Mit Des Meeres und der Liebe Wellen und Sappho erschuf Franz Grillparzer zwei Werke deren Protagonisten weiblich sind, offensichtlich einer der Gründe für die Darbietung 'Zentrale Themenbereiche' wie Liebe und Beziehungen und die Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Diese Werke entstanden vor circa 180 Jahren, haben aber keine Patina angesetzt. Die Erwartungshorizonte des Publikums mögen sich geändert haben, der Theatergänger des biedermeierschen Wiens mag sich vom aktuellen, ach so aufgeklärten oder abgeklärten Pendent unterscheiden, doch die Grundproblematik existiert bis dato. Franz Grillparzer hat Heldinnen geschaffen, die ihre Wurzel in der griechischen Antike haben, einer Epoche, in der Frauen weitaus mehr Rechte genossen als im Wien der letzten Jahrhundertwende. Mit ihrer Hilfe kritisiert er Moraldogmen, läßt sowohl männlichen als auch sozialen Chauvinismus durchblicken, der aber durch den Grillparzerschen oder den Wiener Schmäh gemildert wird. Die Probleme mit Frauen und Beziehungen, die der Autor hatte, können wir heute noch in seiner Biographie, seiner Selbstbiographie, seinen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen erkennen, doch wer hat die nicht mit dem anderen Geschlecht? Was bleibt ist die Reaktion der Leser oder Theatergänger, deren Rezeption. Da es sich bei diesen Dramen um Stücke handelt, die primär feminine Problematiken präsentieren, eignen sie sich dadurch im besonderen Maße für ein gender oder, genauer feminist reading, sie sind auch heute noch aktuell, und wie divergent sie auch heute noch gelesen werden, zeigt ihre Lebendigkeit und ihren Varietätenreichtum. Literatur kann niemals die Realität in der sie erschaffen wurde in all ihren Varietäten und Alteritäten wiedergeben, sie kann aber einige Facetten zur Komplettierung unseres Bildes des Biedermeiers, vielleicht auch unseres Bildes der Gesellschaft in der wir leben, beisteuern. Das komplexe Zusammenspiel der Geschlechter oder auch ihr Gegeneinander wirkt sich bis heute auf Literatur wie auch ihre Kritik oder Theorie aus.
Struktur der Untersuchung
1. Einleitung
2. Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen
2.1 Feminine Sexualität als Ursache der Tragödie
2.2. Liebe vs. Moraldogmen, Biedermeier und die Kirche
2.3. Naturmetaphorik, Gendertstereotype und la petite mort
2.4. Katastrophe, Strafe und die tiefe Verbeugung vor der Romantik
3. Franz Grillparzer: Sappho
3.1. Grillparzer und Aphra Behn
3.2. Alter als Zeichen der Alterität
3.3. Varietäten der Weiblichkeit
3.4. Sappho und ihre Rezeption
4. Schluß
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung weiblicher Protagonisten in Franz Grillparzers Dramen "Des Meeres und der Liebe Wellen" und "Sappho" unter Anwendung genderkritischer und literaturwissenschaftlicher Ansätze, um gesellschaftliche Rollenbilder des Biedermeiers sowie die psychologische Tiefe der Figuren zu beleuchten.
- Analyse der Rolle der Frau im gesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts
- Untersuchung von Liebesbegriffen und dem Verhältnis von Sexualität und Tod
- Diskussion des Einflusses von Moralvorstellungen und religiösen Dogmen
- Vergleichende Betrachtung von Autonomie und gesellschaftlicher Fremdbestimmung
- Reflektion über die Rezeptionsgeschichte der Grillparzer-Dramen
Auszug aus dem Buch
2.1 Feminine Sexualität als Ursache der Tragödie
In Franz Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen werden bezüglich des Gender Diskurses einige eminente und auch äußerst aktuelle Segmente thematisiert. Wie beispielsweise das Recht auf weibliche Selbstbestimmung, dies auch in Hinblick auf die Perspektive der Kirche. Der gesamte Themenbereich der Liebe und Sexualität steht stark im Focus des Dramas.
Der erste Akt porträtiert die Protagonisten. Hero hat den Tempel für ihr Fest geschmückt, sie soll zur Priesterin geweiht werden: “Das schöne Vorrecht“ (23) soll ihr zuteil werden. Aber für den Verzicht der mit der Weihe einhergeht wird sie auch entlohnt: “Auf jenen Stufen wird das Volk sie sehen“ (25) Hier wird die 'natürliche', stereotype Eitelkeit der Frau von Grillparzer als Belohnung für den Verzicht porträtiert. Narzismus als Ersatz für Lust. Mit dem Satz “Beginn ich mit Versäumen meinen Dienst“ (30) treten aber die ersten Zweifel auf. Mit dem Dienst als Priesterin verzichtet Hero auf eine sexuelle Beziehung zu einem Mann, auf die Ehe, die bis dato das erstrebte Lebensziel verkörperte, das Verschmelzen zweier Seelen zu einer Einheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die beiden Dramen als zeitlose Studien über weibliche Lebensentwürfe vor und begründet die Relevanz einer modernen, feministischen Lektüre.
2. Franz Grillparzer: Des Meeres und der Liebe Wellen: Dieses Kapitel analysiert das Werk als Spannungsfeld zwischen individuellem Freiheitsdrang und den restriktiven Moralvorstellungen der Kirche im Biedermeier.
2.1 Feminine Sexualität als Ursache der Tragödie: Hier wird untersucht, wie Heros Wunsch nach Selbstbestimmung durch die Priesterweihe konterkariert wird und welche Rolle Sexualität in dieser frühen Phase einnimmt.
2.2. Liebe vs. Moraldogmen, Biedermeier und die Kirche: Das Kapitel beleuchtet die Kritik an sexualfeindlichen Dogmen und die Kollision von privatem Liebesglück mit kirchlichen Normen.
2.3. Naturmetaphorik, Gendertstereotype und la petite mort: Es wird analysiert, wie Licht-Dunkel-Metaphern und symbolische Darstellungen der Natur die Geschlechterrollen und die Verbindung von Liebe und Tod verdeutlichen.
2.4. Katastrophe, Strafe und die tiefe Verbeugung vor der Romantik: Das Kapitel arbeitet heraus, wie der Tod der Liebenden als unvermeidliche Konsequenz der gesellschaftlichen Repression und als romantisches Motiv inszeniert wird.
3. Franz Grillparzer: Sappho: Die Untersuchung der Tragödie "Sappho" zeigt die Konflikte einer erfolgreichen Künstlerin zwischen öffentlichem Ruhm und privatem Liebesbegehren auf.
3.1. Grillparzer und Aphra Behn: Ein Vergleich der Stoffe verdeutlicht die ähnliche Behandlung weiblicher Identitätskrisen bei unterschiedlichen Autoren.
3.2. Alter als Zeichen der Alterität: Das Kapitel thematisiert die Diskriminierung Sapphos aufgrund ihres Alters im Vergleich zu jüngeren Konkurrentinnen und beleuchtet den "sexual double standard".
3.3. Varietäten der Weiblichkeit: Es wird dargestellt, wie Sappho trotz ihrer gesellschaftlichen Sonderstellung an traditionellen Geschlechtererwartungen scheitert.
3.4. Sappho und ihre Rezeption: Diese Analyse setzt sich kritisch mit der Literaturkritik auseinander, die Sapphos Leidenschaft oft vorschnell als Hysterie abwertet.
4. Schluß: Das abschließende Kapitel resümiert, dass Grillparzer trotz der zeitbedingten Misogynie den Mut bewies, starke, eigenständige Frauenfiguren zu schaffen, die auch heute noch Gegenstand literarischer Debatten sind.
Schlüsselwörter
Franz Grillparzer, Des Meeres und der Liebe Wellen, Sappho, Biedermeier, Geschlechterrollen, Feminismus, Literaturkritik, Sexualmoral, Selbstbestimmung, Identität, Liebeskonzept, Tragödie, Alterität, Naturmetaphorik, Rezeptionsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Frauenbild in zwei zentralen Dramen von Franz Grillparzer und untersucht, wie weibliche Selbstbestimmung und Leidenschaft in der patriarchalen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts dargestellt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören das Spannungsfeld zwischen Kunst und privatem Leben, die Kritik an religiösen Moralvorstellungen, der Umgang mit Alter und Geschlecht sowie die symbolische Aufladung von Naturmetaphern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Grillparzers Frauenfiguren unter genderkritischen Aspekten neu zu bewerten und aufzuzeigen, wie aktuell die Problematik zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Fremdbestimmung noch immer ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der Elemente der Gender Studies sowie dekonstruktivistische Ansätze kombiniert, um die Texte als historisch-soziale Konstrukte zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Analyseteile zu den Dramen "Des Meeres und der Liebe Wellen" und "Sappho", in denen jeweils spezifische Motive wie Sexualität, Tod, Machtverhältnisse und die Rezeption der Werke untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind unter anderem "sexual double standard", "la petite mort", "Biedermeier", "Selbstbestimmung" und "Alterität".
Warum wird Heros Entscheidung für den Tempeldienst als zwiespältig betrachtet?
Weil der Tempel zwar vor männlicher Fremdbestimmung schützt, gleichzeitig jedoch ein Leben in sozialer Isolation und strengen kirchlichen Regeln erzwingt, was langfristig keine erfüllende Alternative darstellt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Sappho als Künstlerin?
Sappho wird als eine Frau gezeichnet, die zwar beruflich alles erreicht hat, jedoch an der gesellschaftlichen Erwartung scheitert, dass ihre Leidenschaft hinter ihre Kunst zurücktreten müsse, was letztlich zum tragischen Suizid führt.
Welche Kritik übt die Arbeit an der bisherigen Literaturwissenschaft?
Die Arbeit kritisiert, dass viele männliche Kritiker, wie etwa Heinz Politzer, Sapphos leidenschaftliches Handeln oft als "hysterisch" abwerten, anstatt die gesellschaftlichen Strukturen und die Unmöglichkeit ihrer Rolle zu hinterfragen.
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- Bettina Korte (Author), 2007, Grillparzers Frauen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152638