Parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion am Beispiel der Bundestagsdebatten zum Einsatz deutscher Soldaten in Mazedonien, Afghanistan und dem Irak


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

37 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
1. Definition: Der Zwischenruf - das vielgepriesene ,Salz in der Suppe’?
2. Funktionen parlamentarischer Zwischenrufe
3. Zum Forschungsstand - Der Beitrag von Armin Burkhardt
4. Zum verwendeten Quellenmaterial mit einem
Exkurs zu den Aufgaben der Bundeswehr
5. Die Zwischenruftypologien nach Armin Burkhardt
5.1 Typologie der Zwischenruftechniken
5.2 Syntaktische Typologie
5.3 Typologie der Mittel zur Erzeugung von Textkoharenz
5.4 Typologie der Provokationen (Prasuppositionen und Reizworter)
5.5 Sprechhandlungstypologie

C. Zusammenfassung

D. Quellen- und Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Waltraud Lehn (SPD): Ich bitte Sie. Unwahrheiten kann man nicht durch Zwischenrufe heilen. (aus: Deutscher Bundestag. 14. Wahlperiode. 190. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 27. September 2001).

Es ist interessant zu sehen, wie Abgeordnete auf ein Teilphanomen ihrer parlamentarischen Praxis - den Zwischenruf - reagieren. In Waltraud Lehns AuBerung schwingt viel von der Ambivalenz dieser Kommunikationsform mit. Der Zwischenruf ist die wohl auffalligste Erscheinung der parlamentarischen Sprache - an seinem Auftreten und seiner Ausgestaltung bemessen sich Kreativitat und Souveranitat eines Parlaments. Zwischenrufe sind fur das Herzstuck der demokratischen Willensbildung charakteristisch, manchmal sind sie sogar spektakular. Trotz seiner Popularitat ist der Zwischenruf aber lange Zeit von Seiten der Linguistik unbeachtet geblieben. Erst Mitte der 70er Jahre vollzog sich die sog. 'pragmatische Wende', die u.a. die politische Kommunikation ins Blickfeld der Wissenschaft ruckte. Es entstand die Gesprachsanalyse, die das kategorielle und methodische Instrumentarium fur die Untersuchung der Zwischenrufe bereitstellte. Bis dahin war der Zwischenruf aber alles andere als unbekannt. Sammlungen popularer Zwischenrufe sorgten fur Aufregung - und auch heute noch dominieren Bucher oder Internetforen, die lediglich die belustigende Seite von Zwischenrufen zeigen. Nur wenige Veroffentlichungen widmen sich einer wissenschaftlich- systematischen Behandlung dieses Phanomens.

Ausfuhrliche Beachtung findet der Zwischenruf in Armin Burkhardts Werk 'Zwischen Monolog und Dialog' aus dem Jahre 2004. Der an der Magdeburger Universitat lehrende Linguist schreibt ausfuhrlich zur Theorie, Typologie und Geschichte des Zwischenrufs im deutschen Parlamentarismus. Im folgenden soll es daher die Grundlage bilden fur den Schwerpunkt dieser Arbeit - eine Klassifizierung der Zwischenrufe aus drei Parlamentsdebatten, die zum Thema Auslandseinsatz deutscher Soldaten im Bundestag gefuhrt worden sind. Auf den ersten zehn Seiten wird das Phanomens Zwischenruf zunachst einmal definiert und seine Funktionen werden herausgearbeitet. Abschnitt 3 gibt einen Uberblick zum Forschungsstand. Im Anschluss daran wird das verwendete Quellenmaterial vorgestellt.

B. Hauptteil

1. Definition: Der Zwischenruf - das vielgepriesene 'Salz in der Suppe"?

Nach Armin Burkhardt kommen im Deutschen Bundestag etwa ein bis anderthalb

Zwischenrufe auf jede Minute Redezeit.[1] Das ist eine Menge, bedenkt man, dass Zwischenrufe in der Geschaftsordnung des Deutschen Bundestages kaum Beachtung finden[2]. Der Politologe Rudiger Kipke definiert sie als eine durch Gewohnheit legitimierte Aufierungsform im politisch- parlamentarischen Diskurs, die eine Ausnahme zu dem Grundsatz darstellt, dafi niemand ohne ausdruckliche Worterteilung durch den Prasidenten im Plenum reden darf.[3]

Zwischenrufe sind demnach eine inoffizielle parlamentarische Sprachform, die in die Rede eines anderen hineingeworfen werden. Es handelt sich um unmittelbare, mehr oder minder spontane Reaktionen, die generell kurz gehalten werden und uber die Lange von zwei gleichgeordneten Hauptsatzen selten hinaus gehen. Manchmal entwickeln sich aus Zwischenrufen eine Art Zwiegesprach (sog. Mini- Dialoge)[4], die aus mindestens einem Zwischenruf und einer Gegenrede des aktuellen Redners bestehen.

Zwischenrufe weisen Personen- oder Sprechhandlungsbezug auf. Nur im letzteren Fall liegt Textkoharenz vor. Da Zwischenrufe zur alltaglichen Praxis der Plenardebatte gehoren, finden sie, ebenso wie andere Zwischenrufsignale (Gelachter, Beifall, Unruhe, etc.), Einzug in die stenographischen Berichte. Bereits im ersten demokratischen Zentralparlament - der Deutschen Constituirenden Nationalversammlung (Paulskirchenversammlung) von 1848/ 49 - wurden Zwischenrufe im Protokoll verzeichnet.

Zwischenrufe beleben die Verhandlung. Sie sind gewissermafien das Salz in der Verhandlungssuppe, [...][5] - auBerte der damalige Vizeprasident Adolph Schonfelder in der 3. Sitzung des Parlamentarischen Rates am 9. September 1948. Rudiger Kipke sieht dies kritischer. Fur ihn reicht das Niveau und die intellektuelle Qualitat der zugerufenen Beitrage vielfach nicht aus, um Zwischenrufe als besondere WUrze der Plenardebatte[6] zu bezeichnen. Zwischenrufe stellen eine Form der Interaktion zwischen Rednern und Zuhorern dar. Jedoch handelt es sich hierbei um eine begrenzte Zuhorerschaft, denn Zwischenrufe erfolgen anders als die Debattenrede prinzipiell nicht zum Fenster hinaus[7]. Nur in Ausnahmefallen dringen Zwischenrufe uber die Medien zu einem breiteren Publikum vor- ihres besonderen Unterhaltungswertes wegen, weniger wegen ihrer politischen Wirkung[8].

2. Funktionen parlamentarischer Zwischenrufe

Zwischenrufe wurden in Deutschland schon fruh als wichtiger Faktor der parlamentarischen Debatte angesehen. Bereits 1898 beschrieb der Linguist Hermann Wunderlich parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion: Es ist im Wesentlichen der Zwischenruf der Zuhorer, die den Redner aus dem Irrgarten des Schwulstes und der VerzUckung in die Wirklichkeit zurUckruft, [...] ihn zur verstandlichen schlichten Sprache mahnt.[9] Der Zwischenruf ist nicht mit einer bestimmten politisch- institutionellen Rolle verbunden. Sowohl regierungstragende als auch die Oppositionsfraktionen machen von ihm Gebrauch, und sie tun das in funktional gleicher Weise.

Grundsatzlich wird dem Zwischenruf eine die Parlamentsdebatte belebende Wirkung zugeschrieben. Er vereinigt in sich sowohl verhandlungsfordernde als auch verhandlungsstorende Aspekte. Rudiger Kipke spricht in diesem Zusammenhang von der politischen und der unpolitischen Funktion von Zwischenrufen. Zwischenrufe mit rein beleidigender Absicht, die auf die Person des Redners abzielen und keinen politischen bzw. politikbezogenen Beitrag leisten, gehoren zur Kategorie des unpolitischen. Sie sind Ausdruck menschlicher Emotionen wie Zorn, Aggression oder Ohnmacht gegenuber Attacken, denen man sich mangels Rederecht nicht anders zu erwehren weiB. Andere Zwischenrufe sind schlicht und einfach das Ergebnis von Debatten, die monoton gefuhrt werden und denen es an Spontaneitat fehlt.[10]

Oftmals soil der politische Gegner beim Versuch offentlicher Selbstdarstellung behindert werden. Massiv gehaufte Zwischenrufe, viele davon destruktiv- unsachlich, verwirren hierbei den Gedanken- und Redefluss des Vortragenden.

Zwischenrufe mit politischer Intention stellen den parlamentarischen Normalfall dar. Sie gehoren wie die Debattenrede oder Zwischenfrage zum kommunikativen Verhaltensrepertoire der Parteien im Konfliktmuster von regierungstragender Mehrheit und Opposition. Die Quantitat der Zwischenrufe hangt dabei wesentlich vom Gegenstand der Debatte und vom Grad des politischen Dissenses unter den Parteien ab. Untersuchungen haben gezeigt, dass Haushaltsberatungen und 'Aktuelle Stunden' besonders konflikttrachtig sind und dementsprechend viele redebegleitende Reaktionen aus dem Plenum aufweisen.

Idealerweise ist parlamentarisches Sprechen Dialog. Der Zwischenruf fordert den punktuellen dialogischen Austausch zwischen unterschiedlichen Positionen, wenn er konstruktiv- sachlich ist.

Haufig wird der Zwischenruf aber auch zur Eigenprofilierung gegenuber Fraktionskollegen und der Fraktionsfuhrung eingesetzt. Vor allem Parlamentsneulinge, die gut beraten sind sich auf dem parlamentarischen Parkett zunachst einmal im Hintergrund zu halten und mit ihren dienstalteren Fraktionskollegen nicht um Amter, Redezeit und Medienaufmerksamkeit zu konkurrieren, wahlen die Form des Zwischenrufs, um auf sich aufmerksam zu machen. Rudiger Kipke spricht dabei von der intrakommunikativen Funktion des Zwischenrufs.[11] AbschlieBend lasst sich sagen, dass sowohl die konstruktiv- sachliche als auch die destruktiv- unsachliche[12] Verwendung von Zwischenrufen diesen zu einem wichtigen Mittel der parlamentarischen Auseinandersetzung mache]n. Auch gilt der Zwischenruf heute als einer der wichtigsten Indikatoren, um die Veranderungen der parlamentarischen Sprachkultur und damit der politischen Streitkultur insgesamt zu beschreiben.

3. Zum Forschungsstand - Der Beitrag von Armin Burkhardt

Mit der Paulskirchenversammlung von 1848/ 49 ist das Phanomen parlamentarischer Zwischenruf in Deutschland bekannt geworden. Seitdem haben sich nicht nur Linguisten mit ihm beschaftigt, sondern auch Publizisten, Stenographen und Politologen. Viele Beitrage behandelten Zwischenrufe aber eher unzureichend. Aus feuilletonistischer Sichtweise ist der Zwischenruf lediglich Indikator fur Humor oder auch fur schlechtes Benehmen und dient - im Falle seines besonders geistreichen Gelingens - vor allem zur Profilierung des Rufers. Das Interesse der Presse galt und gilt ausschlieBlich den StilblUten des Parlaments, die sich in Sammlungen amUsanter Bonmots und scherzhafter [13] niederschlagt. Die ersten Veroffentlichungen dieser Art waren das 1894 erschienene Buch von J. Szafranski[14] oder etwa die kleine Sammlung des Paulskirchen- Stenographen Julius Woldemar Zeibig[15] aus dem Jahre 1900. In jungerer Zeit erschienen ist eine Darstellung der - zu Ordnungsrufen gefuhrten - Zwischenrufe Herbert Wehners von Floehr/ Schmidt von 1983. Alle Beitrage bedienen das gangige Vorurteil, dass Zwischenrufe vor allem als Storfaktor ansieht, d.h. als Mittel parlamentarischer Aggression seitens des jeweiligen politischen Gegners.

Die Beitrage der Stenographen widmeten sich vor allem der Frage nach dem Sinn und den Prinzipien der Aufnahme von Zwischenrufen in die Sitzungsprotokolle. Sie betonen vor allem die den Zwischenrufen innewohnenden Eigenschaften wie Punktualitat, Spontaneitat, Dialogizitat und ihre relative inhaltliche Eigenstandigkeit. Diskutiert wird im brancheneigenen Organ, der 'Stenographischen Praxis". Hervorzuheben waren hier der Beitrag von Rudolf Dowerg[16], der in seinem 1910 erschienenen Aufsatz 'Behandlung der Zwischenrufe" Zwischenrufe von den Selbstgesprachen unterscheidet und dafur pladiert bedeutungslose oder gar lappisch wirkende Zwischenrufe und Verbesserungen von blofiem Versprechen von den Aufzeichnungen auszunehmen. Oder Karl Stettner, der bereits 1977 das Phanomen der parlamentarischen Mini- Dialoge analysierte[17].

Den Politologen geht es vor allem um die Beschreibung der Funktionen von Zwischenrufen. Fur Ronald Hitzler ist der Zwischenruf ein Element symbolischer Politik [18], der gegen die monologischen Grundregeln parlamentarischen Sprechens verstoBt. Seine Aufgabe ist es die parlamentarische Debatte als Diskussion zu inszenieren. Rudiger Kipke hingegen sieht den Zwischenruf als eine Art mentales Ventil[19] und Mittel zur innerparteilichen Profilierung. Daruber hinaus wagte Dolf Sternberger bereits 1952 eine erste, wenn auch vollig unzureichende, Klassifikation von Zwischenrufen, indem er a) kolllektive Zwischenrufe, b) Spott- Rufe und c) individuelle polemische Zurufe unterschied[20].

Ausfuhrlicher bearbeitet wurde und wird das Thema von linguistischer Seite. Von Interesse sind vor allem Fragen nach Form, Funktion und Distribution von Zwischenrufen. Peter Kuhn stellt den Begriff der Mehrfachadressiertheit von Zwischenrufen zur die Diskussion, und bescheinigt ihnen zugleich eine adressatenspezifische Mehrfachfunktionalitat[21]. Inge Fetzer- Wolf versucht in ihrer Staatsexamensarbeit erstmalig, parlamentarische Zwischenrufe handlungstheoretisch zu klassifizieren und weist ihnen 20 verschiedene Funktionen zu[22]. Ein groBer Schritt, denn bisher wurden Zwischenrufe, vor allem von den Politologen, lediglich ein FUR- GEGEN- Raster zugrundegelegt[23]. Auch Ina Neukirchen weist auf die Polyfunktionalitat und damit Ambiguitat von Zwischenrufen hin und bescheinigt ihnen initiativen und reaktiven Charakter[24]. Juha Matti Ketolainen stellt sich die Frage, ob Zwischenrufe eine eigene Textsorte darstellen - und muss dies verneinen.[25] Zwischenrufe stellen keine eigenstandige Handlung des Sprechers dar, sondern sind eine Reaktionsform des Horers und damit Teil eines Gesamttextes. Zwischenrufe gelten insofern als eine spezifische Form der Ruckmeldung, wie Armin Burkhardt in seinem Werk 'Zwischen Monolog und Dialog" aus dem Jahre 2004 richtig bemerkt.[26] Der fast 700 Seiten umfassende Band liefert die erste umfassende systematische Behandlung von Zwischenrufen und markiert das vorlaufige Ende der Reihe linguistischer Arbeiten. Burkhardt stellt nicht nur eine Klassifizierungsmoglichkeit vor- sondern funf. Als Quellenbasis dienen ihm die Zwischenrufe der sog. 'Nachrustungsdebatte" der 35. und 36. Sitzung des Deutschen Bundestages aus der 10. Wahlperiode. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht - wie auch schon bei den Linguisten vor ihm - die Handlungstypologie bzw. Funktionstypologie, da sich mit ihrer Hilfe historische Entwicklungslinien der Funktionen von Zwischenrufen und ihrer Frequenz besonders gut nachzeichnen lassen. In Anlehnung an Inge Fetzer- Wolf, jedoch stringenter, erweitert Burkhardt die Funktionstypologie, und geht somit uber die reine FUR- GEGEN- Klassifikation hinaus[27]. Daruber hinaus fuhrt er die bereits bekannten Kategorien - wie zum Beispiel die der ZUSTIMMUNG und ABLEHNUNG - konsequenter aus.

Zwischenrufe konnen aber nicht nur hinsichtlich ihrer Funktionen kategorisiert werden. Von Interesse fur Burkhardt sind ebenfalls die Techniken, mit denen Zwischenrufe an eine AuBerung des Redners anknupfen. Diese Verfahren stellt er in der 'Typologie der Zwischenruftechniken' vor. In seiner 'Syntaktischen Typologie' klassifiziert Burkhardt wiederum Zwischenrufe nach Zahl und Art ihrer satzbaulichen Einheiten. Daneben bietet Burkhardt zwei Typologien an, welche Zwischenrufe nach ihrer semantischen Beziehung zur AuBerung des Redners klassifiziert. Das ist zum einen die 'Typologie zur Erzeugung von Textkoharenz' und die 'Typologie der Provokationen'.

Im nachfolgenden sollen alle funf Typologien vorgestellt werden. Zur Veranschaulichung dafur dienen die Zwischenrufe dreier Bundestagsdebatten zum Thema Auslandseinsatz deutscher Soldaten, die im nachsten Abschnitt beschrieben werden. Es konnen nicht samtliche 'Unterkategorien' der Burkhardtschen Typologien dargestellt werden - zum einen aus Ermangelung entsprechender Referenzstellen, zum anderen wurde das den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen. Interessante 'Unterkategorien' werden jedoch kurz beschrieben.

4. Zum verwendeten Quellenmaterial mit einem Exkurs zu den Aufgaben der Bundeswehr

Das Thema Wiederbewaffnung der Bundesrepublik aber auch die Grundung der Bundeswehr fuhrten in den Anfangsjahren der Bundesrepublik zu erheblichen innenpolitischen Auseinandersetzungen. Besonders SPD und CDU stritten uber die Frage, ob es moralisch zu verantworten sei, dass Deutschland nach der Hitler- Diktatur jemals wieder uber Streitkrafte verfugen sollte. Heutzutage ist die Existenz der Bundeswehr zwar nicht mehr Anlass zu Diskussionen, trotzdem wird jeder Einsatz - vor allem wenn er jenseits bundesdeutscher Grenzen gefuhrt wird - im Parlament, aber auch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Anzunehmen ist deshalb, dass Parlamentsdebatten, die das Thema - Einsatz deutscher Soldaten im Ausland - auf der politischen Agenda haben, reich an Zwischenrufen sein konnten, da hier besonders stark kontrare Grundsatzpositionen aufeinanderprallen. Als Quellenmaterial zur Klassifizierung von Zwischenrufen dienen drei Bundestagsdebatten, die alle nach 1990 gefuhrt wurden - eine Zeit in der sich die Aufgaben der Bundeswehr grundlegend gewandelt haben. Zum besseren Verstandnis der Materie werden die Veranderungen im folgenden Exkurs skizziert.

Exkurs[28]: In den vier Jahrzehnten der Bipolaritat zwischen der Sowjetunion auf der einen und den USA auf der anderen Seite war die Welt in sicherheitspolitischer Hinsicht vergleichsweise ubersichtlich und die Rolle der Bundeswehr klar. Unter den politischen Parteien herrschte Konsens daruber, dass die Aufgabe der deutschen Streitkrafte auf die Verteidigung (eine Verteidigung Deutschlands gegenuber einer sowjetischen Bedrohung) beschrankt ist. Dies regelt Art. 87a des Grundgesetzes. So war und ist es die Aufgabe der Bundeswehr, die Unversehrtheit des Territoriums sowie die Freiheit der Eigenentwicklung des politischen Systems zu gewahrleisten. Ein Angriffskrieg ist verboten. Die Uberwindung des Ost-West-Konflikts jedoch, der Zusammenbruch des Kommunismus, einschlieBlich des Zerfalls der Sowjetunion, aber auch die deutsche Einigung schafften Ende der 80er Jahre/ Anfang der 90er Jahre neue Rahmenbedingungen fur die Sicherheitspolitik Deutschlands und damit auch fur die Aufgaben der Bundeswehr. Bundestagsdebatten zum Einsatz deutscher Soldaten im Ausland sind seid diesem Zeitpunkt nicht ohne Spannung - geht es doch letztlich um das Selbstverstandnis der Deutschen Bundeswehr.

Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 12. Juli 1994 ist jeder bewaffnete Einsatz der Bundeswehr innerhalb von Systemen gegenseitiger kollektiver Sicherheit unter der Bedingung zulassig, dass der Bundestag jedem einzelnen Einsatz mit konstitutiver Mehrheit zugestimmt hat. So hat der Deutsche Bundestag am 30.6.1995 mit 386 gegen 258 Stimmen bei 11 Enthaltungen dem Antrag der Bundesregierung zugestimmt, Bundeswehreinheiten zum Schutz der Schnellen Eingreiftruppe (IFOR) in das ehemalige Jugoslawien zu entsenden und ermoglichte damit erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte einen Kampfeinsatz deutscher Soldaten auBerhalb des NATO-Gebiets. Knapp 18 Monate spater votierte der Bundestag am 6.12.1996 mit uberwaltigender Mehrheit aus allen Parteien - mit Ausnahme der PDS - fur den Einsatz von 4.000 Bundeswehr-Soldaten in der internationalen Stabilisierungstruppe (SFOR) im ehemaligen Jugoslawien, so dass innerhalb weniger Jahre ein Einsatz deutscher Soldaten auBerhalb des NATO-Gebiets zur Normalitat geworden ist. Mit Beginn der NATO-Luftschlage gegen Serbien am 24.3.1999 beteiligte sich Deutschland an einem Krisenreaktionseinsatz, der ohne das ausdruckliche Mandat des UN-Sicherheitsrats erfolgte. Die NATO wie auch die Bundesregierung begrundeten den Einsatz damit, dass bei schweren Menschenrechtsverletzungen humanitare Interventionen, selbst wenn sie zu einem Krieg wie gegen Serbien fuhrten, gerechtfertigt waren. Auch bei spateren UNO-Missionen wie in Mazedonien (Task Force Fox) und beim International Security Assistance - Einsatz (ISAF) 2001 in Afghanistan (als Reaktion auf die Terroranschlage des 11. September 2001) gab es nach einigen innerparteilichen Auseinandersetzungen, besonders bei BUNDNIS 90/ DIE GRUNEN, die Zustimmung fur den out-of-area-Einsatz der Bundeswehr.

2002 hat die Bundeswehr folgende Aufgaben: Wahrung der Souveranitat Deutschlands im Frieden, kollektive Verteidigung (im Rahmen der NATO), Konfliktverhutung und Krisenbewaltigung, Rettung und Evakuierung sowie Katastrophenhilfe.

Die erste Quelle ist eine Bundestagsdebatte, die am 7. Mai 1999 gefuhrt wurde. Es lag ein Antrag der Bundesregierung vor, der eine deutsche Beteiligung an der humanitaren Hilfe im Zusammenhang mit dem Kosovo- Konflikt forderte. Diskutiert wurde auf Grundlage einer Beschlussempfehlung und eines Berichtes des 3. Auswartigen Ausschusses. Der Antrag wurde mit 566 der 616 abgegebenen Stimmen angenommen. Es gab 43 Nein- Stimmen und 7 Enthaltungen. Der uberwiegende Teil der Nein- Stimmen gehorte Parlamentariern der PDS- Fraktion. 7 Abgeordnete von BUNDNIS 90/ DIE GRUNEN, 4 SPD- Abgeordnete und 2 CDU- Abgeordnete stimmen ebenfalls mit Nein. Zwischenrufe dieser Debatte sind wie im folgenden Beispiel gekennzeichnet: (DB 14/ 3406) - DB steht fur Deutscher Bundestag, 14 bezeichnet die Wahlperiode von 1998 - 2002, die vierstellige Zahl dahinter gibt die jeweilige Seite im Plenarprotokoll an.

Die zweite Protokoll gibt eine Plenardebatte vom 27. September 2001 wider. Zur Diskussion stand ein Antrag der Bundesregierung auf eine Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkrafte an einem NATO-gefuhrten Einsatz auf mazedonischem Territorium, der den Schutz von Beobachtern internationaler Organisationen gewahrleisten sollte, welche die weitere Implementierung des politischen Rahmenabkommens vom 13. August 2001 sicherstellen sollten. Grundlage dafur waren eine Einladung des mazedonischen Prasidenten Trajkovski vom 18. September 2001 und die Resolution Nr. 1371/ 2001 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom 26. September 2001. Diesem Antrag stimmten 528 von 578 Abgeordneten zu. 40 Abgeordnete sprachen sich dagegen aus, und 10 enthielten sich der Stimme. Mit Nein stimmten vor allem Abgeordnete der PDS, es gab aber auch 5 Nein- Stimmen aus der CDU

[...]


[1] Burkhardt, Armin (1990): „Zur Sache Schatzchen!“ Chauvi- Spruche im Parlament., in: Sprachreport, Heft 2, S. 1.

[2] Lediglich § 119 der GO befasst sich ausdrucklich mit Zwischenrufen. Er bestimmt, dass Zwischenrufe in die Plenarprotokolle aufzunehmen sind. Dazu: Geschaftsordnung des Deutschen Bundestages unter www.bundestag.de

[3] Kipke, Rudiger (1995): Der Zwischenruf - ein Instrument parlamentarischer Kommunikation?, in: Dorner/ Vogt (Hrsg.). Sprache des Parlaments und Semiotik der Demokratie. Studien zur politischen Kommunikation in der Moderne. Berlin, S. 107.

[4] Zum Phanomen der Mini- Dialoge siehe Kapitel 9. 2. in Burkhardt, Armin (2004): Zwischen Monolog und Dialog. Zur Theorie, Typologie und Geschichte des Zwischenrufs im deutschen Parlamentarismus, Tubingen.

[5] Parlamentarischer Rat. Stenographische Berichte uber die Plenarsitzungen. Bonn 1948/ 49. Reproduktion nach der Originalausgabe von 1949. Bonn 1969. PR 36, damalige Vizeprasident Schonfelder in der 3. Sitzung des Parlamentarischen Rates am 9. September 1948.

[6] Kipke, Rudiger (1995), S. 108.

[7] Kipke, Rudiger (1995), S. 109.

[8] Zu erwahnen waren etwa die Zwischenrufe Herbert Wehners, die so unterhaltsam waren, dass sie veroffentlicht wurden in: Unglaublich, Herr Prasident. Ordnungsrufe / Herbert Wehner von Ralf Floehr und Klaus Schmidt, Krefeld 1983.

[9] Wunderlich, Hermann (1898): „Deutsche Redekunst im Jahr 48.“, in: Das litterarische Echo, Halbmonatszeitschrift fur Litteraturfreunde, Erster Jahrgang, Heft 4 vom 15. November 1898, Spalte 207.

[10] Bei der parlamentarischen Debatte handelt es sich eigentlich um ein Scheingesprach, das sich vorrangig an die medienvermittelte Offentlichkeit richtet. Allerdings entsteht im Plenum der Eindruck, dass es sich um einen dynamisch- dialektischen Prozess der Auseinandersetzung von Meinung und Gegenmeinung handelt, mit dem Ziel, den politischen Kontrahenten durch bessere Argumente zu uberzeugen und zu einem Entscheidungskonsens zu kommen. Tatsachlich aber sind die politischen Entscheidungen bereits in den Ausschuss- und Fraktionssitzungen getroffen worden. Die Argumente des politischen Gegners einschlieBlich seiner Formulierungen sind also schon bekannt, was schnell Langeweile aufkommen lasst und zu entsprechenden Zwischenrufen fuhrt.

[11] Kipke, Rudiger (1995), S. 110.

[12] Einteilung nach Burkhardt, Armin (2004), S. 2.

[13] Burkhardt, Armin (2004), S. 36/ 37.

[14] Szafranski, Telesfor (Hrsg.) (1894): Humor im Deutschen Reichstage. Aus den amtlichen stenographischen Berichten uber die Verhandlungen des Deutschen Reichstages von 1871- 1893. - Berlin.

[15] Zeibig, Julius Woldemar (1900): Der letzte Stenograph der Nationalversammlung zu Frankfurt. Lebenserinnerungen eines alten Burschenschafters. Nach Tagebuch- Aufzeichnungen. - Dresden.

[16] Dowerg, Rudolf (1910): „Die Behandlung der Zwischenrufe“, in: Stenographische Praxis 4, S. 36- 39.

[17] Stettner, Karl (1977): „Zwischenrufe im Parlament.“, in: Neue Stenographische Praxis 25, Heft 3, S. 41- 47.

[18] Hitzler, Ronald (1990): „Die Politik des Zwischenrufs. Zu einer kleinen parlamentarischen Form“, in: Zeitschrift fur Parlamentsfragen 21, Heft 4, S. 619- 630.

[19] Dazu Abschnitt 2.

[20] Sternberger, Dolf (1952): „Macht, Recht und Kunst des Zwischenrufs.“, S. 77, in: Sternberger, Dolf: Sprache und Politik, in: Sternberger, Dolf: Schriften XI., Frankfurt am Main und Leipzig 1991.

[21] Kuhn, Peter (1983): Der parlamentarische Zwischenruf als mehrfachadressierte Sprachhandlung., in: Jongen / De Knop/ Nelde/ Quix (Hrsg.): Sprache, Diskurs und Text. Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums Brussel 1982. Band 1. Tubingen (Linguistische Arbeiten 133), S. 239- 251.

[22] Fetzer- Wolf, Inge (1981): Zwischenrufe im Landtag von Baden- Wurttemberg. Staatsexamensarbeit. - Tubingen.

[23] So auch Peter Kuhn, der Zwischenrufe auf die Funktionen „jmdn. bloBstellen/ blamieren“ und „sich herausstellen/ loben“ reduziert.

[24] Neukirchen, Ina (o. J.): Der Zwischenruf in der politischen Debatte. Eine empirische Analyse offentlicher Kommunikation. Magisterarbeit. - Bonn.

[25] Ketolainen, Juha Matti (1990): Erbarmen mit den Stenographen! Zwischenrufe im Deutschen Bundestag. Pro- Gradu- Arbeit. - Universitat Helsinki.

[26] Burkhardt, Armin (2004), S. 77.

[27] Die Kategorien Memoranda und Erotetiker sind Beispiele fur die Erweiterung durch Burkhardt. Dazu siehe Abschnitt 5.5.

[28] Daten und Fakten nach Woyke, Wichard: Bundeswehr/ Wehrbeauftragter, in: Handworterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik der Bundeszentrale fur politische Bildung. http://www.bpb.de/wissen/05373944535067348350579300779732.html. Download im April 2008. und von Plate, Bernhardt: AuBen- und Sicherheitspolitik vor neuen Herausforderungen, in: Informationen zur politischen Bildung (Heft 280) der Bundeszentrale fur politische Bildung. http://www.bpb.de/publikationen/CFXDPX.html. Download im April 2008.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion am Beispiel der Bundestagsdebatten zum Einsatz deutscher Soldaten in Mazedonien, Afghanistan und dem Irak
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Politische Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
37
Katalognummer
V152548
ISBN (eBook)
9783640643479
ISBN (Buch)
9783640643202
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischenrufe, Bundestagsdebatten, Linguistik
Arbeit zitieren
M.A. Kathleen Bärs (Autor), 2008, Parlamentarische Zwischenrufe und ihre Funktion am Beispiel der Bundestagsdebatten zum Einsatz deutscher Soldaten in Mazedonien, Afghanistan und dem Irak, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152548

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