Ausgebrannt und abgestempelt?!

Straßenkinder in Deutschland - Leben im öffentlichen Raum


Hausarbeit, 2009

21 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Definitionsversuche zum Terminus „Straßenkind“

3 Mögliche Ursachen von „Straßenkarrieren“ bei Kindern

4 Lebenswelt von Straßenkindern
4.1 Drogenkonsum und gesundheitliche Belastungen
4.2 Delinquenz & Gewalt
4.3 Geschlechterverhältnis und spezifische Lebensbewältigungsstrategien

5 Rechtliche Rahmenbedingungen

6 Sozialpädagogisches Unterstützungsmanagement
6.1 Lebenswelt- und Zielgruppenorientiertheit
6.2 Ressourcenorientiertheit
6.3 Empowerment - Modell
6.4 Das Schwellenstufensystem

7 Kritik am Jugendhilfesystem

8 Zusammenfassung und Ausblick

9 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Obwohl das Phänomen „Straßenkinder in Deutschland“ dem großen Forschungsfeld der Kinderarmut zugeordnet wird, ist in der Fachliteratur nur selten eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung zu finden, die die sogenannten „Straßenkinder“ in Deutschland auch als einen Teilbereich der Kinderarmut diskutiert. Innerhalb der Kinderarmutsforschung werden „Straßenkinder“ vor allem unter der Rubrik „Lebensräume“ relativ isoliert behandelt (vgl. u. a. Deutsches Kinderhilfswerk 2007, 45ff). Umgekehrt, bin ich bei meiner Literaturrecherche speziell über „Straßenkinder“ in Deutschland auf gar keinen fachlichen Artikel gestoßen, der „Straßenkinder“ aus dem Blickwinkel der „Kinderarmut“ betrachtet. Sind diese Kinder bzw. Jugendlichen nicht auch mehr oder weniger der „relativen“ bzw. „absoluten“ Armut unterlegen? Wohl kaum jemand zweifelt daran. Naheliegend scheint hier jedoch der Gedanke, dass „Straßenkinder“ möglicherweise ein Phänomen darstellen, welches den Rahmen der Kinderarmutsforschung zu sprengen droht. Anhand einer Definition von Kinderarmut möchte ich dieses Problem noch einmal verdeutlichen. Giering (2007) stellt ein Instrument auf, aus dem „Armut bei Kindern zu erkennen und Wirkungen zu beschreiben“ seien. Hierzu konstatiert er:

„Ausgangspunkt ist die Einkommensarmut. Das Kind lebt in einer einkommensarmen Familie. Es zeigen sich kindspezifische Erscheinungsformen von Armut in Gestalt von materieller, kultureller, gesundheitlicher und sozialer Unterversorgung. Die Entwicklungsbedingungen des Kindes sind beeinträchtigt, wobei dies ein Aufwachsen mit Benachteiligung oder in multipler Diprivation umfassen kann. Die Zukunftsperspektiven des Kindes sind eingeschränkt.“ (vgl. Giering 2007, 75)

Gewiss erfüllen auch „Straßenkinder“ verschiedene Aspekte dieses Instrumentes. Allerdings geht Giering bei seiner Feststellung über das Vorhandensein von Kinderarmut in erster Linie vom Vorhandensein der Familie eines Kindes und deren (zu niedrigen) Einkommenssituation aus. Kinder, die aber allein und auf sich gestellt leben - ohne (regelmäßige) Beteiligung an irgend einem Familieneinkommen, bleiben demnach von Gierings instrumentellen Feststellung über Kinderarmut weitestgehend unberücksichtigt. Sollen jedoch Kinder bzw. Jugendliche, die nicht oder nur zum Teil bei ihrer Familie leben im Bereich der Kinderarmut erfasst werden, ist die Situation von Kindern und Jugendlichen insgesamt wesentlich differenzierter zu betrachten. Einen wirklich kindgerechten Armutsbegriff, wie ihn Lutz (2005, 163) zu bedenken gibt, welcher möglichst alle Facetten von Armut bei Kindern und Jugendlichen aufgreifen sollte - konnte ich bislang nicht ausmachen. Dennoch möchte ich mich in der vorliegenden Arbeit mit dem Thema „Straßenkinder“ auseinandersetzen, indem ich im ersten Teil der Arbeit (Punkt 2. bis 5.) parallel zur Situation von „Straßenkindern“, einige Aspekte der Kinderarmut näher beleuchte und auf entsprechende Zusammenhänge der beiden Phänomene verweisen will. Anhand dieser Grundlage werde ich im Anschluss der Frage nachgehen: Wie gestalten sich sozialpädagogische Unterstützungsangebote für Kinder mit dem Lebensmittelpunkt Straße? Hierbei will ich auf verschiedene sozialpädagogische Arbeitsformen, Grundhaltungen und Methoden eingehen, die in der Arbeit mit „Straßenkindern“ meist variabel oder ergänzend zum Einsatz kommen. Den Möglichkeiten und Grenzen der Sozialpädagogik / Sozialarbeit soll in diesem Teil (Punkt 6. und 7.) mein besonderes Interesse gelten. Übergeordnetes Ziel der vorliegenden Hausarbeit soll es daher sein, Lücken bzw. Verbindung zwischen dem Phänomen „Straßenkind“ und Kinderarmut aufzuzeigen, die sich inbesondere im Jugendhilfesystem der Bundesrepublik und speziell in der Straßensozialarbeit hierzu widerspiegeln.

2 Definitionsversuche zum Terminus „Straßenkind“

Zu Beginn der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde in der Sozialforschung der Begriff der „Neuen Armut“ hierzulande aufgenommen (vgl. u. a. Pfaff 1995, 41). Diese „Neue Armut“, die nun nicht mehr als eine Folge des 2. Weltkrieges zu erklären und ebenfalls nicht nur alte Menschen oder Mütter betraf, schien sich zunächst auf eine bestimmte Gruppen erwachsener Männer und Frauen auszuweiten. Erst seit Ende der 1990er Jahre sprachen Sozialforscher von einer zunehmenden „Infantilisierung“ der Armut (vgl. Zander 2005, 7). Seit dieser Zeit erschienen hierzulande eine Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Vor allem aber auch bei den populärwissenschaftlichen Medien entstand ein enormes Interesse an diesem Thema. Kinderarmut als solche erhielt alsbald eine sehr schnelle und hohe öffentliche Aufmerksamkeit, da vor allem Massenmedien zunehmend und eindrücklich über Kinder berichteten, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlegten. So lag es nah, diese Kinder zu vergleichen mit Kindern aus Entwicklungsländern, welche mit dem Ruf behaftet waren, ihr Leben im wesentlichen allein bzw. in Peergroups durch Kinderarbeit, Illegalität und Straßendasein fristen zu müssen (Romahn 2000, 9). „Straßenkind“ war also nun eine durchaus übliche Bezeichnung - auch für bestimmte marginalisierte Kinder und Jugendliche in Deutschland (vgl. ebd., 9). Indirekt, so Romahn weiter, übermitteln Medien auf ihre Weise häufig „die Botschaft des gesellschaftlichen Versagens, besonders der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Jugendhilfe“, sie wecken zum einen Mitleid in der Bevölkerung durch die Hervorkehrungen kindlicher Hilflosigkeit, nützen aber gleichermaßen die Kriminalitätsfurcht der Gesellschaft aus, indem sie delinquente Verhaltensweisen und deren Folgen massiv zur Schau stellen. (ebd., 16f). Wissenschaftliche Untersuchungen hierzu belegen jedoch, daß sog. „Straßenkinder“ in der Bundesrepublik anders leben und auch andere Voraussetzungen haben als z. B. „Straßenkinder“ in Entwicklungsländern. Und auch das Leben der sog. „Straßenkinder“ in Entwicklungsländern gestaltet sich nicht so vorgefasst und einseitig, wie die Boulevardpresse oftmals berichtet (vgl. hierzu u. a. Napolitano 2005, 19 und Gurtner 2007, 74).

Dennoch, eine Vermischung zwischen Wissenschaft und medialer Massendarstellung hat insofer stattgefunden, als das einerseits der Begriff „Straßenkind“ in der Forschung zwar kritisiert, aber trotzdem verwendet wird. Andererseits wiederum berichten Medien seit einigen Jahren wesentlich differenzierter über das Phänomen „Straßenkind“. Einer der größten Unterschiede zu den sog. „Straßenkindern“ in Entwicklungsländern ist darin zu sehen, dass in Deutschland von Kindern und Jugendlichen eine „Hinwendung zur Straße als Lebensmittelpunkt“ in recht unterschiedlichem Maße praktiziert wird (Romahn 2000, 9). Darum ist es auch problematisch zu erfassen und zu definieren, ob jemand bzw. wer in der Bundesrepublik überhaupt als Straßenkind bezeichnet werden sollte. Zumal die meisten unter ihnen keine Kinder mehr sind, sondern Jugendliche bzw. junge Erwachsene im Alter von 14 bis zirca 26 Jahren (vgl. ebd., 25).

Das Deutsche Jugendinstitut bevorzugt aufgrund der o. g. Unklarheiten des Terminus „Straßenkind“, die Bezeichnung „ Straßenkarrieren von Kindern und Jugendlichen“ (vgl. hierzu Jogschies / Permien / Zink 1995, 139). Anhand bestimmter Merkmal untergliedert das DJI diese Kinder und Jugendlichen weiter in drei Kategorien:

1. „weitgehende Abkehr von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen [...]“,
2. „Hinwendung zur Straße, die zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz und zum Lebensmittelpunkt wird“ und
3. „faktische Obdachlosigkeit“.

(Vgl. ebd. 1995, 138). Diese Unterteilung sieht m. E. eine große Spannbreite individueller Lebenslagen inbegriffen. Den Begriff „Straßenkarriere“ halte hingegen nicht für angemessen, da er, wenn auch ungewollt, einen gewissen Zynismus anmuten läßt. Auch das Institut für Soziale Arbeit hat zu den Definitionsproblemen Stellung bezogen und lehnt den Begriff „Straßenkind“ gänzlich ab. Anstelle dessen wird vom IfSA die Bezeichnung „ Kinder und Jugendliche in besonderen Problemlagen“ verwendet, mit ebenfalls einer Kategorisierung der Betroffenen in:

1. Die Ausgegrenzten
2. Die Auffälligen
3. Die Gefährdeten (Vgl. Institut für Soziale Arbeit 1996, 26).

Auch hier wird eine hohe Vielfalt individueller Lebenslagen einbezogen. Die Zuschreibungen „ausgegrenzt“, „auffällig“ oder „gefährdet“ sind allerdings (unter genauer Betrachtung), mit einem stigmatisierenden Charakter behaftet, obwohl dies ganz sicher nicht Ziel des IfSA war.

Eine einheitliche Definition des Begriffs „Straßenkind“ gibt es in Expertenkreisen demnach nicht. Aus Mangel an synonymen Bezeichnungen des Begriffs, die nicht stigmatisierend oder anders benachteiligend erscheinen, werde auch ich in meiner weiteren Abhandlung des Themas u. a. den Begriff „Straßenkind“ weiter verwenden, versuche ihn aber nach Möglichkeit durch treffendere Bezeichnungen zu ersetzen.

3 Mögliche Ursachen von „Straßenkarrieren“ bei Kindern

Den Ursachen von „Straßenkarrieren“ haben sich in der Vergangenheit viele Wissenschaften zugewandt, unter ihnen Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Anthropologen, oder auch Kriminologen etc. Somit entstand eine recht große und zum Teil widersprüchliche Bandbreite von Erklärungsansätzen, welche sich den Wurzeln dieses Phänomens in seiner Gesamtheit ein Stück weit nähern konnten. Gleichzeitig ist aber festzustellen, dass das Zusammentreffen bestimmter Faktoren bestenfalls Aufschluss über individuelle Problemkonstellationen liefern kann. Es gibt keine einheitliche wissenschaftliche Erklärung für die Existenz von Straßenkindern in Deutschland (Vgl. Napolitano 2005, 28-42). Das bedeutet ebenso - Strassenkarrieren bei Kindern und Jugendlichen entstehen nicht zwingendermaßen aus dem Vorhandensein von individueller Kinderarmut. Auch sogenannte psychologische oder physiologische „Störungen“ oder sozialschwache Familienverhältnisse usw. münden nicht automatisch in ein Leben auf der Straße. Wären die Ursachen eindeutig, könnten wir wahrscheinlich auch auf eine eindeutige Definition des Begriffs „Straßenkind“ zurückgreifen und, im Rahmen der Beseitigung von Kinderarmut, adäquate und einvernehmliche Lösungen anbieten. Die Ursachen sind genauso vielschichtig, wie das Phänomen „Straßenkind“ selbst.

Möglicherweise ist es nicht immer hilfreich, nach dezidierten Auslösern in der Vergangenheit zu suchen. Vielleicht bietet ein Einblick in die aktuellen Lebensumstände junger Menschen mehr Aufschluss über die Situation und das Bewältigungsverhalten jedes Einzelnen. Sandro Napolitano (2005) verweist in diesem Zusammenhang auf die Tatsache, dass Kinder unserer modernen Gesellschaft „einem immer schneller fortschreitenden Strukturwandel ausgesetzt“ sind (Napolitano 2005, 45). Gemeint sind beispielsweise „Globalisierungstendenzen“ sowie unsere allgemein „technisierte und computerisierte Lebenswelt“ (ebd., 45). Darum kann „ die Auseinandersetzung mit Individualisierungstendenzen, einhergehend mit sich pluralisierenden Lebensentwürfen“ für junge Menschen sowohl eine große Chance im Bereich der Selbstverwirklichung, als auch ein hohes Risiko darstellen (Napolitano zitiert Thiersch 2005, 45). Um Anforderungen bewältigen zu können, denen junge Menschen der Postmoderne alltäglich begegnen, scheint, so Napolitano (2005, 45) weiter, die Teilnahme am gesellschaftlichen Wohlstand unabdingbar. Wer mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten kann, weil er hierfür bestimmte Voraussetzungen nicht erbringt, hat manchmal offensichtlich gar keine andere Wahl, als aus dem gesellschaftlichen Leben als >>aktiver Teilnehmer<< auszusteigen oder davor regelrecht zu entfliehen und sich Alternativen zu suchen. Die fehlende Teilnahme am gesellschaftlichen Wohlstand resultiert aber meiner Ansicht nach nicht zwingendermaßen aus dem Vorhandensein einer bestimmten Form von Kinderarmut.

Das DJI unterteilt die Hauptfaktoren für die Ursachen einer Straßenkarriere in zwei Kategorien, in sogenannte „Push-Faktoren“ und in „Pull-Faktoren“ (vgl. hierzu Permien / Zink 1998, 71). Die „Push-Faktoren“ verdeutlichen die „Ausstoßungsprozesse in den Sozialisationsmillieus“, wie z. B. Gewalt, Drogenprobleme oder Mißbrauchserfahrungen innerhalb der Familie, beengte Wohnverhältnisse, geringe materielle Ressourcen, allgemeine Perspektivlosigkeit, diverse Trennungs- und Verlusterfahrungen, Heimunterbringungen, Schulprobleme usw. (ebd., 71 und Hansbauer/ Permien/ Zink 2001, 144). „Push-Faktoren“ entspringen aber auch der Tatsache, dass der Wandel in Eltern-Kind-Beziehungen vom Gehorsam zur Partnerschaftlichkeit in vielen Familien aus ärmeren Bevölkerungsschichten noch nicht angekommen ist. Trotzdem wächst auf diese Familien ein öffentlicher Anpassungsdruck. Ehe- bzw. Familienauflösungen sind meist die Folge, einhergehend mit dem „Verlust der Erziehungs- und Kontrollfunktion“ von Sorgeberechtigten (vgl. Napolitano 2005., 53). Daraus entsteht ein Närboden für offene und verdeckte Konflikte, welcher in seiner Konsequenz viele Kinder (wenn oft auch nur zeitweilig) zu einem Existenzaufbau außerhalb der Familie zwingt (ebd., 50).

[...]

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Details

Titel
Ausgebrannt und abgestempelt?!
Untertitel
Straßenkinder in Deutschland - Leben im öffentlichen Raum
Hochschule
Universität Erfurt
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V152602
ISBN (eBook)
9783640645329
ISBN (Buch)
9783640645312
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausgebrannt, Straßenkinder, Deutschland, Leben, Raum, Straßensozialarbeit, Kinderarmut
Arbeit zitieren
M.A. Ariane Wolfram (Autor:in), 2009, Ausgebrannt und abgestempelt?!, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152602

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