Literarisches Erzählen in Gabriel García Márquez' Autobiographie "Vivir para contarla"


Examensarbeit, 2009
95 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. AUTOBIOGRAPHIE
2.1 GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK

3. AUTOBIOGRAPHIE ALS LITERARISCHE GATTUNG
3.1 AUTOBIOGRAPHIE VOM 20. JAHRHUNDERT BIS HEUTE
3.2 LITERARISCHES ERZÄHLEN
3.2.1 DIE PROBLEMATIK VON FAKTIZITÄT UND FIKTION
3.2.2 VIELFALT DER LITERARISCHEN FORMEN DER AUTOBIOGRAPHIE
3.2.3 STRUKTUR UND AUFBAU VON AUTOBIOGRAPHIEN
3.2.4 ERINNERUNG, VERGESSEN UND GEDÄCHTNIS

4. LITERARISCHES ERZÄHLEN IN VIVIR PARA CONTARLA
4.1 ERZÄHLSTRUKTUR IN VIVIR PARA CONTARLA
4.2 RHETORISCHE FIGUREN
4.3 FIKTIONALITÄT DURCH NARRATIVITÄT
4.4 INTERTEXTUALITÄT
4.5 HISTORIOGRAPHISCHE ELEMENTE
4.6 ERINNERN
4.7 KOLLEKTIVES GEDÄCHTNIS
4.8 MIKRO- MAKROKOSMOS

5. FAZIT

6. BIBLIOGRAPHIE
6.1 PRIMÄRLITERATUR
6.2 SEKUNDÄRLITERATUR
6.2.1 ZITIERTE LITERATUR
6.2.2 KONSULTIERTE LITERATUR

1. Einleitung

Die Autobiographie, eine bei der Leserschaft beliebte und auf dem Buchmarkt etablierte literarische Textsorte, kann auf eine überaus lange Geschichte zurückblicken. Wenngleich die Autobiographieforschung ihren Beginn um die Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert hat, ist das wissenschaftliche Interesse in den neueren Philologien allerdings erst in den vergangenen drei Jahrzehnten schlagartig angestiegen.1 Aufgrund neuer theoretischer Ansätze wird die Autobiographie seitdem aus anderen Perspektiven und unter neuen Kriterien betrachtet.

Das Besondere an der Gattung Autobiographie ist zum Einen deren Authentizität und zum Anderen, was das spannende an ihr ist, das Phänomen, dass sie in so zahlreichen, unterschiedlichen Formen auftritt. Nach einem entwicklungsgeschichtlichen Überblick der Autobiographie im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll im Hauptteil Gabriel García Márquez’ Autobiographie Vivir para contarla textanalytisch in Bezug auf den ersten Teil untersucht werden. Der Rahmen dieser Arbeit lässt leider keinen erschöpfenden und ausführlichen geschichtlichen Überblick zu, sodass dieser nur grob dargestellt wird. Beginnend in der Antike soll von Platons’ Apologie des Sokrates über die häufig in eine hermeneutische Reihe gestellten Confessiones, die Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen Confessions und Wahrheit und Dichtung, aus dem 19. Jahrhundert, von Aurelius Augustinus, Jean-Jacques Rousseau und Johann Wolfgang von Goethe, das 20. Jahrhundert erreicht werden. Das letzte Drittel des

20. Jahrhunderts ist gezeichnet von wissenschaftlichem Interesse an Autobiographien und hat die Forschung nachhaltig verändert. Diese in Betracht ziehend soll anschließend Gabriel García Márquez’ Vivir para contarla analysiert werden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf literarisches Erzählen gelegt wird. Es soll untersucht werden, inwieweit in Gabriel García Márquez’ Autobiographie die zuvor vorgestellten Stilmittel des literarischen Erzählens sowie deren Gebrauchsweise aufzufinden sind. Des Weiteren soll herausgefunden werden, ob sein Werk einen Anspruch auf literarische Gestalt erheben kann.

Zur Untermauerung der Argumente werden diverse wissenschaftliche Arbeiten hinzugezogen die alle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstammen, als der Autobiographie langsam ein neues Interesse zugestanden wurde. Diese reichen bezüglich der Autobiographie von Aichinger, Bruss, de Toro, Gusdorf, Lejeune, Misch, Niggl, Probst, Shumaker, Starobinski über Wagner-Egelhaaf bis hin zu diversen anderen Literaturwissenschaftlern. Auch werden historische Werke herangezogen, um sie später mit García Márquez’ historiographischen Elementen zu vergleichen, sowie wissenschaftliche Aufsätze, um Thesen und Argumentationen zu unterstützen.

Das wissenschaftliche Interesse an Autobiographien ist in den letzten Jahrzehnten zwar enorm angestiegen, dennoch existieren diverse Unstimmigkeiten, besonders literaturwissenschaftlicher Natur: Welche Definition trifft für den Begriff der Autobiographie am besten zu? Wo wird sie als eigene Gattung von ihren Nachbargattungen abgegrenzt? Insbesondere das Verhältnis der Autobiographie zur Fiktion scheint von großer Problematik zu sein, klaffen dort die Meinungen und Theorien der Wissenschaftler am deutlichsten auseinander. Die Forschung ist hier noch weit von einer gänzlich befriedigenden, einheitlichen Lösung entfernt. Des Weiteren bezieht sich die bisherige Forschungsliteratur bezüglich der Autobiographie als literarischer Gattung zum größten Teil auf europäische Schriftsteller. Im Folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, die im ersten Teil erarbeiteten theoretischen Aspekte und Konzepte, im Hauptteil auf einen lateinamerikanischen Autobiographen, den Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, zu beziehen. Im Anschluss soll im Fazit ein Ergebnis präsentiert und erörtert werden.

2. Autobiographie

Der vorliegenden Arbeit soll folgende Definition des Forschungsgegenstandes zugrunde liegen: Die Autobiographie soll als Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelnen durch diesen selbst (auto) aufzufassen sein.2

Beim Befassen mit dem Forschungsgegenstand Autobiographie muss zunächst geklärt werden, dass sie, anders als benachbarte Gattungen, nicht seit den Anfängen der Erzähltradition existiert und sie auch nicht in allen Kulturen zu finden ist3. Die Autobiographie scheint ein Phänomen der okzidentalen Bevölkerung zu sein, so geht Georges Gusdorf soweit, dass er von einer „geistigen Kolonisation“4 spricht. Gemeint sind Autoren in kolonisierten Bevölkerungen, die entgegen ihrer eigenen, ursprünglichen Mentalität das Verlangen haben, autobiographische Texte zu verfassen. Dass dieses so natürlich scheinende Bedürfnis, sein eigenes Leben zu rekapitulieren und zu erzählen, kein allgemeines und weltweites Verlangen ist, wird offensichtlich, wenn, wie im Folgenden ausgeführt, in Betracht gezogen wird, seit wann und vor allem wo auf der Welt autobiographische Texte existieren.

Soll als erste nennenswerte Autobiographie also die Confessiones von Augustinus bestimmt werden, weil sie die literaturwissenschaftliche Forschung geprägt hat und eine Art Vorbild für die folgenden Autobiographien war? Können nicht aber auch schon Platons Die Apologie des Sokrates oder Isokrates’ Antidosis als autobiographisch, bzw. zumindest partiell als autobiographisch betrachtet werden? Es soll im Folgenden ein knapper Umriss der Geschichte der Autobiographie gegeben werden, der als unvollständig zu betrachten ist, da eine ausführliche, vollständige Darstellung nicht Gegenstand dieser Arbeit sein soll und den Rahmen derselben sprengen würde.

2.1 Geschichtlicher Überblick

Soll die Geschichte der Autobiographie dargestellt werden, ist bis in die Antike zurückzugehen. Hier war sie zwar noch keine eigenständige Gattung und kam in unterschiedlichen Erscheinungsformen vor, wenngleich sie nicht von jedem geschrieben werden konnte: Zur Rechtfertigung durften beispielsweise Politiker Gebrauch von autobiographischen Schriften machen, um ihr Handeln zu erklären oder zu propagieren; Schriftsteller durften auf diese Weise ihr Leben und ihr Werk präsentieren; Personen, die glaubten, erwähnenswerte und für Leser interessante Erfahrungen gemacht zu haben, konnten diese in Memoiren und Reiseberichten verewigen; Angeklagte haben ihre Verteidigungsrede als Rechtfertigung bzw. Selbstdarstellung genutzt, auch in den allseits bekannten Fällen von Sokrates (470-399 v. Chr.) und Isokrates (436-338 v. Chr.).5 Während die Apologie des Sokrates von Sokrates’ Schüler Platon (427-347 v. Chr.) geschrieben wurde, dafür aber historisch der Wahrheit entsprach, schrieb Isokrates seine Antidosis selber, wenn auch der Inhalt des Werkes fiktive Elemente enthielt.6 Isokrates möchte sich gänzlich offenbaren und die komplette Wahrheit über seine Wesensart und seine Bildung preisgeben, während Sokrates wegen Gotteslästerung (und folglich dem Verderben der Jugend) angeklagt war und sich zu verteidigen suchte, indem er sich immer wieder auf sein Leben als eine Einheit berief: „Ich bin etwas Besonderes – Anspruch auf Individualität; Ich bin stets derselbe gewesen – Anspruch auf Identität“.7 Der Individualität bei Sokrates, dem wiederholten Berufen auf das semper idem, steht die literarische Unübertroffenheit Isokrates’ gegenüber, „[D]as ihn Auszeichnende liegt, wie er selbst zu betonen nicht müde wird, auf literarischem Felde.“8 Individualität und das semper idem der platonischen Apologie des Sokrates (Rechtfertigung) wird abgelöst von Thema der Selbstfindung bei Aurelius Augustinus (354-430): Als erste gattungsgeschichtlich wichtige Form der Autobiographie werden Augustinus’ Confessiones genannt, die als ein „Leitparadigma“9 der Autobiographiegeschichte gesehen werden können. Wenngleich schon Platon und Isokrates autobiographische Elemente in ihre Schriften eingebaut haben, so gelten die Confessiones als erste in die spätere „hermeneutische Reihe“10 gehörende Autobiographie.

Autobiographieforscher halten Augustinus’ Werk für

„gattungskonstitutiv.“11 In einer kontinuierlichen Darstellung seines Lebenszusammenhangs, die mit einem Abriss seiner frühen Kindheit beginnt, schildert Augustinus darin seine Bekehrung zum Christentum. Diese beschreibt er als den Wendepunkt seines Lebens und somit macht die Bekehrung den Höhepunkt der Autobiographie aus. Damit legt Augustinus den Grundstein für viele folgende Autobiographien: Nämlich den eigenen Werdegang oder zumindest einen bestimmten

Lebensabschnitt12 zu verschriftlichen, in dem der Autor auf der Suche nach seinem eigentlichen Ich umherirrt, bis das erinnerte Ich am Ende „Bestimmung“ gefunden hat.13 Während sich also in Augustinus’ Confessiones alles um ein „religiöses Bekehrungserlebnis“14 dreht und somit der Bezug zu Gott im Vordergrund steht, steht bei Jean-Jacques

Rousseaus (1712-1778) postum erschienenen Confessions der Bezug zu sich selbst an primärer Stelle. Verfasst im 18. Jahrhundert, in welchem die Anthropologie an Bedeutung gewinnt,15 geht es nicht mehr um die Wahrheit Gottes, sondern um die Wahrheit des Menschen.16 Hierzu schreibt Hans Robert Jauss:

Sein [Rousseaus, Anm. d. V.] Buch, mit dessen Niederschrift sich die ästhetische Einstellung der religiösen Ausdrucksform der Lebensbeichte bemächtigt, macht die geheimsten Antriebe des menschlichen Herzens transparent und setzt derart die Selbstoffenbarung des Mitmenschen an die Stelle der Instanz, die Gott allein in der augustineschen Selbsterfahrung zugekommen war.17

Wenn Jauss vom „Transparentmachen des Herzens“ und der

„Selbstoffenbarung der Mitmenschen“ spricht, wird sowohl das anthropologische Gedankengut Rousseaus hervorgehoben, als auch der autobiographische Wandel von der augustineschen Autobiographie, in deren Zentrum sich einst ausschließlich Gott befand und nun der Mensch im Mittelpunkt steht.

Trotz des bereits erwähnten Wandels der Autobiographie und der folglich bestehenden Unterschiede zwischen beiden Formen, weist der Titel Confessions unabdingbar einen Bezug zu Augustinus’ Confessiones auf, doch wird von Rousseau selbst ausdrücklich erwähnt, dass dieses Werk „kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird“. Des Weiteren möchte

Rousseau „vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein“.18 Einmal mehr wird verdeutlicht, dass die Schlüsselbegriffe jetzt Wahrheit und Natur sind, und zwar die Wahrheit des Menschen.19 Um seine Leser von der Wahrhaftigkeit seines Werkes zu überzeugen, bezieht sich seine Selbstdarstellung nicht wie bei vielen anderen Autobiographen auf einen bestimmten Lebensabschnitt, sondern auf die Gesamtheit seines Lebens. Dabei benutzt er die besondere Technik, wie Probst sie treffend formuliert hat, „alles zu sagen und nichts zu beurteilen“.20 Darüber hinaus betont er wiederholt seinen allumfassenden Wahrheitsanspruch, der jedoch von einem ganz entscheidenden Thema eingeschränkt wird: dem Thema des Erinnerns und des Vergessens.21 Schon bei Augustinus wird deutlich, dass das Erinnern, also die Funktion des Gedächtnisses, eine ausschlaggebende und unverzichtbare Rolle spielt, ohne die das verfassen einer Autobiographie nicht möglich wäre.22

Anders als Augustinus, der im Dialog mit Gott steht, richtet sich Rousseau in einer neuen Form der Rechenschaftsablegung an die Leser mit dem Ziel, sich selbst für die Nachkommenschaft in ein bestimmtes Licht zu rücken: Er rechtfertigt nicht sein zurückliegendes Handeln, sondern vielmehr die „Art und Weise“ des Geschriebenen.23

Im 19. Jahrhundert erlangt die Autobiographie einen neuen Standpunkt in der Wissenschaft: Bezüglich der Geisteswissenschaften erhält sie einen völlig neuen Untersuchungswert. Das Interesse entfaltet sich nun von psychologischen über geschichtliche Aspekte. Besonders der Eigenwert der Gattung an sich wird nun von Wissenschaftlern im Spezifischen untersucht.24 Auch für die literaturhistorische Forschung ist die Autobiographie von neuem Interesse, werden nun sowohl einzelne autobiographische Schriften verschiedener Nationen25 in Betracht gezogen, als auch „Probleme“ des modernen Romans, die Misch in Balzacs Aussage „Les romans les plus touchants sont des études autobiographiques ou des récits d’événements enfouis dans l’océan du monde“ angedeutet findet.26

Die Autobiographie ist also fortan aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Einerseits, nach wie vor, als Selbstzeugnis eines Menschen, und andererseits, und das ist im 19. Jahrhundert neu, als eigene literarische Gattung.27

Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) bereits erwähnte Dichtung und Wahrheit 28 galt, neben Augustinus’ Confessiones und Rousseaus Confessions, ebenfalls als ein Musterbeispiel für nachfolgende Autobiographien und übernahm somit auch eine Vorbildfunktion.29 Auf den ersten Blick wirkt der Titel Dichtung und Wahrheit paradox, so stellt man sich doch unter Dichtung „Erfundenes“ und unter Wahrheit

„Wahrhaftiges“ vor. Doch begründet Goethe die Wahl des Titels unter anderem damit, dass Leser von Autobiographien meist an deren Wahrheitsgehalt zweifeln. Um der Skepsis der Leserschaft von vornherein entgegenzuwirken, nannte er sein Werk Dichtung und Wahrheit: Er war aufrichtig bemüht, sein Leben unverfälscht darzustellen, doch sei dies im Nachhinein ohne den Gebrauch der Erinnerung und folglich der Einbildungskraft nicht möglich. Zwangsweise müsse Gebrauch von der Dichtkunst gemacht werden und „so [sei] es klar [sic!] daß man mehr die Resultate und, wie wir uns das Vergangene jetzt denken, als die Einzelheiten, wie sie sich damals ereigneten, aufstellen und hervorheben werde.“30 Goethe beruft sich also auf die Notwendigkeit von ‚Dichtung’, um ‚Wahrheit’ zu schreiben.

Dass dieses sich gegenseitig bedingende Wechselverhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit unumgänglich ist, wird auch deutlich, wenn Martina Wagner-Egelhaaf Folgendes treffend erklärt:

Um diese Wahrheit zu erkennen, bedarf es der Dichtung, die das Einzelne in einen Zusammenhang rückt und deutet.

‚Dichtung’ und ‚Wahrheit’ sind auf diese Weise unmittelbar aufeinander bezogen, sie ergänzen und bestimmen sich wechselseitig, weil sie beide in einem übertragenen Sinn verwendet werden. Dabei bewegen sie sich gewissermaßen aufeinander zu: Die ‚Dichtung’ treibt die ‚Wahrheit’ hervor, die ‚Wahrheit’ wird nur als ‚Dichtung’ fassbar.31

Steht bei Augustinus also die Wahrheit Gottes im Zentrum des Geschehens und bei Rousseau die Wahrheit des Menschen, so ist der Leitgedanke in Goethes Dichtung und Wahrheit das stete Wechselverhältnis zwischen Wahrheit und Dichtung. Mit der Thematisierung der Wahrheit knüpft Goethe augenscheinlich an seine Vorläufer Augustinus und Rousseau an, doch fügt er den Aspekt der

Dichtung hinzu und bringt somit die erste bewusst unternommene Vermischung von Fiktion und Faktizität in die Autobiographie,32 was von nun an viele Nachahmer findet.33 Des Weiteren betont Goethe, anders als Rousseau, bei dem die Autarkie der einzelnen Person hervorgehoben wird, dass der Mensch im Zusammenhang mit dem Weltgeschehen gesehen werden muss. Er wird also nicht als Person allein, sondern im historischen Kontext durchleuchtet, da dieser den

Menschen in seiner Entwicklung stark beeinflusst. So sieht Goethe ein weiteres Wechselwirken zwischen der Selbstbestimmung des Menschen für sich und der Fremdbestimmung von äußeren Einflüssen, was er bereits in seinem Brief an König Ludwig von Bayern nachhaltig zum Ausdruck bringt, indem er schreibt: „Bringt ja selbst die gemeinste

Chronik notwendig etwas von dem Geiste der Zeit mit, in der sie geschrieben wurde.“34 Es geht hier also um einen Prozess, in Goethes

Fall um einen Entwicklungs- und Bildungsprozess, der von äußeren Faktoren abhängt, dennoch entelechisch konzipiert ist, das heißt, durch seinen angeborenen Entwicklungsplan bleibt das Individuum gleich, doch verändert es sich durch die äußeren Bedingungen,35 was in Goethes oft zitierter Definition verdeutlicht wird:

Denn dieses scheint die Hauptaufgabe der Biographie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, in wiefern ihm das Ganze widerstrebt, in wiefern es ihn begünstigt, wie er sich eine Welt- und Menschenansicht daraus gebildet, und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach außen abgespiegelt. [...] ein Jeder, nur zehn Jahre früher oder später geboren, dürfte, was seine eigene Bildung und die Wirkung nach außen betrifft, ein ganz anderer geworden sein.36

Wenn nun also von einem Entwicklungs- und Bildungsprozess ausgegangen wird und von einer „literarisch vorbildliche[n] Realisierung eines gelungenen Sozialisierungs- und Identitätsbildungsprozesses“37 die Rede ist, so endet dieser Prozess bei Goethe mit dem Verlassen Frankfurts, da seine Autobiographie hier endet und der Sozialisierungsprozess somit abgeschlossen ist. Auch Bernd Neumann schließt sich der These an, dass die Autobiographie die Darstellung eines Entwicklungsprozesses und mit dem Finden seiner eigenen sozialen Stellung abgeschlossen ist: „Memoiren setzen eigentlich erst mit dem Erreichen der Identität, mit der Übernahme der sozialen Rolle ein, die Autobiographie endet dort.“38 Neumann unterscheidet folglich

Autobiographien als Werdegang eines noch nicht sozialisierten Menschen und seiner Entwicklung zu ebensolchem von Memoiren, deren Autoren bereits sozialisiert sind. Diese These dürfte aber in Frage gestellt werden, denn, wie bereits Rudolf Probst erkannt hat,39 bedeutete dies, dass Schriftsteller wie beispielsweise Rousseau, die anstelle eines bestimmten Lebensabschnittes ihr gesamtes Leben niedergeschrieben haben, sich niemals sozialisiert hätten und bis zuletzt ohne bestimmte Rolle in der Gesellschaft umhergeirrt sind.

3. Autobiographie als literarische Gattung

Wie weiter oben erwähnt, erfreute sich die Autobiographie bereits im 19. Jahrhundert eines neuen Interesses und wurde aus divergierenden Blickwinkeln betrachtet. Im 20. Jahrhundert kamen noch weitere Perspektiven und Untersuchungsansätze hinzu, von denen in den folgenden Kapiteln die Rede sein soll.

[...]


1 Günter Niggl, Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 1.

2 Georg Misch, „Begriff und Ursprung der Autobiographie“, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 38.

3 Georges Gusdorf. „Voraussetzungen und Grenzen der Autobiographie“, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 121.

4 Gusdorf, 122.

5 Vgl. Manfred Fuhrmann, „Rechtfertigung durch Identität - Über eine Wurzel des Autobiographischen“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 685.

6 Vgl. ebd. 685.

7 Ebd. 686.

8 Fuhrmann, 688.

9 Martina Wagner-Egelhaaf, Autobiographie, 2. Auflage, Sammlung Metzler, Bd. 323, Stuttgart und Weimar: J.B. Metzler, 2005, 112.

10 In eine hermeneutische Reihe werden in der Autobiographieforschung meist Aurelius Augustinus’ Confessiones, Jean-Jacques Rousseaus Confessions und Johann Wolfgang von Goethes Dichtung und Wahrheit gestellt. Vgl. hierzu auch Wagner-Egelhaaf, 112; des Weiteren zeigt Rudolf Probst, dass auch literaturwissenschaftlich prägende Werken wie Dürrenmatts Labyrinth diese drei Autobiographien erwähnen. Rudolf Probst, (K)eine Autobiographie schreiben: Friedrich Dürrenmatts „Stoffe“ als Quadratur des Zirkels, Zur Genealogie des Schreibens, Bd. 8, Paderborn: Fink, 2008, 47. Ingrid Aichinger, „Probleme der Autobiographie als Sprachkunstwerk”, in: Günter Niggl (Hrsg.), Die Autobiographie: Zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung, Studienausgabe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, 176.

11 Wagner-Egelhaaf, 112.

12 Hier sei zu erwähnen, dass dieser in einer Autobiographie beschriebene Lebensabschnitt in seinem Verlauf deutlich erkennbar sein muss, dass die Länge des Textes jedoch vom Autor völlig frei zu bestimmen ist: der Autor kann seine autobiographische Schrift auf einer Seite darstellen, ebenso kann er ein Buch damit füllen, oder sein Werk auf mehrere Bände erstrecken. Vgl. hierzu auch Jean Starobinski, „The Style of Autobiography“, in: Trev Lynn Broughton (Hrsg.), Autobiography: Critical Concepts in Literary and Cultural Studies, Vol. I, London et al.: Routledge, 2007, 158.

13 Probst, 48; Für eine ausführlichere Darstellung, siehe auch Wagner-Egelhaaf, 112ff.

14 Probst, 48. Für weitere Informationen in Bezug auf Bekehrung und Identität siehe auch Manfred Sommer, „Zur Formierung der Autobiographie aus Selbstverteidigung und Selbstsuche (Stoa und Augustinus)“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 699-702.

15 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 153.

16 In diesem Fall geht es um die Wahrheit Rousseaus. Vgl. Wagner-Egelhaaf, 164.

17 Hans-Robert Jauss, „Gottesprädikate als Identitätsvorgaben in der Augustinischen Tradition der Autobiographie“, in: Odo Marquard und Karlheinz Stierle (Hrsg.), Poetik und Hermeneutik VIII: Identität, München: Wilhelm Fink Verlag, 1979, 712.

18Zitiert nach Probst, 50.

19 Dass es sich hierbei um die Wahrheit des Individuums Jean-Jacques Rousseau selber handelt, wird in jenen Zeilen der Confessions deutlich, in denen er von sich in der 3. Person Singular schreibt. Vgl. Probst, 50.

20 Probst, 50.

21 Ebd. 51.

22 Vgl. ebd. 49. An dieser Stelle soll nicht näher auf Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen eingegangen, sondern auf die Kapitel 3.2.4 und 4.6 verwiesen werden, da diese Thematik im Forschungsgegenstand Autobiographie eine so entscheidende Rolle spielt, dass ihr ein gesonderter Platz eingeräumt wird.

23 Wagner-Egelhaaf, 164.

24 Misch, 35.

25 Sei es im Italienischen Dantes Vita Nuova, im Französischen Rousseaus Confessions, oder im Deutschen Goethes Dichtung und Wahrheit. Vgl. hierzu auch Misch, 35.

26 Misch, 35f.

27 Vgl. ebd. 36; 45.

28 Genau genommen lautet der Titel Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit.

29 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 174.

30 Ausschnitt aus einem Brief (1829) Goethes an König Ludwig von Bayern, zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 169. Für weitere Erklärungen Goethes zu seiner Titelwahl, siehe auch Probst, 53.

31 Probst, 54. Vgl. hierzu auch Wagner-Egelhaaf, 168.

32 Dies zu betonen scheint mir unumgänglich, da, wie weiter oben erwähnt, bereits bei Platon und Isokrates eine Vermischung von Fiktion und Faktizität stattgefunden hat, wenn deren Anliegen auch nicht das Niederschreiben ihrer Lebensgeschichte war.

33 Probst, 52.

34 Zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 169.

35 Vgl. Wagner-Egelhaaf, 171 und Probst, 56.

36 Vom Verfasser gekürzt zitiert nach Wagner-Egelhaaf, 171.

37 Probst, 58.

38 Zitiert nach Probst, 57.

39 Ebd. 57.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Literarisches Erzählen in Gabriel García Márquez' Autobiographie "Vivir para contarla"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
95
Katalognummer
V152426
ISBN (eBook)
9783640641987
ISBN (Buch)
9783640642441
Dateigröße
879 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narrativität, narrative Erzählung, Autobiographie, literarische Elemente, Gabriel García Márquez, Vivir para contarla, Fiktionalität durch Narrativität, Faktizität vs. Fiktion, literarische Stilmittel, historiographische Elemente
Arbeit zitieren
Anna-Carina Müller (Autor), 2009, Literarisches Erzählen in Gabriel García Márquez' Autobiographie "Vivir para contarla", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152426

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