Die Tour de France - Ein französischer Mythos?

Mythenelemente der Tour-de-France-Geschichte und ihre Überlebensfähigkeit trotz Doping


Magisterarbeit, 2008
82 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1 Einleitung

2 Frankreich und seine Mythen
2.1 Ursprungsmythen der französischen Nation: Vercingétorix und Chlodwig
2.2 Die „Mutter der Republik“: Jeanne d’Arc
2.3 Theoretische Aufarbeitung der Gründungsmythen
2.3.1 Ernst Cassirer
2.3.2 Kurt Hübner – Die Ontologie des Mythos
2.3.3 Roland Barthes – Der Mythos als Aussage
2.4 Zusammenfassung

3 Die Tour de France – ein Mythos
3.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die Tour de France nach der Niederlage
3.2 Historischer Überblick der Tour de France
3.3 Kommerzielle Kraft der Tour de France
3.4 Mythenelemente der Tour de France
3.4.1 Der Held als mythisches Element
3.4.2 Mythische Deutung des Helden nach Cassirer – Aktive Sinngebung
3.4.3 Schaffung der eigenen Tour-de-France-Legende
3.4.4 Interpretation nach Hübner – Die Ontologie der Tour de France
3.5 Zusammenfassung

4 Frankreich und der Mythos Tour de France
4.1 Die große Schleife um das französische Staatsgebiet
4.2 Die Verbindung Tour de France und nationale französische Geschichte und Symbole
4.3 Die Heldenverehrung in der Tour de France und in den Gründungsmythen
4.4 Barthes – Der Mythos Tour de France als Aussage
4.5 Zusammenfassung

5 Die Tour de France als Mythos über Frankreichs Grenzen hinaus
5.1 Nationale Mythen in Zeiten der Globalisierung
5.2 Denationalisierung nationaler Mythen – die Adaption Jeanne d’Arcs und der Tour de France in Europa
5.3 Der außerfranzösische Tour-de-France-Mythos
5.4 Zusammenfassung

6 Doping und die Zukunft des Mythos Tour de France
6.1 Die Gratwanderung in der Anforderung an die Fahrer – Heldenbild und übermenschliche Anstrengungen
6.2 Heldenbild und Doping
6.3 Ist der Mythos Tour de France in Gefahr?
6.4 Zusammenfassung

7 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit stellt den vorläufigen Abschluss meines Studiums dar, daher möchte ich den Rahmen nutzen, um mich bei wichtigen Menschen für ihre Hilfe zu bedanken.

Zunächst danke ich Frau Prof. Dr. Maria Lieber und Herrn Prof. Dr. Dr. h. c. Ingo Kolboom für die Korrektur dieser Arbeit. Darüberhinaus gilt mein Dank allen Hochschullehrern des Instituts Romanistik sowie des Instituts Philosophie der TU Dresden für die umfassende sprachliche und fachliche Ausbildung, ohne die diese Arbeit nicht möglich gewesen wäre.

Allen meinen Freunden danke ich für die moralische Unterstützung, insbesondere meinem Mitbewohner Fred für Hilfe aller Art, den Los Spontanos für musikalische und der ersten Basketball-Damenmannschaft des USV TU Dresden für sportliche Ablenkung von der geistigen Aktivität.

Die größte Unterstützung habe ich von meinen Eltern erfahren, die mich in all den Jahren meines Studiums begleitet und mir durch ihre finanzielle Unterstützung aber vor allem durch ihr Vorbild sehr in meiner Entwicklung geholfen haben, wofür ich ihnen zutiefst dankbar bin.

Uli danke ich dafür, dass es sie gibt und dass sie mir das größte Geschenk der Welt bereitet hat.

1 Einleitung

Nicolas Sarkozy sprach in seiner Neujahrsansprache am 8. Januar 2008 von einer „politique de civilisation“, die er in diesem Jahr in nahezu allen Bereichen einführen wollte. Darunter fallen nicht nur die Jugendkriminalität, die Immigrationsprobleme und der Schutz der einheimischen Wirtschaft, sondern auch das Projekt der Europäischen Union, deren Präsidentschaft Frankreich im Juni übernimmt.

„D’ailleurs, cette présidence sera une autre occasion pour la France de pousser une politique de civilisation. […] Alors la politique de civilisation, enfin, la France, il faut la promouvoir à l’échelle européenne et à l’échelle mondiale, non pour imposer au monde un modèle de civilisation, mais pour faire rayonner les valeurs universelles qui sont les nôtres.“[1]

Der Appell Sarkozys an die französische Zivilisation zeigt einmal mehr, welche Funktion Mythen in der französischen Gesellschaft, insbesondere in der französischen Politik haben. Der Präsident benutzte das Wort „civilisation“ 16 Mal in seiner einstündigen Einleitungsrede anlässlich der Pressekonferenz und er spielt damit ganz deutlich mit dem Mythos der großen Französischen Nation. Durch die häufige Benutzung weckt er in den Hörern Erinnerungen an die großen Errungenschaften der französischen Gesellschaft wie die Revolution, die Aufklärung, die Siege in den Weltkriegen, den technologischen Fortschritt durch die Industrialisierung und benutzt so die gleiche Strategie, so die These dieser Arbeit, wie auch das größte Radrennen der Welt, die Tour de France.

Die Geschichte der Menschheit ist durchsetzt von Mythen. Immer wenn sich ein Erklärungsloch in der Wirklichkeit auftat, wurde dieses durch ein mythisches Bild geschlossen. Dies beginnt bei den Mythen über die Entstehung der Welt, die in allen Kulturen ähnlich sind und führt bis hin zu modernen Mythen wie Sarkozys Rede über die Zivilisation. Dabei hatten die Mythen immer die Aufgaben der Beruhigung und der Erklärung übernommen. Der Mythos der großen französischen Zivilisation beruhigt, angesichts der weltweiten Verunsicherung in Zeiten der Globalisierung. Ebenso erklärt der Mythos von der Erschaffung der Welt die Urfrage der Menschheit, nach dem Woher unseres Daseins.

Diese Arbeit wird noch weitere Funktionen und die Funktionsweisen von Mythen am Beispiel der französischen Gesellschaft aufzeigen. Sie wird im zweiten Kapitel auf mehrere typisch französische Mythen eingehen und belegen, dass gerade die Franzosen ein sehr mythenfreudiges Volk sind. Dabei wird weniger die antike Mythenforschung betrachtet, in der vor allem Platon eine bedeutende Rolle spielte, als vielmehr moderne Ergebnisse der Mythenforschung ins Auge gefasst. Dennoch steht Platon am Beginn der europäischen Philosophie, somit auch am Beginn der Mythenforschung.

Er stellt zunächst fest, dass der Mythos mündliche Überlieferung von Geschichten ist, deren Inhalt entweder auf einer dem Verstand und den Sinnen des Sprechers nicht erreichbaren Wirklichkeitsebene liegt, oder zwar in dieser erreichbaren Ebene aber soweit zeitlich zurück, dass dieses nicht mehr nachvollziehbar ist. Er verurteilt den Mythos und stellt ihm ein geschichtlich bereits sehr früh aufgeklärtes Denken, den Logos, entgegen, benutzt den Mythos aber dennoch für seine Zwecke, da er den Menschen dort berührt, wo der Verstand alleine nicht hinkommt, in der Emotion.

Der Mythos wurde nach der Aufklärung als vorrationale Erklärungsweise verschrien, gegen die sich Mitte des 20. Jahrhunderts mehrere Forscher wendeten. Ausgewählte Theorien werden nun herangezogen, um die Gründungsmythen Frankreichs theoretisch zu hinterfragen.

Ernst Cassirer war der erste, der im Mythos eine eigenständige Form sah, die unabhängig von Erklärungsmustern existierte. Durch die dort aufgeworfenen Bilder und Symbole stellt er als eigenständiges Konstrukt der Wirklichkeit entgegen, die nur aus sich selbst heraus interpretiert werden können.

Mit der Frage nach der Wahrheit des Mythos hat sich Kurt Hübner beschäftigt, der in ihm eine eigene Ontologie sieht, die sich durch eine Situationslogik auszeichnet und die nicht durch außermythische Wahrheitskonzepte widerlegt werden kann. Dieser Punkt wird für die französischen Mythen wie auch für die Tour de France eine große Rolle spielen, denn beide entwerfen ihre eigene Sichtweise und Interpretation der Welt, die, laut Hübner, neben der rationalen Weltsicht Gültigkeit besitzen.

Roland Barthes geht letztlich insbesondere auf die Frage der Entstehung und bewussten Schaffung von Mythen ein, denn er sieht in Mythen linguistisch eine zweite semiologische Ebene. Barthes ist Strukturalist, den vor allem die Frage nach dem Aufbau von Mythen umtrieb und der in Saussures Konzept der Semiotik eine Lösung fand, die insbesondere auf französische Alltagsmythen und damit für den Mythos der Tour de France sehr gute Erklärungsansätze liefert. Dabei wird auch die Frage eine Rolle spielen, inwieweit sich Mythen entschlüsseln und dadurch entlarven lassen und inwieweit dies dann zu deren Vernichtung führt, oder ob Mythen gegen ein solches Verschwinden resistent sind.

Im dritten Kapitel wird eben jene Tour de France in ihrer Geschichte, wie auch in ihren Legenden und Helden auf Mythenhaftigkeit untersucht, und es wird mit Hilfe von Georges Vigarello und den Theorien der bereits erwähnten Mythos-Forschern anhand von vorerst zwei Merkmalen argumentiert werden, dass die Tour de France in ihrer 100jährigen Geschichte zu einem Mythos geworden ist. Diese Kennzeichen sind die Rennfahrer als Helden und die Tour de France, die durch die Berichterstattung ihre eigene Legende schreibt.

Dass gerade die französische Gesellschaft mit den vielen Mythen ihrer Geschichte durch die einhergehende Offenheit prädestiniert ist für einen solchen Mythos wird im vierten Kapitel aufgezeigt. Dabei kommt zu den beiden Merkmalen, die im zweiten Kapitel herausgearbeitet wurden, noch ein drittes hinzu. Der Mythos Tour de France integriert durch seine Streckenführung die französische Geographie, sowie durch die Berichterstattung nationale Symbolik und Geschichte. Dies macht ihn zu einem speziell französischen Mythos.

Im fünften Kapitel wird das Feld der Fragestellung erweitert und der These nachgegangen, dass die Tour de France sich von einem französischen Mythos zu einem weltweiten Sportmythos gewandelt hat. Hierbei wird zunächst die Frage erörtert, wie sich Mythen in der modernen Welt entwickeln, welche Funktion sie haben und wie sie im Zuge des kollektiven Gedächtnisses weiterhin zur Identität einer Nation beitragen. Die Heroisierung der Fahrer, die Hochtechnisierung der Rennräder, die alljährliche Zelebrierung der Großen Schleife hat zusammen mit der Globalisierung und den damit verbundenen Kommunikationsmitteln dazu geführt, dass die Tour de France nicht nur weltweit bekannt wird, sondern in fast der gesamten Welt als Sportmythos bekannt und gefeiert wird. Nachdem französische Mythen wie Jeanne d’Arc oder die durch Asterix bildhaft gewordene Widerstandsbewegung gegen die römische Besatzung sich über die Landesgrenzen Frankreichs ausgedehnt haben, gelang dies auch der Tour de France.

In einem abschließenden Kapitel wird die Frage nach der Zukunft des Mythos Tour de France unter Berücksichtigung der Dopingaffären seit den 1990er Jahren untersucht. Gerade die Skandaltour 1998, in der weniger als die Hälfte des Fahrerfeldes das Ziel erreichte und der Abbruch der Live-Berichterstattung mehrer europäischer Fernsehanstalten im Jahr 2007 zeigen, dass das Sportereignis eine tiefe Krise durchschreitet. Inwieweit diese Ereignisse den Mythos beeinflussen und eventuell zerstören wird in diesem letzten Kapitel behandelt.

Die Arbeit wird folgendes zu beweisen versuchen: Frankreich besitzt unzählige Mythen in seiner Geschichte und die Franzosen sind ein mythenfreudiges Volk. Zweitens, die Tour de France ist ein Mythos, der sich drittens nahtlos in die französische Mythenhistorie einpasst und sich viertens in seinen Merkmalen von einem speziell französischen Mythos zu einem weltweiten Sportmythos mit entsprechend veränderten Merkmalen gewandelt hat, der auch durch die aktuellen Dopingvorwürfe, im Gegensatz zu dem reellen Sportereignis, nicht in Gefahr ist.

2 Frankreich und seine Mythen

Betrachtet man die Geschichte Frankreichs, so fällt auf, dass diese stark mit dem Begriff der französischen Nation verknüpft ist. Adolf Kimmel führt den Begriff der Nation auf Ernest Renan zurück, der

„[d]en für Frankreich bis heute gültigen Begriff von Nation […] 1882 in seinem Vortrag „Qu’est-ce qu’une nation?“ geprägt [hat]. Die Nation sieht er [Renan] durch „zwei Dinge“ bestimmt: durch den „Wunsch zusammen zu leben“, aber auch durch den „gemeinsamen Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen“, durch eine gemeinsame Geschichte. Die Nation wird nicht, wie im ethnisch-kulturellen, sich auf objektive Faktoren stützenden Nationsbegriff durch eine gemeinsame Abstammung, Sprache, Kultur oder Religion gebildet, sondern durch eine freie Willensentscheidung der Bürger, sie ist un plébiscite de tous les jours.“[2]

Eng verbunden ist damit der Begriff der Identität. Neben der in der Einleitung erwähnten Rede Sarkozys findet sich dieser Begriff auch in anderen Reden französischer Präsidenten wieder. So sagte Mitterand 1988:

„Frankreich ist eine freie Nation und gedenkt, für sich selbst zu bestimmen sowie über seine Lebensweise und seinen Weg in die Zukunft zu entscheiden. Frankreich will sich gegen jeden Angriff verteidigen können. Das übergeordnete Ziel unserer Verteidigung ist die Wahrung unserer Identität und unserer Unabhängigkeit.“[3]

Dieses Ziel bestimmt die französische Politik seit jeher und ist tief in der französischen Gesellschaft verwurzelt. Wann immer es zu Erschütterungen in der Frage nach der französischen Identität kam, beispielsweise nach verlorenen Kriegen, bezog man sich auf vergangene, gewonnene Schlachten oder die überragende Kulturalität Frankreichs und verwies auf die Historie der Nation. Diese Historie wurde auf diese Weise zum Mythos. Die vorläufige Definition des Mythos sieht ihn als eine

„Legende bzw. Glaubenshaltung zu zentralen Problemen des Ursprungs oder der zentralen Wirkkräfte individuellen wie gesellschaftlichen Lebens. [Mythos] ist ein zentraler Bestandteil aller […] Kulturen als nicht beweisbare, aber für die Lebensorientierung und Sinninterpretation mit Wahrheitsanspruch versehene Aussage. […] Der [Mythos] kann infolge seiner gefühlsmäßig-unreflektierten Verankerung in stärkerem Maße als eine intellektuelle Erkenntnis das Verhalten einer größeren Zahl von Menschen in ähnlichen sozialen Situationen koordinieren und festigen“[4]

Welche Mythen genau entstanden, wie sie sich verändert haben und welche Funktionen sie genau haben, soll Thema dieses Kapitels sein. An den französischen Mythen werden gleichzeitig die in der Einleitung genannten Mythoskonzepte erläutert. Aus den vielen französischen Mythen möchte ich mich auf eine Gattung beschränken, die für Frankreich konstituierend wirkt: die Gründermythen. Dabei sind insbesondere der Gallier Vercingétorix, Chlodwig und Jeanne d’Arc bedeutend, denen einigende Funktion auf dem Weg Frankreichs zur Grande Nation zugeschrieben wurde und wird. Es gibt weitere Mythen, wie den Modernitätsmythos, den Résistancemythos, der mit Vercingétorix zusammenhängt, keine haben jedoch politisch, wie gesellschaftlich so eine große Rolle gespielt wie der Mythos um die Gründung der Nation. Anhand dieser Mythen werden anschließend Mythostheorien der Forscher Cassirer, Hübner und vor allem Barthes erläutert, die für die Analyse der Tour de France im Anschluss eine wesentliche Rolle spielen.

2.1 Ursprungsmythen der französischen Nation: Vercingétorix und Chlodwig

Die Tatsache, die in der fiktiven Geschichte der Asterix Comics erfolgreich abgewendet wird, trat in der wahren Geschichte 52 v. Chr. ein. Ganz Gallien wurde besetzt, nachdem römische Truppen unter Cäsar den gallischen Feldherren Vercingétorix besiegten. Dieser kapitulierte, wurde aber dennoch von den Römern ermordet. Bemerkenswert ist, dass diese Episode bis zum zweiten Kaiserreich keine Niederschrift in den Chroniken Frankreichs fand.[5] Zu dieser Zeit war die Bekehrung des Frankenkönigs Chlodwig zum christlichen Glaube das Gründungsereignis Frankreichs, welches im Folgenden beschrieben wird.

Chlodwig wurde 496 n. Chr. von den Allemannen bedroht, flehte zu seinen Göttern, sie mögen ihm helfen, den Feind zurückzudrängen, stand aber trotzdem kurz vor der Niederlage. Er schwor, sich im Falle eines Sieges taufen zu lassen und damit das Christentum, den Glauben seiner Frau, anzunehmen. Chlodwig schlug daraufhin die Allemannen überraschend in die Flucht und begründete mit seiner Taufe die französische Monarchie und den Adel. Durch den vorher abgeleisteten Schwur und den Sieg der fränkischen über die gallische Rasse wurde er als von Gott eingesetzter Herrscher angesehen.[6]

In der französischen Geschichtsschreibung dominierten bis zum zweiten Kaiserreich monarchistische und christliche Historiker, die den Chlodwig-Mythos bereitwillig als Gründungsereignis ansetzen. Die Franken gelten als mutiges Volk, das aber heidnisch und barbarisch ist. Mit der Taufe Chlodwigs verschwinden nun diese negativen Elemente und zum positiven Mut kommt das Christentum, der „wahre Glaube“ hinzu. Die Zeit vorher, vor allem die gallischen Stämme, zu denen Vercingétorix gehört, sind Barbaren, kaltblütig, unzivilisiert. Sie sind untereinander uneinig, besitzen also keinen Patriotismus und können gegen die gut organisierte römische Armee nicht standhalten.[7]

Im Laufe der französischen Geschichte entstand jedoch ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Gründervätern. Vor allem nach der Niederlage gegen Preußen 1870 wird Vercingétorix zum absoluten Helden aufgebaut. Sein Kampf gegen das deutlich überlegene Rom wird zur Opferbereitschaft für das eigene Volk uminterpretiert. Durch die Kapitulation vermeidet er ein Blutbad und bereitet den Weg für die Interpretation als sinnstiftende Niederlage. Die Römer brachten den Galliern die Zivilisation und führten sie aus der Barbarei heraus. Vercingétorix verkörpert die republikanischen Tugenden Freiheitsliebe, Vaterlandstreue, Opferbereitschaft und Mut. Zudem war er kein Adeliger, für den Chlodwig stand, sondern kam aus dem Volk. Auf diese Weise gelingt es den Republikanern der dritten Republik nach der Niederlage gegen Preußen und dem Verlust des Elsass einen Mythos zur Beruhigung der Nation heraufzubeschwören. Gerade nach der Niederlage gegen den „Erzfeind“ Preußen hilft die Erinnerung an den Sieg Chlodwigs gegen die Allemannen. Gepaart mit diesem Mythos ist Vercingétorix der moralische Held und beide Figuren spielen für den Gründermythos komplementäre Rollen. Der bis zur dritten Republik vorherrschende Dreiklang Frankreich – Katholizismus – Monarchie wird durch Frankreich – Nation – Republik ersetzt.[8]

2.2 Die „Mutter der Republik“: Jeanne d’Arc

Der Mythos Jeanne d’Arc ist nur im weiteren Sinne ein Gründungsmythos, jedoch ist er einer der wichtigsten Mythen der französischen Nation. Er begründet nicht die Nation als solche, aber er liefert Legitimationen für gleich mehrere Regierungsformen der französischen Geschichte und ist somit ein Musterexemplar für die Wandlung eines Mythos über die Entwicklung eines Landes hinweg. Das Centre Jeanne-d’Arc-d’Orléans wurde 1974 von Régine Pernoud auf Anregung von André Malraux gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Dokumente um das Leben der Heldin zusammenzutragen. Es finden sich dort unter anderem über 8.500 Bücher, tausende Dias und hunderte von Pressedossiers. Über die Jahrhunderte hinweg blieb Jeanne d’Arc in der Erinnerung Frankreichs erhalten und ihre Taten und Beweggründe wurden vielfach uminterpretiert. Auch in der Kunst hat ihre Geschichte vielfach Einzug gehalten, sowohl in der Literatur (François Villon, Thierry Maulnier), im Film (Victor Flemming, Robert Bresson) und auf den Theaterbühnen (Brecht) wurde ihr Mythos erzählt. Und selbst im Sport diente sie als Motivation, als der algerisch-französische Boxer Alphonse Halimi Weltmeister im Bantamgewicht über einen Briten, wurde sagte er: „Ich habe Jeanne d’Arc gerächt“.[9]

Im 100jährigen Krieg (1339-1453) findet sich die geschichtliche Grundlage des Mythos wieder, der die Funktion der Einigung der Nation durch einen Mythos belegen soll. In den Jahren um 1420 gerät Frankreich in Bedrängnis, da England weite Teile des Staatsgebietes im Norden besetzt hält. Johanna, eine arme Bäuerin, hat eine Eingebung, die ihr befielt, Truppen zu sammeln und Orléans aus der englischen Besatzung zu befreien. Sie überredet Karl VII., ihr eine Armee anzuvertrauen und erobert 1429 die Stadt zurück. Durch diese Heldentat motiviert, gewinnt Karl schließlich den Krieg, Johanna gerät in englische Gefangenschaft und wird als Ketzerin verbrannt.[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Jean Jacques Scherrer: Entrée de Jeanne d’Arc à Orléans, 1877

Auf die Vielzahl der zersplitterten und instrumentalisierten Mythen um Jeanne d’Arc kann hier nicht eingegangen werden, es sollen dagegen lediglich zentrale Interpretationen ihrer Geschichte dargestellt werden: die Entstehung, die Interpretation der Republikaner und die Auslegung der Royalisten im 19. Jahrhundert. Zeitlicher Aufhänger soll wie bei den Gründungsmythen die Hochzeit der französischen Mythenbildung, das 19. Jahrhundert sein.

Die Ursprünge der nacherzählten Geschichte um Jeanne d’Arc, die auch Jungfrau von Orléans oder gute Lothringerin genannt wird, finden sich in den Heldensagen der französischen Könige. Hier untergliedert sich die Legende in drei Teile: Die Ankündigung, die Mission und die Krönung Karls VII. In diesen Etappen begegnen sich Volk, König und Gott. Diese Begegnung findet sich in vielen Geschichten dieser Chronik, in der göttliche Vorsehung und weltlicher Ruhm vermischt werden. Die Darstellung Johannas als Jungfrau mit einer weißen Lilie im Wappen verkörpert diese Vermischung ebenfalls, denn sie ist sowohl das Zeichen des Königs, als auch ein Symbol für die Jungfrau Maria. Auf diese Weise wird der Zusammenhalt von Volk, König und Gott und die Verbindung von christlichem Glauben und Königstreue demonstriert.

Während des 19. Jahrhunderts inspirierte Jeanne d’Arc durch ihre Märtyrerrolle wichtige konservative französische Schriftsteller und ihre Geschichte wurde durch sie mit den Heldentaten der französischen Könige verknüpft. Zudem versah man sie mit allen patriotischen Eigenschaften, die ein französischer Held haben sollte. Die Befreiung von Orléans, eigentlich nur ein Teil ihrer Legende, wurde ins Zentrum gerückt, obwohl diese eigentlich nur eine Etappe auf dem Weg zur Erfüllung ihrer Mission, dem Sieg über England, war. Ihre unbekannten wahren Beweggründe wurden hinter dem göttlichen Plan verborgen, der den heiligen Michael schickte, um Jeanne den Auftrag zu erteilen, die Engländer zu vertreiben und so die Macht der französischen Monarchie wiederherzustellen.

Die Republikaner allerdings verwarfen später diese inneren Beweggründe und auch die Tatsache der Jungfräulichkeit Jeanne d’Arcs. Sie kam vielmehr aus dem Volk, war einfache Bauerntochter und ihre Frömmigkeit war nur eine Form des Patriotismus, eine heilige Vaterlandsliebe. Ohne die religiöse Symbolik konnte sie sich in die Mutterrolle der französischen Nation begeben. Johanna unterlag nun nicht mehr der väterlichen und kirchlichen Autorität, unter der sie als frommes Mädchen vom Land stand, sondern war

„ein einfaches, mit den Tugenden des Volkes geschmücktes Geschöpf: bescheiden, arm, wenig gebildet, aber aufgrund ihrer Seelengröße unfähig, die Erniedrigung des Vaterlandes durch die feindliche Besatzung zu ertragen“[11].

Da sie nicht mehr für die Monarchie und unter dem Einfluss eines göttlichen Befehls stand, repräsentierte sie nur noch die republikanischen Tugenden wie „Pflichtbewusstsein, Vaterlandsliebe, Auflehnung gegen das Leiden ihres Volkes und Mitgefühl für das unterdrückte Frankreich“[12].

Den beiden Lesarten der unterschiedlichen politischen Lager gemeinsam ist der Kampf Jeanne d’Arcs für das Vaterland. Die Motive sind unterschiedlich, doch nach der Niederlage Napoleons 1870 wird sie in das gemeinsame Mythenrepertoire aufgenommen. Vaterlandsliebe, so das Credo, kann alle Hindernisse überwinden, egal aus welchem Grund das Vaterland geliebt wird.

Michelet kann nach Winock als Begründer des nationalen Mythos um Jeanne d’Arc genannt werden, denn er „transformiert […] das Bild der Jungfrau von Orléans und erhebt sie zum Musterbeispiel des Heldentums und des gesunden Menschenverstandes im Volk, wobei Johanna vor allem zu einer Anstoßgeberin des nationalen Erwachens wird.[13] Seine Einleitung fasst dies folgendermaßen zusammen:

„Zum ersten Mal wird [Frankreich] so geliebt wie eine Person. Und zu einer Person wird es auch ab dem Tag, da es geliebt wird.

Bisher war es ein Zusammenschluss von Provinzen gewesen, ein riesiges Chaos aus Lehen und ein großes Land vager Vorstellungen. Aber von diesem Tag an wurde es Kraft des Mutes zu einem Vaterland.

Schönes Mysterium! Anrührend und erhaben! Wie entflammte doch die grenzenlose reine Liebe eines jungen Herzens eine ganze Welt, gab ihr ein zweites, das wahre Leben, das allein die Liebe gibt.

Als Kind liebte sie einfach alles, sagen die Zeugen ihrer Zeit. Sogar die Tiere liebte sie: Die Vögel hatten Zutrauen zu ihr und pickten aus ihrer Hand. Sie liebte ihre Freunde, ihre Eltern, aber vor allem die Armen. Nun war sie die allerärmste, die elendste und in diesem Moment bemitleidenswerteste Person Frankreichs.

So sehr liebte sie Frankreich …! Und gerührt fing Frankreich an, sich selbst zu lieben.

Man sieht dies ab dem ersten Tag, da sie vor Orléans erschien. Das ganze Volk vergißt seine Gefahr; das zum ersten Mal gesehene liebliche Bild des Vaterlands erfasst Frankreich und begeistert es. Kühn tritt es aus dem Schutz der Mauern heraus, entfaltet seine Fahne und marschiert unter den Augen der Engländer vorbei, die sich nicht mehr aus ihren Zwingern wagen.

Franzosen! Erinnern wir uns stets daran, daß unser Vaterland aus dem Herzen einer Frau geboren wurde, aus ihrer Zärtlichkeit, ihren Tränen und aus dem Blut, das sie für uns hingab.“[14]

Jeanne d’Arc wird bei Michelet zur gleichen Funktion herangezogen, wie die beiden im ersten Kapitel dargestellten Figuren Chlodwig und Vercingétorix. Sie dient der Einigung der Nation, der Besinnung auf die gemeinsamen Wurzeln, als Begründerin der nationalen Identität. Aus diesem Text hört man die republikanische Grundhaltung heraus. Es ist weder die Frage nach dem göttlichen Befehl, noch die nach ihrer Jungfräulichkeit. Johanna stammt aus dem Volk, ist ein armes Mädchen, das aus ihrer Liebe für die Armen, aus ihrer Liebe für das französische Volk heraus tätig wird.

Während die Gründungsmythen um Chlodwig und Vercingétorix im 20. Jahrhundert abklangen, wurde der Jeanne-d’Arc-Mythos intensiv weiter instrumentalisiert. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges benötigte Frankreich wieder eine Stütze, eine Erinnerung und Motivationsfigur für den bewaffneten Kampf. Jeanne d’Arc eignet sich idealer Weise als Versöhnung und Einigungssymbol quer über alle politischen Lager hinweg:

„Sind sie katholisch? Sie ist eine Märtyrerin und Heilige, welche die Kirche auf die Altäre gehoben hat. Sind sie Royalist? Sie ist die Heldin, die den Sohn Ludwigs des Heiligen durch die gallikanische Salbung von Reims bestätigen ließ. […] Für die Republikaner ist sie das Kind aus dem Volk, das an Großherzigkeit alle bisherigen Größen übertrifft … Und die Sozialisten dürfen sie schließlich nicht vergessen, was sie sagte: ‚Ich wurde gesandt zum Trost der Armen und Unglücklichen.’ So können sich alle Parteien auf Jeanne d’Arc berufen. Aber sie geht über jede einzelne von ihnen hinaus. Keine kann sie für sich alleine beanspruchen. Unter ihrem Banner kann heute wie vor fünfhundert Jahren das Wunder der nationalen Versöhnung geschehen.“[15]

Der Jeanne-d’Arc-Mythos existiert bis heute und wird bis heute von politischen Parteien instrumentalisiert So rief Jean-Marie LePen 1984 Johanna zur Rettung Frankreichs vor den neuen Invasoren, den Einwanderern an. Nachfolgend sollen die Beispiele der Gründermythen mit den Theorien von Ernst Cassirer, Kurt Hübner und Roland Barthes untersucht und insbesondere der Frage nachgegangen werden, wie der Mythos Jeanne d’Arc als sprachliches Phänomen erscheint.

2.3 Theoretische Aufarbeitung der Gründungsmythen

Von der Funktion her zeigen diese drei Gründermythen genau die Eigenschaften, die Klaus Schubert ihnen zuschreibt: Beruhigung und Erklärung.

„[S]ie dienen der Integration von Emotionen und Gefühlen; zumal sie in der Abgeschiedenheit unbefriedigter Potenziale und enttäuschter Erwartungen, in der abgeschlossenen Intensität von Ängsten und Gefühlen der Unsicherheit ihren Ursprung haben, helfen Mythen bei der Organisation von Furcht und bei der Kompensation von Entfremdung.“[16]

Durch die Aufnahme des Vercingétorix-Mythos als sinnstiftende Niederlage, die nur ein notwendiges schmerzhaftes Ereignis auf Frankreichs Weg zu einer großen Nation darstellte und die Erinnerung an die großartigen Taten Chlodwigs gegen die Deutschen lassen sich die Enttäuschungen angesichts der Niederlage in einen großen Kontext einordnen und das Trauma verarbeiten. Die drei beschriebenen Gründungsmythen sollen nun auf ihre Eigenschaften und Funktionen hin untersucht werden. Aus der Fülle an Theorien beschränkt sich diese Arbeit auf die wichtigsten, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Cassirer und Hübner sind hier als Vordenker zu verstehen, das Hauptaugenmerk liegt auf der Arbeit von Roland Barthes, der neben Levi-Strauss und Saussure dem Strukturalismus zuzuordnen ist und durch seine Analyse den Mythos als sekundäres semiologisches System entlarvt. Die Wahl fiel auf diese strukturalistische Analyse, da sich mit ihr moderne Mythen analysieren lassen[17]. Hübners und Cassirers Ansätze beziehen sich auf die Wahrheitsfunktion und auf die Interpretationsmöglichkeiten von Mythen. Barthes ist einer der wenigen, die die Funktion von Mythen anhand ihrer Struktur untersuchte und dies macht ihn für diese Arbeit so interessant. Doch zunächst wird die Theorie Ernst Cassirers untersucht, dessen Ideen aber grundlegend für Kurt Hübners Theorie des Mythos waren und die auch bei der Betrachtung des Mythos Tour de France später wieder auftauchen werden.

2.3.1 Ernst Cassirer

Um die Gründermythen zu verstehen, genügt es nicht, von außen eine Interpretation an sie herantragen zu wollen, man muss sie von innen heraus untersuchen. So ist eine psychologische, soziologische oder allegorische Interpretation, die eine Reduktion des Phänomens hervorruft, nicht ausreichend, vielmehr muss der Mythos als eigenständiges Objekt, als kreative Leistung des Menschen gesehen werden. Cassirer „geht nicht […] von der Analyse einzelner konkreter Mythen aus, sondern von der sich vermeintlich in allen Mythen ausdrückenden Weise symbolischer Formung eines mythischen Denkens.“[18].

„Unter einer ‚symbolischen Form’ soll jede Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und dieses Zeichen innerlich zugeeignet wird. […] Eine Welt selbstgeschaffener Zeichen und Bilder tritt dem, was wir objektive Wirklichkeit der Dinge nennen, gegenüber und behauptet sich gegen sie in selbständiger Fülle und ursprünglicher Kraft.“[19]

Überträgt man dies auf die Gründermythen, so stellt man fest, dass genau in der Phase nach 1871, nach der Niederlage gegen Preußen ein selbstgeschaffenes Gebilde, der Mythos, der Realität, dem Verlust des Elsaß entgegengesetzt wurde. Würde man diesen Mythos psychologisch interpretieren, als eine innere Flucht vor der Realität, so wäre nicht zu erklären, wie der Mythos Jahrhunderte überdauern konnte und wie er im Laufe der Zeit von Monarchisten und Republikanern je nach ihren Zwecken uminterpretiert werden konnte. Vercingétorix und Chlodwig sind von den Franzosen geschaffene Symbole, die für ein starkes, unbeugsames Frankreich stehen, die auch die Realität der gezeigten Schwäche nicht vernichten kann. „Die Leistung der symbolischen Formen besteht also in der tätigen Sinngebung von sinnlich gegebenen Eindrücken durch den Menschen, genauer: durch den menschlichen Geist.“[20] Das heißt, dass der Niederlage aktiv ein Sinn zugeschrieben wird.

Ein weiterer Aspekt, durch den Cassirer für diese Arbeit von Bedeutung ist, ist die wirklichkeitsverändernde Funktion des Mythos. Indem Cassirer den Mythos als Lebensform betrachtet, verschiebt sich die Sichtweise von der individuellen Nutzung eines Mythos hin zu einer gesellschaftlichen Funktion. Lebensform ist keine soziologische Kategorie in Cassirers System, sondern die „Entdeckung und Bestimmung der subjektiven Wirklichkeit im mythischen Bewußtsein“[21]. Subjektive Wirklichkeit ist das persönliche Erleben der Realität, das sich laut Cassirer in der Lebensform manifestiert. Das mythische Bewusstsein prägt in diesem Sinne die Wahrnehmung der Realität durch das Individuum, Cassirer nennt dies Ausdrucksformen.[22] Das heißt, unter dem Einfluss des Gründermythos Vercingétorix wird die Niederlage gegen Preußen ganz anders aufgenommen. Nämlich als sinnstiftende Niederlage auf dem Weg zu einem weiteren Entwicklungsschritt, als notwendiges Übel.

2.3.2 Kurt Hübner – Die Ontologie des Mythos

Kurt Hübner beschäftigte sich 1985 mit einer Thematik, die Cassirers Lebensform des Mythos als Ausgangsbasis nimmt und diese auf einen speziellen Aspekt hin untersucht, den er bereits im Titel seiner Veröffentlichung erwähnt: Die Wahrheit des Mythos. Ob die Aussagen eines Mythos wahr oder falsch sind lässt sich nach Hübner nicht außermythisch, nicht objektiv rational beurteilen. Das liegt daran, dass der Mythos, wie auch bei Cassirer, ein eigenständiges Objekt mit einer eigenständigen, ihm innewohnenden Ontologie ist. Die Logik des Mythos hängt an dieser Ontologie, die nicht hinterfragbar ist, somit lässt sich die Wahrheit eines Mythos nur anhand des Mythos beurteilen. Jedoch stellt sich Hübner gegen rein willkürliche Festlegungen und unterwirft den Mythos einer gewissen „Situationslogik“. In dieser situationsbedingten Ontologie liegt nun die Stärke des Mythos und seine Überlebensfähigkeit begründet. Er kann nicht widerlegt werden, da er keine intersubjektive Ontologie besitzt und überlebt so bis in unsere heutige Zeit.[23]

„Für Hübner wurden die wichtigsten Ereignisse des Lebens (wie Tod, Liebe und Naturerfahrung) auch weiterhin auf ein ‚mythische Weise’ erfahren, so daß er geradezu von einem ‚mythischen Bedürfnis’ des Menschen spricht, das den ‚Exotismus des Mythischen, die Faszination also durch uns fremde außereuropäische Kulturen und Mythen’ als einen ‚Umweg’ entlarvt, ‚auf dem wir zu den verschütteten und verdrängten Urgründen unserer Seele zurückfinden’ wollen.“[24]

Ein Beispiel dieser Auffassung findet sich auch im Jeanne d’Arc Mythos wieder. Die Ontologie, die für diejenigen gilt, die den Mythos leben, lässt sich nicht durch außermythische Fakten widerlegen. Das Grand Dictionnaire du XIXe siècle von Pierre Larousse gibt 1870 Antworten auf einige Fragen, die in den Mythengeschichten um ihre Person erst gar nicht auftauchen, weil ihre Wahrheit nicht in Frage gestellt wird.

„ 1. Hatte Jeanne d’Arc tatsächlich Erscheinungen? (Nein.)
2. Entsprang ihr sicherstes Motiv nicht den Regungen eines überschwänglichen Patriotismus? (Allerdings.)
3. Welche Gefühle brachte ihr der König wirklich entgegen? (Gleichgültigkeit und Mißtrauen.)
4. Wie dachten die Geistlichen aller Zeiten tatsächlich über Johanna? (Sie wollten ihre Mission behindern, sie umbringen und die Erinnerung an sie unter dem Vorwand, sie zu rehabilitieren, mit apokryphen Legenden verknüpfen.)“[25]

Gegen alle mythischen Interpretationen der Figur Jeanne d’Arcs lässt sich eine entgegengesetzte Faktenlage finden. Die Kirche sah in ihr die Vollstreckerin einer göttlichen Mission (1. und 4.) und die Royalisten sahen in ihr die Verteidigerin des Adels und der Monarchie (2. und 3.). Und auch gegen die bei Larousse vertretene republikanische Sichtweise gibt es Fakten, so stellt Jaurès 1910 fest, dass „in ihrer Seele und in ihrem Denken […] kein Ort, kein Grundbesitz eine Rolle [spielt]; sie blickt über die Lothringischen Felder hinaus“[26]. Das heißt, sie war nicht das fromme Bauernmädchen, das für die Armen und ihre göttliche Mission kämpfte.

In diesem Kampf zeigt sich ein weiterer Faktor der Ontologie, nämlich die ordnungsstiftende Wirkung durch eine handlungsleitende Funktion. Die Frage nach dem Wahr und Falsch beantwortet auch die Frage nach dem guten und schlechten Handeln. Betrachtet man Jeanne d’Arc, so ist in den einzelnen Deutungen herauszulesen, wie der Mensch handeln soll. Königstreu für die Royalisten, ein Bauernmädchen, das sich aus ihren Standespflichten löst für die Republikaner.

Aber all diese Wahrheiten finden sich in den Mythen um ihre Figur, wodurch sichtbar wird, dass objektive Wahrheit für den Mythos keine Rolle spielt, sondern nur die Wahrheit, die er selbst konstituiert. Auf der anderen Seite lässt sich die objektive Wahrheit nicht mehr so leicht finden, der Mythos ist ein Geflecht von Geschichte, Interpretation und Wahrheit, in dem eines das andere bedingt. In dieses Geflecht etwas Licht zu bringen, war das Ziel Roland Barthes, der im nächsten Abschnitt vorgestellt wird.

2.3.3 Roland Barthes – Der Mythos als Aussage

Barthes, in den 1950er Jahren einer der Hauptvertreter des Strukturalismus, untersucht den Mythos einzig von seiner Struktur her. Er beginnt eine Sprachanalyse, in der er die Verwendung und den Aufbau eines modernen Mythos analysiert. Als Forscher über Mythen des Alltags sind seine Erkenntnisse für die spätere Betrachtung der Tour de France als Mythos zentral. Seine These, die er im zweiten Teil von Mythologies vertritt lautet: „Qu’est-ce qu’un mythe aujourd’hui ? […] le mythe est une parole“[27]. Er schränkt seine These jedoch umgehend ein: der Mythos sei keine beliebige Aussage, sondern eine, die Bedingungen unterliege. Festzuhalten ist aber, dass er eine Botschaft darstellt. Der Mythos wird jedoch nicht durch die Botschaft definiert, sondern über die Art und Weise, mit der er sie ausspricht. Dadurch unterliegt die Aussage zwar formalen, jedoch keinen inhaltlichen Beschränkungen. Die Botschaft kann bildlich, sprachlich oder durch ein Objekt überbracht werden, als Beispiel fügt Barthes hier den überbrachten Pfeil an, der eine Herausforderung des Absenders an den Empfänger bedeutet.[28]

Da der Mythos nun unabhängig von seinem Inhalt untersucht werden kann, gehört er zur Semiologie, die Barthes neben Ferdinand de Saussure maßgeblich geprägt hat und die Barthes als Wissenschaft der Formen bezeichnet, in der Bedeutungen unabhängig vom Inhalt untersucht werden.[29] Laut Barthes unterscheidet jede Semiologie zwischen einem ‚signifiant’ (Bedeutende) und einem ‚signifié’ (Bedeutetem). Er fügt noch einen dritten Begriff hinzu, in dem die beiden genannten zusammengefasst werden, das ‚signe’ (Zeichen). Als Beispiel bringt Barthes einen Rosenstrauß, der Leidenschaft bedeutet. Die mit „Leidenschaft“ belegten Rosen sind nun in Rosen als Bedeutendes und Leidenschaft als Bedeutetes zerlegbar. Beide Elemente existierten vor der Verbindung, die jetzt das Zeichen ist.[30] Das Zeichen ist im Erleben nicht mehr zu trennen. Bekommt die Geliebte die Rosen überreicht, so empfindet sie nur die Rosen als Ausdruck der Leidenschaft.

[...]


[1] Conférence de presse suivie d'une séance de questions/réponses au Palais de l'Elysée. http://elysee.fr/download/?mode=press&filename=Conference_de_presse_QR_du_8_janvier_2008_au_Palais_de_l_Elysee.pdf (12.01.2008)

[2] KIMMEL, A.: Staat-Nation-Republik in Frankreich. In: KOLBOOM, I./ KOTSCHI, T./ REICHEL, E.(Hrsg.).: Handbuch Französisch. Berlin 2002 S. 485f

[3] MITTERAND, F.: Rede vor dem Institut des Hautes Etudes de Défense Nationale in Paris. Zitiert nach: Die Welt, 10.11.1988 In: SCHUBERT, K.: a. a. O. S. 15

[4] HILLMANN, K.-H.: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 2007 S. 601

[5] Vgl. TROM, D.: Frankreich. Die gespaltene Erinnerung. In: FLACKE, M. (Hrsg.): Mythen der Nationen: Ein europäisches Panorama. Berlin 1998. S. 130

[6] Vgl. ebd. S. 133

[7] Vgl. ebd. S. 132

[8] Vgl. ebd. S. 135

[9] Vgl. WINOCK, M.: Jeanne d’Arc. In: NORA, P. (Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005 S. 365f

[10] Vgl. TROM, D.: a. a. O. S. 136

[11] Ebd. S. 139

[12] Ebd.

[13] WINOCK, M.: a. a. O. S. 385

[14] MICHELET, J.: Jeanne d’Arc. Zitiert nach der Neuauflage Paris 1888 In: WINOCK, M.: a. a. O. S. 386

[15] Eine Gesetzesvorlage zur Einführung eines nationalen Feiertages der Jeanne d’Arc als Tag des Patriotismus, Journal officiel 699 – Abgeordnetenkammer, 12. Legislaturperiode, Sitzung von 1920, Anhang zum Protokoll der 2. Sitzung vom 14. April 1920. Aus: WINOCK, M.: Jeanne d’Arc. In: NORA, P.(Hrsg.): Erinnerungsorte Frankreichs. München 2005 S. 399

[16] SCHUBERT, K.: Nation und Modernität als Mythen. Eine Studie zur politischen Identität der Franzosen. Wiesbaden 2004 S. 34

[17] In diesem Zusammenhang sei auch Mirceau Eliade genannt, dessen Theorie wegweisend für die Mythosforschung war, aber sich mit religiösen Mythen und Riten befasste, die für die Analyse der Tour de France nicht im Vordergrund stehen.

[18] MOHN, J.: Mythostheorien. München 1998 S. 85

[19] CASSIRER, E.: Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften. In: CASSIRER, E.: Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs. Darmstadt 1983 S. 175f. Nach: MOHN, J.: a. a. O. S. 86

[20] Ebd.

[21] CASSIRER, E.: Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Darmstadt 1977 S. 213 In: MOHN, J.: a. a. O. S. 94

[22] Vgl. MOHN, J.: a. a. O. S. 93

[23] Vgl.. Mohn, J.: a. a. O. S. 103ff

[24] Vgl.. HÜBNER, K.: Exotismus und Mythos. In: Exotische Welten – Europäische Phantasien, (Katalog zur Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen und des württembergischen Kunstvereins vom 1. Sept. bis 29. Nov. 1987, Stuttgart-Bad Vannstadt 1987 S. 44-47 Nach: Mohn, J.: a. a. O. S. 119

[25] WINOCK, M.: a. a. O. S. 388

[26] JAURÈS, J.: Die neue Armee. Jena 1913 S. 392f In: WINOCK, M.: a. a. O. S. 390

[27] Barthes, R.: Mythologies. Paris 1957 S. 215

[28] Vgl. ebd. S. 215ff

[29] Vgl. ebd. S. 217f

[30] Vgl. ebd. S. 219f

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Die Tour de France - Ein französischer Mythos?
Untertitel
Mythenelemente der Tour-de-France-Geschichte und ihre Überlebensfähigkeit trotz Doping
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften - Institut für Romanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
82
Katalognummer
V152433
ISBN (eBook)
9783640644933
ISBN (Buch)
9783640644797
Dateigröße
1666 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tour de France, Doping, Mythos, Mythen, Nation, Identität, Barthes
Arbeit zitieren
Michael Pehle (Autor), 2008, Die Tour de France - Ein französischer Mythos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152433

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