Identität, Krise und Bewährungsmythos

Identitätstheoretische Konzeptionen


Seminararbeit, 2003

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit

3. Entscheidungszwang und Begrundungsverpflichtung

4. Das Charisma

5. Der Bewahrungsmythos

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist Identitat und wie entwickelt sie sich? - Goffman definiert Identitat als Unverwechselbarkeit des Individuums, die sich aus seiner organischen Einmaligkeit und seinen spezifischen lebensgeschichtlichen Daten ergibt.[1]

Erikson, der die Triebtheorie von Freud weiterentwickelte, bestimmt Identitat mit seinem psychoanalytischen Personlichkeitskonzept dadurch, daB sich ein „Ich“ einer bestimmten Gruppe zuordnet und gleichzeitig ein BewuBtsein von sich als selbstandiges Individuum hat.[2] Der Prozess der Identitatsbildung vollzieht sich laut Erikson vor allem wahrend der Pubertat und Adoleszens, also zwischen dem 16. und 21. Lebensjahr. Die entwickelte Identitat bleibt dann konstant und ist keiner weiteren Veranderung unterlegen.[3]

Einen weiteren Ansatz Identitat zu erklaren, liefert Mead mit dem „Symbolischen Interaktionismus“. Identitat ist demnach die Fahigkeit eines Subjekts, sich zu sich selbst wie zu einem anderen Subjekt zu verhalten, indem die Subjekte bei der Interaktion die Einstellungen des Interaktionspartners antizipieren und sich aus dessen Perspektive wahrnehmen.[4] Identitat beinhaltet also einerseits die Summe der Erwartungen der anderen und andererseits die Reaktionen des Ichs auf diese Erwartungen.[5] Habermas bestimmt Identitat als Balance zwischen personlicher und sozialer Identitat, wobei personliche Identitat die unverwechselbare Lebensgeschichte des Individuums ist und soziale Identitat aus der Zugehorigkeit des Individuums zu bestimmten Bezugsgruppen resultiert.[6]

Ulrich Oevermann behandelt in seinem Beitrag „Modell der Struktur von Religiositat“ das objektiv gegebene Strukturproblem der Individuierung. Mit diesem Beitrag liefert er gleichzeitig eine Moglichkeit die Entwicklung von Identitat zu erklaren.

Wie sich Identitat nach Oevermann nun entwickelt, soll das zentrale Thema dieser Hausarbeit sein.

2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit

Ein zentraler Punkt in Oevermanns Strukturmodell von Religiositat ist die „Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit“.[7] Er trifft die Feststellung, dafi der Ubergang von Natur zu Kultur durch die „Emergenz der Sprachlichkeit und des darin konstituierten regelgeleiteten Handelns gepragt ist“. Die durch die Sprachlichkeit in die Welt getretene Bedeutungsfunktion und die darin eingebettete Aufspaltung von Welt in prasente und reprasentierende Wirklichkeit zieht nun das Hier und Jetzt einer Praxis unmittelbar gegebener Wirklichkeit und eine diese Wirklichkeit uberschreitende hypothetisch konstruierte Welt von Moglichkeiten nach sich.[8]

Die Konstruierbarkeit hypothetischer Welten erzwingt logischerweise ein Bewufitsein der Endlichkeit des Lebens. Aus dem Bewufitsein uber die Endlichkeit des eigenen Lebens resultiert, dass vor dem eigenen Leben schon anderes Leben in Form der Eltern existiert hat und nach dem eigenen Leben auch anderes Leben in Form der eigenen Kinder existent sein wird.[9] Das Endlichkeitsbewusstsein fuhrt damit zu der Existenzfrage: Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?[10]

Nach Oevermann liefert das Bewufitsein uber die Endlichkeit des eigenen Lebens, das sich in der dreifachen Identitatsfrage verlangert, nun auch die Moglichkeit zur „Grenzuberschreitung“, d.h. der Uberschreitung der Endlichkeit und damit das Bewufitsein uber die Knappheit, Begrenztheit und Wertigkeit der Praxiszeit als Quelle lebenspraktischen Handlungsdrucks.[11]

Der Krisenbegriff den Oevermann entwickelt geht davon aus, dass die Krise eine Entscheidungskrise in der konkret ablaufenden Lebenspraxis ist. Das Individuum ist durch die ihm bewufite Endlichkeit seiner Lebenszeit zwingend zur Entscheidung angehalten. Die geistige Vorwegnahme des eigenen Todes als „point of no return“ lafit das „Zur-Autonomie-Verurteilt-Sein“, also fur die eigene Zukunft selbst verantwortlich zu sein und die daraus resultierende Zeitknappheit und Riskanz der Entscheidungs- findung zu Bewufitsein kommen.[12]

Eine Entscheidungskrise besteht nun in der Moglichkeit, sich bewufit fur eine Alternative X1 bzw. gegen eine Alternative X2 entscheiden zu mussen. Eine Nicht- Entscheidung ist also ebenfalls eine Entscheidung. Oevermann beschreibt die Entscheidungskrise als „subjektive Verunsicherung“ und als Bewufitsein uber den „explizit vorhandenen Entscheidungszwang“. Dieser Entscheidungszwang, also die absolute Notwendigkeit sich fur eine Moglichkeit bzw. Alternative zu entscheiden, resultiert aus dem Bewufitsein der Begrenztheit des Lebens und der Unaufschiebbarkeit des Entscheidungsproblems.[13]

Ulrich Oevermann stellt zum Begriff der Krise folgende Uberlegung an, dass der Krisenfall und eben nicht der Routinefall den eigentlichen alltaglichen Normalfall darstellt. Der Routinefall, der sich in der taglichen Lebenspraxis aufiert, ist nur eine Reaktion auf die Krise.[14] Demzufolge ist jede an den Tag gelegte Routine eigentlich eine ausgeformte Krisenlosung. Die Routine besteht dann aus bereits bewahrten Krisenentscheidungen. Das Leben an sich konnte man sich demnach als eine „Verkettung von Entscheidungskrisen“ vorstellen.[15]

3. Entscheidungszwang und Begrundungsverpflichtung

Durch die gegebene Moglichkeit zur Konstruierbarkeit hypothetischer Welten ergibt sich zwangslaufig eine „Welt von Handlungsalternativen“ in einer konkret ablaufenden Praxis. Aus diesem Vorhandensein verschiedener Handlungs- bzw. Entscheidungs- moglichkeiten ergibt sich ein „Entscheidungszwang“ die eigene Zukunft selbst- verantwortlich zu schliefien. Dies ist die grundlegende Herausforderung durch deren Bewaltigung das Individuum seine Autonomie vollzieht.[16]

Diesen Zwang zur Entscheidung, versucht Oevermann am Beispiel der „Wohnungssuche“ zu verdeutlichen.

ist man auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung, so stehen unter Umstanden funf verschiedene Angebote zur Auswahl. Man mufi sich nun also fur ein Angebot entscheiden. Eine „Entscheidung durch Zufall“ scheidet dabei von vornherein aus, weil diese zufallige Entscheidung der „Autonomie der Lebenspraxis“ entgegenstehen wurde.[17]

Da die Angebote theoretisch schon am nachsten Tag vergeben sein konnten, besteht ein real existenter Zwang zur Entscheidung. Das Individuum befindet sich also in einer echten Entscheidungskrise. Das Problem der Entscheidungsfindung kann auch nicht durch „Vertagen“ aufgeschoben werden, denn in seiner fur die aktuelle Lebenspraxis zentralen Bedeutung verlangt es nach einer umgehenden Losung.[18]

Neben dem Zwang, eine Entscheidung zu treffen, also sich zum Beispiel im Rahmen einer Wohnungssuche fur eines von funf Wohnungsangeboten zu entscheiden, besteht auch die „Verpflichtung zur Begrundung“. So mufi die Entscheidung, zu der man ja gezwungen war und die man dann letztendlich getroffen hat, als „vernunftig und rationaler“ im Vergleich zu den anderen Wahlmoglichkeiten begrundbar sein. Oevermann fuhrt aus, dafi das insoweit unproblematisch ist, solange in der „Entscheidungssituation selbst die Begrundungsargumente evident vorliegen“.[19] Ist also die Wahl eines Wohnungsangebotes eindeutig und liegen zum Zeitpunkt der Entscheidung die Begrundungsargumente in dieser Entscheidung klar vor, handelt es sich ja nicht um eine echte Entscheidungskrise im bereits dargestellten Sinne. Eine wirkliche Wahlmoglichkeit ist dann faktisch nicht gegeben und der „Handlungs- spielraum“ als solcher, ware kein offener mehr. Am Beispiel der funf vorhandenen Wohnungsangebote in krasser Form verdeutlicht, wurde das dann der Fall sein, wenn alle anderen vier Wohnungen in der Kuche mit Schimmel durchsetzt waren und Kakerlaken zuhauf durch das Bad laufen wurden. Zum Zeitpunkt der Entscheidung ist die nach vorhandenen Rationalitatsmafistaben getroffene Wahl fur die Wohnung ohne diese Mangel keine Krisenentscheidung, da die Argumente fur die Wahl offensichtlich sind bzw. evident vorliegen.

[...]


[1] Prechtl P. u. Burkhard F.P.(Hg.): Metzlers Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. erw. u. akt. Aufl., Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag, 1999, S. 250

[2] ebd.

[3] Fuchs, W. u.a. (Hg): Lexikon zur Sozialogie. 2. verb. u. erw. Aufl., Opladen: Westdeutscher Verlag, 1988, S.327

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] ebd.

[7] Oevermann, U.: Ein Modell der Struktur von Rel]igiositat. Zugleich ein Strukturmodell von Lebenspraxis und von sozialer Zeit. (S.34) in: Biographie und Religion. Zwischen Ritual und Selbstsuche. M. Wohlrab-Sahr (Hg). Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1995

[8] ebd. (S.34)

[9] ebd. (S.34-35)

[10] ebd. (S.35)

[11] ebd. (S.35)

[12] ebd. (S.40)

[13] ebd. (S.41)

[14] ebd. (S.44-45)

[15] ebd. (S.40)

[16] ebd. (S.40)

[17] ebd. (S.39)

[18] ebd. (S.38-39)

[19] ebd. (S.37)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Identität, Krise und Bewährungsmythos
Untertitel
Identitätstheoretische Konzeptionen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Weibliche Identität im 19. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V152541
ISBN (eBook)
9783640643424
ISBN (Buch)
9783640643141
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Krise, Bewährungsmythos, Religion, Leistungsethik, Charisma
Arbeit zitieren
Ron Klug (Autor), 2003, Identität, Krise und Bewährungsmythos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152541

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