Das klientenzentrierte Beratungskonzept und daraus resultierende Implikationen für das Erziehungswesen


Studienarbeit, 2003

28 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rogers´ Persönlichkeitsmodell

3. Kritik an Rogers´ Persönlichkeitsmodell

4. Der Beratungsprozess
4.1. Direktive/Nicht-direktive Beratung
4.2. Begründung einer therapeutischen Beziehung
4.2.1. Das Verhalten des Beraters und seine Folgen
4.3. Focusing/Experiencing
4.4. Einsicht
4.5. Katharsis
4.6. Ende der Beratung

5. Implikationen für das Erziehungswesen
5.1. Zum Verhältnis von Therapie und Erziehung – Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Ziele

6. Lernen nach Rogers
6.1. Der Begriff des Lernens nach Rogers
6.2. Das Verhalten des Pädagogen
6.3. Grenzen des Konzeptes – Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Ansatz dieser Beratung legt eine Technik zugrunde, die das Individuum lehren kann, den geistigen und emotionellen Habitus anzunehmen, der es befähigt, die eigenen Probleme selbst zu lösen. Das eigentliche Ziel des Beraters ist die Entwicklung einer neuen Einstellung bei dem Individuum, das er berät. Diese Einstellung sollte dem Klienten selbst wachsende Einsicht in seine Probleme geben und ihm helfen, eine zunehmende Integration seiner eigenen Persönlichkeit zu erreichen. Dann wird er in späteren Perioden seines Lebens imstande sein, neu auftauchende Probleme zu lösen.

Rogers formulierte 1942 die folgende grundlegende Hypothese:

„Wirksame Beratung besteht aus einer eindeutig strukturierten, gewährenden Beziehung, die es dem Klienten ermöglicht, zu einem Verständnis seiner selbst in einem Ausmaß zu gelangen, das ihn befähigt, aufgrund dieser neuen Orientierung positive Schritte zu unternehmen.“ (Carl R. Rogers: Die nicht-direktive Beratung, Fischer Taschenbuchverlag 2001, S. 85.)

„Therapie heißt, der Person helfen, zur Einsicht über sich selbst zu gelangen, sich den menschlichen Beziehungen mit ihren positiven und negativen Aspekten auf vernünftige Weise anzupassen.“ (Carl R. Rogers: Die nicht-direktive Beratung, Fischer Taschenbuchverlag 2001, S. 100.) Einsicht bedeutet hier die Selbstwahrnehmung neuer Sinnzusammenhänge eigener Erfahrungen des Individuums, wodurch die Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung neue Bedeutung gewinnen. Auf diese Weise werden oft Verhaltenssymptome beseitigt, die den Klienten bislang verwirrt, beängstigt oder deprimiert haben.

Es sei darauf verwiesen, dass in der klientenzentrierten Therapie nicht versucht wird, die Probleme des Klienten durch Reedukation zu lösen. Befriedigendes Leben besteht nicht aus einem Leben ohne Probleme, sondern aus Leben mit abgestimmtem Ziel und grundlegendem Selbstvertrauen, das in der fortwährenden Auseinandersetzung mit den Problemen Befriedigung gewährt.

Das Konzept legt ein von Natur aus positives Menschenbild zugrunde – von Grund auf sozial, vorwärts gerichtet, rational und realistisch, wobei die Motivation zum Lernen und Verändern der Selbstaktualisierungstendenz des Lebens selbst entspringt.

Die Ziele der klientenzentrierten Psychotherapie wie z.B. ein verstärktes Akzeptieren der eigenen Person, eine verstärkte Selbständigkeit und Unabhängigkeit, mehr Durchsetzungsfähigkeit und mehr Selbstvertrauen lassen sich auch als übergreifende Ziele der klientenzentrierten Gesprächsführung formulieren.

Rogers´ Persönlichkeitsmodell

Rogers´ Theorie stellt weniger eine Theorie der Persönlichkeit, als vielmehr eine Theorie der Therapie bzw. des „therapeutischen Wandlungsprozesses“ dar. Er will dabei nicht so sehr erklären, warum es bei einem bestimmten Therapeutenverhalten zu einer Änderung des Klienten kommt, er versucht vielmehr diesen therapeutischen Vorgang zu beschreiben.

Bei Rogers ist der Mensch von Natur aus gut, ausgestattet mit einer angeborenen Tendenz, sich konstruktiv in Richtung auf Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit hin zu entwickeln (sog. Aktualisierungstendenz). Während ein Kleinkind noch alle Erfahrungen danach bewertet, ob sie positiv oder negativ auf diese angebotene Aktualisierungstendenz wirken, so werden später die Werte anderer (Eltern etc.) introjiziert, was dann zu einem Konflikt zwischen diesen gelernten Wertvorstellungen und den angeborenen führt. Ein jeder Mensch hat das Bedürfnis nach positiver Wertschätzung, was diesen Konflikt erst ermöglichen kann, denn es lässt ein Selbstkonzept entsehen, das sich eben nicht an dem organismischen Wertsystem orientiert, sondern an den Werten anderer. Da diese Wertvorstellungen zu einem Teil seines Selbstkonzepts werden, haben die daraus entstehenden Konstrukte rigiden und statischen Charakter. Das Individuum neigt dazu, seinen eigenen Erfahrungsprozess zu ignorieren, sobald es mit diesen Konstrukten in Konflikt gerät. Es versucht, das Selbst zu sein, das andere von ihm erwarten.

Solange Selbstkonzept und die organismischen Erfahrungen in Einklang sind, solange ist der Mensch ohne Konflikt, er ist kongruent. Entsteht eine Diskrepanz zwischen dem rigiden Selbstkonzept, das sich aus den Werten anderer entwickelte und der Aktualisierungstendenz, wird der Mensch innerlich gespalten.

Das Selbstkonzept, das eine Person von sich hat, strukturiert deren Wahrnehmung beeinflusst damit das jeweilige Verhalten.

Angst und Spannung entstehen nach Rogers dann, wenn Erfahrungen, die nicht in das individuelle (mitunter rigide) Selbstkonzept passen, in das Bewusstsein zu treten drohen, d.h. wenn die Gefahr besteht, dass die Diskrepanz zwischen Selbstkonzept und organismischer Erfahrung falsch, d.h. verzerrt aufnimmt. Kennzeichnend für ein neurotisches rigides Selbstkonzept ist, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen dem besteht, wie der Klient sich selbst sieht und dem wie er gerne sein möchte.

Vor allem Menschen mit einem negativen Selbstkonzept und geringer Selbstachtung versuchen, ihre verletzbare Selbststruktur rigide zu verteidigen und zu schützen. Jede Erfahrung, die ihr Selbstkonzept gefährdet und noch mehr in Frage stellt, wird als bedrohlich wahrgenommen. Um die bestehende Selbststruktur zu schützen, werden diese Erfahrungen abgewehrt. Zwei wesentliche Abwehrmechanismen sind hierbei die Verleugnung und Verzerrung. Bei der Verleugnung wird die Existenz einer Erfahrung völlig verneint. Bei der Verzerrung tritt die Erfahrung zwar ins Bewusstsein, ihre Bedeutung ist aber so verändert und entstellt worden, dass sie wieder mit dem aktuellen Selbstkonzept in übereinstimmt.

Beide Abwehrreaktionen bewahren den Menschen davor, dass ihr beschädigtes Selbstkonzept weiter verletzt wird und ihre Selbstachtung noch mehr verloren geht. So lässt sich für kurze Zeit ein gewisser Grad an Übereinstimmung zwischen dem Selbstkonzept und den aktuellen Erfahrungen herstellen, eine Auseinandersetzung mit der Realität und die daraus resultierende Veränderung des Selbstkonzepts findet aber nicht statt. Wenn die aktuellen Erfahrungen einer Person ganz offensichtlich von ihrem Selbstkonzept abweichen, dann wird eine Abwehrreaktion immer schwieriger.

Nach Rogers ist die Selbstaktualisierung das grundlegende Motiv für das Tätigwerden des Menschen, um Autonomie und Selbstständigkeit zu erlangen. Das Kleinkind lernt beispielsweise unter großen Anstrengungen den aufrechten Gang, obwohl es für es leichter ist zu krabbeln. Dadurch wird es von seiner Umwelt unabhängiger und erlangt somit einen kleinen Teil Autonomie.

Rogers meint weiterhin, dass der Mensch die Erfahrungen, die er macht, in Beziehung zu dem grundlegenden Streben nach Selbsterhaltung und Selbstaktualisierung setzt. Das heißt, das Erfahrungen, die die Selbstaktualisierung ermöglichen als positiv bewertet und deshalb weiterhin angestrebt werden, wohingegen Erfahrungen, die diese verhindern oder gar bedrohen negativ bewertet und vermieden werden (organismischer Bewertungsprozess).

Rogers sieht den Menschen als bewusst handelndes Wesen, das von seinen Erfahrungen geleitet wird. All die individuellen Erfahrungen, die ein Mensch in seinem bisherigen Leben gemacht hat, verdichten sich zu einem für jede Person charakteristischen Wahrnehmungsfeld, seiner einzigartigen Realität. Entsprechend dieser Wahrnehmungen werden andere Personen, Dinge oder Ereignisse von einzelnen Personen unterschiedlich bewertet.

Ein Teil dieses Wahrnehmungsfeldes entwickelt sich nach und nach zum Selbst oder Selbstkonzept der Person. Das Selbstkonzept ist also eine durch Erfahrungen gebildete und sich verändernde Struktur von Wahrnehmungen, Empfindungen und Werthaltungen, die diese Person bezogen auf sich selbst hat. Hat eine Person mehrfach die Erfahrung gemacht, dass ihr der Umgang mit fremden Menschen leicht fällt, dann wird sie sich als kontaktfreudig und aufgeschlossen betrachten. Sie wird gerne auf andere Menschen zugehen und gemeinsame Unternehmungen planen.

Das Selbstkonzept wirkt nach dem Prinzip der ,,self fulfilling prophecy". Das soll heißen, dass ein positives Selbstkonzept oft auch zu positiven Erfahrungen führt und sich somit selbst bestätigt. Misserfolge bei einem negativen Selbstkonzept bestätigen dieses genauso. Das Bewusstsein über sich selbst, über individuelle Fähigkeiten und Eigenschaften, Stärken und Schwächen erwirbt der Mensch schon in seiner Kindheit durch Beziehungsbotschaften von Eltern, Lehrern und Erziehern. Schon bevor ein Kind die Sprache versteht, erfährt es durch die Art, wie die Eltern mit ihm umgehen, Botschaften wie z.B., ob es erwünscht oder unerwünscht ist. Diese Beziehungsbotschaften prägen das Selbstkonzept des Kindes grundlegend. Später werden diese Botschaften durch konkrete Aussagen verdichtet. Die Entwicklung der Persönlichkeit wird also durch bedingungslose Wertschätzung und Annahme der Person gefördert. Diese Person vertraut auf ihre Gefühle und lässt ihr Handeln auch davon leiten. Sie strebt nach Selbstaktualisierung und Selbstverwirklichung. Werden Wertschätzung und die Annahme einer Person allerdings von einer Bedingung abhängig gemacht, so wird die Entwicklung der Persönlichkeit gehemmt. Diese Person hat wenig bzw. kein Vertrauen in das eigene Erleben und orientiert ihr Verhalten an den Bewertungsbedingungen. Sie sucht ständig die Bestätigung und Anerkennung durch andere. Jeder Mensch wird immer wieder mit neuen Selbsterfahrungen konfrontiert, die bisweilen sehr stark vom bestehenden Selbstkonzept abweichen können. Rogers meinte dazu, dass der Mensch immer versucht, diese Diskrepanz möglichst klein zu halten. Dabei sei die Qualität des Selbstkonzepts (positiv oder negativ) dafür verantwortlich, wie mit diesen Selbsterfahrungen umgegangen wird: ob sie angenommen oder ignoriert werden. Eine Person ist dann kongruent, wenn ihr aktuelles Verhalten und Erleben mit dem bestehenden Selbstkonzept weitgehend übereinstimmen. Ist dies nicht der Fall, so spricht man von Inkongruenz.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das klientenzentrierte Beratungskonzept und daraus resultierende Implikationen für das Erziehungswesen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (FB Psychologie)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V15259
ISBN (eBook)
9783638204262
ISBN (Buch)
9783638746953
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftliche Abschlussarbeit zum Lehrgang "Psychologische/r Berater/in" ALH
Schlagworte
Beratungskonzept, Implikationen, Erziehungswesen
Arbeit zitieren
Daniela Kapp (Autor), 2003, Das klientenzentrierte Beratungskonzept und daraus resultierende Implikationen für das Erziehungswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15259

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