Ulrich Oevermann behandelt in seinem Beitrag „Modell der Struktur von Religiosität“ das objektiv gegebene Strukturproblem der Individuierung. Mit diesem Beitrag liefert er gleichzeitig eine Möglichkeit die Entwicklung von Identität zu erklären. Wie sich Identität nach Oevermann nun entwickelt, soll das zentrale Thema dieser Hausarbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit
3. Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung
4. Das Charisma
5. Der Bewährungsmythos
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Identitätskonzept von Ulrich Oevermann, insbesondere den Zusammenhang zwischen Entscheidungskrisen, dem Bewusstsein der Endlichkeit und der dynamischen Ausbildung von Identität in der Lebenspraxis.
- Identitätstheoretische Ansätze im Vergleich
- Die Dialektik von Endlichkeit und Unendlichkeit
- Entscheidungszwang als zentrales Element der Lebenspraxis
- Die Funktion des Charismas in Entscheidungskrisen
- Der Bewährungsmythos als identitätsstiftendes Element
Auszug aus dem Buch
4. Das Charisma
Die Zukunftsoffenheit von Entscheidungsmöglichkeiten, in der sich die „Krise auflösen soll, erzeugt unvorhersehbares Neues“. Da die Begründung zum Entscheidungszeitpunkt, wie oben dargestellt, nicht rational sein kann, muß es etwas geben, das diese Entscheidung und das „inhaltlich Unvorhersehbare im Nachhinein als motiviert und vorbereitet rekonstruiert“.
Dieses „Dritte, zwischen Rationalität und Irrationalität“ führt letztendlich zu der „krisenlösenden Entscheidung“, und zwar in dem Moment, in dem einerseits schon „verbürgte Rationalitätsmaßstäbe nicht mehr und andererseits neue argumentativ noch nicht gelten können“. Welche Kraft entscheidet also in Situationen, in denen die „Logik des besseren Arguments krisenhaft außer Kraft gesetzt ist“? Oevermann verwendet für dieses „Dritte“ den Begriff des Charisma, wie er von Max Weber entwickelt worden ist und bezeichnet es als eine „Ablaufgestalt der Autonomie der Lebenspraxis“.
„Charismatisch soll dann die spezifische Qualität einer aus mehreren unterscheidbaren Phasen bestehenden Ablaufgestalt heißen, in der ein argumentativ unbegründbarer Vorschlag zur Krisenlösung gleichwohl einen prinzipiellen Anspruch auf Begründbarkeit in der Zukunft erhebt und mit diesem Anspruch erfolgreich Glaubwürdigkeit bei einer Gefolgschaft erlangt.“
In einer Entscheidungssituation bzw. Entscheidungskrise erfüllt das Charisma demzufolge die Funktion der „Spontaneität des argumentationslosen Überzeugt-Seins von etwas Positivem, Krisenlösenden“, aufbauend auf „bewährten Überzeugungen“, die dieser Krise vorausgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit gibt einen Überblick über verschiedene Identitätstheorien und führt in Oevermanns Modell zur Struktur von Religiosität und Individuierung ein.
2. Der Krisenbegriff und die Kategorie der Endlichkeit: Es wird erläutert, wie das Bewusstsein der Endlichkeit des Lebens zur Notwendigkeit von Entscheidungen in der Lebenspraxis führt.
3. Entscheidungszwang und Begründungsverpflichtung: Dieses Kapitel thematisiert die Herausforderung, in offenen Situationen autonom zu entscheiden und diese Entscheidungen begründen zu müssen.
4. Das Charisma: Das Kapitel beschreibt Charisma als die Kraft, die in Momenten, in denen rationale Argumente versagen, eine krisenlösende Entscheidung ermöglicht.
5. Der Bewährungsmythos: Es wird dargestellt, wie Mythen dem Individuum helfen, den ständigen Druck der Bewährung in der Lebenspraxis auszuhalten und Identität zu sichern.
6. Fazit: Das Fazit fasst Oevermanns Ansatz einer dynamischen Identitätsentwicklung zusammen und stellt diesen dem statischen Konzept von Erikson gegenüber.
Schlüsselwörter
Identität, Lebenspraxis, Oevermann, Krise, Endlichkeit, Entscheidung, Autonomie, Charisma, Bewährungsmythos, Individuierung, Religiosität, Dynamik, Krisenbewältigung, Handlungsspielraum, Rationalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert identitätstheoretische Konzeptionen nach Ulrich Oevermann, wobei der Fokus auf dem Prozess der Identitätsbildung durch Krisenbewältigung liegt.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Autor?
Die zentralen Themen sind die Endlichkeit des menschlichen Lebens, der daraus resultierende Entscheidungszwang sowie die Rolle von Charisma und Mythen bei der Bewältigung von Lebenskrisen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich Identität nach dem Strukturmodell von Oevermann entwickelt und welche Rolle dabei Entscheidungskrisen und deren Bewältigung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse soziologischer und pädagogischer Fachliteratur sowie der Untersuchung von Oevermanns Modell der Struktur von Religiosität basiert.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Vordergrund?
Der Hauptteil befasst sich mit der Dialektik von Endlichkeit, der Analyse des Krisenbegriffs, der Verpflichtung zur Begründung von Entscheidungen und dem funktionalen Einsatz von Charisma und Mythen im Individuierungsprozess.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Entscheidungskrise", "Lebenspraxis", "Bewährungsdynamik", "Individuierung" und "Zukunftsoffenheit".
Wie unterscheidet sich Oevermanns Ansatz von dem Eriksons?
Während Erikson von einem eher statischen Identitätsmodell ausgeht, betont Oevermann eine dynamische Identitätsentwicklung, bei der das Individuum in einem ständigen, nicht abschließbaren Bewährungsprozess steht.
Was versteht Oevermann unter dem "Bewährungsmythos"?
Der Bewährungsmythos ist ein Konstrukt, das dem Individuum positive Kriterien für seine Identität liefert, um die Belastung durch ständige Krisenentscheidungen im Alltag aushaltbar zu machen.
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- Ron Klug (Author), 2003, Identität, Krise und Bewährungsmythos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152541