J. Gotthelfs Novelle "Schwarze Spinne" - Empirische Befunde zur Bedeutung und Funktion der Figuren-Namen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Empirische Befunde zur Bedeutung und Funktion der Figuren-Namen in Gotthelfs Novelle „Schwarze Spinne“
2.1 Eigennamen
2.2 Sozionyme
2.3 „Sozionymische Eigennamen“: „Teufel“ und „Spinne“

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung stellt die „Onomastik“ Gotthelfs Novelle „Schwarze Spinne“, d. h. die Gesamtheit der verwendeten Figuren-Namen, und zwar der Vor- und Nachnamen bzw. deren funktionaler Ersatz, als ein konstruktiver Bestandteil der Welt der Novelle, dar. Ihr Ziel ist, gemäß ihrem Charakter und Umfang, die Beschreibung der semantisch-pragmatischen Charakteristiken der Figuren-Namen. Die Eingangsrecherchen zum Forschungsgegenstand haben die Themenwahl begründet: zur Zeit liegen keine Untersuchungen zum Thema vor. Da onomastische Untersuchungen jedoch das Objekt des literaturwissenschaftlichen Interesses sind, erscheint das gewählte Thema aktuell und bearbeitungswürdig, vor allem aber weil die Untersuchung onomastische Phänomene jeglicher Art zentral für die philologischen Disziplinen sei.

Am Forschungsgegenstand der Namen aller menschlichen Figuren,[1] und zwar der Eigennamen und / oder sonstigen Bezeichnungen der untersuchten Figuren, und der zentralen für den Sinn des Werkes nichtmenschlichen Figuren, und zwar der „Spinne“ und des „Teufels“, wird untersucht die Semantik (Bedeutung) und Pragmatik (Funktion) der Figuren-Namen und überprüft, inwieweit die These von der „Onomastik“ der Novelle als eines der konstruktiven Bestandteile ihrer Welt, das auch die Beziehungen mit anderen konstruktiven Elementen der Welt des Werkes eingehe, von denen auf die Grundaussage (den Sinn) des Werkes geschlossen werden könne, empirisch haltbar sei. Die Untersuchungsaufgaben bestehen in der Materialauswahl, der Analyse des ausgewählten Materials und der Beschreibung des analysierten Materials mit Hilfe der hermeneutischen, semiotischen und linguistisch-philologischen, wie z. B. „Kontentanalyse“ (bei der Analyse der Wortfelder), Untersuchungsmethoden unter Verwendung der Onomastikons u. a. Die Arbeit wird gegliedert in: 1. die Einleitung, 2. die empirische Untersuchung der Semantik und Pragmatik der Figuren-Namen der Novelle, 3. den Schluss, 4. das Literaturverzeichnis und 5. die Erklärung. Die Arbeit wird ohne Anhang gestaltet.

2. Empirische Befunde zur Bedeutung und Funktion der Figuren-Namen in Gotthelfs Novelle „Schwarze Spinne“

2.1 Eigennamen

Dem ersten onomastischen Typus der Novelle gehören die Eigennamen „Christine“, „Christen“, „Hans“, „Uli“, „Hans Uli“ und einige andere an. Christine und Christen sind einige der wenigen Figuren, die in Gotthelfs Novelle die Eigennamen erhalten. Beide Namen werden vom wortbildenden Stamm CHRIST- abgeleitet, dem das Semantem ‚Christ‘ zugrundeliegt. Trotz des (textunabhängig) bedeutungsgleichen Namens sind Christine und Christen Antipoden in allem, was an Attributen sie in der Welt des Werkes umgibt: in den Handlungen, in der Weltanschauung und den Überzeugungen, im moralischen und soziokulturellen Habitus, ja auch in der geschlechtlichen Zugehörigkeit.

Christine ist das fremde Weib, durch das das Chaos in die geordnete Welt der Dorfgemeinschaft hereinbricht. Sie versündigt sich an der Familie durch ihr bevormundendes Verhältnis zum Ehemann und an der Sippe und Dorfgemeinschaft durch ihren Pakt mit dem Teufel und die Versuche, die Kinder der Schwägerin der heiligen Taufe im Namen der Heiligen Dreieinigkeit zu entreißen. Was eine umso schwerere Sünde ist, denn mit der Taufe erhält ein Kind auch einen Namen und wird zu Gottes Kind und dem Gesellschaftsmitglied. Sie ist die Antiheldin der ersten Binnenerzählung, die ihrer Gesinnung und ihrem Handeln nach der heldenmäßig handelnden Schwägerin entgegengesetzt wird: „das wilde Weib“ dem „treuen Weibchen“, die Kinderlose der Mutter, die Eigensinnige und Vermessene der Gott Vertrauenden. Kurz, ist die Eine christlich veranlagt und die Andere – antichristlich. Durch ihre Untaten erfährt Christine den inneren Wandel von der „bösen Christine“ hin zum abstrakten Symbol des Bösen – „der Spinne“, die, gleichviel, ob dieser Wandel als physisch vom Leser aufzufassen oder nur symbolisch-abstrakt, keinen (menschlichen) Namen mehr hat. Der Wandlungsprozess ist mit der Umwandlung und dem Namensverlust - im Leserbewusstsein - abgeschlossen.

Christen, das männliche Namens-Pendant Christines, in der zweiten Binnenerzählung stellt die Ordnung der Welt der Dorfgemeinschaft durch seine Opfertat wieder her. Das Innere der Figur entspricht der Bedeutung ihres Namens. Er ist deshalb, anders als Christine, der Held der zweiten Binnenerzählung. Durch das Hinbringen des Kindes zur Taufe und das Darbringen des eigenen Opfers für die Gemeinschaft rechtfertigt er das Tragen seines Namens in doppelter Hinsicht. Somit sühnt er auch das Vergehen an der eigenen Familie, in der er die Weiber, die Ehefrau und ihre Mutter, Meister sein ließ.

Neben dem Helden Christen und der Antiheldin Christine gibt es in der Novelle vier weitere Träger der Eigennamen, die, obwohl alle männlich, sich in ihrem Inneren wie im Namen unterscheiden. Gemeint sind Hans Uli (das zu taufende Kind), Hans Uli (der jüngere Götti), der Ritter Hans von Stoffeln und der Ehemann Christines Schwägerin Hans. Den vier Figuren ist das von der Grundform „Johannes“ [5-6] abgeleitete Hypokoristikum „Hans“ gemein. Es bedeutet aus dem Althebräischen ‚Gott ist gnädig‘ bzw. ‚Gott hat Gnade erwiesen‘ [7] und ist einer der häufigsten männlichen Namen. Indem es mit dem Hypokoristikum „Uli“ bei der onymischen Attribuierung der Figuren des Paten und des getauften Kindes der Rahmenerzählung verbunden wird, generiert es die textsemiotische Dichotomie „Hans (von Stoffeln und der Mann von Christines Schwägerin) – Hans Uli (der Pate und das getaufte Kind)“. Die zwei Hans Ulis der Rahmenerzählung sind daher nicht nur textstrukturell von den zwei Hans‘ der Binnenerzählung abgehoben, sondern auch habituell. Über die Namengrundbedeutungen und deren Konnotationen („Hans“ ‚Gott ist gnädig‘ + Konnotation ‚Gottes Geschenk‘, die sich auf die Geburt seines Trägers bezieht [7]; „Uli“ ‚Herrscher über das vererbte Gut‘ [8]) sind die „ehrlichen Hans Ulis“ als getauften Christen mit den textsprachlichen, -symbolischen und –strukturellen Bedeutungsschichten der „Taufe“ verbunden, während der „verfluchte“ Ritter Hans von Stoffeln und der „unglückselige Vater“ Hans den einzigen hypokoristischen Namen „Hans“ tragen, da sie durch ihr Handeln - Mitwirken an „zerstörten Traditionen“ und „vergifteten Häusern“ - zu den „Gezeichneten“ gehören und nicht zu den getauften „Herrschern über das vererbte Gut“, zu denen der alte Götti Uli, der junge Götti Hans Uli und der getaufte neugeborene Hans Uli gehören. Die männlichen Figuren Benz und Sigrist sowie der Hund namens Türk sind zweitrangige Figuren, die eine Hilfsfunktion im Handlungsgeschehen erfüllen. „Benz“ ist ein Familienname, „Sigrist“ – die eingedeutschte Bezeichnung im Schweizerdeutschen für ‚Küster‘ [9] und der Hundename „Türk“ wurde wahrscheinlich ausgewählt, weil er exotisch für die Bewohner des Dorfes klingt und im gegebenen kulturellen Sozium auf Grund seiner Fremdheit schlecht semantisierbar bleibt.

[...]


[1] Der Forschungsgegenstand wurde abgegrenzt durch die Materialauswahl so, dass die folgenden Onyma ausgeschlossen wurden: Toponyme und Ethnonyme, Namen der Nichtfiguren, Pronomen als Mittel zur Textkohärenz und auf Figuren referierende Substantivierungen sowie an Figurennamen textlich gebundene Vergleiche und Epitheta. Diese könnten das Objekt der künftigen Untersuchungen sein.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
J. Gotthelfs Novelle "Schwarze Spinne" - Empirische Befunde zur Bedeutung und Funktion der Figuren-Namen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik )
Veranstaltung
Schweizer Literatur im 19./20. Jh.
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V152447
ISBN (eBook)
9783640648740
ISBN (Buch)
9783640648962
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Untersuchungsgegenstand der Hauptseminarrbeit sind die Figurennamen in Gotthelfs Novelle "Schwarze Spinne". Mit Hilfe der hermeneutischen und philologischen Methoden wie Kontentanalyse werden die Namen der Figuren in der Novelle hinsichtlich der Semantik und Pragmatik vor dem Hintergrund der Grundidee des Werkes untersucht. Dabei findet eine Namenklassifizierung statt nach Typen und Gruppen. Zum Schluss wird erläutert, warum Gotthelf eben diese Namen für seine Figuren und genau auf diese Weise verwendet.
Schlagworte
Schwarze Spinne, Figurennamen, Novelle, schweizer Literatur, Jeremias Gotthelf, Onomastik, Bedeutung und Funktion, Semantik, Pragmatik, Idee, Aussage des Werkes, Sinn, Hermeneutik, Kontentanalyse
Arbeit zitieren
Julia Seibert (Autor), 2010, J. Gotthelfs Novelle "Schwarze Spinne" - Empirische Befunde zur Bedeutung und Funktion der Figuren-Namen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152447

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