Grillparzers Frauen

Das Frauenbild in "Des Meeres und der Liebe Wellen" und "Sappho"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen
2.1 Feminine Sexualität als Ursache der Tragödie
2.2. Liebe vs. Moraldogmen, Biedermeier und die Kirche
2.3. Naturmetaphorik, Gendertstereotype und la petite mort
2.4. Katastrophe, Strafe und die tiefe Verbeugung vor der Romantik

3. Franz Grillparzer: Sappho
3.1. Grillparzer und Aphra Behn
3.2. Alter als Zeichen der Alterität
3.3. Varietäten der Weiblichkeit
3.4. Sappho und ihre Rezeption

4. Schluß

Quellen:

Primärquellen:

Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Mit Des Meeres und der Liebe Wellen und Sappho erschuf Franz Grillparzer zwei Werke deren Protagonisten weiblich sind, offensichtlich einer der Gründe für die Darbietung 'Zentrale Themenbereiche' wie Liebe und Beziehungen und die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Diese Werke entstanden vor circa 180 Jahren, haben aber keine Patina angesetzt. Die Erwartungshorizonte des Publikums mögen sich geändert haben, der Theatergänger des biedermeierschen Wiens mag sich vom aktuellen, ach so aufgeklärten oder abgeklärten Pendent unterscheiden, doch die Grundproblematik existiert bis dato. Franz Grillparzer hat Heldinnen geschaffen, die ihre Wurzel in der griechischen Antike haben, einer Epoche, in der Frauen weitaus mehr Rechte genossen als im Wien der letzten Jahrhundertwende. Mit ihrer Hilfe kritisiert er Moraldogmen, läßt sowohl männlichen als auch sozialen Chauvinismus durchblicken, der aber durch den Grillparzerschen oder den Wiener Schmäh gemildert wird. Die Probleme mit Frauen und Beziehungen, die der Autor hatte, können wir heute noch in seiner Biographie, seiner Selbstbiographie, seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen erkennen, doch wer hat die nicht mit dem anderen Geschlecht? Was bleibt ist die Reaktion der Leser oder Theatergänger, deren Rezeption. Da es sich bei diesen Dramen um Stücke handelt, die primär feminine Problematiken präsentieren, eignen sie sich dadurch im besonderen Maße für ein gender oder, genauer feminist reading, sie sind auch heute noch aktuell, und wie divergent sie auch heute noch gelesen werden, zeigt ihre Lebendigkeit und ihren Varietätenreichtum. Literatur kann niemals die Realität in der sie erschaffen wurde in all ihren Varietäten und Alteritäten wiedergeben, sie kann aber einige Facetten zur Komplettierung unseres Bildes des Biedermeiers, vielleicht auch unseres Bildes der Gesellschaft in der wir leben, beisteuern. Das komplexe Zusammenspiel der Geschlechter oder auch ihr Gegeneinander wirkt sich bis heute auf Literatur wie auch ihre Kritik oder Theorie aus.

2. Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen

2.1 Feminine Sexualität als Ursache der Tragödie

In Franz Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen werden bezüglich des Gender-Diskurses einige eminente und auch äußerst aktuelle Segmente thematisiert. Wie beispielsweise das Recht auf weibliche Selbstbestimmung, dies auch in Hinblick auf die Perspektive der Kirche. Der gesamte Themenbereich der Liebe und Sexualität steht stark im Focus des Dramas.

Der erste Akt porträtiert die Protagonisten. Hero hat den Tempel für ihr Fest geschmückt, sie soll zur Priesterin geweiht werden: “Das schöne Vorrecht (23) soll ihr zuteil werden. Aber für den Verzicht der mit der Weihe einhergeht wird sie auch entlohnt: “Auf jenen Stufen wird das Volk sie sehen (25) Hier wird die 'natürliche', stereotype Eitelkeit der Frau von Grillparzer als Belohnung für den Verzicht porträtiert. Narzismus als Ersatz für Lust. Mit dem Satz “Beginn ich mit Versäumen meinen Dienst“ (30) treten aber die ersten Zweifel auf. Mit dem Dienst als Priesterin verzichtet Hero auf eine sexuelle Beziehung zu einem Mann, auf die Ehe, die bis dato das erstrebte Lebensziel verkörperte, das Verschmelzen zweier Seelen zu einer Einheit. Ob eine Beziehung (nicht ausschließlich eine sexuelle) zu einem anderen Menschen so erstrebenswert ist, spiegelt sich in der Überlegung: ob “eine andre mir so nütz“ (37) wieder, dies zeigt, dass Hero sich bereits Gedanken bezüglich ihres Lebens gemacht hat. Auch die Erwähnung des Gottes Amor unterstützt dies: “was man nicht erkennt“ (43). Sie ist sich ihrer Unerfahrenheit bewußt, aber ist augenscheinlich zufrieden.

Ihre Gefährtinnen jedoch scheinen ihr Gefühlsleben besser zu kennen, sie bezweifeln das Faktum nicht-existierender erotischer Neigungen und Wünsche Heros. Sie negiert diese Zweifel mit einer Vehemenz, die dadurch zu einer Art Zustimmung mutiert. Hero hat sich von allen zurückgezogen, sie hat noch nicht einmal eine Freundin unter den Priesterinnen, diese Einsamkeit fällt sogar dem Priester, ihrem Oheim auf. Sie verteidigt ihre soziale Isolation mit dem Amt. Ob Grillparzer hier einen zarten Hinweis auf weibliche Homosexualität präsentiert, bleibt wohl dem Erwartungshorizont des Rezipienten überlassen. Hero lebte auf Lesbos, der 'Wiege' weiblicher Homosexualität, und die Aktzeptanz der Antike gegenüber Homosexualität unter unverheirateten jungen Menschen war wohl auch im Wien der Jahrhundertwende nicht unbekannt. Jedoch wird dieser Gedanke vom Autoren nicht weiter ausgeführt. Hier spiegelt sich sowohl die prüde Sexualmoral der Zeit wieder als auch der Wunsch Grillparzers einen antiken Stoff als romantische Tragödie zu präsentieren, also heterosexuell.

Die Tragödie beginnt als romantische Lovestory in einem Kloster. Der Vergleich des Klosters mit dem Strand könnte auf eine Konnotation als sicherer Hafen hindeuten (cf 140) Hero habe ja auch gar keine andere Wahl als sich zur Priesterin weihen zu lassen; “Mich haben sie zur Seherin nicht bestimmt“ (185) zeigt, dass sie nach Höherem strebte, aber ihre Fähigkeiten reichen 'nur' für den Dienst im Kloster. Eine andere Möglichkeit ihr Leben zu gestalten bleibt ihr nicht, sie hat keine Bindung zu ihren Eltern, sie sieht sich als Last. Erschwerend kommt der permanente Streit im Elternhaus hinzu,der Vater wird als Bedrohung dargestellt, die Mutter als devot, der Bruder als dominant brutal.[1] Sie erkennt ihre Eltern beim Wiedersehen nicht wieder, so lange hat sie sie nicht gesehen,

sie will so nicht leben.

Der Wunsch zur Eigenbestimmung der Protagonistin wird das erste Mal explizit durch Heros Ermunterung, die Mutter solle ruhig sprechen, obwohl der Ehemann es ihr verbat: “Vielmehr sag deutlich...“ (275); durch die anschließende Äußerung “im Tempel hat auch die Frau ein Recht“ (279), wird deutlich, weshalb Hero sich für das Amt der Priesterin entschied: für sie die einzige Möglichkeit ein selbstbestimmtes, nicht von Männern fremdbestimmtes, Leben zu führen. Wie unrecht sie damit hat, wird im Laufe des Dramas offenbar. Auch in unserer Zeit noch ein diskussionswürdiges Vorhaben, wie Heinz Politzer in Das abgründige Biedermeier beweist (das im Jahre 1972 erstmals verlegt wurde):

Nicht von ungefähr verliert sich die Kindliche in ihre Kindheit zurück, sie ist, man merkt es, ungemein verwöhnt; mit der Selbstverständlichkeit eines Wesens, das den höheren Ständen entsprungen ist, greift sie gleich zweimal nach der Würde der Priesterin wie nach einem ererbten Familienprärogativ.

Hero ist ein junges Mädchen mit wenig Erfahrung sie ist vielleicht naiv[2], nicht kindisch, sie will ein selbstbestimmtes Leben und das Kloster ist für sie der einzige realistische Weg ein solches zu erlangen. Eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt, sich den Realitäten bewußt ist, und versucht einen anderen als den 'normalen' Lebensstil zu verfolgen, ist auch heute noch unbequem, ergo ist Frau die sich nehmen will was ihr zusteht, gleichzusetzen mit einem unartigen Kind, das gefälligst erzogen gehört.

Bis dato war sich Hero ihrer 'Berufung' sicher, doch Zweifel kommen auf, hier durch die Aufforderung der Mutter, nach Hause zu kommen, der dominante Bruder ist glücklicherweise verschollen, somit ein Anreiz das elterliche Haus wieder zu betreten. Wiederum hält die unterwürfige Attitude der Mutter die Protagonistin davon ab. “Das Weib ist glücklich nur an Gatten Hand“ (320): dieser Aussage der Mutter widerspricht Hero mit beeindruckender Vehemenz, warum sich dem Willen des Mannes beugen? Warum nicht die eigenen Vorstellungen und Wünsche in die Tat umsetzen? Die Kritik Grillparzers an der katholischen Kirche und ihren Wertevorstellungen wird hier gemildert durch die Konnotation von Nonnen und einem selbstbestimmten Leben als Frau. Der Lebensstil, der von Dagmar Lorenz als “Scheinfreiheit der Tempel und Klöster“ charakterisiert wird, denn in katholischen Klöstern sind die Frauen keinem Mann, außer dem höchsten Klerus (also der 'hohen' Politik), untergeordnet, somit auch um die Jahrhundertwende scheinbar die einzige Möglichkeit für Frauen ohne direkte männliche Fremdbestimmung ihr Leben selbst zu gestalten. “Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht.. “(279). unterstreicht diese Konnotation. Charles F Good differenziert diesen Topik in vita contemplativa und vita activa; eine sehr treffende Methode um Heros Weg zu porträtieren: das Fremdbestimmte und das Eigenbestimmte wird hier explizit zum Ausdruck gebracht.

2.2. Liebe vs. Moraldogmen, Biedermeier und die Kirche

In Des Meeres und der Liebe Wellen prangert Grillparzer aber auch vergleichsweise heftig die sexualitätsfeindlichen Moraldogmen der katholischen Kirche an: “All was sich paart, bleibt fern diesem Haus, und jene dort [Hero] fügt sich heut gleichem Los .“ (357) Lust und Begierde wird animalischen Trieben gleichgesetzt und die Göttin Aphrodite, die Göttin der Liebe – auch der körperlichen - hat keinen Platz im Tempel, da sie“ Mensch an Mensch knüpft wie Tier an Tier“ (363). Auch hier wieder die Symmetrie zwischen Sexualität und animalischen Instinkten. Das Zölibat des katholischen Klerus wird hier auf den griechischen Tempel projiziert und im Laufe des Dramas wird dieses soziale Konstrukt auch ad absurdum geführt. Die Aussage “Die freie Wahl ist schwacher Toren Spielzeug“ (414), die der Priester trifft, ist ebenfalls ein Teil der Grilparzerschen Kirchenkritik.

Wie auch später in Sappho ist in Des Meeres und der Liebe Wellen aber das zentrale Thema die Frau und ihr Streben nach Erfüllung. “Kennst du das Glück des stillen Selbstbesitzes“ (399) ist wiederum ein Assertiva, das zur Bekräftigung des Selbstbestimmungsanspruches der Frau wird; einer starken Frau: “sonst trag ich dich, denn ich bin stark“ (414). Diese starke Frau trifft nun auf Leander und sie erfährt die Liebe auf den ersten Blick. Sie sieht ihn über ihre 'rechte' Schulter , also ein Hinweis auf den richtigen Mann. Im Gegensatz zu Sappho fügt sich hier (für die damals vorherrschende Vorstellung) ein ideales Paar zusammen; ihre Liebe 'nur' gehindert durch das Zölibat. So zerbrechlich wie ihre Liebe ist auch ihr anfänglicher Widerstand gegen dieselbe. Sie ist in ihrer Kammer, führt Selbstgespräche, die ihre entflammte Leidenschaft zum Ausdruck bringen, und das Objekt ihrer Überlegungen steht bereits vor ihrem Fenster.

[...]


[1] Hero's home life has been anything but pleasant, and her relationship with her natural father, as illustrated in the preceding passage, demonstrates hostile feelings of the father toward the daughter and other members of the family. As Hero leaves the home of her biological father, she disassociates herself from his sphere of existence - a first step into the vita activa. ( Good 50)

[2] “She naively entered the priesthood without fully understanding what else life had to offer.“ (Good 57) Diese Annotation Charles F Goods scheint mir zutreffender, als Hero starrsinniges und kindisches Verhalten vorzuwerfen wie es bei Heinz Politzer der Fall ist.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Grillparzers Frauen
Untertitel
Das Frauenbild in "Des Meeres und der Liebe Wellen" und "Sappho"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Franz Grillparzer in kulturhistorischer Perspektive
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V152638
ISBN (eBook)
9783640646593
ISBN (Buch)
9783640646951
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feminismus, alterität, grillparzer, drama, sappho, stereotyp
Arbeit zitieren
Bettina Korte (Autor), 2007, Grillparzers Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152638

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