Machiavellismus ist eine Persönlichkeitsdimension, die üblicherweise mit negativen Eigenschaften wie dem Hang zu Ausbeutung, Betrug und Manipulation verbunden wird. Die Bezeichnung Machiavellist ist auch im Alltag bekannt und wird häufig mit dem Bild eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der seine Ziele auf Kosten anderer erreicht, assoziiert. Lässt sich eine solche Person zu selbstlosem Engagement, namentlich organizational citizenship behavior, in der Organisation bewegen? In dieser Arbeit wurde durch die Betrachtung der Interaktion von Person und Situation eine Antwort auf diese Frage gesucht. Es wurde angenommen, dass die Situationsstärke im Arbeitsumfeld den negativen Zusammenhang zwischen Machiavellismus und organizational citizenship behavior moderiert. In schwachen Situationen sollte dieser stärker, in starken Situationen schwächer sein. Die Ergebnisse einer Online Studie, bei der 53 Dyaden (Vorgesetzter und Arbeitnehmer) befragt wurden, stützten diese Hypothese nicht. Es ließ sich jedoch entgegen der in dieser Arbeit gebildeten Annahme eine umgekehrt u-förmige Beziehung zwischen Machiavellismus und organizational citizenship behavior feststellen. Eine moderate Ausprägung auf dieser Persönlichkeitsdimension scheint also positive Auswirkungen auf ein Unternehmen zu haben. Diese teilweise unerwarteten Ergebnisse decken weiteren Forschungsbedarf, unter anderem zur Ausdifferenzierung des Konstrukts Situationsstärke
und dessen unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Persönlichkeitsdimensionen und Verhaltensweisen, auf.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorie
2.1 Machiavellismus
2.2 Organizational Citizenship Behavior
2.3 Situationsstärke
2.4 Machiavellismus und Organizational Citizenship Behavior
2.5 Situationsstärke als Moderatorvariable
3 Methode
3.1 Stichprobe
3.2 Erhebungsinstrumente
3.2.1 Machiavellismus
3.2.2 Organizational Citizenship Behavior
3.2.3 Situationsstärke
3.3 Studiendesign und Durchführung der Untersuchung
3.4 Datenauswertung
4 Ergebnisse
4.1 Deskriptive Befunde
4.2 Inferenzstatistische Prüfung
5 Diskussion
5.1 Zusammenfassung
5.2 Einordnung der Befunde in den bisherigen Forschungsstand
5.3 kritische Betrachtung der Studie
5.4 Forschungsdesiderate
5.5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die situativen Bedingungen am Arbeitsplatz (Situationsstärke) den Einfluss der Persönlichkeitseigenschaft Machiavellismus auf das freiwillige Arbeitsengagement (Organizational Citizenship Behavior, OCB) moderieren.
- Interaktion von Person und Situation im Arbeitskontext
- Analyse des Machiavellismus-Konstrukts und seiner Auswirkungen
- Struktur und Konzeptualisierung der Situationsstärke im Beruf
- Zusammenhang zwischen Manipulationstendenzen und freiwilligem, unterstützendem Verhalten
- Einfluss moderierender Faktoren auf die prädiktive Validität von Persönlichkeitsmerkmalen
Auszug aus dem Buch
2.3 Situationsstärke
Schon lange gehen Sozialpsychologen davon aus, dass das Verhalten aus der Interaktion von individuellen Unterschieden beziehungsweise Dispositionen und äußeren Bedingungen, also situativen Eigenschaften, resultiert (Cronbach, 1957; Meyer et al., 2014). Webster (2009) wies nach, dass sich in der wissenschaftlichen Literatur vermehrt mit dieser Interaktion von Individuum und Situation beschäftigt wird und die Person-Situation Debatte in den Hintergrund tritt. Im Gegensatz zur Forschung von Persönlichkeitskonstrukten sind bezüglich der Konzeptualisierung von Situationen bisher noch viele Fragen ungeklärt (Funder, 2006). Ein Konstrukt, das postuliert wurde, um die Eigenschaften einer Situation beschreiben zu können, ist die Situationsstärke (Mischel, 1977). Unter anderem behaupteten Snyder und Ickes (1985) sogar, dass dies die wichtigste situative Moderatorvariable sei. Sie lässt sich als „implicit or explicit cues provided by external entities regarding the desirability of potential behaviors“ (Meyer et al., 2010, S. 122) definieren.
Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Situationen. Es wird angenommen, dass die Situationsstärke psychologischen Druck verursacht und so das Individuum und sein Verhalten beeinflusst. So wird in starken Situationen die Varianz auftretender Verhaltensweisen sowie der Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Verhalten verringert. In schwachen Situationen hingegen korrelieren Persönlichkeit und Kriteriumsvariable stärker miteinander (Meyer et al., 2010). In der Forschung zeigte sich vielfach, dass die Situationsstärke als Moderatorvariable in für die Organisationspsychologie relevanten Zusammenhängen fungiert (Meyer et al., 2014). Beispielsweise untersuchten Meyer, Dalal und Bonaccio (2009) den Einfluss der Situationsstärke auf das Verhältnis zwischen Gewissenhaftigkeit und Job Performance. Sie konnten nachweisen, dass die Situationsstärke ein wichtiger Grund für die Variabilität der Validität der genannten Persönlichkeitsdimension als Prädiktor für die Arbeitsleistung über verschiedene Situationen hinweg ist. Dabei war die Korrelation zwischen Gewissenhaftigkeit und job performance in schwachen Situationen größer.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Problematik der gegenseitigen Beeinflussung von Persönlichkeitsmerkmalen (Machiavellismus) und situativen Arbeitsbedingungen auf das betriebliche Arbeitsverhalten.
2 Theorie: Theoretische Fundierung und Operationalisierung der Konzepte Machiavellismus, Organizational Citizenship Behavior und Situationsstärke sowie Ableitung der Hypothesen.
3 Methode: Detaillierte Beschreibung der Stichprobe, der verwendeten Messinstrumente (MPS, RBPS, SSW) und des Online-Erhebungsverfahrens.
4 Ergebnisse: Auswertung der quantitativen Daten mittels deskriptiver Statistik und hierarchischer multipler Regressionsanalysen zur Hypothesenprüfung.
5 Diskussion: Interpretation der Befunde, kritische Reflexion methodischer Beschränkungen der Untersuchung sowie Schlussfolgerungen für zukünftige Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Machiavellismus, Organizational Citizenship Behavior, OCB, Situationsstärke, Situational Strength, Arbeitspsychologie, Persönlichkeitspsychologie, Person-Situation-Debatte, Moderatoreffekt, Arbeitsverhalten, Führung, Leistung, Motivation, Manipulation, Online-Studie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Einfluss des Persönlichkeitsmerkmals Machiavellismus auf das freiwillige, kooperative Arbeitsverhalten ("Organizational Citizenship Behavior") und ob die Stärke der beruflichen Situation diesen Zusammenhang moderiert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen in der Persönlichkeitspsychologie (Machiavellismus), der Arbeits- und Organisationspsychologie (Leistungsverhalten) und der sozialpsychologischen Konzeptualisierung von Situationen (Situationsstärke).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Machiavellisten in starken beruflichen Situationen (mit klaren Regeln) weniger zu kontraproduktivem Verhalten neigen bzw. ob die Vorhersagbarkeit ihres Verhaltens durch situative Faktoren oder Persönlichkeitsmerkmale besser determiniert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kam zum Einsatz?
Es wurde eine quantitative Online-Studie mit 53 Dyaden (Vorgesetzter und Angestellter) durchgeführt und mit hierarchischen multiplen Regressionen statistisch ausgewertet.
Was wurde im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ausführliche theoretische Herleitung der drei Kernkonstrukte, eine methodische Beschreibung der Datenerhebung und eine detaillierte Ergebnisanalyse.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten über Machiavellismus, OCB, Situationsstärke und die Interaktion von Persönlichkeit und Arbeitsumfeld definieren.
Warum konnte die Hypothese zum Moderatoreffekt nicht bestätigt werden?
Die statistische Analyse mittels Regressionsmodellen zeigte keinen signifikanten Anstieg der erklärten Varianz durch den Interaktionsterm von Situationsstärke und Machiavellismus, was darauf hindeutet, dass das Modell in dieser Stichprobe keine Moderation abbildet.
Was ist das wichtigste Ergebnis bezüglich des Machiavellismus?
Überraschenderweise zeigte sich kein linear negativer Zusammenhang, sondern Datenhinweise auf eine kurvilineare (u-förmige) Beziehung, was impliziert, dass ein moderates Ausmaß an machiavellistischen Zügen potenziell positivere Auswirkungen auf die Organisation haben könnte als ein Extremwert.
- Citation du texte
- Ana Lahusen (Auteur), 2016, Der Effekt der Situationsstärke auf die prädiktive Validität von Machiavellismus für Organizational Citizenship Behavior, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1525413