“ von Konrad von Würzburg , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152417