Singapur ist ein Beispiel für ein politisches Gemeinwesen, in dem eine Politik praktiziert wird, bei der sich das Ziel eines möglichst wettbewerbsfähigen Standorts in nahezu allen von der Politik geregelten Bereichen nachweisen lässt. Diese Praxis ist in anderen kapitalistischen Staaten z.T. in gleicher Weise, z.T. nur in Ansätzen, selten aber stärker ausgeprägt als im Singapur von heute.
Der Gedanke der internationalen Wettbewerbsfähigkeit als Ausprägung des allgemeinen Ziels der wirtschaftlichen Verwertbarkeit beeinflusst dabei nicht nur die gemeinhin als Wirtschaftspolitik definierten Bereiche staatlichen Handelns, sondern lässt sich noch in davon inhaltlich scheinbar so weit entfernten Gebieten wie der ethischen Jugendbildung, der Planung eines interkulturellen Zusammenlebens oder der Familienpolitik wiederfinden.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität Singapurs als Wirtschaftsstandort zu untersuchen, die die politischen Akteure in Singapur angewendet haben bzw. anwenden sowie die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf das Leben der Bewohner darzustellen.
Dabei würde eine allumfassende Untersuchung den gegebenen Rahmen sprengen, was eine Auswahl der behandelten Themen nötig macht.
Für die Zeit bis zur Eigenständigkeit Singapurs wird noch ein Ansatz gewählt, bei dem thematisch möglichst viele Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung Singapurs dargestellt werden. Dadurch wird dem Rezipienten ermöglicht, sich ein möglichst komplettes Bild der Vorbedingungen der späteren Entwicklungen zu machen und diese Entwicklungen in einen historischen Kontext zu setzen. Zudem findet eine Ausrichtung auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit nicht erst seit der Unabhängigkeit Singapurs statt, sondern kann seit der Gründung als prägendes Element eigenständig untersucht werden.
Für die Zeit nach der Eigenständigkeit Singapurs stehen zunächst die für die ökonomische Situation Singapurs bedeutendsten (im engeren Sinne) wirtschaftspolitischen Maßnahmen im Zentrum der Untersuchung.
Ein Schwerpunkt der Untersuchung der Zeit nach der Unabhängigkeit soll jedoch auf Bereichen liegen, die nicht klassischerweise als Wirtschaftspolitik angesehen werden: Der Bildungs-, Werte-, Identitäts- und Demographiepolitik. Denn vor allem in diesen Bereichen wird deutlich, wie weit die singapurer Regierung in alle Bereiche des Lebens eingreift, um die Attraktivität des Stadtstaats als Wirtschaftsstandort zu erhöhen.
Inhaltsverzeichnis
Teil I: Einführung
1 Einleitung
2 Exkurs: Singapur heute
3 Zentrale Konzepte
3.1 Disziplinierung
3.2 Demographiekontrolle
4 Geografische Lage und Topographie
Teil II: Singapur bis zur Eigenständigkeit 1819 bis 1965
1 Die Gründungsphase
1.1 Der Handel mit Opium
1.2 Die Pfeffer- und Gambirproduktion
1.3 Piraterie
1.4 Arbeitskräfte
1.4.1 Geheimgesellschaften als Ordnungs- und Disziplinierungsfaktoren
1.4.2 Opium als Mittel zur Arbeitskräftemobilisierung
2 Entwicklung zum Stapelwarenhafen
2.1 Im- und Exportstruktur und Eckdaten
2.2 Demographie
2.2.1 Bevölkerungswachstum
2.2.2 Entstehen einer kulturell heterogenen Gesellschaft
2.3 Herausbildung einer dualen Wirtschaftsstruktur
3 Globale Depression und Zweiter Weltkrieg
4 Zwischenfazit für die Zeit von der Gründung bis 1945
5 Die Übergangsjahre bis zur Eigenständigkeit
5.1 Änderungen des völkerrechtlichen Status
5.2 Wandel in der politischen Akteursstruktur
5.3 Konflikte
Teil III: Wirtschaftliche Entwicklung und Wirtschaftspolitik seit der Eigenständigkeit
1 Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung
2 Die Entwicklung nach Sektoren
2.1 Handelssektor
2.2 Industrieller Sektor
2.3 Dienstleistungssektor
2.3.1 Transport- und Tourismusdienstleistungen
2.3.2 Finanzdienstleistungen
2.4 Landwirtschaftlicher Sektor
3 Unternehmensstruktur
3.1 Staatseigene Unternehmen
3.2 Multinationale Unternehmen
4 Wirtschaftspolitische Werkzeuge
4.1 Planung und Planungsinstrumente
4.2 Lohnpolitik
4.3 Bildung von Ersparnissen
4.4 Investitionen im Ausland
4.5 Währungspolitik
4.6 Bruttoanlageinvestitionen
4.7 Inflationsregulierung
5 Zwischenfazit zur wirtschaftlichen Entwicklung und zur Wirtschaftspolitik nach der Eigenständigkeit
Teil IV: Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität Singapurs als Wirtschaftsstandort in der Bildungs-, Werte-, Identitäts- und Demographiepolitik seit der Eigenständigkeit
1 Bildungspolitik
2 Wertepolitik
2.1 Erstellung von Wertekanons
2.2 Wertevermittlung in Ausbildungsinstitutionen
2.3 Wertevermittlung durch die meritokratische Strukturierung des Bildungssystems
3 Identitätspolitik
3.1 Formung einer nationalen Identität
3.2 Auflösung der Identifikation mit den Herkunftsethnien
4 Demographiepolitik
4.1 Beeinflussung der Zahl der Geburten
4.1.1 Das „Stop at Two“-Programm
4.1.2 Das Graduate-Mother Programm
4.1.3 Staatlich organisiertes Dating
4.2 Migrationskontrolle
4.2.1 Zuwanderung
4.2.1.1 Arbeitsmigranten ohne Ausbildungsanforderungen
4.2.1.2 Arbeitsmigranten mit Qualifizierungsanforderungen
4.2.2 Verminderung der Abwanderung ausgebildeter Singapurer
5 Zwischenfazit zu den Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität Singapurs als Wirtschaftsstandort in der Bildungs-, Werte-, Identitäts- und Demographiepolitik
Teil V: Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Maßnahmen, die politische Akteure in Singapur seit der Gründung des Stadtstaates bis zur Gegenwart ergriffen haben, um die wirtschaftliche Attraktivität des Standorts zu steigern und gleichzeitig die Bevölkerung als Ressource zu mobilisieren und zu disziplinieren.
- Historische Entwicklung Singapurs als Wirtschaftsstandort (1819 bis 1965).
- Die Rolle der Regierung und der PAP bei der Transformation der Wirtschaftsstruktur seit der Eigenständigkeit.
- Einfluss staatlicher Politiken in den Bereichen Bildung, Werte, Identität und Demographie auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Bevölkerung.
- Bedeutung der Migrationskontrolle und der gezielten Steuerung von Arbeitskräften für das Wirtschaftswachstum.
Auszug aus dem Buch
1.1 Der Handel mit Opium
Der Opiumhandel der British East India Company spielte eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung Singapurs im ersten Jahrhundert nach dessen Gründung. Auch wenn Singapur für den Opiumhandel nicht viel mehr als eine Randerscheinung war, so war andersherum der Opiumhandel für Singapur prägend.
In den Anfangsjahren der Existenz Singapurs als Handelsstützpunkt machte Opium einen bedeutenden Teil des Handelsvolumens aus, so dass dessen rasanter Anstieg zu einem großen Teil auf den Opiumhandel zurückzuführen war. Im Bilanzjahr 1823/24 verschifften die Briten insgesamt Opium im Wert von mehr als 8,5 Millionen Dollar von Indien nach Osten, von dem ungefähr ein Viertel in Singapur zwischengelandet wurde oder Singapur zum Ziel hatte.
Im weiteren Verlauf der Geschichte Singapurs blieb Opium ein prägendes Element, der Handel wuchs in ähnlichem Tempo wie die Gesamtwirtschaft. Allerdings erfüllten sich die hohen Erwartungen hinsichtlich der Bedeutung Singapurs für den Opiumhandel mit China nicht, vielmehr konzentrierte sich der über Singapur abgewickelte Handel vor allem auf Südostasien.
Singapur fungierte nicht nur als Zwischenhandelsstation für Opium, sondern diente den Händlern zugleich als einer der wichtigsten Absatzmärkte für Verkäufe an die Endverbraucher. Unter den vielen Kulis, den ungelernten Arbeitern, aber auch in anderen Schichten der chinesischstämmigen Singapurer war Opiumkonsum weit verbreitet. Es wird geschätzt, dass 60-70 Prozent der Arbeiter regelmäßig Opium konsumierten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die politökonomische Lebenswirklichkeit Singapurs anhand des Slogans "A Great Workforce A Great Workplace" und skizziert das Ziel, die Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität Singapurs als Wirtschaftsstandort zu untersuchen.
3.1 Disziplinierung: Dieses Kapitel klärt den Begriff der Disziplinierung anhand der soziologischen Ansätze von Max Weber und Michel Foucault, um diese später auf die in Singapur praktizierten Politiken anzuwenden.
1.4.1 Geheimgesellschaften als Ordnungs- und Disziplinierungsfaktoren: Es wird analysiert, wie die sogenannten "Kongsis" als Organisationsstrukturen für die chinesische Migration fungierten und eine Rolle als Disziplinierungsfaktoren bei der Arbeitskräftemobilisierung spielten.
2 Entwicklung zum Stapelwarenhafen: Dieses Kapitel beschreibt den wirtschaftlichen Boom Singapurs durch die Eröffnung des Suez-Kanals und die steigende Nachfrage nach Stapelwaren wie Zinn, Kautschuk und Erdöl.
3 Unternehmensstruktur: Eine Analyse der singapurer Wirtschaftsstruktur, in der staatseigene Unternehmen und multinationale Konzerne eine zentrale Rolle einnehmen.
4.2 Lohnpolitik: Untersuchung der staatlichen Eingriffe in die Lohnbildung, insbesondere durch den National Wages Council, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu erhalten.
Schlüsselwörter
Singapur, Wirtschaftswachstum, Arbeitskräfte, Disziplinierung, Demographiekontrolle, PAP-Regierung, Opiumhandel, Stapelwarenhafen, Migrationskontrolle, Bildungsstrategie, Nationale Identität, Meritokratie, Wirtschaftsstandort, Multinationale Unternehmen, Arbeitsmarkt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Maßnahmen der politischen Akteure in Singapur, um das Land als Wirtschaftsstandort attraktiv zu gestalten, und analysiert deren Auswirkungen auf die Bewohner sowie die Mobilisierung der Ressource Arbeitskraft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die historische wirtschaftliche Entwicklung, die Rolle der Regierung bei der Unternehmensstruktur, die Steuerung der Arbeitskräfte durch Bildungs-, Werte- und Demographiepolitik sowie die Auswirkungen der Migrationskontrolle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die spezifischen wirtschaftspolitischen Strategien Singapurs zu untersuchen und darzustellen, wie tiefgreifend diese Maßnahmen in das Leben der Bevölkerung eingreifen, um die wirtschaftliche Verwertbarkeit zu maximieren.
Welche wissenschaftlichen Ansätze oder Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt soziologische Konzepte zur Disziplinierung von Max Weber und Michel Foucault, um die staatliche Lenkung der Bevölkerung und deren Einbindung in ökonomische Verwertungsprozesse zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung bis zur Eigenständigkeit (1819-1965), die wirtschaftliche Entwicklung seit 1965 (inklusive Sektorenanalysen und Unternehmensstrukturen) sowie detaillierte Maßnahmen in Bildungs-, Werte-, Identitäts- und Demographiepolitik.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "wirtschaftliche Verwertbarkeit", "Disziplinierung", "Stapelwarenhafen", "nationale Identität" und "meritokratische Strukturierung".
Inwieweit spielt der Opiumhandel eine Rolle in der frühen Entwicklung Singapurs?
Der Opiumhandel war für die frühen Jahre Singapurs prägend, nicht nur als bedeutendes Handelsgut, sondern auch als Mittel zur Arbeitskräftemobilisierung und als Haupteinnahmequelle für die koloniale Verwaltung.
Warum wird das Konzept der "dualen Wirtschaftsstruktur" thematisiert?
Die duale Wirtschaftsstruktur bezeichnet die Trennung in einen global aktiven Handelssektor und einen lokalen Niedriglohnsektor, was es Singapur ermöglichte, gegenüber anderen Hafenstandorten wettbewerbsfähig zu bleiben und gleichzeitig hohe Renditen für Investoren zu erwirtschaften.
Wie beeinflusst die Wohnungsbaupolitik die nationale Identität?
Durch die Umsiedlung der Bevölkerung aus ethnisch getrennten Vierteln in staatliche "New Towns" und die gezielte Durchmischung der Ethnien in den Wohnblöcken sollte die Identifikation mit der eigenen Ethnie zugunsten einer gemeinsamen nationalen Identität aufgebrochen werden.
Was ist der Zweck des "Graduate-Mother"-Programms gewesen?
Dieses Programm zielte darauf ab, die Geburtenrate bei höher qualifizierten Frauen durch finanzielle Anreize zu erhöhen, da die Regierung einen Rückgang der Geburten in diesen Schichten als Bedrohung für den wirtschaftlichen Fortschritt ansah.
- Quote paper
- Christoph Schemel (Author), 2008, Maßnahmen zur Förderung des Wirtschaftswachstums in Singapur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152563